42 große Rieslinge an einem Nachmittag

TrockensommerAls ich mit dem Zug das Rheintal zwischen Bingen und Bonn entlang fuhr, da wurden mir auf einmal die Risiken bewusst, die ein gewöhnlicher Binnenschiffer täglich eingeht: Der Rhein hat sich ja nicht nur mit Ecken und Kanten in das Schiefergebirge hineingefräst, sondern dieselben Ecken und Kanten setzen sich unter Wasser genauso fort. Normalerweise erahnt man das nur anhand der Bojen, die die Fahrrinnen anzeigen. In diesem so unglaublich trockenen Sommer aber ragen die Felsen bei Niedrigwasser gefährlich aus den Fluten. So ähnlich muss es wohl im Jahr 2003 gewesen sein, als der Rhein ebenfalls (minimal übertrieben) einem Rinnsal ähnelte und die Trauben an den Rebstöcken verdorrten.

2003 ist auch ein gutes Stichwort für das, was mich im Verlauf des Nachmittags noch erwarten wird. Es gibt jeweils sechs große trockene Rieslinge aus den sechs Jahrgängen von 2001 bis 2006, dazu noch sechs weitere from way back when. Da man hierzulande im Wahn des Großen Gewächses gelegentlich vergisst, dass in der Wachau und im Elsass ebenfalls Spitzenrieslinge entstehen, war ich sehr froh, dass jene diesmal auch in größerer Anzahl vorhanden sein sollten. Getestet wurde erst blind, bevor mit Hilfe einer aufwändig recherchierten Identitätskarte alles Wesentliche über den gerade probierten Wein auch schriftlich mitgeteilt wurde. Gastgeber Rainer von der Bonner Weinrunde hatte wirklich keinerlei Mühen gescheut – von den Kosten gar nicht zu sprechen. Wer sonst noch mit von der Partie war, könnt Ihr bei Schnutentunker Felix nachlesen. Und wenn Ihr so neugierig seid, dass Ihr wirklich jeden der 42 getesteten Weine kennenlernen wollt, dann schaut einfach bei Terminator Achim vorbei.

BonnBei mir gibt es nämlich überraschenderweise diesmal keine vollständige Auflistung. Das hat ein bisschen damit zu tun, dass ich in diesen arbeitsreichen Nachmittag mit dem festen Vorhaben gegangen bin, noch etwas anderes zu lernen als den Geschmack bestimmter Weine. Es sollte vielmehr um Zusammenhänge gehen, um Typen von Weinen, um Jahrgangseinflüsse und die Frage, warum mir bestimmte Weine schmecken, andere jedoch weniger. Dass an diesem Samstag ausgerechnet Wurzeltag war, hey, das hilft doch eigentlich umso besser dabei, diese übergroßen Monstren einigermaßen auf Normalniveau zurechtzustutzen.

Damit Ihr nämlich gleich einmal seht, auf welchem Niveau wir uns hier bewegen: Das Großartige an dieser Probe war nicht nur der Lerneffekt im Nachhinein, es waren auch die Weine selbst. Alles, was Rang und Namen hatte, war dabei. Und wenn eine solche Bandbreite vom Trimbachs „Clos St-Hune“ über Koehler-Ruprechts „Auslese R“ und Emrich-Schönlebers „Halenberg“ bis zu Kühns „Schlehdorn“, Hirtzbergers „Singerriedel“ und FX Pichlers „Unendlich“ reicht, dann möchte ich den echten Weinliebhaber sehen, der daran etwas herumzukritteln hat. Ich jedenfalls nicht. Das ist ziemlich unbetritten die crême de la crême.

