Weinreportage: In den Weinbergen der Domaine Montirius (Teil 2)

Ich bin immer noch auf der Domaine Montirius, gelegen im Süden des französischen Rhônetals, den Mont Ventoux in der Ferne im Blick. Wie schon in Teil 1 dieser klitzekleinen Weinreportage angekündigt, hatte ich mir von Eric Sorel in meine Karte die einzelnen Parzellen einzeichnen lassen, aus denen sie ihre Weine holen. Darauf hatte ich mich ehrlich gesagt fast am meisten gefreut: Die Weinberge in dieser für uns Nordländer (wenigstens seit Goethe) immer so seltsam anziehenden mediterranen Landschaft zu besuchen, ein bisschen herumzuwandern, die Gedanken streifen zu lassen.

Es ist nicht besonders heiß an meinem Besuchstag auf Montirius. Aber der Mistral hat den Himmel freigefegt. So sehr, wie einem dieser kühle Nordwind auf die Nerven gehen kann, so wichtig ist er auch für die gute Durchlüftung der Reben.

„Le Clos“ ist die Parzelle direkt beim Weingut, je zur Hälfte bestockt mit Syrah und Grenache. Es handelt sich um eine Hügelkuppe, die auf allen Seiten von mediterranem Wald umgeben ist, Steineichen vor allem. Dadurch ist der Ort gleichzeitig exponiert und geschützt. Aus dieser Parzelle wird der Vacqueyras Le Clos gezogen, dessen Flasche Ihr ja schon oben auf dem Bild gesehen hat. Das ist einer meiner Lieblingsweine von Montirius, weshalb ich auch die 2015er-Version gekauft und mittlerweile in den Keller gelegt habe. Der Wein ist gleichzeitig tief und fein, gleichzeitig pur und elegant. Zwar von einer klaren Schlankheit für einen Wein des Südens, aber keineswegs so drahtig, dass er beginnen würde, anstrengend oder gewollt zu wirken. 30,39 € kostet er (fragt mich nicht, was die Cent-Beträge bedeuten sollen), was natürlich ein Wort ist für einen Vacqueyras. Aber komplett angemessen für den Clos von Montirius, die Philosophie erscheint mir in der Tat überzeugend.

Ich fahre ein paar hundert Meter weiter nach Westen, vor allem aber von der Hügelkuppe bergab. Hier gibt es eine Parzelle mit zumindest am Rand jünger wirkenden Reben (in Wirklichkeit sind sie im Durchschnitt auch 50 Jahre alt), die ein ganz anderes Oberflächenbild zeigt. War es oben auf dem Hügel noch sehr steinig, herrscht hier feinkörniger Lehm vor. Auch sie ist von Wald und Büschen umgeben, weit ab von großen Straßen, Industrien und städtischen Siedlungen. Aus dieser Parzelle wird der Côtes du Rhône La Sérine geholt, den ich zusammen mit dem Jardin Secret mit nach Hause genommen habe, um ihn gesondert zu testen.

Beide Weine kosten ab Weingut 16,29 €, und beide bestehen jeweils nur aus einer Rebsorte. Das macht den Vergleich so spannend, denn der Montirius-Stil, die Weinbergspflege, die Kellerarbeit, all das ist ja bei beiden gleich.

Der Sérine 2014, ein 100%iger Syrah („Sérine“ ist der alte Name der Rebsorte in Ampuis, mehr dazu hier), besitzt 13 vol% Alkohol, das ist mittlerweile enorm wenig für die Südrhône, aber es spricht für die Balance, die Eric erwähnt hatte. Die Nase hält zunächst die typischen Syrahnoten nach rohem Fleisch und Leder bereit, aber alles eingebunden in einen warmen Ton. Das ist Harmonie in einem strengeren Sinne. Im Mund wirkt die Sérine pur, stolz und bläulich. Schlehen und Brombeere, aber ohne Breite und Alkohol. Ein komplett unbarocker Wein, Bauhaus in Fruchtform.

