Von kaltem Wasser und Pfannenpizza – meine erste Wohnung in Berlin

Als ich fertig war mit der Schule, bin ich nach Berlin gegangen, um dort eine Ausbildung zu machen. Ich kannte keinen Menschen, hatte wenig Geld, und aus dem Wasserhahn kam nur Kälte. Aber es winkte die große Freiheit: Nachts weggehen, Musik hören, nie das Zimmer aufräumen und essen, was ich wollte. Alle Fertiggerichte durchprobieren.

Ich bin auf die Idee gekommen, diese Phase meines Lebens hier kurz aufzurollen, weil ich gerade das Buch „Verschwende Deine Jugend“ von Jürgen Teipel lese – die extended version. Hätte ich natürlich schon längst machen können, da habt Ihr völlig recht. Aber irgendwie passt so ein wahrhaftiges Erinnern und Aufbereiten vergangener Epochen im Moment ganz gut in die gesellschaftspolitische Lage. Unvermittelt tauchen da nämlich Gestalten auf der politischen Bühne auf, die aus der Zeit gefallen scheinen, bei denen die 80er noch Gegenwart sind. Im Habitus, in ihren Anschauungen, in ihrem Glauben an Wahrheit und Lüge. Und ganz vernünftig wirkende Menschen bekommen einen verklärten Blick, wenn sie davon sprechen, wie cool und toll es doch damals gewesen ist. Und wie viel einfacher das Leben doch war. Egal ob in der Dorfdisco, im Golf Cabriolet oder im real existierenden Sozialismus. Jung war man jedenfalls, abenteuerlustig, hoffnungsfroh – anders als offenbar jetzt.

Für mich war mein Coming of Age damals mit ganz einschneidenden Veränderungen verbunden, die sich einfach nicht vermeiden ließen. Ich kam aus einem Dorf mit vielleicht 600 Einwohnern, und rundherum gab es nichts, was nach Zukunft für junge Leute aussah. Oder sagen wir besser: nach meiner Zukunft. Das war mir schon klar, als ich gerade erst aufs Gymnasium gekommen war. Im Verlauf der weiteren Schuljahre hatte sich das als Gesetz so verfestigt, dass es letztlich etwas komplett Undramatisches an sich hatte. Kein Grund sich aufzuregen. Kein Grund, sich besonders rebellisch oder mutig oder verloren zu fühlen. Einfach tun. Auf nach Berlin.

Als Schulkind hatte ich mich nie ernsthaft über die Küche meiner Mutter beschwert. Es stand immer etwas auf dem Tisch, wenn ich aus der Schule kam, wenn auch manchmal aufgewärmt, weil zwei weitere Geschwister und mein Vater im Schichtdienst immer zu unterschiedlichen Zeiten kamen. Fast alles im Essen stammte aus dem Gemüsegarten oder vom Dorfmetzger. „Schlachter“ hieß das bei uns, nicht „Metzger“. Es gab nie convenience food, niemals Pommes Frites, niemals eine Pizza oder solch exotische Dinge. Die Einführung von Broccoli als Gartengemüse glich einer Revolution. Drei bis vier Mahlzeiten gab es am Tag (nachmittags manchmal Kakao und Kuchen), damit wir alle wuchsen und gediehen.

Andere Kinder wären glücklich gewesen über zuverlässiges, selbst gekochtes Essen, über feste Mahlzeiten. Aber gerade wenn man jung ist, erscheint einem das Gras auf der anderen Seite immer grüner. Und so waren es beglückende Momente, da ich in Berlin von der Arbeit kam und zum Penny Markt ging, um mir zu kaufen, was auch immer ich wollte.

„Kartoffeln im Glas“, gekocht und geschält, eingelegt in einen Sud. Dass es so etwas gibt, hatte ich nicht für möglich gehalten. Aber es hat mich ehrlich gesagt auch nicht wirklich überzeugt, es blieb beim einmaligen Experiment. Oft hingegen fand das Fertiggericht „Cevapcici mit Reis“ den Weg in meine Einkaufstasche. Das war in so einem halbfesten Blechnapf mit einer Lasche zum Aufreißen. Eigentlich hätte man es im Wasserbad langsam erwärmen sollen, aber nachdem das auf meiner lumpigen Kochplatte ewig gedauert hatte, kam beim nächsten Mal alles gleich in die Pfanne, und fertig war es. Geduld war ohnehin nie meine Stärke.

