Mein idealer Tag in Aubenas/Ardèche

Aubenas ist eigentlich nichts weiter als eine Kleinstadt in Frankreich. Eine Kleinstadt, gelegen an der Schwelle zwischen dem Kanu-Tourismus an der Ardèche und den immer einsamer werdenden Höhen der Cevennen. Eine Kleinstadt mit zwei Herzen, dem einen oben um den alten Schlossberg herum und dem anderen unten in der Ebene mit seinen flachen Industriebauten. In Wirklichkeit aber ist Aubenas genau das, was wir Nordländer uns vorstellen, wenn wir an „das gute Leben“ in Frankreich denken. Und das werde ich mit meinem kleinen kulinarischen Stadtrundgang zu beweisen versuchen.

Unten in der Ebene kreuzen sich die Verkehrswege. Es gibt dort zwar Arbeitsplätze und Einkaufsmöglichkeiten, aber der nicht unerhebliche Trubel bei einer Stadt von lediglich 12.000 Einwohnern mag einen schon verwundern. Dieser Trubel hängt allerdings primär mit der Lage der Siedlung zusammen: Weit ist es von hier in jede andere nächst größere Stadt. In Richtung Westen heißt der entsprechende Ort Le Puy-en-Velay und ist fast zwei Stunden entfernt. Kein Wunder also, dass sich an den Kreiseln vor dem Intermarché Hyper, dem E. Leclerc und dem Baumarkt gewisse Autoschlangen bilden können.

Es gibt aber auch interessante Läden in der Ebene. Einer davon ist der Biocoop „Les Gatôbio. Gähn, denkt Ihr jetzt vielleicht, was soll denn an einem Bioladen Besonderes sein? Naja, der Gatôbio hat beispielsweise jede Menge regionaler Produkte von Kleinstherstellern zu bieten, egal ob das Kastanienbiere, Honig, Olivenöle oder Wildschweinpasteten sind. Oben auf dem Foto könnt Ihr einen Blick werfen auf die Auswahl an alten Tomatensorten. Schmecken super, so ohne Giftmischungen an der Sonne gereift, eignen sich allerdings nicht gerade als ideale Mitbringsel.

Ein bisschen besser importieren kann man da schon die Produkte der beiden bedeutenden Kastanienverarbeiter vor Ort. Hier am Rand der Cevennen (wie übrigens auch an anderen Gebirgsrändern wie im Tessin) hat man sich in den Jahrhunderten der Armut oft mit Esskastanien über Wasser gehalten und sie ähnlich wie Kartoffeln auf alle möglichen Arten zubereitet. Bei Sabaton und Imbert macht man das heute noch, wobei sich Imbert bei mir in einem knallharten Produkttest als Sieger durchgesetzt hat. Die Produktionshalle sieht – bis auf den Olivenbaum davor – nicht besonders schmuck aus, aber sie befindet sich quer über die Straße beim Intermarché, und es gibt auch eine Boutique.

An marrons glacés hatte ich bislang keine besonders guten Erinnerungen. Hundsteuer und pappsüß, dazu zäh. Zumindest die letzten beiden Elemente treffen auf die marrons glacés von Imbert überhaupt nicht zu. Dafür kostet ein solches Leckerchen je nach Größe gut 1,50 €. Aber dass es sich um reine und aufwändige Handarbeit handelt, wird einem spätestens dann bewusst, wenn man ein kleines Schächtelchen davon in der Boutique kaufen möchte. Dann wird nämlich erst in der Produktion Bescheid gesagt, und nach einer gefühlten Ewigkeit kommt jemand mit den frisch in Goldfolie gehüllten Kastanien herbei. Wie die Imberts das zu Stoßzeiten vor Weihnachten machen, wenn nicht zwei, sondern mindestens 20 Kunden in der Boutique auf ihre marrons glacés warten, ist mir allerdings ein Rätsel.

