Zum Zustand des türkischen Weins

Mein Monat in Istanbul ist vorbei, und da bietet sich natürlich ein kleines weinspezifisches Fazit an. Eins gleich mal vorweg: Die Türkei im Allgemeinen und Istanbul im Speziellen sind von einer ungeheuren Dynamik geprägt. Überall neue Unternehmungen, junge Leute, ständige Veränderung. Wenn ich hier über den Zustand des türkischen Weins schreibe, ist das also erstens nur eine Momentaufnahme. Zweitens handelt es sich um meinen ganz subjektiven Eindruck. Ein Jahr später werden schon wieder völlig andere Protagonisten mit ihren Weinen auf den Markt geschwappt sein. Ich habe in Istanbul überraschend viel Geld für Wein ausgegeben, aber dafür auch die Gelegenheit gehabt, Abende lang bei einer Flasche zu verharren und über meine Eindrücke zu diskutieren. Das Schicksal eines Amateurs. Glanz und Elend lagen oft dicht beieinander. Genau das macht aber den Spaß des Experimentierens aus.

Zunächst einmal muss ich das Offensichtliche erwähnen: Die Türkei ist nicht nur ein dynamisches, sondern auch ein grundsätzlich muslimisches Land. Selbstverständlich werden Wein- und Biertrinker nicht geächtet, aber der (öffentliche) Genuss von Alkohol ist – wie soll ich mich ausdrücken – nicht in der rezenten türkischen Kultur verhaftet. Ausdruck dessen sind beispielsweise die horrenden Steuern, die die Regierung Erdoğan peu à peu auf alkoholische Getränke erlassen hat. Erst zum letzten November wurde die Steuer auf Wein um 25% erhöht. Ein Weinhändler sagte mir, dass im Moment 70% seines Wein-Einkaufspreises auf steuerliche Abgaben entfielen. Davon abgeschreckt werden vor allem junge Leute, Studenten und junge Berufstätige, die in der auch demographisch dynamischen Türkei eine zunehmende Zielgruppe ausmachen. Umgerechnet fünf Euro für den allerbilligsten Tafelwein und um die zehn Euro für vernünftige Einstiegsprodukte – das verkraftet der Geldbeutel des türkischen Normalverdieners nicht.

Interessanterweise ist die derzeit wichtigste Weintrinker-Klientel davon aber weniger betroffen. Unschön ausgedrückt könnte man sie als neureiche Protztrinker bezeichnen. Der ökonomische Fortschritt in der Türkei hat nämlich auch dazu geführt, dass sich an der Spitze eine schmale Schicht etablieren konnte, die in ihrem Lebensstil permanent auf Prestige achtet. Wer einmal im derzeit angesagtesten Einkaufszentrum „İstinye Park“ war, weiß, wovon ich spreche. Hier erinnert Istanbul viel eher an Moskau, Dubai oder Singapur als an Paris oder London. Da in der finanziellen Oberschicht Geld zwar das beherrschende Thema ist, aber eher in der Frage, wofür man es ausgeben könnte, wurde der Weinbau in der Türkei in den letzten Jahren in nicht unbedeutendem Maße von dieser Klientel beeinflusst.

Der Anbau internationaler Rebsorten, eine „modische“ Vinifizierung in Richtung früh trinkreifer Weine und die zunehmende Etablierung von Prestige-Linien in limitierter Auflage bei allen größeren Kellereien sind Ausdruck dieser Entwicklung. Dass beispielsweise der hervorragenden Rebsorte Boğazkere zunehmend die Tannine abhanden kommen, ist eine Schande. Dazu kommt noch, dass die Türkei zwar ein Trauben-, aber kein Winzerland ist. Das Know-how, wie man Wein herstellt, vermarktet und verkostet, steckt in der Türkei noch in den Kinderschuhen. Wer es sich als Kellerei leisten kann, greift deshalb auf die Hilfe international erfahrener Önologen zurück.