Mein Herd, den es in dem zur Hälfte mit dicker grüner Plackerfarbe gestrichenen Zimmer auch gab, war leider nicht zu gebrauchen. Das Backrohr musste man original mit Holz anschüren, das war mir zu umständlich. Und die Platten oben waren bereits hochgegangen und sahen aus wie kurz vor der Explosion. Also blieb mir noch die alte tragbare Kochplatte aus irgendeinem Großtantenerbe. Auf jener versuchte ich ein Gericht, das mir ebenso seltsam vorkam wie die Kartoffeln im Glas. Es hieß „Pfannenpizza“, war aber nicht gefroren (ich besaß ohnehin kein Gefrierfach), sondern wie eine Salami abgepackt in der Plastikhülle. Ich las die Bedienungsanleitung, stellte die Pfanne an, legte die Pizza hinein, wartete 15 Minuten – und dann war sie fertig. Das konnte man am blauschwarzen Rauch erkennen, der sich im Handumdrehen im gesamten Haus verbreitete. Unten war die Pizza fest wie ein Backstein und kohlrabenschwarz, oben wabschig und kalt. Na bravo. Nach solchen kulinarischen Misserfolgen nahm ich jedesmal knurrend den Wohnungsschlüssel, trat vor die Tür und ging eine Straßenecke weiter zum Uludağ-Döner, der mich nie im Stich ließ. Sowas passierte öfter.

Als Nachspeise hatte ich dafür etwas besonders Raffiniertes auf Lager: angefrorene Schwarzwälder Kirsch-Bisquitrolle von Coppenrath & Wiese. Ich ging also zum Penny, nahm aus der Gefriertruhe die Rolle und eilte dann schnell nach Hause. Wenn es kalt genug war, hatte das Ganze etwas von Vanilleeis mit Kirschen und dunklem Teig.

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mir irgendwas Unbearbeitetes zu kaufen, um es dann selbst in der Küche zuzubereiten. Ich hätte nicht gewusst, wie man das macht, aber das war nicht das wichtigste Argument. Vor allem wollte ich nämlich diese andere Welt entdecken, die Welt des Fertigessens, die Welt der Supermärkte, die moderne Großstadt mit allem Drum und Dran. Ich hatte da echten Nachholbedarf.

Wenn nach den Ausgaben für Miete, Fahrkarten, Fertigessen und Eintritte irgendwas vom Lohn übrig blieb, war so etwas wie ein Restaurantbesuch auch nicht gerade weit oben auf der Liste. Eine neue Hose musste her, dann Bass, Gitarre, Vierspuranlage, die Debüt-EP der Pixies, solche Dinge. Wein habe ich bis Mitte 20 praktisch gar nicht getrunken und Bier war dann okay, wenn es 50 Pfennige kostete.

Wenn ich daran denke, dass ich vier Winter lang in einem Zimmer ohne Dusche und ohne warmes Wasser zugebracht habe, mit einem Kohleofen von 1910, der nur knackte und nie heizte, dann geschieht das nicht aus dem Blickwinkel des Heroischen heraus, wie tough ich doch war. DAS hätte ich selbst gern anders gehabt.

Was mich diese Rahmenbedingungen stoisch ertragen ließ, das war mein Hunger nach dem Neuem, das mir auf der anderen Seite geboten wurde. Neue Klänge, neue Geschmäcker, neue Erlebnisse – selbst wenn das manchmal in die Hose ging. Selbst wenn es sich um Cevapcici aus dem Blechnapf handelte. Und irgendwie habe ich die Ahnung, dass es jungen Leuten heutzutage auch nicht so viel anders geht.

Vielleicht sollten wir mittelalten Säcke wirklich mal realisieren, dass die junge Generation ihre Prioritäten selbst formulieren muss und nicht wir, weil sie noch einige Jahrzehnte mehr hier zu verbringen hat als wir. Und dass wir uns genau aus diesem Grund gegen diese Rückwärtsgerichtetheit verwehren sollten, von der ich zu Anfang sprach.

Eigentlich wird mir ziemlich mulmig, wenn ich daran denke, wie dynamisch (oder eben nicht) unsere schöne Demokratie aussehen mag, wenn mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten über 60 sind. Es wird ja nicht mehr lange dauern bis dahin. Aber andererseits habe ich auch die Hoffnung, dass die „Alten“ sich dann an die Situationen zurückerinnern, durch die sie selbst als junge Leute gegangen sind. Und erkennen, dass Freiheit etwas Gutes ist, dass Ausprobieren etwas Gutes ist, dass das Prinzip von Trial & Error der Grund dafür sein dürfte, weshalb wir heute nicht mehr in Höhlen hocken und hugga hugga sagen.

