Wie sich echte Rockstars ernähren…

…kann man sich zusammenreimen, wenn man dort einkauft, wo sie es auch tun. Zugegeben, hierzulande geht das nicht ganz so gut. Die einzigen Promis, die ich jemals zufällig traf, waren Ralph Morgenstern (als er am Flughafen verspätet ans Gate kam) und Heinz-Werner Kraehkamp (als er auf die S-Bahn wartete). Nur ansatzweise glamourös, würde ich sagen. Das sieht in L.A. natürlich ganz anders aus.

Wenn es in L.A. einen Ort gibt, an dem sich Rockstars und Schauspieler/innen in ihrer natürlichen Umgebung zeigen, dann ist das im und vor dem Bio-Supermarkt Erewhon, und zwar in der Filiale in Venice. Ich schrieb neulich schon davon. Auf dem Foto seht Ihr beispielsweise Bruce Willis (rot umrahmt), der gerade mit seinem offenen Hummer wegfährt, den Save-the-Earth-Jutebeutel auf dem Beifahrersitz. Der Herr am Holzstand in der Mitte passt übrigens auf die Vehikel auf, während sich die Stars dann genau 30 Minuten im Supermarkt aufhalten dürfen. Sowas hatte ich bislang auch noch nicht gesehen.

Wichtig ist bei Erewhon nicht nur der Inhalt, sondern auch die Präsentation. Die Gemüse („locally grown“ natürlich) hängen beispielsweise in einer Wandkühltheke mit Wasserzufuhr. Gwyneth Paltrow im Vordergrund musste ich aus rechtlichen Gründen (und auch aus Gründen des lieben Friedens) wegretuschieren. Ich hatte übrigens wirklich nicht darauf geachtet, dass da jemand vor dem Regal stand…

Für mich als Europäer ziemlich ungewohnt sind die immensen Kennzeichnungs- und Erklärungspflichten bei allen möglichen Lebensmitteln. Man kann dazu durchaus unterschiedliche Meinungen haben. In vielen Fällen prozessierter und übermäßig behandelter Produkte wäre ich froh, wenn das auch bei uns deutlicher gemacht werden würde (anstatt aufzurechnen, wie viel Prozent des täglichen Bedarfs an Folsäure ich mit dem Verzehr des Produkts zu mir genommen habe). Aber bei frisch gepresstem Blutorangensaft vor allem darauf hinzuweisen, dass dieser gefährliche Bakterien enthalten kann, die bei Kindern und Älteren ernsthafte Erkrankungen verursachen, tja, das deutet dann doch eher auf starke Naturferne hin.

Umgekehrt kann natürlich auch auf den Packungen stehen, was alles nicht enthalten ist, sprich: Free From. Die Free From-Regale sind riesengroß, und man kann es als Nicht-Verzichtfreak manchmal gar nicht glauben, wie viele Essensreligionen mit welchen Ausprägungen mittlerweile existieren. Nun ist es aber so, dass man eine Sache nicht nur verzichtorientiert, sondern auch gewinnorientiert beschreiben kann, ohne dass man sich damit in eine andere Denkschule begeben muss. Eine Banane wird auf diese Weise per Werbeaufdruck zu einer „Potassiumquelle“, ein Liter Milch zu einer „Vitamin D-Quelle“. Die Schokolade auf dem Foto oben hat gleich alles geschafft: wellness, raw, beauty, pure, superfoods, superherbs, sugar-free, vegan, paleo, gluten-free. Mehr geht eigentlich nicht. Doch: Einhorn auf der Packung.

Wenn Schokolade schon ein Funktionsfood ist, sollte doch wenigstens beim beeindruckend großen Snackangebot irgendetwas Sündiges darunter sein, das der gemeine Hollywoodstar voller Heißhunger und schlechtem Gewissen in einem Happs verzehrt. Und ja, mancher Snack enthält in der Tat …Fett. Allerdings gibt es auch gesünder klingende Alternativen zu Chips und Nachos. Eine davon könnt Ihr am unteren Rand des Fotos sehen, nämlich Kraut Krisps mit (laut Packungsaufschrift) „1 Billion Probiotics“. Und so grotesk das klingt bei Sauerkraut als wichtigster Zutat: Es funktioniert tatsächlich. Also ich meine nicht das mit den positiven Effekten der Probiotics. Aber die Kraut Krisps der Sorte Jalapeño sind echt kräckig und schmecken wirklich nach grünem Chili-Sauerkraut – gar nicht mal so schlecht.

