Camba Bavaria: Bier-High-Tech aus der Provinz

„I gangad so gern auf d’Kampenwand, wann I mit meiner Wamp’n kannt!“ Einer meiner Lieblingsreime, so schlicht wie einleuchtend, wenngleich die Bahn mittlerweile so manchen Bauch in Richtung Gipfel getragen hat. Jedenfalls musste ich genau an diesen Reim denken, als ich die Kampenwand auf meinem Weg von Truchtlaching nach Seeon erblickte. In Seeon, nördlich vom Chiemsee, steht die nagelneue Anlage der Brauerei Camba Bavaria, während sich in Truchtlaching der Vorgänger- und in Gundelfingen der Vorvorgängerbau befindet, aber alle drei Braustätten stellen noch Biere her. Wie denn, werdet Ihr fragen, eine Brauerei mit drei Standorten, handelt es sich da etwa um einen internationalen Großkonzern mit Massenbieren? Und sowas stellst Du hier vor? Aber nicht doch. Charakterlose Massenbiere gibt es bei Camba Bavaria keinesfalls, aber etwas Besonderes hat es mit diesem Brauunternehmen schon auf sich, und deshalb möchte ich über Brauerei und Biere hier berichten.

Camba Bavaria ist nämlich sozusagen ein Spin-off des Brauanlagenherstellers BrauKon. Oder auch ein kommerziell genutzter permanenter Showroom. Oder auch eine ebenso traditionsbewusste wie latent freakig-experimentelle Probierstube. Oder auch ein mentales Stück ganz weite Welt mitten in der totalen Provinz. Aber eigentlich alles das zusammen.

Wie hat sich das alles zugetragen? Nun, am Anfang war der schon erwähnte Anlagenbauer BrauKon, der sich darauf spezialisiert hatte, alles herzustellen, was mittelständische Brauereien so an Gerätschaften benötigen. Bei meinem Besuch vor Ort habe ich eine Weltkarte mitgenommen, in die all jene Brauereien eingetragen sind, die schon einmal eine komplette Anlage oder einen bestimmten Teil von BrauKon erstanden haben. Auch wenn es natürlich einen regionalen Schwerpunkt im Süddeutschen gibt, sind tatsächlich alle fünf Kontinente dabei, sowohl sehr bekannte Namen als auch solche, die ausschließlich Eingeweihten etwas sagen. So weit, so gut.

Jetzt ist Bier aber ein Getränk, von dem man nicht nur lesen möchte, das man sich nicht nur durch das Anschauen glänzender Stahltanks vorstellen möchte. Denn ebenso wie bekanntermaßen Liebe durch den Magen geht, lassen sich potenzielle Käufer auch eher von den Qualitäten eines technischen Geräts überzeugen, wenn sie denn probieren können, was mit diesem Gerät ganz konkret hergestellt worden ist. Auf diese Weise ersonnen die BrauKonner ein von ihnen so genanntes „BrauTechnikum“ mit Praxistest-Möglichkeiten. Aber irgendwie hat sich die Sache ein wenig verselbständigt. Im Jahr 2008 wurde jedenfalls aus dieser Teststube eine „ganz normale“ eigenständige Brauerei. Und die lief erst gut, dann immer besser.

Das äußerst beengte Gelände in Truchtlaching zwischen der Alz (auf der an Sommerwochenenden Tausende mit dem Boot zu paddeln scheinen) und dem steilen Hang bot einfach überhaupt keinen Platz. Und so beschloss man, am Rand des Nachbarortes Seeon im Gewerbegebiet einen Neubau hinzusetzen, bei dem die Produktionshalle für die Anlagen und die Brauerei schön geräumig vereint sind. Der Genehmigungsprozess zog sich zwar eine ganze Weile hin, aber seit Anfang 2017 wird in Seeon fleißig gebraut, geschraubt und exportiert. Die ganze Anlage ist – das könnt Ihr auf den Fotos vielleicht erahnen – ein echtes Schmuckstück geworden, ein Mittelding aus bewusst stylischer kalifornischer Craft Brewery mit Tap Room und einem Verkaufsraum für Brauereibedarf mit Erklärungen und Beschriftungen an allen Gerätschaften.

