Tour de Möwe: Unterwegs auf beiden Seiten des Kanals

Wahrscheinlich haben wir alle schon einmal daran gedacht, wie es wohl wäre, wenn wir fliegen könnten. Ein bisschen in der Abendsonne segeln, die Landschaft von oben anschauen oder auch von Schiff zu Schiff springen, von Insel zu Insel. Wie die Möwen. Eine durchschnittliche Möwe hätte für unsere Tour vielleicht einen Nachmittag gebraucht, wir dagegen drei Tage. Die Reise ging vom französischen Dunkerque über den Kanal nach Dover, weiter über ein typisches Country Pub nach Eastbourne. Am nächsten Tag folgte ein Spaziergang zu den Seven Sisters und dann die Rückfahrt über Hastings. Nach der Kanalüberquerung ging es zum Abschluss noch in ein nordfranzösisches Estaminet. Ich werde Euch hier von unseren sieben Etappen berichten. Und wenn ich von „uns“ spreche, dann ganz bewusst, denn dies ist ein Doppelpost. Wer dieselbe Tour aus einem anderen Blickwinkel lesen möchte, kann dies bei Beautyjagd tun.

1. Ort der Handlung: in der Nähe von Dunkerque am Strand von Petit-Fort-Philippe

Bevor man den Strand erreicht, gilt es, einen bunten Industriegürtel zu überwinden. Hafenanlagen, Kraftwerke, Metallbau, Lager, Einkaufsmärkte – also all das, was man heutzutage mit dem Namen Dunkerque verbindet. Der ins Deutsche übersetzte Name der Stadt, Dünkirchen nämlich, zeugt allerdings davon, dass die Gegend früher nicht für ihre Industrie, sondern für ihre Dünen berühmt war. Jene erstrecken sich gemeinsam mit einem vorgelagerten endlosen Sandstrand auf mehr als 50 Kilometern zwischen dem belgischen De Panne und dem französischen Calais. Wenn man auf der Meerseite der Dünen sitzt und die Fabrik im Rücken nicht mehr sehen kann, hat man tatsächlich das Gefühl, in einem ganz unberührten Paradies zu sein. Kulinarisch geht es bei uns bescheiden zu: ein frisches Baguette, ein hartgekochtes Ei, Käse, Thé à la menthe. Möwenfaktor: distant. Jetzt bei Ebbe sind die meisten Möwen weit draußen.

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2. Ort der Handlung: im Queens Head Inn in Icklesham

Ich weiß nicht, ob die Engländer und die Franken ansonsten noch mehr Gemeinsamkeiten haben, aber eine scheint mir offensichtlich zu sein: bei schönem Wetter ein wenig durch die Landschaft spazieren, um dann zu einem Bier in einer anständigen Wirtschaft einkehren zu können. In England heißt ein solches Etablissement „Country Pub“, und da besonders auf der Insel Bier mitnichten gleich Bier ist, sollte man ein solches aufsuchen, das mehrere Sorten Obergäriges in Fässern im Keller lagert. So wie das „Queens Head“ in Icklesham auf halber Strecke zwischen Dover und Brighton. Die Inneneinrichtung ist genauso gemütlich mit Holz, kleinen Nischen und dicken Teppichen, wie man es sich von einem englischen Pub erhofft. Und deshalb setzen wir uns trotz des herrlichen Wetters nicht in den Biergarten hinter dem Haus. Kulinarisch gibt es hier die Klassiker der Pubküche: Wir nehmen Steak and Kidney Pudding und eine Plaice, was nichts anderes ist als Scholle. An Bieren gibt es die Erzeugnisse der Brauerei Gadds aus Ramsgate, die mir schon öfter angenehm aufgefallen waren. „Schal“ sagen die einen, „bekömmlich“ die anderen, und jenen schließe ich mich an. Möwenfaktor: nicht existent, sollte man meinen, aber ein paar Meter weiter sehe ich dann, dass ich mich getäuscht habe. Auf der Suche nach Nistmaterial sind Betretungsverbote den Möwen ziemlich wurscht.

