Shoppen auf dem Bauernhof: Cider bei der Middle Farm in Sussex

Ich denke, es ist etwas sehr Wahres an der Aussage, dass eine Sache erst einmal komplett am Boden liegen muss, damit ein grundlegendes Umdenken stattfindet. Und mit „komplett am Boden“ meine ich nicht die Quantität einer Produktion, sondern die Qualität. Komplett am Boden lag beispielsweise die U.S.-amerikanische Braukultur mit ihren Biermischgetränken à la „Bud“ (und Schlimmerem), bevor sich eine mittlerweile unglaublich vielfältige Mikrobrauer-Szene entwickeln konnte. Cider in England ist ein ganz ähnliches Thema: Es gibt einen Dosencider-Massenmarkt, der vor allem eine Klientel bedient, die (habe ich in einer Umfrage gelesen) Cider deshalb schätzt, weil er „viel Alkohol für wenig Geld“ bietet.

Der viele Alkohol kommt dabei nicht deshalb zustande, weil der Apfelsaft gänzlich durchgegoren wird (wie bei klassisch englischem Cider), sondern weil der Marktführer beispielsweise als Ausgangsprodukt 65% Glukosesirup und 35% Apfelsaft verwendet. Diese hochpotente Mischung führt zu einem starken Gebräu, das mit Wasser verdünnt werden muss, um nicht zu heavy zu sein. Allerdings muss es nachher auch mit Säureregulatoren, Konservierungsstoffen und Geschmacksbildnern versetzt werden, um stabil zu bleiben und wenigstens einigermaßen „apfelig“ zu schmecken. Dass die 35% Apfelsaft in der Ausgangsmischung noch nicht einmal aus englischen Obstplantagen stammen, sondern Apfelsaftkonzentrat aus China sind, macht verständlich, weshalb das fertige Produkt dann auch nicht so höllisch viel kosten muss. Die Marketingkosten machen dabei vermutlich den größten Posten aus.

Die Dominanz dieser gräuslichen Getränke hat allerdings – ich sagte es ja schon – einen entscheidenden Vorteil: Die Nische für Qualitätsprodukte bleibt völlig unbesetzt. Und so entwickelte sich erst ganz langsam und jetzt immer schneller eine Gegenkultur, die Gegenkultur des bewusst handgemachten Cider und Perry (Perry ist das Birnen-Gegenstück zum Cider). Weil die Engländer eine Schwäche fürs Sammeln und Zusammentragen besitzen, gibt es glücklicherweise seit einigen Jahren die „National Collection of Cider & Perry“ auf der Middle Farm in der Nähe von Brighton. Es ist sicherlich nicht verpflichtend für jeden Craft Cider-Produzenten, ein paar Flaschen und ein Fass seines Produkts zur Middle Farm zu bringen. Aber ich denke, dass den allermeisten sehr daran gelegen ist, hier präsent zu sein. Und so besitzt die Middle Farm heutzutage mit mehr als 100 verschiedenen Exemplaren die wahrscheinlich weltweit größte Auswahl an Apfel- und Birnenweinen.

Unabhängig von der „National Collection“ (oder eher in Symbiose mit ihr) hat sich die Middle Farm innerhalb der letzten Jahre zu einem wichtigen Rundum-Unternehmen gemausert. Ein wichtiger Grund dafür ist sicher auch die strategisch günstige Lage an der A 27 (mit eigener Ausschilderung), so dass sowohl die Südküsten-Urlauber als auch die Bewohner aus dem Großraum London schnell vor Ort sind. Obwohl man hier bereits im Jahr 1960 beschlossen hat, die Farm für Besucher zu öffnen, sind die Dimensionen heute doch ganz anderer Art: 253 ha Landbesitz, ein vielfältiges Arbeitsplatzangebot und deshalb offenbar vor allem beliebt bei jungen, eher alternativ denkenden Praktikant/innen.

Auf der Farm gibt es ein Restaurant und mehrere Shops, darunter den vielleicht wichtigsten Farmshop in England überhaupt mit (beispielsweise) einer reichen Auswahl an englischen Käsen. Unter letzteren befinden sich auch etliche Rohmilchprodukte, bis vor ein paar Jahren in England die absolute Ausnahme. Eine eigene Bäckerei und Metzgerei gibt es auch. Daneben findet rund ums Jahr eine Vielzahl von Kursen statt, bei denen man nicht nur zusehen kann, wie gemolken wird, sondern auch ganz handfest lernt, wie man am besten mit Hühnern umgeht, um eine eigene „Eierleech“ zu gründen. Die Eier der (auch auf dem Besucherparkplatz anzutreffenden) Houdan Bantam-Hühner kann man übrigens im Farmshop kaufen.

A propos Besucherparkplatz: Bei den Ausmaßen der Farm, den besonders an Sommerwochenenden sehr zahlreichen Einkaufs- und Besichtigungsgästen, den Schulklassen, Reisegruppen und Geburtstagsfeiern könnt Ihr Euch vorstellen, dass die große Bauernhof-Romantik eher nicht aufkommt. Aber ein Einödhof weitab von potenziellen Käufern würde vermutlich auch nicht eine solche Cider- und Perry-Auswahl bereithalten können.

