Es war in Wien, war Vienna, wo er alles tat

…der Amadeus ist gemeint. Das Ex-Wolferl. Nicht ich. Von mir könnt Ihr so etwas nicht erwarten. Euer Reporter tut keinesfalls „alles“, vor allem nichts Angesagtes. Er zieht durch Kneipen, die keine Geheimtipps sind, isst Innereien, lauscht Gesprächen am Nebentisch, trinkt ein Achterl Veltliner, macht Fotos vom blauen Himmel und von der Wiener Hybris. Und denkt an heute, gestern und vorgestern. Selten an morgen. Es folgt ein ganz und gar subjektiver Streifzug durch Wien ohne Insider-Begleitung.

Ankunft in Wien an einem Wochentagsabend. Der Reporter ist erstaunt, wie früh es hier dunkel zu werden scheint. Er erinnert sich an das Konzept der Zeitzonen und versteht: Hier ist dieselbe Zeit wie in der Bretagne. Aber die Sonne geht eine Stunde früher schlafen. Ob das hier umgekehrt schon das „Land der Frühaufsteher“ ist? Der Reporter denkt an den Wiener Schmäh und verneint kategorisch. Wien muss finster sein, um es selbst zu sein. Zunächst aber Hunger. Aufgesucht wird das Gasthaus Engelhart, eine wahrhaft sichere Bank, wenn es um traditionelle Speisen und unexaltiertes Ambiente geht.

Ich bestelle Nierle, die sind leider aus, dann das Blunzengröstl. Dazu einen Schilcher-Sturm, denn wir haben Herbst, die ersten Schnellgärer sind im Glas. Am Nachbartisch trifft sich der philippinisch-österreichische Freundeskreis mit Flaggen auf dem Tisch. Es wirkt hauptstädtisch und weltgewandt, aber in Wirklichkeit geht’s um den bestmöglichen Kaiserschmarrn. Zum Abschluss nehme ich einen Kriecherl-Brand. Sehr fein, so sieht ein Feierabend aus.

Nächster Morgen, das Tageslicht droht. Der Naschmarkt ist nicht der Markt von Palermo. Es gibt viele Touristen, türkische Häppchen wie an der Theke im Can-Supermarket und ein paar Zwischenfreuden. Zu jenen gehört – eher dem „Naschen“ als dem „Markt“ verpflichtet – die Schoko Company mit dem kompletten Angebot von Zotter. Ich erinnere mich, in fernerer Vergangenheit nicht allzu viel von den Zotter-Schokoladen gehalten zu haben, weil ich nicht verstanden hatte, was sie sind: Pâtisserie-Stückchen, gegossen in Tablettenform.

Und sie sind noch etwas: der Beweis, dass irrwitzig kreative und neugierige Menschen irrwitzig kreativ und neugierig bleiben können, wenn sie nur genügend Durchhaltevermögen besitzen. Ich kaufe Sorten wie die „Fake Chocolate“ mit Erdnuss und Brennessel, den „KunstStoff“ mit Rosa Kokos und Fisch-Gummi, die „Gourmetreise Peru“, eines der kulinarisch interessantesten Länder überhaupt, und dreimal Wein-Schokolade: „Orange Wine“, „Salzberg Beerenauslese“ vom Weingut Heinrich und „Messwein und Weihrauch“. Need I say more?

Wien ist so unfassbar schön. Die Gebäude strahlen vor Stuck und Engerln, alles küsst die Hand. Es ist auch so unfassbar sauber, anders als Paris. Mehrfach drehe ich mich um, weil ich dachte, da ist grad der Herr Magister Kurz entlang gekommen in seiner wattierten Jacke.

Vielleicht war Wien auch einmal subversiv – oder vielmehr, vielleicht ist es das heute auch noch. Aber es waren die 80er, als diese subversiven Gestalten ans medienbeleuchtete Tageslicht kamen. Wir gehen ins Café Korb, geführt (oder einst geführt und jetzt begleitet, ich weiß das nicht genau) von der Künstlerin Susanne Widl. Ich erinnere mich daran, dass es im Berlin der End-80er-Jahre, also der Zeit, als ich selbst dort war, das „Wiener Blut“ gab in der Wiener Straße in Kreuzberg. Natürlich gibt es das immer noch, so wie es alles immer noch zu geben scheint, das jemals etwas mit Wien tun hatte. Aber wie fast alles, das jemals etwas mit Wien zu tun hatte, und vielleicht gilt das ja auch für Wien selbst, spricht es von der Erinnerung. Wien spricht aus jeder Pore von Zeiten, von Gesten, von Gedanken. Und immer im Präteritum. Oder vielmehr, in einer ganz spezifischen Vergangenheitsform, in der die Möglichkeit mitschwingt, dass es immer noch so ist.