Großes Glück hatte ich übrigens, dass der zugehörige Brauerei-Shop bei meinem Besuch noch geöffnet hatte. Das Internet verriet, dass man freitags hier bis 17 Uhr einkaufen könne, während an der Tür stand, dass nachmittags komplett geschlossen ist. Die wahre Schließzeit scheint freitags bei 16 Uhr zu liegen (parallel zur Büroöffnungszeit), und es wäre ganz schön, wenn man das dann auch für den nicht ortsansässigen Besucher deutlich machen könnte. Das war es allerdings auch schon mit meiner Pauschalkritik. Was mich nämlich besonders interessierte, das waren die einzelnen Biere. Alle habe ich nicht gekauft, aber doch immerhin zwölf verschiedene. Vier davon habe ich zu meinen Lieblingsbieren gekürt.

Da ist zunächst das Saison. 6,0 vol%, 13,5° Plato, IBU 20 und folgende Bestandteile: Wasser, Gerstenmalz (Pilsner, Caramelmalz), Weizenmalz, Hopfen (Tettnanger), Hefe (Belgische Saison-Hefe), ein obergäriges Bier natürlich. Wie Ihr möglicherweise wisst, besitze ich eine gewisse Affinität zu belgischen Bieren, und einer meiner Favoriten ist der Saison-Stil mit seiner vollmundig-getreidigen Ausgewogenheit.

Relativ dunkel ist das Camba-Saison, helles Amber, würde ich sagen. In der Nase ebenfalls eher dunkle, harzige Noten, eher urtümlich als elegant. Am Gaumen ist das Bier sehr vollmundig, leicht karamelisiert, immer noch harzig, leicht Honig, dazu trockenes Heu, Strohblumen, weniger Gras und Blüten. Der Hopfen – das ist ja das Angenehme an einem guten Saison – ist durchaus da, aber in seiner milden und ausgewogenen Art, was eine Kombination mit vielerlei Speisen begünstigt. Ich denke spontan an Frikadelle.

Mein zweites Lieblingsbier heißt Hop Gun, also schon ziemlich martialisch. Die technischen Werte sehen wie folgt aus: 6,4 vol%, 14,6° Plato, IBU 46, Wasser, Gerstenmalz (Pilsner, Münchner, Caramelmalze), Hopfen (Simcoe, Amarillo, Select), Hefe (Amerikanische Ale-Hefe). Das Bier wird als „Dry Hop Brown Ale“ bezeichnet, was die Richtung vorgibt: ein kräftiges, obergäriges, braunes Bier mit ordentlicher Hopfengabe – amerikanischer Stil.

Farblich haben wir es hier mit einem relativ dunklen Amber zu tun, rötlich durchscheinend. Eine Warnung sei allerdings ausgesprochen: Das Bier besitzt die Neigung, aus der Flasche zu gischten. Vielleicht hätte es doch etwas weniger Hefe bekommen sollen… Die Nase zeigt dann in klarer Trennung die beiden Hopfenelemente: einerseits frischer Frühlingsduft, andererseits herbstliche Trockenfrüchte. Im Mund ist die Hopfen-Knarre erst dunkel baumharzig, Waldhonig, dann von mittlerem Körper mit Noten von asiatischer grüner Pflaume, bitter, aber nicht spitz. Die Bitterkeit klingt hinten nach, bleibt aber auf einem ausgewogenen Level, weit von vielen amerikanischen Extremen entfernt; die Craft Freak-Amis würden das Bier für mild halten. Ich finde diese auf allen Aromenebenen spielende Hopfigkeit wirklich interessant.

Bier Nr. 3 ist das Nelson, ein „Dry Hop Wheat“, 5,3 vol%, 12,4° Plato, IBU 26. Nun sind 26 Bittereinheiten natürlich nicht furchteinflößend, aber ich verbinde damit die Hoffnung, dass der in aller Regel recht üppige Hefeweizenkörper dadurch in genau dem passenden Maß ein wenig eingeschnürt wird. Noch schnell die Bestandteile: Wasser, Weizenmalz, Gerstenmalz (Pilsner, Münchner), Hopfen (Nelson Sauvin, Hersbrucker), Hefe (Bayerische Weißbierhefe).