Weinhändler sind ebenfalls rar. Einer dieser Weinhändler beschrieb die türkischen Trauben bei meinem ersten Einkauf immer gleich mit für ihn nahe liegenden Synonymen: „tastes like Chardonnay, this one like Sauvignon, this one like Cabernet, that one like Syrah“. Warum? Weil die Käufer genau das hören wollen. Chardonnay ist die beste Weißweintraube der Welt. Wenn ein türkischer Wein aus Narince wie ein Chardonnay schmeckt, dann gehört er auch zum Weltstandard. Soweit das Unerfreuliche.

Wenn ich nach diesem ganzen Gemäkel und einigen wahrhaft überteuerten und bestenfalls hingetrimmten türkischen Weinen dennoch ein positives Fazit ziehe, dann aus diesen Gründen:

  • Die Weinkultur mag in der Türkei derzeit nicht weit verbreitet sein, aber sie besitzt eine glorreiche Vergangenheit. In Ostanatolien wurde nachweislich im fünften Jahrtausend v. Chr. Wein gekeltert. Die heute noch verwendete Rebsorte „Kalecik Karası“ wurde bereits von den Hethitern vor rund 4.000 Jahren verwendet. Darauf lässt sich doch aufbauen.
  • Die Vielfalt autochthoner Rebsorten ist beachtlich. Ich habe in Istanbul Weine aus insgesamt 14 lokalen Rebsorten probieren können, einige davon mit wirklich großem Potenzial. Zudem sind diese autochthonen Rebsorten hervorragend an die klimatischen Verhältnisse angepasst. In Ostanatolien mit seinem extrem kontinentalen Klima, dem eiskalten Winter, Überschwemmungen in Frühjahr und Herbst und dem heißen, trockenen Sommer verlangt ganz bestimmte Eigenschaften von den Reben. In Thrakien oder an der Ägäis sieht das wieder ganz anders aus. Die lokalen Rebsorten sind dem gewachsen.
  • Die einst staatlichen Kellereien haben durch die Privatisierung enorm an Drive gewonnen. Es werden saubere Tischweine zu leicht erhöhten Preisen erzeugt, okay. Aber bald werden sich internationale und hoffentlich auch nationale Önologen finden, die hier nicht die Kopie eines chilenischen Weins herstellen wollen, sondern die spezifischen Bedingungen nutzen. Geld ist im türkischen Weinbau ein geringeres Problem als Authentizität. Da kann man ansetzen.
  • Kleine Boutique Wineries haben sich in den letzten Jahren vermehrt gegründet. Sie sind noch dynamischer als die großen Betriebe und besitzen vor allem ganz klar abgesteckte hierarchische Strukturen. Der Investor bestimmt die Richtung. Wenn es hier gelingt, dem Investor das Gefühl für Besonderheiten der regionalen Kultur zu vermitteln (oder er dies ohnehin schon besitzt), steht einer echten Bereicherung der Weinwelt nichts mehr im Weg.
  • Und noch etwas: In Istanbul gibt es mittlerweile eine erhebliche Expat-Gemeinde. Die meisten davon sind Weintrinker, aber schändlicherweise sprechen sie kaum Türkisch. Die wenigen Istanbuler Weinhändler sind dagegen weder mit Weingewohnheiten vertraut noch sprachlich versiert. Ich sah einen offenbar dänischen Weinfreund verzweifelt vor sich hin murmelnd die Regale einer Weinhandlung absuchen. Er ging unverrichteter Dinge mangels entsprechender Beratung. Der türkische Wein mag derzeit aufgrund der steuerlichen Hindernisse kein Exportschlager sein. Aber eine gut sortierte Weinhandlung in Istanbul wäre ganz sicher ein Hit. Mit jenen Einschränkungen kann ich derzeit die folgenden Händler in Istanbul empfehlen: La Cave, KavButik und – ganz neu und vielleicht am besten – Sensus. Erwartet keine so tolle Beratung wie bei meinen Lieblingsweinhändlern in Berlin oder Paris. Was Ihr aber erwarten könnt, ist ein Euch zu 95% unbekanntes Sortiment. Hat auch seinen Reiz.