Der Jardin Secret 2014, ein 100%iger Grenache hat 13,5 vol% aufzuweisen, und das ist für einen Grenache (der viel mehr zur „Breite“ neigt) noch weniger als 13 vol% für einen Syrah. Auf dem Etikett dann alles, was die Zertifikatswelt hergibt: Biodyvin, EU-Bio, Vegan, Gluten Free. Kann man machen. Farblich deutlich heller als die Sérine, in der Nase dann gar nicht so stark kirschig oder weich wie vermutet. Am Gaumen ist der Jardin Secret erwartungsgemäß weniger dunkel in der Frucht, Sauerkirsche und Cranberries, aber auch hier weniger Würze, weniger südliches Feuer, sondern ein Stil, der von vornherein zur Form erzogen wurde. Ich fühle mich gedanklich erinnert an den „Nordland-Ansatz“, den Comando G und Konsorten derzeit im kastilischen Hochland fast avantgardistisch aus dem Hut zaubern. Das ist cool climate-Stil ohne den stripped to the bone-Extremismus, weil die Frucht weich und schwebend für das Lächeln sorgt.

Die dritte Parzelle, die ich besuche, ist von allen am leichtesten zu erreichen. Auch für Euch, solltet Ihr mal in der Gegend sein. Wenn man von Cairanne nach Vacqueyras auf der D8 fährt, kommt man hinter dem Kreisel bei Violès über eine Brücke. Unter der Brücke fließt die Ouvèze. Oder tröpfelt jetzt im Frühherbst eher. Und hinter dieser Brücke folgt links eine große Parzelle, auf der am Ende auch ein Schild der Domaine Montirius steht. Diese Parzelle ist groß, richtig groß, 10 ha insgesamt, und sie befindet sich seit fünf Generationen in Familienbesitz. Es verwundert deshalb kaum, dass mir sowohl Eric als auch Manon sagen, wie viel dieser Ort der Familie bedeutet.

Interessanterweise nähere ich mich der Parzelle auf eine ganz ungewöhnliche Art, weil ich schon direkt hinter der Brücke auf eine Art Schuttplatz fahre, von dem aus ein Hohlweg aufwärts führt. Zwischen hohen Felsmauern und Steineichen muss ich unwillkürlich an den Reichsvogt Gessler denken, „hier vollend ich’s, die Gelegenheit ist günstig!“, aber es tanzen nur die Schmetterlinge friedlich im Schatten. Im Schatten? Ja, die Gelegenheit ist günstig für eine kurze Abschweifung: Bei uns im Norden sitzen die Schmetterlinge ja fast ausschließlich in der Sonne, die sie als Energielieferant benötigen. Hier in Südfrankreich (und übrigens auch in den Tropen) sind die meisten Schmetterlinge zumindest im Sommerhalbjahr viel lieber an schattigen Stellen unterwegs, wo sich die wenige Feuchtigkeit im Boden besser gehalten hat. Nachdem ich also etwa zehn Minuten diesen feuchten Hohlweg entlanggegangen bin, öffnet sich die Szenerie urplötzlich. Ich stehe am Rand der Montirius-Parzelle und erblicke das, was Ihr oben auf dem Foto seht: eine große Weite rundherum und am Ende der Ebene die Felsformationen der Dentelles de Montmirail.

Aus dieser Parzelle mit dem Namen „La Beaumette“ holen die Sorels drei verschiedene Weine, alles AOP Gigondas: den Terre des Aînés (eine von drei Herkünften für diesen Wein, 85 Jahre alte Reben), La Tour (35 Jahre alte Reben, die jüngeren) und Confidentiel (ein kleiner Abschnitt von 1 ha im Osten).

