Schon mal Uigurisch gegessen?

SchildHätten wir alle in der Schule besser aufgepasst, wüssten wir jetzt auch Bescheid. Wir wüssten zum Beispiel, dass Uiguristan eine sowjetische Republik in der Steppe ist, dass die Männer dort Zipfelmützen tragen und die Frauen sieben Röcke übereinander, und dass Marco Polo bei den Uiguren Station gemacht hat, bevor er es als erster Mensch schaffte, die gefürchtete Wüste Grobi zu durchqueren. Leider wurden die Uiguren bei mir in der Schule mit keinem Wort erwähnt, und so mag es durchaus sein, dass sich in obigen Satz ein paar marginale Fehler eingeschlichen haben. Wer also etwas über die Uiguren erfahren möchte, kann dies natürlich im Internet tun. Es gibt aber auch die Möglichkeit, sie selbst zu treffen und ihre kulturelle Herkunft mit dem Geschmackssinn zu erahnen. Wo? Na, zum Beispiel in München.

München ist eine derart gepflegte und wohlhabende Stadt, dass es schon fast absurd anmutet, vom Bahnhofsviertel als einer „schlechten Gegend“ zu sprechen. Genau hier, fünf Gehminuten vom EuroCity nach Verona entfernt, habe ich eine meiner interessantesten kulinarischen Entdeckungen der letzten Zeit gemacht. Das Lokal heißt „Taklamakan“ nach der beeindruckenden Wüste ganz im Westen Chinas. Der Name „Taklamakan“, der aus dem Uigurischen stammt, kann übrigens frei übersetzt werden mit „geh hinein, und du kommst nie wieder heraus“. Für eine Wüste ist das quasi eine Ehrbezeichnung, ein großes Lob. Die ticken halt ein wenig anders als wir, diese Wüsten.

TresenBezogen auf das Restaurant muss ich allerdings sagen, dass ich vor allem deshalb gern wieder herauskomme, damit ich am nächsten Tag wieder hineingehen kann. Es gibt nämlich rund zwanzig wirklich interessante uigurische Gerichte auf der Karte, die ich woanders noch nie gesehen habe. Da mir das offenbar nicht als einzigem so geht, scheint das „Taklamakan“ ein großer Treffpunkt der uigurisch-chinesisch-zentralasiatischen Community zu sein. Jedenfalls war am Samstag nach 14 Uhr kaum noch ein Sitzplatz frei.

TafelDabei kann der Laden sicher nicht mit seiner eleganten Atmosphäre punkten. Vielmehr handelt es sich um einen ausgebauten Imbiss. Auf diese Weise kann man jedoch den Bediensteten hinter dem Tresen ausgezeichnet beim Zubereiten der Speisen zuschauen. Besonders beeindruckend ist das Kneten, Langziehen und Schleudern der langen Nudeln, „Lägman“ genannt. Nudeln in verschiedenen Formen sind dann auch wichtige Bestandteile der Küche. Dazu kommt ein eher türkischer Einschlag beim Fleisch – Lamm und Hammel, gebraten wie gesotten – sowie eine würzig-scharfe Ausrichtung der Soßen.

Diese Mischung kommt auch nicht von ungefähr, denn in der Tat handelt es sich bei den Uiguren um ein Turkvolk, das leider mit der chinesischen Zentralregierung im über 3.000 km entfernten Peking nicht immer in allergrößtem Frieden lebt. Diese teilweise ungute Situation vor Ort hat dazu geführt, dass es mittlerweile rund 80.000 Auslands-Uiguren gibt, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Und München gilt mit seinen 500 uigurischen Familien als wichtiges Zentrum.

Aber kehren wir zu den erfreulichen Dingen zurück, den kulinarischen Botschaften von der Seidenstraße. Und die sind wirklich erfreulich, erfreulich geschmacksintensiv nämlich. Wer nämlich meint, bei der uigurischen Küche handele es sich der Herkunft entsprechend lediglich um gebratene Nudeln mit Kebabfleisch, der täuscht sich. Das erste, was man bei dem Blick in die Speisekarte realisiert, sind die angegebenen Schärfegrade. Uigurisches Essen ist wahrhaft würzig.

Din Din Caumian„DinDin Caumian“ zum Beispiel (auf dem Foto oben) besteht aus den langgezogenen Nudeln, in Stücke geschnitten und gebraten, dazu gekochtes Lammfleisch, Öl, Zwiebeln, Tomaten, grüne Paprika, Bohnen und Gewürze. Die Nudeln besitzen eine fantastische Textur, gleichzeitig soft, bissfest und saftig – das muss man selbst probieren. Die Gewürze wiederum, die die Soße ausmachen, schmeckten für mich wie ein minimal säuerlicher Szechuan-Pfeffer, taub-scharf und intensiv (aber bei weitem nicht so scharf, dass man mutig sein müsste, um das Gericht zu bestellen). Sieht unspektakulär aus, ist für mich aber ein absolutes Nachbestell-Must.