Farblich eher ins Orange spielend, zeigt sich die Nase extrem expressiv: ganz stark rosa Grapefruit, erst dahinter harzigere Noten, fruit juice, aber kein Süße- oder Unnatürlichkeitsgefühl. Am Gaumen überrascht mich der relativ leichte Antrunk. Die Fruchtigkeit bleibt, aber nicht prononciert, sondern eher in Kombination mit der Nase. Der ebenso feine Hopfen tut genau das, was ich erhofft hatte: Seine Bitterkeit strukturiert das Bier anstatt pöbelig hineinzuharken. Ein sehr ausgewogener Trunk, keineswegs ein „männliches Freakbier“ (wenn Ihr Euch unter diesem leicht anachronistisch anmutenden Begriff etwas vorstellen könnt…). Für mich ist das ein wirklich gelungenes Produkt und ein Beispiel dafür, was man im Weizenbereich noch so alles machen kann.

Und schließlich noch die Nummer 4, das Cherry Ale Bourbon. Dieses Starkbier (9,5 vol%) kommt in einer kleinen, elegant zu greifenden Flasche daher, aber aus der Flasche trinkt das natürlich niemand. Ich muss freimütig zugeben, dass ich persönlich nicht so sehr zu extrem alkoholstarken Bieren neige, das ist ein bisschen wie beim Wein oder meinethalben auch bei der Musik: Zu viel Bombast tut selten gut. Also war nicht ich derjenige, der dieses Bier erstanden hat, sondern meine Begleitung. Aber ich muss Abbitte leisten, denn trotz der für ein Bier durchaus gewöhnungsbedürftigen Bereitung ist dies hier ganz objektiv ein richtig großes Werk. Brauwasser ist herinnen, dazu helle und dunkle Gerstenbraumalze, Hopfen, obergärige Bierhefe – und Kirschpüree. Das bedeutet auch, dass man die Flasche im Ganzen in ein Glas schenken sollte, weil der geschmacksintensive Trub zum Vergnügen dazugehört.

Braunrötlich in der Farbe und wie gesagt sehr trüb, in der Nase die tollsten Assoziationen: unfiltrierter Grenache naturel, Kriek De Ranke, also Holzfass, Kirsch, Naturel und erstaunlich wenig Alkoholnoten. Im Mund bleibt das so: tart, deutliche Säure, gewisse Gerbigkeit, Milchschokoladen-Kirsch, extrem ausgewogen, null brandig. Wenn ich das Kriek De Ranke als Vergleich heranziehe, dann deshalb, weil jenes eben kein „echtes“ Oude Kriek mit starken Brettanomyces-Noten ist. Das Gaumenzäpfchen bleibt unmalträtiert, die Tartness/Gerbigkeit ist nur auf die Zunge beschränkt. Hut ab, ein exzellentes Produkt!

Und was ist mit den restlichen acht Bieren, die ich hier gekauft hatte? Das Amber Ale mit seinen 7,2 vol% gefällt mir ebenfalls mit seinen tiefergelegten Hopfennoten, sehr old world, aber man spürt den Alkohol schon. Das Hell (5,2 vol%) ist im Gegensatz zu seinem Namen erstaunlich farbstark, sehr kräftig und durchaus hopfig, aber für ein „Idealhell“ fehlt mir da etwas die spielerische Würze. Das Dunkel (5,0 vol%) überrascht mich hingegen mit eher hellbräunlicher Farbe und großer Trübnis. Röstmalz, (esterige) Fruchtigkeit und Hefe, das erinnert mich dann eher an ein dunkles Weizen. Das HopLa (5,4 vol%), ein „India Style Lager“, wie ratebeer meint, entpuppt sich als sehr interessantes Bier, das ungemein schwer einzuordnen ist. Strohblume vorn, aromatischer Hopfen hinten, aber alles sehr gezügelt (nur 25 IBU), komplett trocken und unmalzig. Ein frühherbstliches Bier, die ersten Steinpilze im Wald.