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3. Ort der Handlung: am Pier von Eastbourne

Eastbourne ist ein traditionelles Seebad an Englands Südküste. Das bedeutet heutzutage, dass von den 52 Wochen des Jahres etwa 40 von grauen Dauerwellen geprägt sind, 8 von Sprachschüler-Gruppen mit einheitlichen T-Shirts und 4 von plantschenden Großstadt-Familien. Unser Aufenthalt markierte in etwa den Übergang von den Greyheads zu den Sprachschülern. Woran man sich in England immer gewöhnen muss, ist das altmodische Mobiliar. Dicke Teppiche und knarrende Böden sind ja noch wirklich gemütlich, aber über die Praxistauglichkeit der Wasserhähne am Waschbecken gibt es zumindest geteilte Meinungen. Widerspruchslos dürfte hingegen die Aussage sein, dass die Engländer vom Picknick mehr verstehen als von Badarmaturen. Immerhin haben sie das Scotch Egg erfunden, ein hartgekochtes Ei, ummantelt von gebratenem Hackfleisch. Und die Sour Cream, in die man die definitiv weiterhin weltweit besten Chips tunken kann. Auf der Middle Farm, die die National Collection of Cider & Perry beherbergt (mehr als 300 Sorten, dazu aber mehr in einem anderen Artikel), haben wir uns beide ein Pint echten Hausmacher-Cider abfüllen lassen. Je später der Abend wird, desto mehr Möwen lassen sich am Strand und auf dem erstaunlich wackeligen Pier nieder. Dementsprechend hoher Möwenfaktor. Die Möwenbestimmung übrigens ist eine Wissenschaft für sich, denn es gibt nicht nur Sommer- und Winterkleider, sondern alles entwickelt sich auch noch über einen teilweise vierjährigen Zyklus. Wie schnell sich das Wetter am Meer manchmal ändert, versetzt mich doch immer wieder in Erstaunen. Eine Nebelwolke zieht plötzlich über den Kanal herauf und verschwindet innerhalb der nächsten halben Stunde wieder komplett.

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4. Ort der Handlung: auf dem Weg zu den Seven Sisters

Die Seven Sisters sind eine Gruppe von sieben nebeneinander liegenden Kreidefelsen, wenige Kilometer westlich von Eastbourne an der Küste gelegen. Ich hatte ja schon erwähnt, dass die Engländer ihre Spaziergänge in der Natur, die sogenannten Country Walks, über alles lieben. Während des Spaziergangs kann man dabei noch einem weiteren beliebten Hobby nachgehen, dem Birdwatching. Und danach ist entweder das Picknick oder die Einkehr obligatorisch. Optimal für all diese Tätigkeiten geeignet ist der folgende Spaziergang: Fahrt mit dem Auto die A 259 von Eastbourne in Richtung Seaford und parkt beim „Golden Galleon“, einem – erraten – Country Pub. Spaziert die anderthalb Kilometer auf einem Pfad durch typisch englisches Hecken- und Weideland bis zum Meer. Erfreut Euch an Wind, Wellen und dem Blick auf wenigstens eine der Seven Sisters und nehmt einen der anderen beiden Pfade wieder zurück. Statt im Pub einzukehren, haben wir wieder ein wenig am Strand gepicknickt. Die Atmosphäre ringsherum ist ungemein tierlich geprägt. Die Lerchen singen, die Krähen krähen, die Schafe mähen, und alles wirkt sehr idyllisch. Der Möwenfaktor hingegen kommt mir überraschend niedrig vor für diese doch so passende Location. Die meisten Möwen halten sich zusammen mit den Schafen, den Kanadagänsen und den Brandgänsen in der Mitte der Wiesen auf, recht weit von den Wegen entfernt.

