In der Bar: Codename Mixology Akasaka, Tokio

Wenn ich in meinem letzten Blogpost davon gesprochen hatte, „schon immer“ Pilze gesammelt zu haben, dies allerdings kurz darauf als unzutreffend kennzeichnen musste, bleibe ich diesmal bei der Wahrheit. Trotz ebenso übertrieben wirkender Ankündigung. Noch nie nämlich, und damit meine ich tatsächlich „noch nie“, habe ich auf diesem Blog, der sich mit Essen, Trinken und Reisen beschäftigt, über einen Barbesuch berichtet. Ehrlich gesagt liegt das daran, dass ich mich in Hemingway’schen Welten mit dicken Zigarren und harten Getränken nicht wirklich zu Hause fühle. Warum sollte das ausgerechnet hier in Tokio anders sein? Weil ich das Etablissement in gleich zweifacher Damenbegleitung betrete?

Vielleicht erst einmal ein paar Worte zum Ort an sich. Wir sind hier in Tokio, der japanischen Hauptstadt, über die es in letzter Zeit  (so trug man mir zu) auf Blogs und in Zeitschriften allerlei Negatives zu lesen gab. Steril, spießig, un-welcoming, wasweißich, so gehe es hier zu. Ich empfinde das ganz anders, aber dafür gibt es auch Gründe, die ich vielleicht an anderer Stelle noch einmal näher erläutern werde. Gern gebe ich aber zu, dass japanische Ausgehviertel ein bisschen verwirrend auf Neuankömmlinge wirken können. Auf dem Foto oben sehen wir eine solche Straße im Stadtviertel Akasaka. Im Erdgeschoss gibt es allerlei Läden, von der Currybude über Drogerien, Kochgeschirrläden, Elektronikbuden und Luxusrestaurants bis zu Hoteleingängen. Überall führen kleine Gänge zu weiteren Hinterhofeingängen. Und überall stehen Schilder herum, die in einer für Europäer unzugänglichen Schrift gehalten sind.

Und ja, das muss ich mental erstmal akzeptieren. Nach dem höchst klugen Selbsterkenntnis-Motto „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Manchmal ist ein bisschen Demut schon ganz okay.

Dies ist der Eingangsbereich zu nämlicher Bar „Codename Mixology Akasaka„. Auch hier wieder erfordert es ein bisschen Geschick, ein bisschen Recherchearbeit und ein bisschen Konzentration, um nicht voller Verzweiflung vor dem überbordenden Angebot wieder davonzulaufen. Im zweiten Stock, wie mit dem Wort „Mixology“ auf dem Schild angekündigt, finden wir schließlich den richtigen Ort. Man kann die Treppe hochgehen oder auch den Aufzug nehmen. In jedem Fall gibt es hier keine Klingel, keine strenge Türpolitik, sondern einen klassischen Tresen im vorderen und einen cozy wirkenden Sitzbereich mit Tischen im hinteren Bereich.

„Codename Mixology“ wurde im Jahr 2009 von Shuzo Nagumo nach seiner Rückkehr aus der Londoner Spitzengastronomie als kleine Bar in der Nähe der Tokyo Station gegründet. Im Jahr 2011 kam der Ableger in Akasaka hinzu, und mittlerweile gibt es fünf verschiedene Standorte in Tokio. Mit der Akasaka-Bar etablierte sich allerdings ein neues Element in der Cocktail-Welt von Shuzo-san: Hier leistete er sich die teuren Geräte, mit denen die Avantgarde-Küche Erstaunliches fabriziert, um dieses Konzept auf Drinks zu übertragen. Es gibt beispielsweise einen Rotationsverdampfer, der Destillate aus, nun ja, Speisen erzeugen kann.