Jetzt aber hoch in die Innenstadt. Ihr könnt dafür entweder die Parkplätze am Rand benutzen oder – wenn es entsprechend heiß ist und Ihr fatalerweise schon zwei Packungen marrons glacés erstanden habt – auch das etwas versteckt liegende Parkhaus ansteuern. Allerdings nicht, wenn Ihr mit Wohnmobil, Lieferwagen oder SUV unterwegs seid; dies ist ein Ort, der damals für Autos der Sorte Renault R 5 gebaut wurde.

Auf dem Foto oben seht Ihr eine Boutique von außen, nämlich den sehr gut sortierten Bierladen „Antre Brune & Blonde. Anders ist es mir auch noch nie ergangen. Denn einerseits hat man dort meist erst ab 14:30 Uhr geöffnet, andererseits kann auch ein Festival in der Nähe stattfinden, so dass der Laden „ausnahmsweise“ geschlossen bleibt. Franzosen hätten natürlich vorher angerufen…

Wesentlich mehr Glück hatte ich bei meinen Besuchen im Feinkostladen „La Table Gourmande. Hier gibt es fantastische Dinge in Gläsern und Dosen, die unsere üblichen „Heringsfilets in Tomatensoße“ aber sowas von alt aussehen lassen. Wer sich auch nur ein bisschen für die Raffinesse der transportablen französischen Küche interessiert, wird hier unter Garantie fündig. Dasselbe gilt auch für die im Keller gelegene Weinauswahl. Hochwertiges von der Nordrhône, feine Burgunder (den Rully Premier Cru von Jacqueson hatte ich schon auf Instagram gezeigt) und dazu eine ganz besondere Spezialität, auf die ich am Schluss des Artikels noch zurückkommen werde.

Da wir jetzt die Mittagszeit erreicht haben, bietet es sich an, ein nettes Restaurant aufzusuchen. Für eine Stadt dieser Größe (= Kleine) hat der einschlägige Guide du Routard beachtlich viele Restaurants gelistet, nämlich sechs Stück, alle nur wenige Schritte voneinander entfernt.

Sehr nett, also wirklich sehr nett ist der „Salon d’Ann-Sophie„, den Ihr oben auf dem Foto sehen könnt. Man kann draußen auf der Terrasse sitzen oder auch im verwinkelten Innenraum mit seinem alten Mobiliar, den Deckchen, den vielen Büchern, der alt-wohnzimmerlichen Gemütlichkeit. Alles läuft hier sehr persönlich ab, und es ist dies ein Ort, an dem sich – wenn ich das mal so hervorheben darf – Frauen auch allein wohlfühlen.

Das Essen besteht mittags aus einer Art größerem Ardèche-Tapas-Sortiment für 18 €. Alles frisch, handgemacht und sehr geschmackvoll. Wenn ich einen „Gang“ davon besonders hervorheben sollte, dann wäre das die Kastaniencrèmesuppe rechts unten, „nach dem berühmten Rezept von Christiane“, wie mir versichert wurde.

Ein ganz anderes Esserlebnis bietet das vielleicht 50 Meter weiter gelegene „M Restaurant„. Michaël Dumas, der junge und sehr talentierte Koch, zeigt hier auf inspirierende Art, was er so alles gelernt hat. Zwei Gänge kosten mittags 18,90 €, drei Gänge 21,90 €, und das Ambiente ist vor allem drinnen eher galerieartig modern.

Ich hatte mich für die wirklich interessante Vorspeise entschieden namens „Moules de Bouchot. Velours de fenouil et chips chorizo„. Dazu noch ein paar südliche Aromen mit Tomate und Basilikum und, tja, kross frittierte laitues de mer, wie mir schien. Als Hauptgang gab es Seehecht auf einem Pistou-Bett.

Die Weinkarte im M Restaurant ist nicht wahnsinnig lang, aber man kann bei jedem einzelnen Wein erkennen, dass er mit Bedacht ausgewählt wurde. Wir nahmen den Sauvignon blanc „La Chasse aux Papillons“ von Jérôme Jouret, einen vin naturel hier aus der Ecke. Vin naturel-Skeptikern sei versichert, dass dieser Wein komplett „sauber“ daherkam, also ohne Essignoten oder sonstige Fehltöne. Sauvignon blanc-Skeptiker hingegen werden sich über die geringe Parfümiertheit und Aufdringlichkeit freuen. Der Wein kommt sogar ganz anders daher als erwartet, nicht platt in Säure und Aromatik, aber doch mit sehr südlichen Noten nach Harz und trockenen Garrigue-Kräutern, dazu einer gewissen Rauchigkeit. Wer die grüne Frische von nördlichem Sauvignon blanc sucht, wird damit allerdings eher nicht glücklich. Ein sehr interessantes Produkt in jedem Fall und genauso empfehlenswert wie der ganze Restaurantbesuch.

