In Nîmes

Ich hatte erwartet: eine südfranzösische Großstadt mit den üblichen Problemen, verwaiste, abgerockte Innenstadt, verkehrsdurchtoste Boulevards, Mecs auf Mopeds, historische Sehenswürdigkeiten, umgeben von einem Kranz aus Touristencafés und Ständen mit Souvenirkitsch, in den Außenbezirken Sozialbauten und Einkaufszentren auf der dürr-braunen Wiese. Aber nein. Nîmes ist wahrhaftig besuchenswert, auch für Typen wie mich.

Erst einmal musste ich konstatieren, dass Nîmes den motorisierten Besucher nicht allzu gern in sein Herz vorstoßen lässt. Nach ruppeliger Einfahrt landet man an einem Parkhaus, das in engsten Röhren drei Stockwerke nach oben und sechs Stockwerke nach unten reicht. Und alle sind voll. Wenn man dann die sandwichmäßig dazwischen eingebaute Markthalle betritt, weiß man auch, warum das so ist: gar nicht so übel hier. Es gibt alles, was das Herz des Essbegeisterten erfreut. Tatsächlich wirkt alles noch südlicher, als es vom Breitengrad her ist. Nîmes kokettiert mit spanischer Lebensart, überall Toro und Jamón.

Am Rand der Altstadt, nur wenige Schritte entfernt vom Maison Carrée, befindet sich der Weinladen von Véronique und Alain Bosc: „Les Plaisirs de la Table“. Das ist meine nächste Station. Wer hier keinen Wein findet, der einen spontan zu Begeisterungsausrufen hinreißen lässt, hat möglicherweise noch keine wirklich authentischen französischen Weine getrunken. Und lässt sich in dem Fall von Alain beraten. Er ist Sommelier, kennt natürlich alles, was er anbietet, und noch viel mehr. Außerdem ist er an einer kleinen Buchserie über die französischen Weinregionen beteiligt. Mein Einkauf beschränkt sich aus Tragegründen auf zwei Weine aus relativer Nähe: einmal den „Pradel“ vom Weingut La Terrasse d’Elise, ein reinsortiger Cinsault und als Pirat ein Verkostungsschreck unter hochwertigen Burgundern (kein Witz), und dann noch einen Hellroten von Eric Pfifferling. Da es schon kurz nach zwölf ist und Alain einen gleichsam kompetenten wie vertrauenswürdigen Eindruck macht, fragen wir ihn einfach, wo man hier in Nîmes nett essen kann.

Ich merke, dass er flugs noch einmal nachdenkt; über die Weine, die ich gekauft habe, über die Kleidung, die wir tragen. „Alors…“, und schnell schreibt er auf einen Notizzettel vier Adressen, drei davon mit einem Mittagessen unter 20 €, eine etwas darüber. Alle bieten authentische Küche an, frisch mit lokalen Produkten, und alle haben solche Weine, wie ich sie mag: ein bisschen wild, ein bisschen gekonnt. Wir entscheiden uns für „La Marmite“. Alain beschreibt den Laden wie folgt: „ganz frisches Essen, Marktküche, das ist auch nur ein paar Meter von der Markthalle entfernt, eine einfache Küche natürlich. Eigentlich wie zu Hause, nur besser. Und schöne Weine auch, Eric Pfifferling zum Beispiel, vins naturels, guter Hauswein, naja, einfach ein sehr angenehmer Ort.“ Nun denn…

Wir nehmen Platz im „La Marmite“, der Laden ist praktisch voll und sieht sehr gut aus. Hinten essen zwei Verkäuferinnen aus der Parfumerie (so sehen sie zumindest aus), dann gibt es einen Tisch mit etwas intellektuelleren, wilderen Frauen, Typ alternativer Buchladen mit Comics, dann sind da zwei Tische mit sehr alten Herren, die Oc sprechen, neben uns ein weiterer Herr, der eine Liste mit Antiquitäten durchschaut, draußen noch Kollegen von irgendeinem Büro aus der Nähe, dazu ein bäriger Koch und eine voll tätowierte Bedienung. Perfekte Mischung. Und ein dreigängiges Menü für 13 €.

Erster Gang, Pissaladière. Zwiebeln, Sardellen, Oliven auf kräftigem Pizzateig, sehr schön.

Zweiter Gang, Schwertfisch. Dazu Dill, Tomaten, ganz junge, rohe Zucchini und ein Kartoffelpuree mit Olivenöl. Was mir besonders gefällt, ist der Kontrast zwischen dem gegrillten Fisch und dem sehr frischen, fast maritim wirkenden Gemüse.

Dritter Gang, Clafoutis. Die Kirschen, hierzulande gerade reif vom Baum, wurden einfach im Tonschälchen mitgebacken, mit Kern und Stiel.

Natürlich hätten wir hier auch einen ernsthafteren, einen besseren Wein bestellen können, aber das tut mittags niemand. Es bestellt aber auch niemand keinen Wein. Alle nehmen ein Pichet des Hausweins, mal rot, mal weiß, mal rosé. Ich hatte den Weißen geordert, ein sehr anständiges, durchaus säurehaltig-frisches Produkt, ich tippe auf einen Picpoul de Pinet. Draußen gibt es noch ein paar Plätze in der Sonne, auf der anderen Seite der Gasse auch eine kleine Terrasse. Alle Plätze sind besetzt, alle blinzeln zufrieden in die Sonne. Puh. Wenn ich da an unsere Kantine denke, die Kelle mit Sättigungsbeilage auf den Teller geflatscht… Nein, daran denke ich nicht.