Der traditionelle englische Cider ist übrigens nicht sprudelnd und wird auch in der Regel nicht in Flaschen angeboten. Genau wie beim Bier hatten die Pubs früher entsprechende Fässer im Keller stehen, aus denen die Getränke dann gezapft wurden. Trotz der großen Auswahl konnte ich mich bezähmen und habe nicht gleich ein ganzes Ciderfass mit nach Hause genommen. Dafür aber eine Reihe von Flaschenprodukten, die meisten davon nach der aus Frankreich übernommenen „méthode traditionelle“ bereitet – also mit Zweitgärung in der Flasche wie beim Champagner.

Da ich in diesem Jahr wahrhaftig meinen ersten eigenen Versuchs-Cider herzustellen gedenke, dachte ich mir, das Testen am Objekt zwecks Herausfinden stilistischer Vorlieben könnte dabei ganz hilfreich sein.

Habt Ihr eigentlich schon einmal einen sehr guten englischen Cider (oder Perry) getrunken? Und wie schmecken eigentlich die Industrieprodukte wie Strongbow, Blackthorn oder Bulmers? Die kenne ich nämlich nur aus dem Supermarktregal, probiert habe ich sie noch nie.

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6 Antworten zu Shoppen auf dem Bauernhof: Cider bei der Middle Farm in Sussex

  1. Harald Schieder schreibt:

    Hallo mal wieder,
    waren erst im April in dieser Ecke, und ziemlich überfordert, ob der immensen Vielfalt, alleine was den Cider angeht. Wir haben uns verstärkt auf die Biere konzentriert, aber zwischendurch immer einen handwerklichen (meist aber namentlich gänzlich unbekannten) Cider reingemischt. Camra hat da ja inzwischen relativ Gas gegeben. Unsere grundsätzliche Erfahrung war: Meist relativ hoher Alkohol und Zucker gefühlt sehr hoch (hohe Viskosität), sehr individuelle Aromen (Bier sowie Wein) und aber auch am nächsten Tag nicht immer positive Nachwirkungen… ABER: Super spannendes Thema, wäre wirklich mal ein Buch wert! oder gibts das schon?
    Grüße!

    • chezmatze schreibt:

      Nein Harald, das Buch gibt’s selbst in England nicht, obwohl die sonst bei Spezialliteratur immer noch ziemlich gut sind. Ich habe jetzt drei Bücher (aus England), wie man Craft Cider selbst bereitet und drei Bücher, die das Thema ein bisschen mehr nach dem Motto „wo gibt’s was?“ behandeln. Aber Verkostungsnotizen habe ich zu keinem einzigen meiner acht mitgebrachten Cider dort gefunden…

      Ich persönlich hatte auch das Gefühl, dass der „klassische“ Still Cider sehr alkoholreich, aromatisch eher streng und auch sonst mit allerlei bösen Fuselölen ausgestattet ist. Wahrscheinlich unsauber gearbeitet und/oder schlechtes Lesegut verwendet. Hatte ich jedenfalls das Gefühl. Bei den „Sparkling“ gab es ein paar ganz exzellente Sachen, aber auch deutlich nachkarbonierte, die eher einfach waren. Ich bin ja ab jetzt wieder in Nürnberg, vielleicht hast Du ja Lust, das eine oder andere Mitbrinsel mal zu probieren😉.

  2. Eline schreibt:

    Ich nehme mir bei meinem UK-Trips immer wieder vor, guten Cider zu kosten. Aber dann gibt es die vielen, vielen guten Biere, die ich alle verkosten muss, da muss der Cider-Test wieder aufgeschoben werden.
    Strongbow hab ich mal gekostet: für jemanden wie mich aus einer exzellenten Mostgegend mit reinsortigen Bio-Apfelmosten eine schwere Prüfung.

    • chezmatze schreibt:

      Ich war nur ein einziges Mal in Eurer Gegend, in Purgstall an der Erlauf (wenn das noch Eure Gegend ist). Da sind mir beim Herumfahren schon die vielen traditionellen Streuobstwiesen aufgefallen, aber ich war damals noch nicht so auf solche Spezialitäten getrimmt, um gute Moste zu suchen und zu finden.

      Ich glaube, die Erinnerungen an Strongbow liegen bei den meisten auch eher etwas weiter zurück – Schüleraustausch-Zeiten, würde ich sagen😉.

  3. Die Küchenschabe schreibt:

    Beim ersten London-Besuch vor vielen Jahren bestellte ich mir im Pub Strongbow, das war dort das einzige, das es neben Bier gab. Und es schmeckte mir damals sogar. Später stieg ich dann auf Bier um😉, und erst beim heurigen Besuch fiel mir auf, dass es inzwischen fast überall eine richtige Cider-Vielfalt gibt. Beim Bestellen von Cider rasselte mir der Kellner eine lange Liste von organic Ciders runter – und ich muss sagen: es schmeckte wirklich wunderbar und hatte nix mit dem Geschmack von Strongbow zu tun!

    • chezmatze schreibt:

      Ich habe auch das Gefühl, dass sich in dieser Hinsicht sehr viel sehr schnell ändert – in diesem Fall zum Glück. Vor zwei oder drei Jahren war ich schon einmal auf der Middle Farm, aber es gab schon wieder neue Cider im Angebot, die mir noch gänzlich unbekannt waren. Viele der Newcomer scheinen primär in Flaschen abzufüllen, was die Hardliner-Fasskultur-Traditionalisten wahrscheinlich nicht ganz so erfreut, aber der weiteren Verbreitung der Getränke sehr zuträglich ist.

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