Vins Naturels in München

Nanu, ist mir da etwa ein Fehler in der Überschrift unterlaufen? Vins Naturels in München, sollte es das tatsächlich geben? Denn das sind Vins Naturels: naturbelassene, ungeschwefelte, ungeschönte, unfiltrierte Weine, ganz richtig, das intellektuell-alternative Zeug. Und das ist doch München: die aus Film, Funk und Fernsehen bekannte Mia-san-Mia-Metropole, in der jemand wie Mehmet Scholl schon als enorm subversiv gilt. Soll heißen: Es erfordert schon ein gerüttelt Maß an Überzeugungskraft und Verve, um diese beiden so ungleich scheinenden Partner an einen Tisch zu bringen. Genau das ist aber Claudia Sontheim und Wolfgang Panzer gelungen, von denen man in übergroßer Bescheidenheit sagen könnte, dass sie sich schon „eine Weile“ mit derartigen Weinen beschäftigen. In ihren Münchner Etablissements, dem Restaurant M Belleville und der Weinhandlung Origine, fand am Wochenende nämlich eine kleine Vin Naturel-Messe statt. Winzerinnen und Winzer aus elf Weingütern waren dabei. Und ich auch.

„Der frühe Vogel fängt den Wurm“, heißt es ja so schön. Deshalb mag ich es, zu solchen Veranstaltungen gleich ganz zu Anfang zu kommen, wenn noch kaum jemand da ist, die Flaschen gerade so auf dem Tisch, die Winzer noch frisch. Dann nämlich kann ich den Wurm gleich doppelt fangen. Ich kann probieren, was ich mag und außerdem – was mir mittlerweile fast wichtiger ist – mich ausgiebig mit den für diese Weine Verantwortlichen unterhalten. Denn das, was unter dem Rubrum „Vin Naturel“ angeboten wird (ich hatte kürzlich darüber einen Artikel bei Beautyjagd geschrieben), ist doch teilweise sehr vielschichtig und erklärenswert.

In der Weinhandlung Origine treffe ich, kaum durch die Tür, sofort auf das Ehepaar Benzinger. Volker und Inge Benzinger sind echte Pfälzer und machen seit 40 Jahren Wein. Das finde ich deshalb so interessant, weil wir hier sozusagen das eine Ende des Vin Naturel-Portfolios vor uns haben: grundsolide, bodenständige Winzer mit viel Erfahrung, die peu à peu auf eine andere Weinphilosophie umgestiegen sind. Dass sie sich jetzt Vins Naturels widmen, und zwar der maischevergorenen Version „Orange Wine“, hat sicher mehrere Gründe. Zum einen, so erzählte mir Volker Benzinger, sei die Sache mit den maischevergorenen Weißweinen eine Abschlussarbeit zum Winzermeister gewesen, die er in seinem Weingut durchführen ließ. Zum anderen sei es aber auch so, „dass wir nach 40 Jahren als Winzer mehr Freiheiten für uns gewonnen haben, Dinge einfach zu tun.“ Wohl dem, füge ich hinzu, der auch mit 63 Jahren noch so viel Innovationskraft besitzt.

Letztes Jahr hatte Dirk Würtz einen großen Wettbewerb ausgelobt, bei dem nicht weniger als 70 Orange Wines getestet wurden. Auf den ersten drei Plätzen: die drei Benzinger-Weine. Das läge aber auch daran, so Volker Benzinger, dass sie „geschmacklich die Nähe zum Konventionellen suchen“ würden – nur eben mit Naturel-Methoden. Was heißen soll: Bio im Weinberg, und im Keller dann ungeschwefelt spontan gären lassen, zum „Gerbstoffe ziehen“ noch ein halbes Jahr auf der Maische, biologischer Säureabbau, völlig ohne Restsüße, unfiltriert, aber nicht so griffig im Tannin und so dunkel in der Farbe wie manch andere Verteter. Ideale „Umsteigerweine“, wenn man so will.

