Quertest Riesling 2008: der dritte Teil

TitelNachdem ich mich vor einiger Zeit in Bonn praxisnah darüber informieren konnte, wie sich richtig große trockene Rieslinge aus den Jahrgängen 2001-2006 entwickelt haben, sind diesmal meine „eigenen“ 2008er wieder einmal an der Reihe. 2008 galt beim Erscheinen auf der Bildfläche – ähnlich übrigens wie 2004 – zunächst als ein bisschen dünnes, kühles, mageres Jahr. Auch wenn persönliche Geschmäcker zum Glück ja immer noch unterschiedlich sind, kenne ich mittlerweile nicht wenige Weinliebhaber, die genau wegen dieser feinen Ausgewogenheit die 2008er besonders schätzen.

Wie sich so ein typisch deutscher Jahrgang mit durchwachsenem Witterungsverlauf weintechnisch entwickeln würde, konnte ich natürlich noch nicht wissen, als ich irgendwann im Sommer des Jahres 2009 beschloss, möglichst viele trockene Rieslinge aus 2008 zu kaufen, schön im Gewölbekeller einzulagern und nach ein paar Jahren dann gegeneinander antreten zu lassen. Letzteres allerdings weniger mit dem Ziel, den Wein „mit den meisten Punkten“ auszumachen, als vielmehr, die verschiedenen Herkünfte und Winzeransätze in demselben Jahrgang mit einem gebührenden Zeitabstand kennenzulernen.

In dieser Reihe habe ich bereits zweimal je sechs verschiedene 2008er Rieslinge getestet, nämlich einmal hier und einmal hier. Bislang war der „kleine“ Monzinger Halenberg von Emrich-Schönleber mein Favorit, was zweierlei andeutet: Zum einen handelt es sich um einen sehr guten Wein, zum anderen dürften die richtig großen 2008er noch folgen. So ist es auch. Aber bis ich mit Christmanns Idig, Zind-Humbrechts Rangen de Thann oder auch Pichler-Krutzlers Wunderburg aufwarte, kommen hier erst einmal sechs Rieslinge der mittleren Preiskategorie. Für mich ist dieser Bereich zwischen 15 und 20 € (genauer gesagt: diesmal zwischen 16 und 18 € je Flasche, eine davon allerdings reduziert) oft der spannendste, weil ich hier zum halben GG-Preis Weine aus den ganz großen Lagen finde, aber trinkiger und manchmal gar raffinierter. Und das sind die sechs Kandidaten:

1 AdamWein 1: Eher dezent zunächst in der Nase, leicht reduktiv, dann Tropenfrüchte, ein bisschen steinig, nicht gerade gelb von den Noten her, dafür mit leichter Botrytis. Im Mund dann mit einer konsequenten Säure, die den Wein jung bleiben lässt, dazu Pikanz und diese trockene Botrytis, die mich spontan sofort ans Elsass denken lässt. Platz 3-6, da bewegen sich alle Weine auf einem ähnlich guten Niveau, nur halt unterschiedlich in der Ausprägung.

Ich hatte richtig geraten. Es handelt sich um den Alsace Grand Cru Kaefferkopf von Jean-Baptiste Adam, 13 vol% und biologisch zertifiziert. Der Kaefferkopf ist größtenteils eine granithaltige Lage, darüber Lösslehm, im Süden jedoch mit einer heterogeneren Topographie. Kennt man auch von deutschen, minimal ausgeweiteten Lagen… 16,50 € im Carrefour Market Scheibenhard (das ist der direkt an der Grenze).

2 DielWein 2: Sehr expressiv in der Nase, Früchte von Grapefruit bis Aprikose, richtiggehend lecker, geschmeidig und dicht. Sehr schön. Am Gaumen dann eine sehr feinfruchtige Art, Passionsfrucht kommt noch dazu, aber nicht zu süß abgestimmt, denn hinten ist der Wein trotz Schmelz trockener als erwartet. Platz 1, aber ich habe keine Ahnung, welcher Wein das sein soll.

Es handelt sich um den Riesling Eierfels vom Schlossgut Diel, Nahe also, 12,5 vol%. Im Jahrgang 2008 stammte der Eierfels komplett aus der GG-Lage Goldloch. Wer es genau wissen will: steinig-grusiger Gehängelehm, darunter felsige Konglomerate des Ober-Rotliegenden aus der ersten Perm-Phase. Ob das die Feinfruchtigkeit erklärt, weiß ich nicht, aber Rotliegendes und ein nicht zu heißer Jahrgang passen offenbar gut zusammen. 16,50 € bei Lobenberg.

3 JostWein 3: Recht dunkel in der Farbe, in der Nase dafür ungeheuer zurückhaltend, da kommt zunächst fast gar nichts, minimal heller Honig vielleicht. Am Gaumen sieht das schon anders aus, deutlich mehr Aromatik, und zwar in ganz klassischer Riesling-Manier, also zwischen Apfel und Zitrus pendelnd. Auch ein angenehmer Wein, aber ohne große Individualität. Platz 3-6 mit der Tendenz, weiter hinten zu sein.