In der Singerstraße im Ersten Bezirk treffe ich auf einen Weinladen, der genau das ausmacht, was ich im Wien dieser Tage empfinde (ich spreche von subjektiven Empfindungen, nur noch einmal zur Erinnerung). Es ist der „Weingroßhandel Grams & Co.„, wie es in altdeutschen Lettern an der Fassade steht. Ich hatte mich ehrlich gesagt nicht besonders gut auf Weinfachgeschäfte in Wien vorbereitet und wollte einfach dem Zufall das Feld überlassen; also sage ich, „aha, interessant, mal schauen, was es hier gibt“.

Es gibt Jahrgangsweine, und zwar solche für Jubiläen. Das ist das Spezialgebiet des Weingroßhandels Grams. Es gibt etwas für den Fredi zum Siebzigsten, für Jonas Oliver zur Geburt, für Silvia und Manfred zur Hochzeit, für Werner „resch und zünftig“. Egal wie alt jemand wird, irgendwo gibt es immer noch eine abgelagerte Flasche Halbtrockenen aus dem richtigen Jahrgang. Aber halt, nicht so schnell. Was sehe ich da? Madeira Barbeito 1943, uralte Jahrgangs-Ports. Das schierliche Tintenstrahl-Etikett von Silvia und Manfred täuscht eine billige Beliebigkeit vor, die eventuell gar nicht zutrifft. Ich glaube, hier gibt es echte Schätze zu heben. Aus der Zeit gefallene, selbstverständlich, aber sie vermögen dennoch richtig zu strahlen. Es muss nicht immer Pet’Nat‘ sein.

Weil es sich für einen kulinarischen Einkaufstouristen an einem Samstag so gehört, gehe ich selbstverständlich ins Julius-Meinl-Kaufhaus am Graben. Mir ist ebenso selbstverständlich bewusst, dass hier entsprechende Touristenpreise verlangt werden, aber ich mag einfach diese Esskaufhäuser. Ich gehe in Tokio in den Isetan, in Paris ins Bon Marché, in London zu Selfridges, ja, auch ins KaDeWe in Berlin, und immer nehme ich eine Kleinigkeit als Erinnerung mit. Im Fall Julius Meinl ist das kein Kaffee, sondern in der Tat ein Wein. Außerhalb Österreichs (vielleicht auch innerhalb, das weiß ich nicht genau) finde ich es ziemlich schwierig, die wahrhaft lokal-individuellen Weine der Thermenregion zu bekommen. Deshalb greife ich gleich zu, als ich im Regal den Zierfandler Modler von Johannes Gebeshuber sehe. Das Reifepotenzial des Weins gibt der Winzer selbst höchst vernünftig mit 35 Jahren an.

Ich laufe durch die Straßen, betrachte Schaufenster, Fassaden, Menschen, die einkaufen, Menschen, die Selfies schießen, und natürlich hat der 1. Bezirk, also die Wiener Innenstadt, etwas unglaublich Museales an sich. Alles ist stuckiert, wattiert, verziert, mit Tüchern ausgelegt und dadurch das alte Europa schlechthin, das Bilderbuchhafte. Eines, das interessanterweise visuell weniger als aggressive Gegenwartsmacht auftritt, sondern vielmehr als leicht verblichene und deshalb um so harmloser prunkende Vergangenheitsmacht.

Aber auch in Wien ist nicht alles golden. Ich gehe in der Wollzeile in die Buchhandlung Morawa und erstehe das Buch auf dem Foto oben, den „Tschocherl-Report„. Es handelt sich bei Tschocherln um, laut Wiki, „eine Variante des Wiener Kaffeehauses oder Gasthauses für die ärmere Bevölkerung“, um öffentliche, verrauchte Wohnzimmer, um früh öffnende und meist auch früh schließende, aber dennoch absturzaffine Kneipen. Das Buch gefällt mir, weil es auf eine liebevolle Weise diese Welt dokumentiert, und es erinnert mich sehr stark an den Kneipenmann von M.A. Numminen.