Und damit schließe ich den Bericht ganz anders, als ich es zu Anfang gedacht hätte. Aber sowas kann schon einmal passieren…

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8 Antworten zu Von kaltem Wasser und Pfannenpizza – meine erste Wohnung in Berlin

  1. Lars schreibt:

    Klasse geschrieben, erkenne vieles wieder. Ich bin nach dem Berlinumzug zuerst zum Duschen ins Schwimmbad getrabt. Die Frage: Schwimmen oder nur Duschen gehörte an der Kasse zum Standard. Später dann eine Wohnung mit einem grünen länglichen Badeofen, geheizt mit Briketts und Wirkungsgrad etwa 2,8%, der zeitgleich schon im Heimatmuseum Wedding stand.

    • Matze schreibt:

      Ich habe beim Duschen immer zwischen drei Möglichkeiten gewählt: 1. bei Arbeitskollegen (am angenehmsten, war mir aber irgendwie peinlich), 2. im Schwimmbad (habe ich nur selten gemacht) und 3. auf der Sportanlage (war mir am liebsten, ich konnte das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden; leider ziemlich weit weg). Was man sich heute übrigens auch kaum mehr vorstellen kann: Ich hatte ja kein Telefon und musste mich immer an der Zelle anstellen. Da liefen die Münzen bei Ferngesprächen dann gut durch… Hört sich im Nachhinein an wie in einem vergangenen Jahrhundert 😉

      • Stefanie schreibt:

        Dassault ja auch im letzten Jahrhundert, oder?! 😉

      • Matze schreibt:

        Dassault? Ja, der lebte auch im letzten Jahrhundert, gar: Jahrtausend. Den Zusammenhang versteh ich leider nicht, weil ich entweder auf dem Schlauch stehe oder aber auf Deinem Handy die automatische Wortvervollständigung eingeschaltet ist 😉

  2. Ella schreibt:

    Vielen Dank für die Reise ins (von mir wahrscheinlich wirklich verklärte) Damals. Ich brauchte nicht nach Berlin zu gehen, ich war da schon, bin dort geboren. Die Zeit, in der alles möglich schien, verbrachte auch ich in einer Altbauwohnung mit Kohleofen, aber immerhin mit Innenklo, Gasherd, und der Vormieter hatte eine Dusche in die Küche gebaut. In meinem Kühlschrank befanden sich jahrelang nur ein großes Stück Gouda (- den aß ich ohne Brot -) und Äpfel. Wenn ich mal Appetit auf etwas Warmes hatte, ließ ich mir eine Pizza kommen. Ansonsten war ich ja ständig unterwegs und beehrte die Imbissbuden der Stadt oder die Küchen meiner Freunde.
    Die Jugend von heute kenne ich als meinen jüngsten Bruder und mein Patenkind, beide sehr patent. Und beide wollen öfter Mal meine Meinung zu diesem oder jenem hören und von meinem Erfahrungsschatz profitieren. Ich bilde mir darauf etwas ein. Wenn die heutige Jugend so ist wie die beiden, dann ist sie prima. Und wir alten Säcke sind vielleicht auch gar nicht so schlecht. Ich hoffe es sehr.

    • Matze schreibt:

      Naja, Säcke gibt es ja in den verschiedensten Varianten 😉

      Nein, ich habe auch keine Bedenken wegen der jungen Generation. Ich hoffe nur, dass die Sanftmütigeren unter ihnen nicht zu sehr in ein Angstverharren getrieben werden durch Bangemach-Strategien, die erst mit dem „früher war alles besser“ daherkommen und dann mit „die Zukunft kann nur in einer Katastrophe enden“. Wenn man sich anschaut, wie viel mehr über negative als über positive Dinge berichtet und öffentlich diskutiert wird, würde ich das aus der neutralen Sicht eines Außerirdischen schon irgendwie seltsam finden…

  3. Als Berliner Kind der 90er habe ich deinen Text sehr gerne gelesen. Ich bin zwar mit den Erzählungen meiner Eltern aufgewachsen, bin aber unersättlich und finde es sehr spannend zu erfahren, wie es vor meiner Geburt in Berlin war. In welchem Bezirk hast du gewohnt?

    • Matze schreibt:

      Im Wedding, in der Nähe vom U-Bahnhof Pankstraße. Ich war vor einiger Zeit mal wieder dort, und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich hier relativ wenig verändert hat im Vergleich mit anderen Stadtteilen…

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