Aus einer Silvanerparzelle im Kirchheimer Kreuz holen die Benzingers die Trauben für insgesamt vier Weine: den Sylvaner Sans, einen Weißen ohne langes Maischelager, und dann noch drei Orange Wines, die sich von der Weinbereitung her nur in einem kleinen Detail unterscheiden, nämlich im Vorgehen beim Saftablauf. Nun mag das wie ein komplett akademisches Experiment anmuten, drei Weine anzubieten, zwischen denen insgesamt lediglich drei Stunden Differenz bei der Pressung liegen, aber wenn man die Weine probiert hat, muss man gestehen: Ja, das macht schon Sinn.

Der Premier aus dem ersten Saftablauf besitzt eine würzige Nase und wirkt dann am Gaumen recht grasig, aber auch feurig und nachhaltig – die süße Birnenschwere, die viele konventionelle Silvaner leider aufweisen, ist hier überhaupt nicht zu spüren. Der Second hat wesentlich mehr Trub („Aufschütteln“, empfiehlt Volker Benzinger, „soll ja nichts verloren gehen, gell?“), kommt apfelig-naturelliger in der Nase daher und wirkt am Gaumen deutlich trockener durch den stärkeren Tannin-Grip, aber auch irgendwie harmonischer. Der Troisième schließlich ist deutlich zurückhaltender in der Nase und am Gaumen richtig straff, sehr trocken, minzig, unsexy könnte man auch sagen. Eigentlich brauchen alle Weine noch ein wenig Lagerzeit, aber wenn man denn einen davon jetzt schon aufmachen möchte, dann vielleicht den Second. Sehr überzeugende Weine auf jeden Fall, keineswegs nur ein Experiment für Freaks.

Übergewechselt zum Nachbarn am Tisch: Jacques Perritaz ist kein Winzer, sondern Cidrier aus der Schweiz, und mit ihm sind wir schon ein wenig auf der anderen Seite des Naturel-Spektrums angekommen. Studierter Biologe und als solcher auch erst haupt- und dann nebenberuflich weitergearbeitet, packte ihn die Apfelweinkunst schließlich vollends. Ein klassischer Quereinsteiger sozusagen, und auch fast ein doppelter, denn in seiner Heimat Fribourg fand Jacques nicht immer die Apfelbäume vor, deren Äpfel er gern verarbeiten wollte. Auf Plantagenäpfel, womöglich noch riesengroß und mit systemischen Giften benetzt, hatte er nun gar keine Lust. Also war sein erstes Ziel, sich mit „Solitären“ zu beschäftigen, also teils uralten Einzelbäumen. Mittlerweile verarbeitet er nicht nur Äpfel und Birnen aus dem Kanton Fribourg, sondern lässt sich auch vom Südufer des Bodensees von zwei befreundeten Lieferanten die Früchte alter Apfelbäume bringen. Seine Cidres sind ebenso wie die Früchte wirklich komplett unbehandelt, und dass so etwas tatsächlich funktionieren kann, hatte ich ja selbst schon ausprobiert.

Fünf schäumende Obstweine hat Jacques mitgebracht, vier aus Äpfeln und einen aus Birnen. Die schönen, leicht psychedelischen und auf hundert Meter gegen den Wind wiederzuerkennenden Etiketten gestaltete übrigens eine befreundete Grafikerin aus Fribourg. Auch die Namen der Cuvées zeigen, dass wir es hier mit poetischen und feingeistigen Menschen zu tun haben. Der erste Cidre, der Cidre de Fer 2016, stammt aus dem Bohnapfel, auf Französisch passend „Pomme de Fer“ genannt, also Eisenapfel. 10g Restsüße bedeuten, dass der Schaumwein noch als sec bezeichnet werden kann. Süßfruchtig wirkt er dennoch, zwar jetzt auf diese fruchtige Art ansprechend, aber ich bin mir sicher, dass ihm ein wenig Lagerung sehr gut bekommen wird. Das mit dem Lagern ist ohnehin so eine Sache: Vor einiger Zeit hatte ich den 2002er Poiré von Eric Bordelet und den 2005er Birnenschaumwein von Jörg Geiger getrunken, und das Ergebnis zeigte mir eindeutig, dass richtig gute Schaumweine aus Äpfeln und Birnen auch richtig reifen können. Wie Jahrgangschampagner. Wird total unterschätzt.