Was mir an Wien auch gefällt, das ist die Möglichkeit, mittags oder auch abends auf ein kleines, warmes Gericht einkehren zu können. Am Abend nach dem langen Streifzug esse ich nämlich ein „Kleines Gulasch“ im Café Frey in Weiden. Das ist unmodisch und genauso unprätenziös, wie es aussieht, aber wenn es Wien schon darum geht, möglichst viel Vergangenes zu bewahren, dann scheint mir die Balance zwischen Palast und Beisl dabei sehr wichtig zu sein.

Modisches habe ich leider weder erstanden noch aufgesucht in Wien. Das mag man bedauern, und ich tue das auch, verschiebe die ganzen Vin Naturel-Avantgarde Bar-Kreativ Kochkunst-Etablissements aber einfach auf das nächste Mal. Denn Wien ist und bleibt ein einzigartiger Ort, den zu erfassen vermutlich eine etwas längere Aufenthaltsdauer voraussetzt, als sie mir diesmal vergönnt war.

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5 Antworten zu Es war in Wien, war Vienna, wo er alles tat

  1. Ella schreibt:

    Ich freue mich immer wieder sehr, mit Ihnen virtuell auf Reisen gehen zu können! Wien steht auf meiner To-Do-Liste ganz oben, länger schon. Ich hoffe, dass ich es nächstes Jahr endlich mal schaffe. Was mich bei Ihren Posts auch immer sehr freut, sind so kleine Erinnerungsschlaglichter: In einem früheren Blogbeitrag gab es eine Bemerkung zu den Pixies, und ja! Die mag ich immer noch sehr, ist hier manchmal Küchenmusik. Und das “Wiener Blut”: Da bin ich in den 90ern auch ein paar Mal abgestürzt. Und Zotter-Schokolade! Wann kam die raus? Ist ja schon ein paar Jahre her. Fand ich damals sehr innovativ; es war für mich die erste Schokolade mit ungewöhnlichen Geschmackskombinationen, die gab es bei uns im “Frischeparadies”. Da wollte ich sowieso mal wieder rein schauen, vielleicht gibt es ja noch das Zotter-Regal. So haben Sie mich nicht nur nach Wien mitgenommen, sondern auch noch in die Vergangenheit. Vielen Dank dafür!

    • Matze schreibt:

      Als ich neulich gesagt habe, dass ich ein Buch schreiben möchte, hat mich eine (ziemlich junge) Kollegin doch ernsthaft gefragt: „Was denn, eine Autobiographie?“ Das kommt davon, wenn man ab und an kleine Erinnerungsschlaglichter aufscheinen lässt 😉

      • Ella schreibt:

        Nun ja, Autobiografien sind in; heute scheint jeder eine zu schreiben, gerade als Blogger, und egal, wie viel Lebenserfahrung. Da ist ja so einiges auf dem Markt. Man könnte das natürlich als Demokratisierung des Schreibens feiern, als Emanzipation von den Großschriftstellern und den Großfeuilletonisten. Ich kenne ja nur Ihre Blogpersönlichkeit und ein paar Texte aus dem Printbereich, aber mir gefällt Ihr Schreibstil, und Sie haben einiges zu erzählen. Langweilig erscheint mir Ihr Leben nicht gerade. Von daher… Lassen Sie Ihren Wunsch Wirklichkeit werden, dann haben Sie schon eine erste Leserin.
        PS: Ich kann auch mit Sachbuch und mit Fiktion…

      • Matze schreibt:

        Ein Buch über mein Leben? Neinnein, so egozentrisch bin ich dann doch nicht. Was sollte das sein? „Schwänke aus der Jugend oder Das große Buch vollkommener Nichtigkeiten“, so in etwa 😉 Nein, ich plane tatsächlich etwas, aber ich werde erst damit rausrücken, wenn es konkreter wird, also Anfang nächsten Jahres…

  2. LArichard schreibt:

    „Tschocherlreport“ dass es sowas tatsächlich gibt! Wien eben – mußt irgendwie dabei an den unvergesslichen Hr. Karl denken der ganz allein am Heldenplatz steht DAMALS

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