Ein sprichwörtlich gefundenes Fressen für einen Essinteressierten wie mich. Bartender Hitoshi Fujiwara empfahl mir deshalb den „Tom Yum Cooler„, den Ihr oben auf dem Foto sehen könnt. Die Zutaten heißen Tom Yam-Wodka (aus dem Rotationsverdampfer), Tamarindensirup, Korianderblätter, Limettensaft, weißer Balsamico, Ingwerbier, Tabasco und crushed ice. Letzteres befand sich unten im Glas, gemeinsam mit einer nicht geringen Menge frischer Korianderblätter, oben drauf zur Dekoration und als Einstimmung noch eine dehydrierte Tomatenscheibe. Könnt Ihr also zu Hause gern nachbauen, ein bisschen Kleingeld und ein ziemliches bisschen Kunstfertigkeit vorausgesetzt. Der Geschmack des Cocktails ist so ungeheuer dicht dran an einer eiskalten Tom Yam-Suppe, komplett mit Schärfe, Fruchtigkeit und Aromendichte, dass ich es gern als „meisterhaft“ bezeichnen würde. Geht aber in Japan nicht. „Meister“ ist nämlich nur jemand, der sich sein ganzes Leben lang intensiv mit einer bestimmten Materie auseinandergesetzt hat, in all ihren theoretischen und praktischen Details. So ist die Philosophie hier. Ein bisschen Demut, ich sagte es ja schon.

Meine Begleitung No. 1, Julia von Beautyjagd, wählte den Cocktail „Four Seams“ mit den folgenden Zutaten: re-destillierter Hinoki-Wodka (hinoki ist eine hiesige Zypressenart), Sesamsirup, Zitronensaft, Eiweiß, drei Gewürze an den Ecken des hölzernen Trinkgefäßes, dazu eine Perilla-Blüte (vermute ich) an der vierten. Zu trinken ist diese sperrige Gabe tatsächlich über die vier Eckkanten, und das macht auch Sinn, weil das Getränk sehr stark von den jeweiligen Gewürzen lebt. Eigentlich hatte ich mir jene ja merken wollen, denn Hitoshi hatte sie uns erklärt. Aber wie das manchmal so ist…

Als dritter Drink kommt auf den Tisch der „Aroma Smoke Garganella„. Das heißt, er kommt nicht fertig auf den Tisch, sondern wird teilweise dort erst bereitet. Im Glas befindet sich bereits ein mächtiger, klarer Eisblock. Die Zutaten schreibe ich besser im Original auf: Tonka bean-infused Zacapa Rum, G4 (also Amaretto mit Irish Cream), Woodland Bitter Liquid (also ein Sud aus bitteren Wildpflanzen), Carpano Antica Formula (Wermut). Hitoshi hatte das Ganze in ein gläsernes Schädelgefäß gefüllt, zusammen mit Rauch. Dieser Schädel scheint in Bars irgendwie recht beliebt zu sein. Zuerst wird die Flüssigkeit in das Glas gefüllt, so dass sich das Eis leicht eintrübt, dann abgeflämmt und schließlich der Glasrand mit einer frischen Orangenschale abgerieben. Fertig ist ein echter „Gentleman’s Drink“, wie es auf der Karte steht. Die Nase spürt sofort die ätherischen Öle der Orangenschale, aber das Getränk selbst ist dann kein wirkliches Leichtgewicht, sondern ein sipping liquor. Die verschiedenen Bitternoten sind allgegenwärtig, dazu ein mittel- bis dunkelbrauner Holzton, feine Poren, abgelagert. Elegant.

Während wir uns unterhalten und an den Getränken nippen, füllt sich die Bar zusehends und ist schließlich bis auf den letzten Platz besetzt. Am Nachbartisch sitzen ein paar englischsprachige Herren, vom Alter her offenbar genau in Zehnerabstände gestuft. Im Nebenkompartiment ist eine gemischte größere Gruppe schon beim dritten Cocktail angekommen. Alle sehen asiatisch aus, scheinen aber aus verschiedensten Kontinenten zu stammen. An der Bar schließlich haben sich jüngere, für ein solches Etablissement extrem lässig gekleidete junge Leute aus Japan niedergelassen. Mir gefällt diese bunte Mischung, und auch wenn die Bücherwand nur eine aufgeklebte Tapete ist, haben es die Protagonisten geschafft, eine sehr gemütliche und sehr wenig anstrengende Atmosphäre zu kreieren, sowohl vom Äußeren als auch von der Stimmung her.

Fehlt am Ende des Artikels schließlich noch die Erwähnung meiner Begleitung No. 2, der wir dieses Treffen an diesem Ort überhaupt erst zu verdanken haben. Es ist Annika von Trend Traveller, eine ausgesprochene Bar- und Tokio-Expertin. Oder nein, das ist ja wieder eine quasi amerikanische Beschreibung. Japaner würden in dieser Situation von sich sagen, sie kennen sich „leider nur ein ganz klein bisschen“ aus. Alles andere erwirbt man sich dann im Laufe der kommenden Jahrzehnte.

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