Der zweite Cidre heißt Transparente 2015, benannt nach der fribourgeoisen Apfelsorte „Transparente de Croncels“, die hier die Hauptanteile besitzt. Obwohl Jacques meint, der heiße Jahrgang sei stark für die Geschmacksausprägung verantwortlich, vermeine ich doch subjektiv hier einen ganz anderen Stil zu erkennen, einen normannischen, bittersüß-adstringierenden, ganz anders als jenen aus Tafeläpfeln. Quasi das Kontrastprogramm liefert der dritte Cidre, A propos d’ailes 2016, also „Über Flügel“, mit dem Admiral auf dem Etikett. Was für eine schöne Kombination aus Grafik, Namensgebung und Produkt! „Tobiassler“ heißt hier die wichtigste Sorte, ein alter und mittlerweile sehr seltener Apfel aus der Ostschweiz. Der Cidre duftet parfümiert wie eine Kiste mit Äpfeln frisch vom Baum. Am Gaumen gibt es ordentlich Gerbstoffe neben der süßen Apfelfrucht, was mich etwas an die McIntosh-Cidres von Michel Jodoin aus Kanada erinnert. Der letzte Cidre ist dann fruchtsüß, Premiers Emois 2016 heißt er und stammt von den reifsten und gelbsten Äpfeln, die Jacques finden konnte. Interessanterweise wirkt er jedoch nicht aufdringlich, sondern sehr elegant, fast distant. Die Krönung folgt dann noch mit dem Poiré 2009, degorgiert im Juni 2016, also da sind wir definitiv bei Champagnerhaftem angekommen. Acht Birnensorten sind hier verarbeitet, alle von uralten Einzelbäumen. Gelbmöstler ist die wichtigste Sorte, die gelegentlich auch in Vorarlberg und nördlich des Bodensees zu finden ist. Viel Aroma, feinherb-fruchtig, elegant, sehr schön. 4-5 vol% haben die Obstschaumweine von Jacques Perritaz übrigens nur, auch das eine angenehme Sache.

Schnell die gut 100 Meter zum Restaurant M Belleville gelaufen, auch dort noch frühe Stunde und wenig Andrang. Ein bisschen – man möge mir diese Assoziation verzeihen – musste ich übrigens an Gerhard Polts Bohémien in Neuperlach denken, als ich im Erdgeschoss eines Wohnblocks die Aufschrift „Bistrot Parisien“ las.

Das Burgund ist für viele Weinliebhaber das Paradies schlechthin. Es gibt köstlichen Nektar dort, aber ach, wie schwer ist er zu erreichen. Zwar erleichtert es die Orientierung, dass (fast) im ganzen Burgund nur eine weiße Rebsorte – nämlich Chardonnay – und eine rote Rebsorte – nämlich Pinot Noir – angebaut werden. Aber die Bezeichnungen sind kompliziert und die Preise in den Himmel gestiegen. Ein paar Winzerinnen und Winzer gibt es jedoch, die sowohl dem bio-biodyn-naturel-Gedanken verpflichtet sind als auch ihre Produkte zu annehmbaren Preisen abgeben. Wenn ich an den Süden des Anbaugebiets denke, denke ich beispielsweise an die Domaine Guillot-Broux, wenn ich an den Norden denke, an die Domaine de la Cadette. Interessanterweise weist mich Valentin Montanet, oben auf dem Foto schön abgelichtet, darauf hin, dass die Böden bei ihnen in Vézelay tatsächlich eher jenen des nördlichen Mâconnais ähneln als jenen des Chablis, das doch viel näher liegt.