Viele der im Erewhon angebotenen Marken (übrigens alles wahrhaftig streng Bio, also nichts gentechnisch Verändertes, mit Wachstumshormonen Gespritztes oder auch sonstwie Konventionelles) waren mir komplett unbekannt und schienen auf den ersten Blick aus sehr kleiner und richtig unprofessioneller Produktion zu stammen. Die dafür abgerufenen Preise hingegen wirkten auf den ersten Blick geradezu abenteuerlich. Wie ist das möglich? Sind das nur die Marotten der Stars, die so einen seltsamen Markt ermöglichen?

Könnte man meinen und sich nach dem oberflächlichen Check ohne Waren im Einkaufskorb wahlweise lächelnd oder entrüstet wieder auf den Weg nach draußen machen. Hätte ich das aber getan, hätte ich mein „Heureka-Erlebnis“ nicht gehabt. Und Letzteres hängt mit etwas zusammen, was ich als „Uber-Luxus“ bezeichnen möchte. Also nicht Uber, die Taxifirma, sondern das, was noch über den gewöhnlichen Luxus hinausgeht, beyond bling bling sozusagen.

Schauen wir uns eines der Produkte doch mal an. Es handelt sich um Rusty’s Chips, die teuersten Kartoffelchips im Angebot, und das bei einer Aufmachung, die erstens an die 80er und zweitens an eine total lumpige Produktion für die unterste Regalreihe erinnert. Auf der Rückseite der Packung erzählt Rusty, dass sein neues Surfbrett fast fertig ist und er jetzt im Frühjahr schon ein paarmal mit seiner Familie gesurft sei. Großer Dank ging auch an die tollen Facebook-Fans, die das coole Design der Packung entwickelt hätten. Und die neue Produktionshütte sei auch aufgestellt, in der er jetzt seine Black Pepper Chips braten könne.

Was will Rusty uns potenziellen Käuferinnen und Käufern also mitteilen? Ganz einfach: Hey, ich bin eine echte Person, ich habe echte Hobbies, die Produktion ist total klein, alles handgemacht von mir selbst, und ihr seid aktiv dabei beim Entstehen und Entwickeln dieses Traums von uns beiden! Storytelling auf zehn Zeilen Plastik.

Zweites und letztes Beispiel: Sacred Chocolate. Das ist der gelebte Traum von zwei Quereinsteigern aus Zentral-Kalifornien. Die 40 g Schokolade kosten 8 US$, und auch hier wieder: kitschige Herzform, Etikett geschmacklos und mit dem Tintenstrahldrucker gemacht, selbst noch was draufgestempelt. Zusätzlich gibt es eine Website von David „Avocado“ Wolfe und „Sacred“ Steve Adler, die aussieht wie aus den Anfangsjahren des Internets. Die Schokolade besitzt nicht nur (zugegeben) sehr wertvolle Rohstoffe, sondern Steve betet auch noch über jeder Tafel und bringt sie mit Liebe und guten Wünschen auf den Weg. Die Produkte selbst sind über jeden Zweifel erhaben. Beim Marketing kann man allerdings der Meinung sein, dass dieses ganze Brimborium nur dazu dient, um einen möglichst hohen Preis zu rechtfertigen.

Oder eben auch nicht. Denn wenn Steve über jeder Tafel betet (ich habe den Eindruck, das tut er tatsächlich), kann es sehr viele Tafeln nicht geben. Bei einer so kleinen Produktion ist natürlich alles irrwitzig teuer: edle Rohstoffe in Kleinstmengen, die Maschinen, die Verpackung, die Distribution, die Mühe des Bekanntmachens. Alles das kostet bei Kleinstherstellungen prozentual gesehen viel mehr als bei Großherstellern. Wenn es denn überhaupt funktioniert. Möglicherweise bietet der Verpackungshersteller die Zusammenarbeit erst ab 100.000 Stück an, David und Steve hingegen können nur 5.000 verkaufen. Also gehen die beiden wiederum möglicherweise in den Copyshop und kleben per Hand, ein irrwitziger Aufwand. Dass sich so etwas auf den Preis des Produkts auswirken MUSS, wundert sicher niemanden.

Warum aber nutzen die beiden für ein solch handgemachtes Luxusprodukt dann nicht auch ein edles Design, in Schwarz, mit Goldaufdruck, mit Swarovski-Kristall? Ganz einfach: weil es kein Luxus, sondern „Uber-Luxus“ ist. Authentisch, handgemacht, persönlich, unperfekt wirkend, mit Story.