Wenn ich jetzt dennoch deutliche Unterschiede in meinem Wohlbefinden einzelnen Weinen gegenüber äußere, dann ist das nicht nur Jammern auf sehr hohem Niveau, es ist vor allem auch wie immer höchst subjektiv und ohne den Anspruch, für die ganze Welt zu sprechen. Hier also ein paar meiner Erkenntnisse, einige neu, andere eher bestätigt:

1. Der Jahrgang spielt eine Rolle.

RundeDas hört sich zunächst wie eine der üblichen Plattitüden an. Der Ball ist rund, der Jahrgang ist wichtig. Aber es stimmt tatsächlich – beides übrigens. Aber nicht in der Form, dass einem Jahrgangstabellen dabei weiterhelfen würden. In praktisch all diesen Tabellen wird in unseren Breiten 2009 besser als 2008 bewertet, 2005 besser als 2004. Wenn ich mir vor meinem geistigen Auge allerdings den Idealtyp eines großen trockenen Rieslings vorstelle, dann handelt es sich um einen zwar durchaus gehaltvollen Wein mit einer souveränen Ausgewogenheit, der aber dennoch pikante Spitzen aufweist, eine innere Spannung, Charakter.

Genau das hatten die sechs Weine aus dem Jahrgang 2005 nicht zu bieten, dafür aber alle sechs Weine des Jahrgangs 2004. Ohnehin ist es interessant zu sehen, dass zwei meiner drei Lieblingsweine aus diesem Jahrgang stammten. Und das waren keineswegs solche mit grün-vegetabilen Noten, wie man es von einem derart kühlen Jahrgang einstmals befürchtet hatte. Ich glaube, wir müssen da ein bisschen umdenken (falls wir es nicht ohnehin schon getan haben): Große Rieslinge kommen eher aus Jahrgängen mit einem kühlen und gedehnten Witterungsverlauf. Wird es zu einfach oder zu warm, tendieren die Weine zu einer gewissen Langweiligkeit.

2. Die Österreicher haben mich enttäuscht.

Auch das ist keine Aussage, die sich um ihre Differenziertheit verdient macht. Aber auch das habe ich tatsächlich so empfunden. „Die Österreicher“ waren dabei sämtlichst Rieslinge von der Wachau, und zwar von solchen Größen wie FX Pichler, Hirtzberger, Knoll, Prager, Alzinger und dem Nikolaihof. Ein einziger von ihnen, nämlich der 2006er „Im Weingebirg Baumpresse“ vom Nikolaihof, hatte weniger als 13 vol%. Und genau dieser Wein hätte mir auch am besten schmecken können, hätte er nicht – obgleich mit der Jüngste im Feld – firnige und gemüsige Ablagerungsnoten gehabt. Ich fürchte, den hatte der Weinhändler zwei Wochen draußen in der Sonne stehen gelassen.

Ansonsten sahen wir uns in der Runde vornehmlich mit der Frage konfrontiert, ob „die noch kommen“. Ob also die derzeit flach, plump und unspannend wirkenden Brummer noch mehr Luft und noch mehr Wärme brauchen oder eben noch ein paar weitere Jährchen im Keller. Mehr Luft und Wärme haben in jedem Fall geholfen, ich hatte mir von „Singerriedel“ und „Unendlich“ immer noch etwas im Glas belassen, und die Entwicklung über die kommenden 20 Minuten war tatsächlich positiv. Trotzdem, da fehlte irgendwie das Gegengewicht, also mehr Säure und mehr Würze bei so viel Alkohol und Materie. In jedem Fall kann ich verstehen, dass Winzer wie Peter Veyder-Malberg, Martin Muthenthaler oder auch Pichler-Krutzler den Ehrgeiz besaßen, mit ihren Weinen auf eine gewisse Art einen Gegenentwurf zu liefern.

3. Diese drei Weine haben mich überzeugt.

SiegerweineDer Monzinger Halenberg von Emrich-Schönleber aus dem Jahrgang 2004 entspricht so ungefähr dem Idealtyp eines eleganten, gleichzeitig gehaltvollen und zugänglichen Rieslings. Gut abgelagert, aber alles andere als müde, eine feine Säureader, etwas dunkler in seiner Anmutung als die vorher verkostete Hermannshöhle von Dönnhoff, immer edel und komplex.