Zwei Weine hat er mitgebracht, einen Weißen und einen Roten. Der Weiße, La Châtelaine aus dem Jahrgang 2015, gebärdet sich dann tatsächlich überhaupt nicht wie ein kreidig-straffer Chablis, sondern mit seinen schönen weichen und reifen Noten wesentlich zugänglicher. Liegt auch am Jahrgang, meint Valentin, nicht ohne hinterherzuschicken, dass 2015 zwar vielen Leuten gefallen würde, er selbst aber eigentlich 2014 bevorzuge, weil das der kernigere und langlebigere Jahrgang gewesen sei. Sein Pinot Noir Champs Cadet stammt aus genau jenem Jahrgang, ist dann aber keineswegs so herb wie befürchtet. Die Nase duftet sehr expressiv nach Himbeere, während der Mund zwei noch leicht nebeneinander stehende Komponenten bereithält: eine warme Fruchtnote, von den Fachleuten gern als „Babyspeck“ bezeichnet, und eine säurestrenge Ader. Das wird dereinst zusammenkommen und sich harmonisieren, wir werden es alle erleben. Nur nebenbei sei bemerkt, dass mir die sehr gut wiedererkennbaren Etiketten schon immer gefallen haben. Auch der „einfache“ weiße Bourgogne Vézelay trägt ein sehr geschmackvolles Etikettenkleid, wie Ihr als suchmaschinengeübte Menschen sicher schnell herausfinden könnt.

Ich wechsele zum nächsten Stand mit Weinen und Winzerin, die mir bislang unbekannt sind. Das soll nicht so bleiben. Ganz im Gegenteil, denn trotz mehrfachen Sprachenwechsels unterhalte ich mich sehr gut und interessant mit Trees Lybaert-Claes und später auch mit ihrem hinzu gekommenen Ehemann Luc. Die beiden stammen aus Belgien und bewirtschaften nun am Rand der Cevennen eine strenge zéro-zéro-Domaine (nichts draußen und nichts drinnen hinzugefügt) namens Lous Grezes. Sie besitzen kein Bio-Label und auch ansonsten kein Zeichen ihres Tuns auf den Flaschen. Als ich sie darauf anspreche, entspinnt sich wie erwähnt die interessante Diskussion, die mehrere Seiten zu Füllen imstande wäre. Ich werde Euch damit an dieser Stelle nicht über Gebühr behelligen, aber ich kritzele danach noch etliche Sätze in mein Notizbuch. Denn was ist besser, als neue Gedanken aufzunehmen, und das noch bei einem Thema, welches beide Seiten gleichermaßen interessiert? Eine rhetorische Frage, ich weiß. Also: Die Lybaerts kennen die Gegend von Urlauben schon lange, entschlossen sich aber dann im Jahr 1997, ein Häuschen in der Gegend zu kaufen. Ein bisschen Wein wäre auch ganz schön, aber als ihnen dann dieses Bisschen angeboten wurde, da hieß es nicht, ach, nehmt doch die zwei Hektar, sondern da hieß es „alles oder nichts“. Also alles, 15 ha mit den entsprechenden Konsequenzen.

Das mit dem Bio-Label und der fehlenden AOC hat auch seine Bewandtnis, denn wenn man eng mit anderen Winzern zusammen ist, gibt es auch den einen oder anderen, der dieses Bio-Label zwar besitzt, aber nicht die eigentlich damit erwünschte Philosophie. Da wird dann ganz nah an allen Grenzwerten gepulvert, gespritzt und behandelt, so dass die Lybaerts sich mit Schrecken abwenden. Mittlerweile haben sie selbst ein Label mitgegründet. Es heißt Vins S.A.I.N.S und vereinigt ein gutes Dutzend Produzenten in Frankreich, aber auch darüber hinaus, die sich zwar zusammenschließen, ihre Seele aber nicht verkaufen möchten. Das ist das, was ich am Anfang dieses Artikels als die andere Seite des Naturel-Spektrums bezeichnet hatte. Ja, radikaler in einem gewissen Sinne, ja sicher auch politischer, ideologischer.

