On my way in L.A.

Wie ist es möglich, den Charakter einer Stadt zu erfahren? Und ihn dann so zu beschreiben, dass er auch für diejenigen begreifbar wird, die diese Stadt noch nie gesehen haben? Das ist die Herausforderung, der sich vermutlich alle reisenden Schreiberinnen und Schreiber gegenübersehen. Manchmal funktioniert das ganz gut mit Assoziationen. Wer von Euch mittelalten Menschen hatte beispielsweise beim Lesen der Überschrift zu diesem Artikel sofort das sanfte Jazzgedudel des gleichnamigen Musikstücks im Ohr, das die Atmosphäre eines entspannten Bardrinks bei Sonnenuntergang in sich trägt? Nicht so wenige, nehme ich an. Genauso ist L.A. Aber natürlich nicht nur. Denn irgendwie gibt es da noch mehr Dimensionen.

Wenn Ihr mit dem Flugzeug in L.A. ankommt – oder spätestens beim Besuch des legendären Observatoriums auf im Griffith Park – werdet Ihr sehen, dass diese Stadt nicht eine, sondern genau zwei Dimensionen besitzt. Und zwar Länge und Breite. Wer die geschlossene Siedlungsfläche des Großraums Los Angeles von Nordwest nach Südost durchmessen möchte, muss dabei nicht weniger als 140 Kilometer zurücklegen. 140 Kilometer lang nur Bungalows mit Vorgärten. Wegen der Kombination aus Erdbebengefahr und amerikanischer Eigenheimvorliebe wurde die Stadt nämlich weitgehend eingeschossig konzipiert. Das, was Ihr auf dem Foto oben seht, sind die „Wolkenkratzer“ von Downtown L.A., eine für amerikanische Verhältnisse eher bescheidene Vertikale.

Das bedeutet natürlich auch, dass alle, die von Downtown L.A. auf dem kürzesten Weg ans Meer möchten, dafür viel Geduld benötigen. Es sind dabei nicht nur die Entfernungen. Auch der öffentliche Nahverkehr sieht schlichtweg schicker aus, als er ist. Wer einmal wie ich am frühen Abend an einer U-Bahn-Station in der Innenstadt gestanden hat und auf dem Schild für die nächste Bahn die Angabe „in 28 minutes“ hat aufleuchten sehen, der weiß, was ich meine. Der Grund dafür ist ein bisschen wie die Frage nach dem Ursprung eines Dilemmas: Dadurch, dass die Angelitos und Angelitas die öffentlichen Verkehrsmittel so schlecht annehmen, lohnt es sich natürlich nicht, eine höhere Frequenz anzubieten. Da die Frequenz aber so niedrig ist und manche der Passagiere in Bus und Bahn ein wenig eigenartig wirken, fährt alle Welt Auto. Und dadurch schließlich sind die Freeways so verstopft wie die Tokioter U-Bahn zur Rush Hour. In jedem Fall also: viel Zeit und gute Nerven mitbringen, wenn Ihr in Los Angeles mehr sehen wollt als Eure unmittelbare Wohnumgebung.

Auch bei dem zweiten Thema, das mir in L.A. sofort ins Auge gefallen ist, stellt sich die Frage, welches Element was beeinflusst hat. Zuerst war da natürlich das Klima, und das ist für unsere mitteleuropäischen Verhältnisse schlichtweg großartig. Nun ist es zwar nicht so, dass es „never rains in Southern California“, aber wenn dem so wäre, hätten wir hier ja auch eine Wüste wie in Las Vegas. Wenn der Winterregen vorbei ist, also jetzt im April, dürfte Los Angeles die schönste Jahreszeit erreicht haben. Überall grünt und blüht es subtropisch, selbst vor meinem Fenster. Fantastische Vegetation.