Der Forster Pechstein 2001 von Bürklin-Wolf hat mich hingegen stärker überrascht: apfelig, mineralisch-gerbig und leicht laktisch in der Nase. Am Gaumen bleibt eine gewisse Gerbigkeit, eingebettet in ein fast naturtrübes Mundgefühl. Leicht, zitronig, traubig, ein sehr guter Trinkfluss und so gar nicht kompliziert.

Schließlich noch der Clos St-Hune 2004 von Trimbach, den glaube ich sämtliche Teilnehmer unter ihre Top 3 aufgenommen haben. Kräuter, Eukalyptus und Zitronentarte in der Nase, am Gaumen dann enorm intensiv in seiner Süße-Säure-Balance, Rohkakao, aromatisch, viskos, wahnsinnig kompakt und irgendwie genau der Wein, der aristokratische Eleganz mit innerer Spannung zu verbinden vermag.

4. Diese drei Weine eignen sich für gepflegte Streitgespräche (Foto mit freundlicher Genehmigung von Ralf Kaiser).

Titel kleinWarum wundert es mich nicht so richtig, dass der 2006er Schlehdorn von Peter Jakob Kühn in diese Kategorie fällt? Nun war 2006 bestimmt nicht der beste Jahrgang, weder im Rheingau noch anderswo, aber bei diesem Wein tritt die Machart ohnehin gegenüber dem Jahrgangseinfluss in den Vordergrund. Fahrradschlauch in der Nase, am Gaumen aber so richtig furztrocken, bitter-gerbig, sehr fordernd und einfach extrem anders als das, was hier sonst noch so am Start war (okay, bis auf den Kastelberg von Kreydenweiss vielleicht). Mir ist absolut bewusst, dass man einen solchen Wein von seinem Geschmacksprofil her schlichtweg ablehnen kann. Was man aber gewiss tun sollte, ist, Wein und Winzer einen gewissen Respekt zu zollen wegen seiner Grenzerweiterungen. Ein wichtiger Wein, einfach, weil es ihn gibt.

Ein bisschen mehr war ich von der Tatsache überrascht, dass die 2002er Zeltinger Sonnenuhr Auslese ** von Markus Molitor auch in diese Reihe der streitbaren Weine gehört: extrem Schießpulver in der Nase, Feuerstein, Rauch. Am Gaumen dann eine sehr intensive gelbreife Pikanz, hochfarbig in Erscheinung und Schluck, sehr gut gehalten, fast jugendlich-wild. Weit weg von der Eleganz des Halenbergs, aber auch hier ein sehr spannender Wein, den zumindest ich öfter in solchen Quervergleichen sehen möchte.

Zu guter Letzt dann doch noch einer der echten Brummer in diesem Kontext, der 2006er Unendlich von FX Pichler. 15 vol%, da wirken die Kirchenfenster am Glas so flächig wie ein ganzer Wintergarten. Basische Nase, Spültuch, Mangolikör, Firn auch bereits da. Am Gaumen kommt der Wein so unendlich reif daher, sehr schwer, klebrig wie trockene Eszencia. Das sind alles keine Eigenschaften, die man spontan als „trinkanimierend“ bezeichnen würde. Auch ich möchte, nunmehr am Ende der Probe angekommen, davon nicht viel mehr als einen Fingerhut zu mir nehmen. Aber – und deshalb gehört dieser Wein zwingend in die Reihe der ganz wichtigen Statements – der Unendlich zeigt, was möglich ist. Ich gebe ganz offen zu, dass ich mir diesen Wein nicht kaufen würde. Aber ich bin dennoch beeindruckt, lobe den Winzer ob seiner Konsequenz und freue mich, hier und heute die Gelegenheit bekommen zu haben, diese Erfahrung nun auch in Körper und Geist abzuspeichern.