Dass es solche Hersteller mit solchen Produkten hier gibt, dass sie auf dem lokalen Markt auch reüssieren, könnte meiner Meinung nach mit einem bestimmten Phänomen zusammenhängen: In Südkalifornien leben und arbeiten mehr als nur ein paar künstlerisch tätige Menschen, die richtig Geld haben. Manche besitzen einen explizit geisteswissenschaftlich-intellektuellen Hintergrund, andere weniger, aber gemein ist ihnen die tägliche Beschäftigung mit der Freiheit des künstlerischen Ausdrucks. Das führt (oder bedingt, je nach Sichtweise) automatisch zu einer Haltung, bei der individuelle und auch alternative Ansätze sehr geschätzt werden. So etwas gibt es bei uns nicht, jedenfalls seit etwa 85 Jahren nicht mehr. Reiche Deutsche sind gewissermaßen schwäbische Schraubenhersteller, also fleißige, zutiefst konventionelle Leute. Ich weiß, ich übertreibe – aber nur ein bisschen…

Genau deshalb finde ich Kalifornien schon bei meinem ersten Besuch inspirierend. Weil es mir die Möglichkeit bietet, andere Facetten und Lebensweisen beobachten zu können, als ich sie bislang aus meinem europäischen Blickwinkel gewohnt war. Und natürlich auch, weil ich selbst, mein Millionärs-Alter Ego sozusagen, dazu neigen würde, Anselme Selosse und eben nicht Dom Pérignon zu meinem Hauschampagner werden zu lassen. Nun weiß ich selbst, dass auch Kalifornien bei weitem nicht das Paradies ist, und ich leide kaum je an übermäßiger Verklärung, aber dennoch gibt es nun einmal Elemente, deren Nichtexistenz bei uns ich bedauere.

Ein etwas weniger luxusorientiertes Beispiel für „anderes Denken“ zum Abschluss, aus einem komplett anderen Kontext: Der Kohlweißling, Ihr kennt ihn alle. Uns Deutsche nervt er, weil die Raupen sich durch den Gemüsegarten fressen. Und wir missachten ihn auch deshalb, weil er so häufig ist, so einfarbig weiß, so nichtssagend. Wenn irgendwo ein Kohlweißling herumfliegt, ruft niemand bei uns: „Schau mal, was für ein schöner Schmetterling!“

Jetzt habe ich in Los Angeles das Buch „Butterflies of North America“ gekauft und las, dass der Kohlweißling auch in den USA der häufigste Tagfalter sei. Statt aber daran herumzumäkeln, schreibt Autor Jeffrey Glassberg einen bemerkenswerten Satz, der zeigt, dass man dieselben Dinge auch völlig anders sehen kann. Es heißt dort: „Unlike most butterflies, they thrive in suburban and disturbed areas and fly even in midtown Manhattan. Their graceful flight brings the beauty of butterflies to many areas that would otherwise be lifeless.“

Das ist doch wirklich schön gesagt.

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5 Antworten zu Wie sich echte Rockstars ernähren…

  1. Ella schreibt:

    Werter Matze,
    als langjährige stille Mitleserin erst einmal einen herzlichen Dank für Ihr Blog. Ich finde es immer wieder erfrischend und inspirierend, Ihre Beiträge zu lesen. Nicht nur das Blogmaterial, also Essen und Trinken – und das in so vielen verschiedenen Kulturen -, sondern vor allem auch Ihr Schreibstil gefallen mir außerordentlich.
    Leider war ich noch nie in Amerika, kann also nicht sagen, ob sich das dortige Konsumverhalten so sehr von dem unsrigen unterscheidet. Was ich aber sagen kann: Auch bei mir verfangen die Produkte mit Geschichten. Lokale Produzenten, die eine schöne Story haben, schätze ich persönlich sehr. Nun lebe ich in einer Großstadt, in der es auch die alternativ angehauchten Läden gibt, die einem für viel Geld dann Handgemachtes in die Jutetasche stecken. Glücklicherweise bin ich in der Lage, mir so etwas hin und wieder gönnen zu können. Aber ist der deutsche Millionär wirklich der verknöcherte protestantische Schraubenproduzent? Herr Fielmann hat immerhin einen Biobauernhof…
    Ich wünsche noch ein schönes Wochenende,
    Ella

    • Matze schreibt:

      Ich beginne mit Umwegen: Ich habe mir aus einem, tja, ethnographisch-soziologischen Buch (Barlow & Nadeau: The Bonjour Effect) vorlesen lassen 😉 , dass die Franzosen, weil sie über alle Maßen gern plaudern und diskutieren, manchmal einfach eine Behauptung in den Raum stellen, um die Diskussion anzufeuern. Als cultural habit sozusagen. Diese Behauptung ist nie ganz an den Haaren herbeigezogen, aber doch so eindeutig unbewiesen, dass man darüber trefflich diskutieren kann. Und soll! Denn darum geht es ja primär.