Es handelt sich um die trockene Spätlese aus dem Bacharacher Hahn, Weingut Toni Jost, Mittelrhein, 12 vol%. Auf der Website heißt es, der Wein sei „trotz Würze und Fülle rassig und elegant durch seine prägnante, hochreife Säurestruktur.“ Reife Säure ist sicher richtig. Die Lage gilt als eine der besten, wenn nicht gar die beste am Mittelrhein. Devonschiefer-Verwitterung, sehr steil, hoher Gesteinsanteil und ziemlich trocken. Die Lagerfähigkeit der Weine ist legendär. 16,40 € bei Wein & Glas. Als einziger mit Glasverschluss übrigens, sieht zwar sehr schick aus, aber ein minimaler Ausläufer ist schon da.

4 Van VolxemWein 4: Gelb in Farbe und Nase, der dunkelste Wein. Nachdem sich das Stinkerchen verzogen hat, kommen dichte Tropenfrüchte: Mango, Passionsfrucht, deutlich Jackfruit auch, braucht Luft. Am Gaumen ist der Wein richtig viskos bis fast dick. Die Tropenreife bleibt, der Restzucker steht auch etwas höher, obwohl der Abgang nicht ganz so süß wird wie erwartet. Trotzdem ist die Sache ziemlich klar: Das muss Van Volxem sein, Platz 2 von der reinen Weinleistung, allerdings nicht so leicht mit Essen zu kombinieren.

In der Tat handelt es sich um den Riesling Volz von Van Volxem, aus den „Saar-Tropen“ also, 12 vol%. Die Parzelle heißt eigentlich „Vols“ und steht im Wiltinger Braunfels, und zwar an der Grenze zum Scharzhofberg. Der Untergrund besteht aus Grauschiefer, dazu Grauwacke und – weil der Braunfels sich noch fast 20 ha weiterzieht – auch Quarzit und Ton. 2008 war übrigens der erste Jahrgang, in dem der Gault Millau die Van Volxem-Weine in die Kategorie „feinherb“ einstufte – und (deshalb?) mit wesentlich mehr Punkten bedachte als vorher. 21 € hätte der Wein übrigens ab Hof gekostet; in diesem Quertest ist er nur deshalb, weil ich eine Restflasche günstiger bekommen hatte. 16 € bei K&U.

5 LeitzWein 5: Deutlich gereift in der Nase, zum ersten Mal gar leichter Firn, aber auch irgendwie Sponti-Anklang. Im Mund fällt mir die lebendige Säure auf, die sensorisch kräftigste aller sechs Weine im Test. Ansonsten ist dies hier ein klassischer, recht hellaromatischer, kerniger Rieslingtyp. Vielleicht hätte man ein bisschen weniger Restsüße mitgeben können, aber die Säure ist ja auch prägnant, passt also. Rheingau, würde ich sagen. Platz 3-6 mit der Tendenz im oberen Bereich.

Es handelt sich um die trockene Spätlese aus dem Rüdesheimer Bischofsberg, einem der unbekannteren Weine von „Josie“ Leitz. Zwar ist dies eine Erste Lage gemäß VDP, aber ganz einig über diese Einstufung sind sich die Fachleute nicht. Direkt oberhalb vom Berg Rottland, Schiefer mit Quarzitadern, nehme ich an. Mit 17,98 € habe ich vielleicht ein bisschen zu viel bezahlt, aber okay, ich war ins KaDeWe gegangen..

6 KuhnWein 6: Gelber in der Anmutung als der Rheingauer davor, Aprikose bis Ananas, riecht bereits recht saftig. Am Gaumen fällt eine minzige Kräuternote auf, die den Fruchtanteil ein wenig zurückdrängt. Vielleicht neben dem Elsässer der beste Speisenbegleiter und in seiner gelben Würze für mich ein klarer Pfalz-Vertreter. Auch Platz 3-6, das sind diesmal alles schöne Weine.

Es handelt sich um den Riesling Laumersheimer Mandelberg Alte Reben trocken von Philipp Kuhn, 13 vol%, Pfalz, genau. Der Mandelberg kann dem Namen nach keine kühle Lage sein, ist auch im Prinzip südlich ausgerichtet, allerdings nicht besonders steil. Der Boden besteht aus einer unterschiedlich starken Lössauflage, darunter befindet sich Kalksteinfels. 18 € damals bei Karl Kerler.