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5. Ort der Handlung: am Strandhafen von Hastings

Hastings ist der östlich gelegene Nachbarbadeort von Eastbourne, und im Gegensatz zu Eastbourne hat sich hier nie die viktorianische Haute-Volée die Klinke in die Hand gegeben. Der Übergang vom reinen Fischerort mit den Kähnen auf dem Strand und den Räucherhäuschen gleich dahinter zum Arbeiterparadies mit Slot Machines und Vergnügungspark war ziemlich abrupt. Umso überraschender finde ich es, dass sich Hastings diesen altmodischen und definitiv unaufgeräumten Charme eines halben Fischerorts bewahrt hat. Und zwar besser als jede andere Küstenstadt in Kent und Sussex, soweit ich das beurteilen kann. Natürlich mögen auch ein paar Subventionen im Spiel sein, wenn die Fischer ihre Boote auf den Strand ziehen lassen und die frisch gefangenen Fische aus den Bretterbuden heraus verkaufen. Aber es gibt dadurch noch echte tatöwierte Seebären (okay, in England ist die gesamte working class verziert) und noch echte im Kanal gefangene Fische – und keine Tiefkühlkost von der grönländischen Küste wie ansonsten sehr häufig in England. Über den Hafen, der ja eigentlich gar kein solcher ist, sondern eben ein Working Beach, kann man sich auch im Rahmen einer Führung informieren. Wir hingegen wollen ganz passend zum Ort die englische Nationalspeise Fish & Chips zu uns nehmen. Wir entscheiden uns für das „Fish Hut“ genannte Imbissrestaurant, aber alle anderen dürften ähnliche Dinge in ähnlicher Qualität bieten. Während ich mir den klassischen Haddock (= Schellfisch) einverleibe, bin ich überrascht, wie gut die Wahl von J war, sich für einen Huss (= Dornhai) zu entscheiden. Frisch, knusprig außen, sehr saftig innen, das gefällt. Der Möwenfaktor könnte vor allem auf dem Strand der Fischer nicht höher sein. Es wimmelt quasi von ihnen. Aber die Schisse auf den Autodächern zeigen, dass nach dem Fischfest am Strand gern einmal eine Runde über den Ort gedreht wird.

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6. Ort der Handlung: die Fahrt über den Kanal

Bislang war ich immer nur zu unwirtlichen Jahreszeiten in England, an denen man die Fähre nur mit ein paar polnischen Lkw-Fahrern teilen musste. Zu Pfingsten stehen die Dinge natürlich komplett anders, und so brauchen wir mehr Zeit beim Einladen und gute Nerven an Bord, während sich Grundschulklassen einem sehr intensiven Fang-den-anderen-und-schrei-dabei-so-viel-wie-möglich-herum-Spiel hingeben. Kulinarisch ist an Bord wenig zu holen, auch der einstmals so gut ausgestattete Shop bietet nur billigen Alkohol und Zigarettenstangen feil. Dafür kann ich das erste Mal in meinem Leben praktisch die komplette Überfahrt an Deck verbringen. Ich weiß auch nicht, weshalb wir immer das Schiff und nie den Tunnel nehmen, obwohl es definitiv mehr Zeit kostet. Wahrscheinlich, weil man sich auf diese Weise der jeweils anderen Küste ganz bewusst nähert – und natürlich ist der Möwenfaktor an Bord ein wenig höher als im Eisenbahntunnel. Dabei sind es noch nicht einmal solche Möwenschwärme, die jede Überfahrt über den Bosporus so faszinierend machen. Vielmehr kommen hier immer wieder einzelne Möwen geflogen, segeln völlig selbstverständlich dicht an den Menschen entlang und schnappen sich in einem unbeobachteten Moment die Reste der Mahlzeit aus Chips und Schokoriegeln, die eines der tobenden Grundschulkinder über das Deck verteilt hat.