Interessanterweise merkt man diesen Radix-Ansatz ihren Weinen geschmacklich nicht an. Ich hatte jetzt eher wilde Gesellen erwartet, aber die drei mitgebrachten Rotweine sind richtig elegant. Erst recht für den Süden, wobei es da ja mit der „Schule Gauby“, Cyril Fhal, Danjou-Banessy, Tom Lubbe von der Domaine Matassa oder eben Gauby selbst durchaus schon „Stilvorbilder“ gibt. Der 2014er Les Crompes du Chai du Grezes (eine gewisse verbale Reminiszenz an die von ihnen verlassene Appellation „Duché d’Uzès“) besteht aus 100% Grenache und ist vergleichsweise noch der ruppigste Vertreter. Zwar verblüfft auch er mit einer für den Alkoholgehalt (14 vol%) erstaunlich schwebenden Art, aber dann kommen schon die herzhaften Tannine und die leicht bittere Grenache-Kirsche. Die Cuvée Alibi aus demselben Jahrgang ist ebenfalls ein Grenache, aber von reinem Kalkboden. Sanfter wirkt er, eleganter, alles ist wunderbar eingebunden, ein wirklich harmonischer Wein. Aber – wer hätte das gedacht – da gibt es noch einen „Topper“, wie de Vlaamsen das so sagen würden, nämlich die Cuvée Treesor. 90% Syrah, 10% Grenache und erst mit einer leicht wilden Nase ausgestattet, am Gaumen dann aber wieder sehr elegant, fein und kühl wie ein Nordrhône-Produkt. Natürlich ist das alles auch der Jahrgang, denn 2014 war eindeutig strenger in seinen Aromen als der Nachfolgerjahrgang 2015, aber es ist halt auch eine Frage der stilistischen Philosophie. Wummstrinker, abstenez-vous! Das hier ist nichts für Euch, sondern für mich.

Zu guter Letzt (was bedeutet, dass mein Zug bald fährt, aber leider nicht, dass ich alles „geschafft“ hätte…) gehe ich dann noch zum Stand der Domaine Buronfosse. Hier ist der größte Andrang, aber dennoch bleiben Peggy und Jean-Pascal ausgesprochen entspannt. Vielleicht zeichnet diese Haltung sie ohnehin aus, denn als sie beide vor etlichen Jahren im Jura ankamen, da waren sie dort nicht nur fremd, sondern sie wussten auch noch nicht so ganz genau, was sie machen wollten. Irgendwie eine Art alternatives Lebens führen, ja, die Gegend hatte es ihnen gleich angetan. Und da beide eine Ausbildung in der Landwirtschaft besaßen, sollte sich das doch irgendwie schon managen lassen. Durch eine Verkettung von (im Nachhinein enorm günstigen) Umständen kamen sie erst zu zwei kleinen Parzellen mit Reben und letztlich zu 4,5 ha, verteilt auf 19 Parzellen. Natürlich wollten sie alles selbst machen, aber Luc arbeitete noch als Lehrer an der Landwirtschaftsschule in Lons, und Peggy musste feststellen, dass sie auch keine rechte Ahnung von Weinbau hatte. Also schnell noch einmal in Beaune die Schulbank gedrückt, ein paar hilfsbereite Nachbarn und Freunde gefunden (in ihrem neuen Heimatort Rotalier gibt es nicht weniger als zwölf Bio- und Naturel-Winzer, darunter ihren außerhalb sehr berühmten und durchaus individuellen Nachbarn Jean-François Ganevat), und los ging’s.