GläserDer Nachtest a.k.a. die Probe aufs Exempel, denn manchmal müssen solche Weine ja nicht nur nach dem ersten Schluck gefallen, sondern auch nach ein bisschen Offenstehen nicht schlapp machen. Also, was brachte der zweite Tag? Zunächst einmal die Erkenntnis, dass ich es endlich einmal geschafft zu haben schien, nicht nur preislich, sondern auch tatsächlich ziemlich gleichwertige Weine gegeneinander antreten zu lassen. Punktedifferenzierungen fielen noch schwerer als sonst; alle Weine waren einwandfrei, sauber, ohne Korkschmecker, nach den Jahren im Keller aromatisch-harmonisch auf dem Höhepunkt. Eine besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang der Eierfels von Armin und Caroline Diel, denn dies ist das dritte Mal, dass mir ein Diel-Wein bei einer Blindverkostung besonders positiv auffällt. Offenbar werden dort gute Weine gemacht.

Im Einzelnen: Der Kaefferkopf zeigt vielleicht die größte Nachhaltigkeit, den längsten Abgang. Der Eierfels hat zwar minimal an Expressivität verloren, die Eleganz jedoch bleibt. Der Hahn kräht weiterhin mit Schalldämpfer. Der Volz ist seidig und schmelzig, aber damit automatisch weniger pikant als die anderen. Der Bischofsberg hingegen kann genau das, ist am zitronenhellsten, braucht aber vielleicht ein bisschen mehr Substanz. Und schließlich ist der Mandelberg reif und würzig, hätte meiner Meinung nach nur ein bisschen weniger süß ausfallen können.

Damit sind wir zum Schluss bei meiner ganz persönlichen Meinung. Wie gesagt, objektiv gesehen gibt es wenig zu meckern und viel zu loben. Allerdings – und das ist meine Privatansicht – spielen wir hier auf der Klaviatur zwar in verschiedenen Tonhöhen, aber immer nur auf den weißen Tasten. Das sind alles sehr schöne, aber letzlich doch sehr mainstreamige Weine. Ecken und Kanten, Dreck und Schweiß, sowas gibt’s hier nicht.

Und so stelle ich mir die Frage, ob das auch anders geht – charaktervoller, individueller, ein bisschen schräger – oder ob die deutschen Weine (und vielleicht auch die deutschen Winzer) ihre besondere Qualität nicht genau aus dieser eleganten Ausgewogenheit, dieser perfekten Beherrschung der Materie ziehen. Bach statt Free Jazz sozusagen. Übrigens würde mir spontan auch kein einziger deutscher Winzer außer Sven Enderle einfallen, der rein optisch für das etwas wildere Leben steht.

Wie ich das für mich selbst interpretieren soll, weiß ich noch nicht genau, aber ich halte es als Beobachtung einfach mal fest. Sollte ich einem Trugschluss unterliegen, lasst es mich bitte in den Kommentaren wissen…

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6 Antworten zu Quertest Riesling 2008: der dritte Teil

  1. Jörg schreibt:

    „Übrigens würde mir spontan auch kein einziger deutscher Winzer außer Sven Enderle einfallen, der rein optisch für das etwas wildere Leben steht.“
    Naja, Clemens Busch geht schon auch noch als mitteljunger Wilder durch, oder? Charaktervolle Rieslinge macht er jedenfalls auch.

    • Matze schreibt:

      Ja, mitteljung ist kein Problem, charaktervolle Weine sind es auch, okay, gewonnen 😉 Ich frag mich bloß, was ihn geritten hat, bei „Fair ’n Green“ so prominent aufzutreten. Nachhaltigkeit ist ja etwas Gutes, keine Frage, aber dann sollte man auch mindestens die EU-Bio-Kriterien erfüllen, finde ich. Und da ist er ja vermutlich der einzige bei dem Verein, der das auch schafft…

  2. djdadaeus schreibt:

    Unfairer Vergleich, aber: Wenn ich so durch die Dörfer an Mosel,Saar und Ruwer fahre und mir bei kleinen,zufällig auf dem Weg liegenden Winzern eine Literflasche trockenen Gutsriesling für um die 5 Euro oder weniger einpacke, finde ich dann daheim im Glas durchaus oft sehr viel Charakter, Ecken,Kanten, Kuhdung, Schweiss, Dreck, hartes Landleben;) Aber bisher immer etwas, was mir und meinen Saucen gefällt.

    • Matze schreibt:

      Hartes Landleben, ja, das lässt sich bei Mosel-Steillagen nicht leugnen 😉 . Ich bin mir aber nicht so sicher, wie „eckig und kantig“ nach meiner persönlichen Definition die Produkte sind. Ich kann nur aus Franken berichten, dass da in der Tat manchmal wirklich eckige „Vorweine“ entstehen, aber die Winzer trauen sich nicht oft, so etwas ohne abmildernde Behandlungen in den Verkauf zu geben, weil da ziemlich schnell das Verweigern der Amtlichen Prüfungsnummer droht… Kann aber natürlich sein, dass das in Deinen Regionen anders aussieht.

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