Terre des Aînés ist neben dem Le Clos mein zweiter Leblingswein von Montirius, und ich habe auf dem Weingut noch einmal die 2013er Version probiert: 24,39 € kostet der Wein und besteht aus 80% Grenache und 20% Mourvèdre bei 13,5 vol%. Die Nase ist durch den hohen Grenacheanteil deutlich kirschiger als beim Clos, ansprechender, heller, zugänglicher, ein bisschen erinnert es mich an den Château des Tours-Stil von Emmanuel Reynaud. Im Mund setzt sich der Eindruck fort mit einem weichen und würzigen Anklang. Tannin ist zwar vorhanden, der Wein soll sich ja auch entwickeln, aber alles bleibt sehr zivilisiert – das ist das Montirius-Konzept. Charmant ist der Wein, aber nicht ausufernd, denn das verhindert der Anklang von Bergfrische im Abgang. Das, so meint Manon, könnte durchaus von der Lancieu-Parzelle kommen, denn die sei am weitesten in den Bergen gelegen, und ihre Erträge gehen ebenfalls in den Terre des Aînés. Logisch, dass ich zum Abschluss diese Parzelle auch noch besuchen muss.

Kurz vor Sablet biege ich also ab von der Straße in Richtung Berge. Ein schmales Asphaltband zieht sich an Höfen, Weinfeldern und Baumgruppen entlang. Nach vielleicht zwei Kilometern bin ich da. Lancieu heißt die Parzelle genau wie das Land drumherum, manchmal auch L’Encieu geschrieben. Eigentlich hatte ich der schöneren Fotos wegen gehofft, dass man von hier direkt die Felsen sehen könnte, aber die Berge verstecken sich hinter aufsteigenden Pinien- und Steineichenwäldern. Ganz still ist es, und ich stelle mir vor, wie hier im Frühjahr bei Sonnenaufgang die Vögel singen. Die Parzelle selbst besteht aus drei Terrassen, die früher einmal unterschiedlichen Besitzern gehört haben mögen. Und mit jeder Terrasse ändert sich auch der Untergrund: Oben gibt es hellere Kiesel, unten wird der Boden rötlicher, eine eisenoxidhaltige Schicht vielleicht. Alte und knorrige Reben wachsen hier aus der Erde, und weil dies ein so friedlicher und poetischer Ort ist, bleibe ich noch ein wenig länger.

Da sitze ich also im Baumschatten (beim Blick aus dem Fenster glaube ich selbst kaum, dass das noch gar nicht lang her ist) und lasse ein wenig den Tag Revue passieren. Montirius ist ein großes Weingut, ein richtig großes für unsere Verhältnisse – jedenfalls von der Fläche her. Vom Ertrag her sieht es natürlich ganz anders aus als bei uns im Norden. Bei den meisten Cuvées holen die Sorels etwa 30 hl/ha aus ihren Reben, das ist nicht nur meilenweit unter dem Ertrag in Deutschland, sondern auch nur gut die Hälfte dessen, was hier in dieser Region Usus ist. Dennoch bedeuten die vielleicht knapp 200.000 Flaschen im Jahr, dass man so viel Wein auch erst einmal verkaufen muss.

Und das ist vielleicht das große Verdienst der Sorels: umgestellt zu haben auf eine ressourcenschonende Wirtschaftsweise, auf eine strikte Qualitätsorientierung, und sich über die damit erworbene Reputation nach und nach eine Stammkundschaft aufgebaut zu haben. Deshalb ist es auch sicher richtig, diese Stärken beizubehalten. Denn Konstanz und Durchhaltevermögen sind einfach Tugenden, die man nicht unterschätzen sollte. Gut also, dass es ein solches Zugpferd in der Region gibt.

Persönlich hätte ich mir vielleicht auch einmal einen etwas wilderen Wein gewünscht, unfiltriert, vielleicht ungeschwefelt, ein bisschen mehr urban-weinbar-mäßig. Aber vielleicht ist das eher die Nische für die Kleinen. Und vielleicht passt so ein Ansatz auch nicht wirklich zu Eric Sorel, zu seinen sauberen, puren, biodynamischen Weinen. Auf der Rückfahrt musste ich ein wenig schmunzeln, weil mir spontan eingefallen war, an wen mich die Philosophie und die Umsetzung von Montirius erinnern… Vielleicht ist Eric Sorel nämlich ein bisschen der Winfried Kretschmann der Südrhône: realpolitisch grün, eigensinnig – und enorm vernünftig.

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