Und so geht die denkwürdige Probe so langsam in die allerletzte Runde.

SpeiseDas Schöne an so einem Test ist nämlich auch das Nachdenken und Nachdiskutieren. Nicht immer gibt es bei solchen Gelegenheiten derartige Dinge zu essen wie das feine Zweierlei vom Eifelkalb, aber bitteschön, da ich ja zu den dankbaren Gästen gehöre, die alles wegputzen, was auf den Teller kommt, lasse ich mich auch diesmal nicht lumpen.

Gut gegessen, gut getrunken, gut unterhalten, zudem noch viel gelernt, da fällt es kaum auf, dass die Stunden erschreckend schnell vergangen sind. Punkt 14 Uhr war der erste Wein im Glas, längst aber hat sich die sternenklare Nacht über die Bonner Südstadt gelegt.

So ganz bin ich mir noch nicht im Klaren darüber, ob sich alles, was ich über die trockenen Rieslinge vom Anfang des Jahrtausends gelernt habe, auch auf die neuesten Jahrgänge übertragen lässt. Aber bis ich mich an dieser Stelle in ähnlicher Weise über den Vergleich zwischen den 2012ern und den 2013ern äußern werde, dürfte ja zum Glück noch eine Menge Wasser den Rhein hinabfließen.

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6 Antworten zu 42 große Rieslinge an einem Nachmittag

  1. Keita schreibt:

    Super Bericht über ein wahrscheinlich grandioses Tasting.
    Dieses Jahr auf der ProWein war die Baumpresse der Wein vom Nikolaihof, der mir am besten gefallen hat von den trockenen. Durch das langsame Pressen kommt da mehr Luft und Charakter in den Most denke ich.

    • Matze schreibt:

      Ich war ja auf der ProWein leider gar nicht in der Österreicher-Halle. Verbunden mit den (für mich) ein bisschen zwiespältigen Österreicher-Ergebnissen bei der tollen Probe in Bonn muss ich konstatieren, dass ich da noch ein bisschen praktischen Nachholbedarf habe. Österreich ist ja nun wirklich ein Weinland, und ich sollte mich wahrscheinlich auch mal um die B-Prominenz kümmern. Passenderweise war ich jetzt am Wochenende in Österreich😉 und habe ein paar Weine mitgebracht. Vom Nikolaihof habe ich zwar nichts gefunden, aber ich habe mir den Riesling Zöbinger Heiligenstein von Hannes Hirsch gekauft, interessante Lage und sympathisches Weingut. Mal schauen…

  2. Wow, das ist wirklich eine beeindruckende Auswahl! Da wäre ich gerne dabei gewesen. Vielleicht schafft es ja beim nächsten Mal einer der Mittelrhein-Weine in die Auswahl der Probenweine. Das Titelbild des Beitrags ist ja schon mittendrin aufgenommen😉

    • Matze schreibt:

      Das ist gut möglich😉 . Ich habe ja auch zwei Riesling-Jahrgänge mit entsprechend ausgesuchten Flaschen im Keller, die dann in ein paar Jährchen an der Reihe sind. Vom 2008er habe ich vom Mittelrhein Toni Jost und Weingart, vom 2012er dann Josten & Klein und Kauer. Nicht die Großen Gewächse allerdings (oder analoge Produkte bei Nicht-VDP’lern), sondern die trockenen Spätlesen, denn in diesem Mittelsegment mit Kabinett und Spätlese finde ich den Mittelrhein besonders attraktiv. Ich bin also schon gespannt…

      • Oh, WOW! Ich bin begeistert! Das ist schon eine sehr schöne Auswahl, auch wenn ich nicht alle davon probiert habe😉 Und vielen Dank für den Tipp! Wir sind auch immer auf der Suche nach neuen Weinen für unseren Keller. Persönliche Tipps sind hier sicher das beste.

  3. Pingback: Quertest Riesling 2008: der dritte Teil | Chez Matze

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