Das unbekannte Vermächtnis des Didier Dagueneau: Ravaillac

Ob Didier Dagueneau den besten Sauvignon blanc der Welt hergestellt hat, weiß ich nicht. Dafür ist die Welt einfach zu groß. Aber seine straffen, dennoch cremigen und äußerst mineralischen Weine aus Pouilly-Fumé haben die Weinwelt erobert. Natürlich ist das auch ein bisschen auf Didiers Persönlichkeit zurückzuführen, sein wildes Aussehen, seine provozierenden Thesen. Deshalb war der Schock riesig, als sich im September 2008 die Nachricht verbreitete, dass Didier tödlich verunglückt sei.

Passiert ist das nicht bei der Arbeit, sondern beim Vergnügen. Ein grotesker Interpretationsfehler bescherte dem „Kleinen Johnson“ wenig später übrigens den Eintrag, dass Didier „mit seinem Privatjet abgestürzt“ sei. Der „Privatjet“ war in Wirklichkeit ein motorisierter Hängegleiter. Der Absturz fand im französischen Südwesten statt, der Weinregion, die Didier eine zweite Heimat war. Viele Weinfreunde wissen nicht, dass Didier zusammen mit Guy Pautrat, der ihm übrigens in Haar- und Barttracht auffällig ähnelt, in Jurançon ein winzigkleines Weingut betrieben hatte: Les Jardins de Babylone. Aus 100% Petit Manseng wurden (und werden, denn Guy macht weiter) hier extrem hochwertige und glasklare Süßweine erzeugt. Preiswert sind sie allerdings nicht. In Deutschland kann man mehrere Jahrgänge des babylonischen Weins bei WeinArt bestellen, Kostenpunkt zwischen 75 und 95 €. Wer (unwahrscheinlich, aber warum nicht) gleich sechs Stück nimmt, kommt auch in den Genuss des genialen Weinkartons mit dem Aufdruck des Ischtar-Tors.

Ich war deshalb einigermaßen, um nicht zu sagen komplett irritiert, als ich vor Weihnachten in der Grande Epicerie in Paris eine massive Flasche vorfand mit einem Traubenetikett vorn und dem Aufdruck „Les Jardins de Babylone“ hinten. Offenbar handelte es sich um einen süßen Jurançon von Didier Dagueneau namens Ravaillac, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. 35 € die Flasche, Jahrgang 2006, also noch zu Didiers Lebzeiten vinifiziert. Komisch. Die Equipe der Weinabteilung war auch ein wenig überfordert, sie hatten den Wein erst kurz davor reinbekommen, wenige Flaschen nur.

Nach und nach klärte sich die Sache auf: Ja, es ist tatsächlich ein Wein von Didier Dagueneau und Guy Pautrat, aber so eine Art Zweitwein. Naja, Zweitwein ist auch wieder nicht ganz richtig, denn die Flaschenzahl war auf 1.200 beschränkt und der Wein eher zart- als vollsüß (11 vol%). In den eigentlichen Verkauf ist der Wein nie gelangt. Bei Didier auf dem Hof konnte man ihn kaufen, und ein paar Flaschen gingen ins Pariser Luxushotel Crillon. Zumindest bis zum 31. Januar (was ja nicht mehr lang hin ist) gibt es dort den Ravaillac als Teil des „Menu Affaire Banquet“ – als eigenen Gang.

Ich habe diesen Wein einem Extremtest unterzogen, allerdings nicht, um das irgendwie technisch auszureizen, sondern einfach, weil ich jeden zweiten Abend ein kleines Gläschen als Schlummertrunk genommen habe. Die Flasche blieb dadurch 20 Tage lang geöffnet im Kühlschrank, mit jedem zweiten Tag ein bisschen weniger Wein und ein bisschen mehr Luft in der Flasche. Eine Tortur für einen Wein – aber nicht für mich!

Zunächst zu den generellen Noten: Die Farbe ist goldgrünlich, also ziemlich unverkennbar. In der Nase ist Akazienhonig spürbar und ganz ganz frische Frühlingsblumen. Später kommt noch ein bisschen Klebstoff dazu. Als der nach ein paar Tagen verschunden ist, taucht reife, gelbe Banane auf. Spannend jedenfalls. Am Gaumen wirkt der Wein ungemein frisch und kräuterig-sphärisch. Die Süße ist natürlich da, aber ganz fein, die Säure allerdings ebenso mild und nicht vordergründig. Nach ein paar Tagen kommen die trockenen Wiesenblumen ein bisschen stärker zur Geltung, zusammen mit einem leicht medizinalen Touch. Am 20. Tag trinke ich den letzten Schluck und muss konstatieren, dass der Wein kein bisschen abgebaut hat. Es ist ein Wunder, aber er wirkt jetzt sogar noch ein wenig eleganter, Süße und Säure sind auf eine ganz milde Art miteinander verschmolzen. Das wirkt ein wenig wie die Zartheit eines Kabinetts von der Mosel, aber mit weniger Fruchtsäure.

Lustigerweise ist die Ausstattung das genaue Gegenteil dieses ungeheuer unaufdringlichen Weincharakters. Man spürt beim Rausholen aus dem Kühlschrank nämlich nicht, dass da schon ein wenig an Inhalt fehlt. Zwei Kilo wiegt die leere Flasche. Das ist natürlich Wahnsinn, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Ravaillac auch nur ein Privatvergnügen war und nirgendwo hintransportiert werden musste.

Die Bewertung fällt mir ehrlich gesagt ein bisschen schwer. Wie soll ich die perfekte Zurückhaltung bewerten? Ich behelfe mich mal mit 8 Eleganz- und 6 Charakterpunkten, macht 16,5 MP insgesamt. Aber ich denke, hier kommt man mit Worten wesentlich weiter. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieser Wein als heimlicher babylonischer Garten das wahre Vermächtnis von Didiers Winzerseele ist.

Wie steht Ihr zu den großen Sauvignons von Dagueneau? Super oder zu teuer oder beides oder gar nix? Hat jemand schon einen der Nach-Didier-Weine probiert, also ab dem Jahrgang 2008? Ich noch nicht.

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3 Antworten zu Das unbekannte Vermächtnis des Didier Dagueneau: Ravaillac

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  2. Björn schreibt:

    Habe gerade eine Flasche vom Babylonischen Garten aus dem Jahr 2007 aufgenmacht und kann die ersten Eindrücke nur bestätigen. Dazu gibz es ein Parfait vom Dresdner Christstollen. Ich denke das kann man machen 😉
    Ich und meine zwei Gäste sind begeistert – auch wenn das Glas mit 5cl bei 15 Euronen liegt.
    Allen viel Freude beim Genießen

    Viele Grüße aus dem Zarges Frankfurt

    • Matze schreibt:

      Sehr schön, herzlichen Glückwunsch! Ich habe das Gefühl, dass es den süßen Jardins de Babylone mittlerweile öfter im deutschen Weinhandel gibt (gerade bei Kreis und bei Kössler entdeckt), und da können dann die Restaurants gut nachlegen.

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