Mittlerweile ist das auch schon wieder 17 Jahre her, und was sich in diesen 17 Jahren weinmäßig alles getan hat, darüber kann ich nur spekulieren. Was dabei aber herausgekommen ist, davon können sich alle überzeugen, die Nasen haben zu riechen und Schlünder zu schmecken. Denn wahrlich wahrlich (keine Angst, ich komme gleich wieder runter), das sind wirklich richtig richtig gute Weine. Ich habe nur die beiden Weißen probiert, nämlich den Chardonnay Ephémère und den Savagnin L’Hôpital, beide aus dem Jahrgang 2015. Der Chardonnay hat seinen vergänglichen Namen daher, dass er nur manchmal extra produziert wird, was bei den erwähnten 19 Parzellen auch kein Wunder ist. Ausgebaut im Holz und „ouillée“, also das Fass immer wieder spundvoll gemacht, ist dies ein gleichzeitig nussig-cremiger, dann aber auch wieder birnig-pikanter Wein, wie er auf diese Art – so kommt mir das langsam vor – nur im Jura produziert werden kann.

Was in der Tat fast nur im Jura produziert wird, das sind Weißweine aus der dort heimischen Rebsorte Savagnin, ein Verwandter der großen Traminer-Familie mit weniger Breite und festerem Kern. Für den L’Hôpital kommen die Trauben aus einer Parzelle mit blauem Mergelgeröll über einem Sockel aus Kalkstein. 18 Monate auf der Hefe im Holzfass ausgebaut, ist das ein Wein, der heute (mit entsprechender Lüftung) schon geht, aber morgen auch und übermorgen sowieso. Und dieses Übermorgen könnte sogar in 20 Jahren sein, sollte jemand so vergesslich sein, den Wein bis dahin nicht getrunken zu haben. Das dürfte aber schwer fallen, denn nach der jung-apfeligen Nase folgt am Gaumen eine wunderbar seidige Textur, eine schöne grüngelbe Frucht mit Säurepikanz und ein enorm nachhaltiger Abgang. Jetzt war ich doch letztes Jahr schon im Jura und habe mich durch die Produkte der ganzen Biodynamiker probiert, aber irgendwie scheint die Gegend ein unerschöpfliches Reservoir für nette Leute und großartige Weine zu sein.

Ich komme zum Schluss (eine Aussage, die bei Vorträgen zuverlässig darauf hindeutet, dass man das erste Drittel geschafft hat): Vins Naturels und München, das kann durchaus zusammenpassen, wie ich finde. Was ich hier bei dieser relativ kleinen, aber feinen Messe vorgefunden habe, das war der Beweis für das vielfältige Spektrum, das Vin Naturel heute bereithält. Die Macherinnen und Macher können sowohl aus einer uralten Winzerfamilie stammen (das ist neu!) als auch komplette Aus- und Umsteiger sein.

Verglichen mit der Pionierzeit vor einigen Jahren, soweit ich das zuverlässig beruteilen kann, haben sich trotz des unterschiedlichen Backgrounds viele Weine heute auf einem deutlich höheren Qualitätslevel angesiedelt. Die ehemals konventionellen Winzer haben den Mut gefasst, auch mal etwas Untechnisches und Individuelleres zuzulassen. Und die Aussteiger produzieren mit der „richtigen“ Philosophie nicht etwa Kult-Essig, sondern neben Individuellem sogar wirklich Elegantes.

Wenn ich Weine kaufen möchte, die (platt ausgedrückt) gut für Mensch, Tier und Umwelt sind, führt an der Bio-Biodyn-Naturel-Welt ohnehin kein Weg vorbei. Aber ich gelange auch zunehmend zu der Erkenntnis, dass das Argument mit der mangelnden geschmacklichen Exzellenz dieser Weine einfach keines mehr ist. Wenn sich jetzt Egon Müller endlich dazu durchringen würde, seinen Scharzhof konsequent umzustellen, dann wäre auch die letzte noch verbliebene Lücke geschlossen…

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2 Antworten zu Vins Naturels in München

  1. ralph schreibt:

    Wie immer sehr interessant geschrieben! Da muss ich vor Weihnachten noch mal hin…

  2. Beate schreibt:

    Vielen Dank für den Tip. Wohne ganz in der Nähe und hatte den Laden im vorbeifahren gesehen. Das klingt so als ob man da dringend mal reinschauen sollte.

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