Das 4 Sessions (4,1 vol%) ist hingegen ein ideales Sommerprodukt: Schlank, sehr trocken und straight, der Hopfen sorgt für Frucht und Blüte, aber nicht für hohe Bitterkeit. Das Grisette (5,9 vol%) ist wie das „Saison“ ein, äh, obergäriges belgisches Saison, aber wesentlich hellgetreidiger, Weizen mit zitroniger Note und leichter Grasigkeit. Ideal zu Flussfisch und stilistisch ein europäischer Klassiker, den man hierzulande zu wenig kennt. Das 2 Sour (3,0 vol%) geht als „obergäriges Schankbier“ durch, eine Berliner Weiße, frisch, säuerlich ohne zu stark laktische Töne, dafür cremig und erstaunlich vollmundig in der Mitte für diesen geringen Alkohol. Und schließlich gibt es noch das Love Beer (5,2 vol%), das ich wegen seiner sehr modegag-igen Markenbier-Aufmachung fast nicht gekauft hätte; es sah mir einfach zu unsolide aus. Aber mea culpa, das ist es wahrhaftig nicht, sondern ein sonnenwendisches Weizen, das von grünen, noch blühenden Juniwiesen zeugt. Da das Love Beer die Unterschrift von Stefan Dettl auf dem Etikett trägt, dachte ich erst, dass es sich um den (ehemaligen) Braumeister handelt. Aber auch hier nein, Stefan Dettl ist Frontmann der LaBrassBanda und lebt laut Wiki „auf einem Bauernhof in Truchtlaching im Chiemgau. Das Gehöft hat er umgebaut zu Studio, Bühne und Antiquitätenladen. Dettl ist Herausgeber von Muh, einem Magazin für bayerische Lebensart.“ Das ist doch mal Regionalität, wie sie mir gefällt.

Und es leitet über zu meinem Fazit: Biertechnisch ist Camba Bavaria ein Tausendsassa. Da werden Hell, Dunkel, Pils und Weizen hergestellt, aber immer mit einem leichten Twist. Da geht es aber auch um internationale Bierstile, die – und das weiß ich sehr zu schätzen – nicht als Karikatur daherkommen, sondern als Komposition. Weltrekorde werden damit nicht aufgestellt, aber jedes einzelne Bier bleibt bei aller Komplexität „trinkfreudig“ im besten Sinne.

Was mich aber darüber hinaus umtreibt, ist die Tatsache, dass es dieses Unternehmen überhaupt hier gibt, weit entfernt von Metropolen. Nun gehört der nördliche Chiemgau ganz sicher nicht zu den vernachlässigsten Gegenden Deutschlands, aber dennoch sind wir hier auf dem Land. Gute anderthalb Stunden braucht man bis nach München, das ist eigentlich zu weit für das tägliche Pendeln. Wer also als junger Mensch einen hochqualifizierten und gut bezahlten Job haben möchte (oder einfach nur mehr Freiheit), zieht in der Regel erst einmal weg.

Dieser Tendenz können solche Unternehmen wie Camba Bavaria beziehungsweise BrauKon entgegenwirken, indem sie das Bleiben oder gar das Herziehen aufs Land attraktiv machen. Inwiefern? Nun, es gibt die neueste Technik, es gibt den inhaltlichen Spaß am Experimentieren, es gibt vielfältige internationale Kontakte, und es gibt die Möglichkeit, gleichzeitig eben nicht stromlinienförmig zu denken und dennoch eingebunden zu sein.

Zugegeben: Ob es sich tatsächlich so verhält, weiß ich noch nicht mal in Ansätzen. Aber das Prinzip gefällt mir. Jetzt müsste man nur noch so etwas wie die biologisch angebaute Braugerste aus dem Nachbardorf nehmen, also die Rohstoffherkünfte bewusst und transparent handhaben, dann würde es von mir einen Staatsehrenpreis geben fürs Gesamtwerk.

Perspektivisch jedenfalls. Momentan schaut das Ensemble mit Kicker, Mitarbeiterposter und Kreuz an der Wand noch ein bisschen zu stark nach Werbeagentur aus. Aber die Patina wird schon noch kommen, keine Angst.

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