Dieses herrliche Klima bedingt, dass man sich eigentlich das ganze Jahr über im Freien aufhalten kann. Und das zieht an. In L.A. scheinen Kreative, Alternative und Freigeister ihre ideale Hometown gefunden haben. In Läden wie dem Broome Street General Store läuft immer gute und leicht versponnene Musik, die Atmosphäre ist kosmopolitisch und relaxed – an diesen Orten werdet Ihr kaum jemanden treffen, der Trump gewählt hat. Ein großer Schwung herrscht in der Stadt (und vermutlich an der gesamten Westküste), eigene Dinge zu entwickeln und sie mit viel Verve auf den Markt zu bringen. Das ist großartig, inspirierend, und vielleicht ist es erst dieser direkte Vergleich, der mir bewusst macht, wie angstgeprägt und besitzstandswahrend wir uns gelegentlich im alternden Europa geben.

Andererseits ist diese große Freiheit nicht immer ganz ohne Gefahren. Denn wer es nicht schafft, wer seinen Job verliert, seine Miete nicht mehr zahlen kann und vielleicht auch noch in privaten Problemen steckt, für den gibt es kein besonders stark institutionalisiertes Auffangsystem. 44.000 Menschen leben nach offiziellen Angaben das ganze Jahr über auf den Straßen von Los Angeles County, während geschätzte 190.000 Menschen wiederum sich mindestens einmal im Verlauf des Jahres in dieser Situation befinden. Auch wenn Zahlenangaben eine Exaktheit vortäuschen, die sie in Wirklichkeit nicht besitzen, wird jedem Besucher von L.A. die Dimension des Problems schnell bewusst – beim Besuch von Downtown, beim Bummeln in Venice Beach, beim Fahren mit der U-Bahn, vor jedem Supermarkt. Für mich stellt sich dabei die Frage, ob diese Extreme zwangsläufig zusammengehören. Also ob die große Freiheit der Lebensgestaltung, die in Kalifornien ohne Zweifel existiert, ob die extreme Ermöglichungs- und Ermunterungskultur Kaliforniens immer auf der anderen Seite mit ersichtlich nicht gut geregelten sozialen Härten einhergeht. Oder ob es doch eine Möglichkeit gibt, für die ganze Gesellschaft ein best of both worlds zu finden…

Bevor ich an dieser Stelle spontan einen politischen Blog eröffne, kehre ich doch erst einmal wieder zurück ins Konkrete, zu ein paar Schnappschüssen von meinen Streifzügen durch L.A.

Natürlich kann man in Kalifornien auch Wein kaufen, schließlich sind wir hier im Heimatstaat der U.S.-amerikanischen Weinkultur. Wenn Ihr in Supermärkten wie Whole Foods (Foto oben), Sprouts oder Trader Joe’s in die Weinregale schaut, werdet Ihr staunen, was allein an diesen Orten alles geboten wird. Qualitativ wie preislich. Durch den für uns so miesen Dollarkurs sind gute Weine nämlich durchweg teuer bis sehr teuer. Empfehlenswerte Fachhändler für unkonventionellere Sachen gibt es trotzdem: Silver Lake Wine, Bar & Garden, Lou Wine Shop, um mal drei Beispiele zu nennen.

In den meisten Reiseführern wird der Farmers‘ Market – oder vielmehr der „Original Farmers‘ Market“ – als lohnenswertes Ziel für Shopper und Hungrige angepriesen. Nun ist es nicht so, dass ich Euch davon abraten würde, aber mir kam der „Grand Central Market“ in Downtown wesentlich interessanter vor – angesagter, urbaner, weniger touristisch. Nun stellt Euch bitte nicht die Markthalle von Limoges vor, denn hier in L.A. wird doch eher selten aufwändig selbst gekocht. Es handelt sich also primär um – allerdings attraktive – Essstände und Delikatessen-Shops. Und wenn Ihr bei Belcampo Meat einen Bio-Burger am Tresen verspeist, fragt Euch doch einmal, ob Ihr a) schon öfter bessere Burger gegessen und b) schon öfter noch coolere Metzgereiverkäuferinnen gesehen habt.

Hollywood ist auch nicht mal das, was es mal war. Harte Zeiten jedenfalls für Charakterdarsteller wie den Herrn auf dem oberen Bild. Oder nein, Hollywood war möglicherweise nie entscheidend anders, aber das Bild, das ich Fremdling mit diesem Namen verband, wich ein bisschen von der Realität ab. Die Gegend um den „Walk of Fame“ mit den vielen Sternen auf dem Gehweg, den Fußabdrücken der Stars und den berühmten Theatern ist nämlich eine Vergnügungsmeile eher niedrigschwelliger Art. Sprich: Fastfoodbuden und Kleinkünstler tagsüber, prinzipiell aber eher nachtlebenorientiert mit Bierpinten, dann immer noch Kleinkünstlern und einigen Glücksrittern.