SamsaWegen meines mittelgroßen Hungers hatte ich mir erst ein „Samsa“ bestellt, eine gefüllte Blätterteigtasche, die auf dem Grill gebacken wird. Nicht scharf übrigens und eher persisch anmutend.

Lammfleisch mit PaprikaDann wollte ich gern die Lammnieren haben, aber leider gab es so spät am Tag keine frischen Innereien mehr. Deshalb bin ich umgeschwenkt zum „Gebratenen Lammfleisch mit scharfen Paprika“. Das Fleisch ist eine Art Kebab, also dünne, gegrillte Abschnitte, und die scharfen Paprika kennt man auch aus der türkischen Küche als Beilage. Allerdings macht auch hier die Würzung der Soße den Unterschied aus. Jene ist nämlich eher chillilastig, saftig-ölig und ein wenig dunkler. Wäre ich nicht so satt gewesen, ich hätte liebend gern noch die Tagesempfehlung „Dapanji“ probiert oder das „Uyghur Polo Menü“ mit Haxe wie mein Nachbar oder auch Suppen mit solchen Namen wie „Qüqüra“ und „Suikax“. Und wäre ich nicht so selten in München, ich hätte schon längst die ganze Speisekarte durch.

Restaurant Taklamakan, Bayerstr. 27, 80335 München, geöffnet als (türkischer) Imbiss fast rund um die Uhr; uigurische Gerichte gibt es jeden Tag von 11:30 bis 21:30. Sehr informative Website.

P.S. Mit dem „Kashgar“ und dem „Tengri Tagh“ gibt es übrigens noch zwei weitere uigurische Restaurants in der Stadt. Nun, gestehen wir es den Münchnern zu, wenigstens in dieser Hinsicht die Nase vorn zu haben.

München

Dieser Beitrag wurde unter Food abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu Schon mal Uigurisch gegessen?

  1. Ulrike schreibt:

    Das hört sich gut und lecker an! Ja, und einen ganz großen Fehler muss ich Dir anlasten: Uiguristan gibt es nicht. Du verwechselst das sicherlich mit Usbekistan, das früher eine Sowjetrepublik war. Nichtsdestotrotz hatte mich diese Bemerkung im ersten Abschnitt neugierig gemacht, so dass ich den gesamten Artikel gelesen habe. Ein Uigurisches Restaurant haben wir in Hamburg leider nicht.
    LG
    Ulrike

    • Matze schreibt:

      Nein, Uiguristan gibt es nicht, die Sowjetunion auch nicht mehr (okay, vielleicht nur vorübergehend😉 ), die sieben Röcke übereinander dürften ebenso nicht ganz hinhauen, und das mit dem „wüsten Grobi“ ist ein Witz aus der Sesamstraße – vielleicht kennst Du das blaue Monster noch, „herum herum herum herum, drüber, drunter und durch“.🙂

      Dass es in Hamburg kein uigurisches Restaurant gibt, ist wirklich schade. Aber ich weiß nicht, vielleicht bin ich ja auch mit Blindheit geschlagen, aber irgendwie war mir vorher noch nirgendwo ein uigurisches Restaurant aufgefallen…

      • Stefan Berreth schreibt:

        Nuja, aber Uiguristan gab es selbst zur Zeit der Sowjetunion lange schon nicht mehr als Staat. Die Uiguren sind Mitte des 18. Jahrhunderts ins Chinesische Reich eingegliedert worden. Nicht ohne Querelen seither (immer mal wieder), aber zur sowjetischen Republik hats nicht gereicht. Liest sich trotzdem lecker und ist ein guter Tipp für den nächsten Münchenbesuch! Danke.🙂

    • Traveler schreibt:

      Man sollte sich informieren, bevor man was schreibt ! Gibt es etwas Bayern nicht, nur weil Bayern 1871 Teil des deutschen Reiches wurde ? Die uigurische Küche ist phantastisch !

      • Matze schreibt:

        Ihr dürft Euch selbstverständlich weiterhin gern der Ahnungslosigkeit bezichtigen. Kleiner Hinweis nur zur Vorsicht: Teile meines ersten Absatzes enthalten Ironie und Wortspiele😉 .

        Das Essen hat mich aber wirklich und ernsthaft beeindruckt. Schade, dass ich so selten nach München komme.

  2. Richard schreibt:

    interessante info. bahnhofsviertel sind ja meist kulinarische no goes, zu mindest in meiner münchner zeit, aber da der weg von landshut nicht so weit ist hab ich einen baldigen besuch vor. bin schon ganz gespannt.