Zum Abschluss noch eine kleine Kollektion türkischer Weine, die mir gefallen haben:

Çamlıbağ Vasilaki, ein Weißwein vom Kalkboden der Ägäisinsel Bozcaada, etwa 10 €: Wer frischen Riesling liebt, sollte ihn importieren und nicht versuchen, eine ähnliche Stilistik in der Türkei zu finden. Dieser Wein ist gelbfruchtig wie ein Savagnin Ouillé aus dem Jura. Noten nach Strohblume und Honig, feurig und bitter. Ein Wein zu gebratenen Käsegerichten, wie sie in der Türkei gern gegessen werden.

Corvus Vinium Karalahna, ein Rotwein aus – Ihr ahnt es schon – Bozcaada, etwa 13 €: Corvus gilt als die beste Boutique-Kellerei der Türkei mit teuren, monumentalen Weinen an der Spitze. Kauft Euch das mittlere Segment, trinkiger, authentischer, günstiger. Dieser Wein besitzt Säure und Tannine, das freut mich. Saure Pflaume, Kirschkern, Unterholz. Für Freunde kleiner Pomerols, aber einen solchen Vergleich will ich eigentlich gar nicht ziehen.

Corvus Rarum Kuntra & Karalahna, ein Rotwein aus Bozcaada, etwa 15 €: Schon wieder Corvus, zwei makedonische Rebsorten, aus denen in der Türkei bislang kaum Wein bereitet wurde. Heidelbeere, Sauerkirsche, Liebstöckel und Süßholz, wieder Säure und gut eingebundenes Tannin. Wirkt für Freunde des Vergleichs wie eine etwas herbere Südrhône-Cuvée, aber mit Carignan.

Kavaklıdere Pendore Syrah, ein Rotwein aus Westanatolien, 120 km von Izmir entfernt, etwa 30 €: ein Prestigewein nach dem Motto „das können wir auch“. Normalerweise nicht meine Richtung, aber es stimmt diesmal, sie können es wirklich. Dunkelbeerig, fett, Kokosnuss an der Nase, am Gaumen dann viel trinkiger. Von „Cool Climate“ würde ich nicht gleich reden, hier brennt die Sommersonne ordentlich, aber mit seiner Brombeerwürze und den gut eingebundenen Tanninen ein echter Kandidat für Syrah-Querverkostungen.

Melen Papazkarası Rezerve, ein Rotwein aus Thrakien in Richtung griechischer Grenze, etwa 18 €: Ein Wein, den der Händler mir erst nicht verkaufen wollte, und zwar wegen der Flaschenform. Ich habe noch eine davon mitgebracht, Ihr werdet in einem Video demnächst den Grund für die Abneigung des Händlers sehen können. Ein denkbar unmodischer, lokaler Wein und ein Indiz für das Potenzial des türkischen Weinbaus: hellrot, Säure und Holz, gleichzeitig pfeffrig und schlank. Für mich ein kongenialer Begleiter zu einer Speise, die es in der Türkei nie geben wird (und auch nicht geben muss): Schweinerollbraten.

Mein Fazit nach 30 Tagen Vino-Istanbul: Auch in dieser Hinsicht bin ich froh, in der großartigen Stadt am Bosporus gewesen zu sein. Weintechnisch habe ich zwar gelegentlich die eine oder andere Nuance vermisst, die mir Weine von der Mosel oder der Loire hätten geben können, aber bitteschön, darum geht es doch nicht, wenn man in „fremden Landen“ unterwegs ist. Wenn Ihr in die Türkei kommt, kauft vielleicht nicht gleich irgendeinen Wein. Fragt nach einem lokalen Produzenten, wundert Euch nicht darüber, wenn Euch stattdessen die internationalen Rebsorten angeboten werden und probiert, wie spannend sich die ganze Sache weiterentwickelt hat. Denn darauf kann man sich verlassen: Hier bleibt kein Stein lange auf dem andern.