Lieber noch ein bisschen durch die Staßen der Altstadt flaniert, wie hier am Place aux Herbes. Fast scheint es, als sei der Sommer schon angekommen im Süden Frankreichs, aber wenn es ernst wird, werden hier vermutlich noch einmal zehn Grad draufgelegt. Während es mit gut gefülltem Magen zurückgeht zum Parkhaus, frage ich mich unwillkürlich, weshalb ich vorher noch nicht auf die Idee gekommen bin, bei einem Weinhändler nach einer guten Essgelegenheit in der Nähe zu fragen. Habt Ihr sicher alle schon gemacht, vermutlich ständig, ich noch so gut wie nie. Zum Glück darf man auch in meinem Alter noch dazulernen. Und die drei anderen Adressen in Nîmes, die uns Alain auf den Zettel geschrieben hat, die probieren wir beim nächsten Mal aus.

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7 Antworten zu In Nîmes

  1. Karl Klammrot schreibt:

    „… wahrhaftig besuchenswert, auch für Typen wie mich.“

    Wie würdest Du Dich denn selbst beschreiben? Was für ein „typ“ bist denn Du?

    • Matze schreibt:

      Naja, gutaussehend, geistreich und angenehm bescheiden natürlich. Oder meintest Du was anderes 🙂 🙂 🙂

      Nein, was ich damit sagen wollte: Ich interessiere mich sehr für Alltagskultur. Ich fahre also in eine Stadt und frage sie: Was für eine bist du denn? Wie spielt sich das Leben hier ab, welche Facetten gibt es, worauf beruft man sich? Mir geht es also weder um das Abfotografieren von Sehenswürdigkeiten noch um BlingBling. Dadurch dass ich mich für Essen und Trinken interessiere, habe ich natürlich immer einen Blick auf das, was es da an Besonderheiten zu kaufen und zu probieren gibt – gern auch mit Bezug auf lokale oder regionale Traditionen. Aber eben immer im Sinne der Diversität, nie ausschließend oder sich erhebend. So in etwa.

      • Karl Klammrot schreibt:

        Aja, damit kann ich was anfangen.

        So, bzw. ganz ähnlich, nehme ich Dich auch wahr.

        Übrigens: … einen sehr schönen und informativen sowie unaufgeregt spannenden Blog hast Du hier geschaffen. Ich lese Deine Zeilen immer mit viel Wohlwollen und entspannter Spannung!

      • Matze schreibt:

        Dankeschön, sehr nett!

  2. jens schreibt:

    Ja……Nîmes…..so ein bisschen stiefmütterlich behandelt von vielen, die nach Südfrankreich reisen…..viele zieht es dann doch eher in Vaucluse…..in die „echte Provence“….wo Nîmes ja eigentlich nicht mehr dazu gehört…..aber irgendwie auch doch….die Römer waren schließlich auch da. Auch ich habe Nîmes viele Jahre stiefmütterlich behandelt, bis meine Freunde in der Nähe (Uzes) ein Ferienhaus gekauft haben und mir Nîmes gezeigt haben. Was mir sofort auffiel….wenig Touristen….also im Vergleich zu anderen Städten in Südfrankreich….auch im August. Die von Dir bereits erwähnte Nähe zu Spanien zeigt sich in der Küche und im Stierkampf. Alles in allem eine ganz andere Anmutung und Atmosphäre als in der „echten Provence“ und gerade deshalb für mich unbedingt eine Reise wert. Allerdings…..die Vorstädte mit entsprechender Bebauung, Publikum und dem Straßenstrich (zugegeben nicht so offensiv….wir sind schließlich in Frankreich) existieren auch in Nîmes……;-)…..wenn Du das nächste mal dort in der Nähe sein solltest Matze, dann sieh Dir mal Uzes an…..

    Grüße Jens

    • Matze schreibt:

      Ja, Uzès hatte ich mir auch schon mal überlegt, schön sieht es da ja aus. Ehrlich gesagt hatte ich bislang ein bisschen die Befürchtung, dass das wegen der Nähe zur Ardèche-Region so ein explizites „Deutschen-Nest“ ist, viele Aktivurlauber, you know 😉 . Aber vielleicht ist das ja auch Unfug. Ich sollte tatsächlich nächstes Mal da hinfahren.

      • Jens schreibt:

        Hallo Matze!

        Uzès c’est le St Tropez de la Gard……..hat mir mal ein Franzose gesagt……na ja…..ich versteh, was er meint…..es geht dort schon mondäner zu als im Rest des Gard. Samstag, wenn Markt ist, siehst Du überall Leute in den Bistro’s sitzen die massenhaft Austern vernichten! Modegeschäfte, Inneneinrichter, Antiquitäten, schicke Restaurant’s….all das. Das Publikum ist internationaler……Du hörst Englisch, Deutsch, Niederländisch….aber trotzdem hat es eine ganz eigene Atmosphäre……Ardèche Camper hab‘ ich da eher nicht gesehen……;-)

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