    • Matze schreibt:

      Ja, ich fand’s sehr empfehlenswert. Aber Imbissatmosphäre natürlich, keine Tischdecken, logisch.

      Ich muss sagen, ich nähere mich langsam der Kulinarik der Bahnhofsviertel, weil es gewissermaßen auch „Einfallstore“ sind, also die Möglichkeit für unbekannte Küchen, schnell mal einen unaufwändigen Laden aufmachen zu können. Was woanders unbezahlbar wäre, zumal bei einer potenziell großen Laufkundschaft.

      Ist jetzt zwar etwas ganz anderes, aber in Paris an der Nordostseite des Gare du Nord gibt es mittlerweile ein äußerst interessantes tamilisches Viertel – mitsamt ein paar Restaurants, in die die Ur-Pariser jetzt auch gehen. Das hat sich auch aus einer „kleinen Zelle“ entwickelt: relativ billige Mieten, schlechter Ruf, aber viele Leute, die vorbeigehen.

  3. Sabine schreibt:

    Wow, vielen Dank für den Tipp! Und durch Bahnhofsviertel werde ich jetzt mit offeneren Augen spazieren. Vegetarische Optionen sind aber bei den Uiguren eher dünn gesät, oder? Mal abgesehen von der Teigtasche.

    • Matze schreibt:

      Ja, im Prinzip schon, die Varianten mit Fleisch sind deutlich zahlreicher. Aber es gibt auch vier bis fünf vegetarische Gerichte. Von einem möchte ich hier mal die Beschreibung zitieren: „Frischer Sellerie und gepresster Knoblauch werden zusammen zubereitet. Das erzeugt Frische und schmeckt wunderbar. Es hat eine abführende und appetitanregende Wirkung und eignet sich besonders gut für Menschen, die viel und weit reisen. Hierfür ist es eine gute Essenswahl.“ Na dann😉 . Wie häufig bei solchen „Szechuan-inspirierten“ Gerichten ist nach meiner Erfahrung die Würzung für den Gesamteindruck fast wichtiger als die Zutaten.

  4. kaltmamsell schreibt:

    Da laufe ich regelmäßig am Taklamakan vorbei (ich wohne fast ums Eck), aber erst dieser Hinweis hat mich endlich hingebracht. Es schmeckte großartig! Und jetzt gehe ich so oft hin, bis ich all die abgefahrenen Köstlichkeiten durch habe. Danke!

    • Matze schreibt:

      Das freut mich! Wahrscheinlich hätte ich es auch gar nicht wahrgenommen, wenn ich täglich daran vorbeilaufen würde. Ist ja häufig so (jedenfalls bei mir), dass einem die „eigene“ Stadt so schrecklich unspektakulär vorkommt😉

  5. Pingback: Mitten im Anlauf: mein persönlicher Jahresrückblick 2014 | Chez Matze

  6. Ohh lecker… jetzt habe ich wieder richtig Lust auf eine ordentliche uigurische Mahlzeit. Ich war vor fast drei Jahren in China und habe die uigurische Provinz Xinjiang besucht. Nicht nur das Essen ist dort wahnsinnig gut. Die ganze Region ist eine echte Bereicherung für diese Welt. Deswegen kann ich es kaum nachvollziehen, warum kaum jemand dieses Volk mit seiner Kultur kennt.

    Auf kulinarischer Seite waren Laghman und Pola für mich die absoluten Highlights. Ich war absolut begeistert von den reichhaltigen Speisen. Meine Favoriten habe ich vor einiger Zeit mal in unserem Blog aufgelistet: http://my-road.de/9-gerichte-uigurische-kueche/

    In deinem Artikel kommen auch noch Gerichte vor, auf die ich in Xinjiang gar nicht gestoßen bin. Daher werde ich den Weg nach München wohl auch antreten, um mich durchzutesten. Muss aber warten, bis wir von unserer Weltreise zurück sind😦

    • Matze schreibt:

      Oh, aufs Münchner Bahnhofsviertel warten, bis Eure Weltreise zu Ende ist. Mein Beileid hält sich in Grenzen🙂 Viel Spaß also weiter!

  7. Pingback: Laghman, uigurische Nudeln | missboulette

  8. Ingrid Widiarto schreibt:

    Toll: Sehr nett geschrieben und sehr informativ.
    Und wenn Sie nicht nur das uigurische Essen, sondern auch anderes zum Thema Uiguren interessiert, dann schauen Sie hier mal rein: http://www.uigurkultur.com
    Denn es geht den Uiguren innerhalb von China wirklich nicht gut und bei uns weiß man fast nichts über sie und ihre Situation.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s