Oben am Hauptplatz vor dem Schloss und in der anschließenden Grand Rue gibt es auf vielleicht 100 Metern vier bis fünf Eisdielen – oder zumindest Cafés, die Eis von bekannten Glaciers anbieten. Zum Platzhirschen im wahrsten Sinne des Wortes hat sich allerdings „La Fabrique Givrée“ gemausert. Es gibt hier sehr interessante Becherkreationen wie im Moment die „Hot Charlotte“ mit Himbeer- und Erdbeer-Sorbet, Biscuit de Reims, roten Früchten, Sahne und Pistazienpulver in Rosenform, garniert mit geschäumtem Grenadinen-Joghurt.

Ich alter Langweiler nehme aber natürlich wie immer eine Auswahl an Eiskugeln. Dankenswerterweise gibt es einen Probierteller mit sechs Minikugeln nach Wahl. Ich nehme dreimal Milcheis (Frischmilch aus den Ardèchebergen von der Laiterie Carrier) und dreimal Sorbet (vulkanisches Wasser von der Quelle „Reine des Basaltes“) – auf dem Foto von links oben aus im Uhrzeigersinn: Abricot (Camille/St-Rémy-de-Provence), Basilic (Laurent/Ardèche, bio), Marron d’Ardèche (Imbert), Amande grillée (Valencia, bio), Mangue Alphonso (Indien), und Café Guatemala Gran Cru, das ist die weiße (!) Kugel in der Mitte. Fantastisch, ein kleiner Geschmacksritt auf höchstem Niveau für 7 €!

Zum Schluss möchte ich Euch noch die Wein-Spezialität vorstellen, die ich weiter oben schon angekündigt hatte. Bei „La Table Gourmande“ kann man nämlich Rotweine von zwei lokalen Produzenten erwerben, die zu 100% aus der Chatus-Traube gekeltert wurden. Sagt Euch nichts? Kein Wunder. Das ist eine Rebsorte, die im Mittelalter hier an der Cevennen-„Côte“ weit verbreitet, bis vor wenigen Jahren aber fast ausgestorben war. Mittlerweile gibt es wieder über 60 ha davon, und der Chatus ist dabei, sich neuerlich zu einem der „Geschmäcker der Region“ zu entwickeln.

Obwohl bei diesem robusten Gewächs zu längerer Lagerzeit geraten wird, habe ich die rechte Flasche auf dem Foto (Domaine du Grangeon 2014, 12,5 vol%, 16 €) schon einmal aufgemacht. Der Kork sieht schon mal sehr haltbar aus. In der Nase frisches Holz vom Ausbau, dazu rote Beeren, Sauerkirsche, leicht herb. Am Gaumen besitzt der Wein wenig überraschend spürbares Tannin und eine recht herbe Art, begleitet von Aromen roter, keinesfalls schwarzer Früchte. Der Körper ist relativ leicht, der Alkohol auch, dieser Wein besitzt weder Fett noch Süße, sondern eine traditionell sehnig-langlebige Struktur, ohne aber mager zu wirken. Das ist geschmacklich gesehen nicht die Rhône, sondern viel eher der Südwesten Frankreichs. Und sowas gefällt mir, das ist ein Frankreich ganz alter Zeiten in zeitgemäßem Gewand.

Und damit bin in am Ende meines Rundgangs durch Aubenas angekommen, dieser kleinen Kapitale zwischen Süden und Bergen. Samstags gibt es hier einen weithin bekannten Markt, und wenn Ihr Euch the full monty gönnen wollt, dann kommt im Frühherbst an genau jenem Wochentag. Ihr werdet es nicht bereuen.

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