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7. und letzter Ort der Handlung: im Estaminet in Godewaersvelde

Bevor der Film „Willkommen bei den Sch’tis“ (= „Bienvenue chez les Ch’tis“) vor ein paar Jahren in den deutschen Kinos zu sehen war, gab es kaum jemanden, der mit den Begriffen „Estaminet“, „Potjevleesch“ oder „Godewaersvelde“ etwas anfangen konnte. Gut, vermutlich ist es heute immer noch nicht viel anders. Wir sind eigentlich jedes Jahr im Norden Frankreichs unterwegs, in der wirklich hübschen (und kulinarisch sehr lohnenden) Stadt Lille, im flandrischen Bilderbuchstädtchen Cassel und auch in den Estaminet genannten hiesigen Wirtschaften, die mehr mit den englischen Pubs als mit den französischen Bistrots gemeinsam haben. Diesmal haben wir uns entschlossen, eines der drei im Ch’ti-Kultur-Wallfahrtsort Godewaersvelde gelegenen Estaminets aufzusuchen. Das letzte Mal hatte ich Potjevleesch gegessen (und darüber berichtet), weshalb ich diesmal die Carbonade in der geschmackvoll bewahrten Wirtsstube des „Blauwershofs“ bestelle. Carbonade flamande, das ist im Prinzip Rindsgulasch, das in einer Sauce aus Bier, Zwiebeln, Thymian, Lorbeer und braunem Rübenzucker („Cassonade“) langsam gegart wird. Zum Servieren werden die harten Saucenbestandteile entnommen. Das hiesige Bier ist auch mehr als eine Empfehlung wert. Hopfen wird auf beiden Seiten der hier nicht wirklich trennenden Grenze zu Belgien angebaut. Dementsprechend sind die Biere a) obergärig, b) angenehm hopfig und c) nicht gerade schwachbrüstig. Die meisten Kleinbrauer füllen ihr Getränk mit der Hefe zum Nachgären und Entwickeln in der Flasche ab. Damit gehören die Gebräue zu der verschwindend geringen Zahl an Bieren, die nach meiner Erfahrung nach einem Jahr aufrechten Stehens im Keller besser und harmonischer schmecken als frisch gefüllt. Echte „bières de garde“ eben. Der Möwenfaktor stimmt wenige Kilometer von der Küste entfernt dafür nicht mehr so richtig. Keine einzige zu entdecken. Aber damit schließt sich ja auch der Kreis, die Tour de Möwe wird bei einem (köstlichen) Spekulatiuseis offiziell für beendet erklärt.

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3 Antworten zu Tour de Möwe: Unterwegs auf beiden Seiten des Kanals

  1. jens schreibt:

    Hallo Matze!

    Schöne Tour! Das Wetter hat ja auch gepasst. So was wollte ich auch immer schon mal machen. Wenn Du Lust und Zeit hast, dann kannst Du mir vielleicht etwas mehr Informationen zukommen lassen!?

    Für mich wäre interessant, wie oft die Fähren fahren, was das für zwei plus Pkw kostet und ob Du auf der Insel, respektive in Frankreich, vornehmlich auch an der Küste was zum Übernachten empfehlen kannst. Danke!

    Jens

    • chezmatze schreibt:

      Aber klar, ich meld mich dann von meiner „normalen“ Mail aus, muss ja nicht hier auf dem Blog sein. Ab morgen bin ich ja auch wieder im Dienst, da gibt’s vielleicht auch tagsüber die Gelegenheit, mal in den Rechner zu schauen😉.

      Die Überfahrt war übrigens spottbillig, obwohl nur ein paar Tage vorher gebucht: DFDS Seaways Dunkerque-Dover und zurück, Auto plus zwei Personen 49 € für alles. Übernachtet haben wir in Frankreich in den üblichen Plastikhotels – in England dafür mit Meeresblick. Schick ich Dir.

  2. Pingback: Unterwegs in den Welten: die Top 3 meines Jahres 2012 | Chez Matze

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