Auch die Promenade von Venice Beach ist eigentlich ein schrecklicher Ort, dessen Besuch ich dennoch sehr empfehle. Gerötete Touristen laufen in Horden herum, es riecht nach Kif, und die Buden sind voll mit kommerzialisiertem Hippie-Kitsch. Ja, auch ich hatte geglaubt, Che Guevara- und Hanfblatt-T-Shirts würde man doch gar nicht mehr tragen. Auch ich hatte geglaubt, „Stairway to Heaven“ und „Hotel California“ hätte ich das endgültig letzte Mal in meinem Leben gehört, als Wredo in der Provinzdisco noch selbst aufgelegt hat. Aber nein, hier gibt es das alles noch – nur halt in Plastik und made in China. Was mir aber auch nicht bewusst war: In Los Angeles werden die Strände nach Sonnenuntergang geräumt. Polizeihubschrauber kontrollieren aus der Luft, Patrouillen fahren den Sandstrand entlang. Ich finde, dass ein Besuch von Venice Beach und vom Santa Monica Pier zwingend dazugehört, will man sich ein umfassenderes Bild von L.A. machen. Allein: Schön ist woanders.

Erst wollte ich einen Blogpost schreiben mit dem Titel „Los Angeles zu Fuß“. Denn ich habe wirklich etliche Kilometer beim Gang durch die verschiedenen Stadtviertel zurückgelegt. Dann allerdings dachte ich, hm, vielleicht genügt es, die netten Orte aufzuführen und nicht unbedingt die staubigen Industrieviertel und die achtspurigen Autostraßen, die ich bei meinen Stadtwanderungen ebenfalls erleben durfte. Also: Los Angeles zu Fuß ist ein echtes Erlebnis, das alle möglichen Facetten bereithalten kann, die man weder als normaler Tourist noch als Einheimischer für gewöhnlich sieht, hört, riecht und spürt. Aber so ganz konsequent ist das nur etwas für Hartgesottene. Nette, überraschend grüne und mit eingestreuten interessanten Cafés und Boutiquen ausgestattete Stadtviertel zum Herumspazieren sind dagegen Silver Lake (Foto oben) und Echo Park, der nördliche Teil von Santa Monica (Ventura Boulevard zum Beispiel) und die Venice Canals.

Was ich so unvorbereitet nicht gedacht hätte: In Los Angeles kann man ganz ausgezeichnete Schokolade kaufen. Die einschlägigen gehobenen Supermärkte halten bereits jeweils zwei bis drei gute Hersteller bereit (die Standardmarken sind dagegen genmanipulierter Müll), ebenso die kleinen Delis oder erst recht der unglaublich poshe Rockstar-Bio-Supermarkt Erewhon. Zwei Hersteller habe ich mit großem gustativen Erfolg jedoch selbst aufgesucht, und zwar John Kelly (Boutiquen in Hollywood und in Santa Monica) – und Compartés. Letzterer, das Werk von Star-Chocolatier Jonathan Grahm, haut dem Fass echt den Boden raus. Ich kann nur sagen: Geht selbst hin, schaut Euch die Sorten an und betrachtet die Verpackungen, die Kunstwerke für sich allein sind. Wenn Ihr die Schokolade dann noch probiert, werdet Ihr nachvollziehen können, weshalb man bereit ist, für diese Idee, für diese Objekte der Begierde je Tafel 10 US$ hinzulegen. Das Esstempo reduziert sich übrigens ganz automatisch, auch nicht so schlecht.

Was ich sonst noch alles in L.A. gegessen, getrunken, gesehen und erlebt habe, das passt eher in ein Buch – und als Erinnerungsfitzel auf 1.199 dort gemachte Fotos – aber leider nicht mehr in diesen Blogpost… Gelohnt hat es sich auf jeden Fall sehr, und ich bin froh, das „Westcoast Experiment“ jetzt endlich im Jahr 2017 mal angegangen zu haben.

 

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