      Also: Nein, deutsche „Millionäre“ (auch ein nicht strikt pekunär gemeinter Begriff) sind ganz sicher nicht immer verknöchert. Ich glaube aber – selbst wenn das argumentativ jetzt ein wenig weit führt – dass die deutsche Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg das Geld-, Macht- und Intellektualitäts-Vakuum, das durch Judenvernichtung und Oppositionellenvertreibung entstanden war, tendenziell nur auf eine bestimmte Weise gefüllt hat. Nämlich mit der Überbetonung bestimmter Eigenschaften, die nach den Erfahrungen zweier verlorener Kriege auch nicht ganz abwegig sind. Überbetont wurden Fleiß und Ordnung (an sich natürlich lobenswerte Eigenschaften) gegenüber frei fließender Kreativität, und überbetont wurde ebenfalls die Sicherheit gegenüber dem Wagemut.

      Wie gesagt, das sind alles Dinge, die Deutschland keineswegs ins Verderben gestürzt haben, ganz im Gegenteil: Mit „verknöchertem Protestantismus“ 😉 kommt man ökonomisch gesehen ganz schön weit. Und ich weiß auch um die Verdienste der 68er, um die Bildungsexpansion, um die relativ gut gelungene flächendeckende Demokratisierung. Dennoch fehlt mir manchmal ein bisschen das Luftige, das weit über alle Tellerränder Schauende, das Ausprobierende. Ob so etwas ausgerechnet in den USA oder spezieller in Los Angeles zu finden ist, kann man sicher diskutieren. Der Prozentsatz an gesellschaftlicher Teilhabe kann dort durchaus niedriger sein als bei uns. Aber irgendwie habe ich diesen Hauch des unkonventionellen Wagemuts dort stärker gespürt, in den Cafés von Silver Lake, in den Boutiquen an der Montana Avenue. Oder wie Tony Fang kürzlich sagte: „Trial and Error, das zuzulassen und positiv zu besetzen ist die Quintessenz unserer Dynamik.“

      Mit anderen Worten: Ich empfehle sehr sehr stark einen eigenen Besuch – in Los Angeles, in San Francisco, auch in Portland, in Seattle, in Phoenix. Ich war ja selbst zum ersten Mal dort, und ich glaube, es hat mich irgendwie weitergebracht…

      Und vielen Dank natürlich für den ersten (zudem netten) Kommentar nach den vielen bereits gelesenen Artikeln 😉 !

      • Ella schreibt:

        Oh, werter Herr Matze, so weit habe ich gar nicht gedacht. (Da sieht man’s mal wieder, im Internet nur ganz flüchtig den Artikel überflogen und dann auch schon den eigenen Senf in die Tastatur gehämmert; über sowas rege ich mich bei Facebook ja immer auf. 😉 ) Sie haben sicher Recht, was die deutsche Mentalitätsgeschichte angeht. Wie ich gelesen habe, ist in den USA der Begriff des Scheiterns gar nicht so negativ belegt wie in Deutschland. Möglicherweise erleichtert diese Kultur das Über-den-Tellerrand-schauen, das Ausprobieren, den Wagemut. Denn wenn ich nicht so viel Angst vor dem Scheitern habe, bin ich bestimmt mutiger, probiere auch mal etwas aus. Hm, muss ich in Ruhe noch einmal drüber nachdenken.
        Ich denke aber, dass sich da in Deutschland doch auch einiges tut. Zumindest hier in meiner Stadt gibt es mittlerweile einiges kreatives Potenzial, das sich auch an die Kunden wagt.
        Ansonsten herzlichen Dank für den wortreichen Empfang auf diesem Block, Ihr Schreiben macht mir nach wie vor Freude.
        Einen schönen Abend noch,
        Ella

      • Matze schreibt:

        Ja, „wortreich“ ist wahrscheinlich eine gute Beschreibung für meine Aktivitäten hier 😉

        Es ist sicher richtig (und ich denke das auch), dass es an gar nicht wenigen Orten in Deutschland kreatives und schwungvolles Potenzial gibt. Über den Sommer werde ich beruflich bedingt viel in deutschen Landen unterwegs sein. Und ich bin ehrlich gespannt darauf, was es dort zu entdecken gibt.

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