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8 Antworten zu Zum Zustand des türkischen Weins

  1. Marqueee schreibt:

    Ohne einen Punkt speziell herauszugreifen: Danke für die tolle Zusammenfassung Deiner Istanbul-Wochen. Ich wünsche mdir, dass Du noch möglichst viel in der Welt herumkommen mögest!

    • chezmatze schreibt:

      Danke für die freundlichen Worte und Wünsche! Es wird tatsächlich so kommen, wie wir beide uns das aus unterschiedlichen Perspektiven wünschen. Eine knappe Woche noch in Köln, dann geht es wieder los, und zwar wieder an einen kulinarisch bevorzugten Ort! Wenn ich ein passendes Foto gefunden habe, werde ich es auch posten – und auf möglichst viele Tipps und Hinweise hoffen. Das ist nämlich das Schöne an diesen Social Media-Geschichten: Erlebnisse und Erkenntnisse austauschen, Leute mit ähnlichen Interessen kennen lernen.

  2. Charlie schreibt:

    Trinken die Neureichen denn auch türkischen Wein?

    • chezmatze schreibt:

      Ja, das tun sie wirklich. Die Auswahl türkischer Weine auf den Karten der Spitzenrestaurants ist nicht schlecht. Das „Mimolett“ hat eine eigene Weinbar, das „Çintemani“ im Ritz-Carlton genauso viele türkische wie französische Weine im Angebot, und beim „Sunset“ machen sie fast ein Drittel aus. Ein Teil dürfte auch direkt in die türkische Diplomatie gehen. Ich denke, der Vorteil gegenüber Dubai oder Singapur liegt für Istanbul darin, dass es tatsächlich eigene Weine gibt, die man entsprechend präsentieren kann. Natürlich ist der Blingbling-Effekt bei einem Dom Pérignon größer und ein Pétrus immer noch eine Ecke teurer als der teuerste türkische Wein. Aber den Nationalstolz sollte man nicht unterschätzen.

      • Charlie schreibt:

        Hast du das Gefühl die jüngeren neureichen Türken sind stolz Türken zu sein? Ist die Haltung zum türkischen Wein bei ihnen eher „wow, hier gibt es ja tatsächlich auch guten Wein“ oder doch „unsere Weine waren immer schon beymäßig, bloss der ignorante Bettane hat es nie geblickt“?

      • chezmatze schreibt:

        Eine interessante Frage, aber uff uff.

        Na gut, das Einfache zuerst: Bettane kennt keiner in der Türkei, auch kein Händler. Parker allerhöchstens.

        Und was die Frage nach der Einstellung anbelangt: Ich weiß nur, dass die türkischen Weine auf den Karten sind und dass sie offenbar auch geordert werden. Hatte ich ja schon gesagt. Aber damit erschöpfen sich meine Kenntnisse weitgehend. Was ich nämlich nicht weiß: Welche Klientel trinkt die türkischen Weine bevorzugt (Nationalität, Alter, Bildung, sozialer Status)? Aus welchen Gründen werden diese Weine bestellt? Welchen Prozentsatz des Umsatzes machen die Spitzenrestaurants und Schick-Bars überhaupt mit türkischen Weinen? Ich habe auch keine neureichen Türken repräsentativ befragen können, wie ihre Einstellung a) zu ihrem Land und b) zu den türkischen Weinen aussieht.

        Weil ich das alles nicht weiß und weil ich es für unseriös halten würde, mich auf dieser nicht vorhandenen Basis mit Allgemeinplätzen und „gefühlten Wahrnehmungen“ aus dem Fenster zu lehnen… kann ich Deine Frage leider nicht beantworten. Tut mir leid.

  3. Hendrik Thoma schreibt:

    Sehr schön die Gegensätze beschrieben. Bravo! Ein Land inmitten eines Culture Clashs! und bei den Weinen noch auf der Suche nach der eigenen Identität, aber wie beschrieben erstaunlich offen und dynamisch!

  4. Pingback: Meine zwölf Pflichten in Istanbul | Chez Matze

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