Einkaufsausflug ins Elsass: Haguenau

Haguenau – das war für mich vorurteilsbelastet immer die „Stadt, in die man nicht fahren muss“. Kleiner und wesentlich unbedeutender als Straßburg, nicht so attraktiv wie Colmar, weit weg von Weinbergen und elsässischer Dorfromantik; schlichtweg ein Wohn- und Industriestandort, hingepflatscht in die Ebene. Einzig die Tatsache, dass Haguenau vom nördlichen Baden aus die nächste Stadt auf französischem Boden ist, hat uns dazu bewogen, hierhin einen Tagesausflug zum Einkaufen zu machen. Und das Ergebnis? „Highly recommended“, wie der Anglophone sagen würde. Folgt mir also auf meinem Rundweg durch die kulinarischen Etablissements dieser wahrhaft unterschätzten Stadt.

Die organisatorischen Details erst einmal vorweg: Natürlich kann man auch nett in der Innenstadt wohnen, aber aus pragmatischen Gründen haben wir uns für eine einfache Unterkunft vor den Toren der Stadt entschieden. Schaut bei den einschlägigen Suchmaschinen nach, die Auswahl ist ziemlich groß. Sehr praktisch finde ich auch den große Parkplatz „Vieille Ile“ im Westen der Innenstadt: nicht teuer und nun wirklich direkt an der Fußgängerzone gelegen. Hingefahren, leere Taschen aus dem Auto geholt, es kann losgehen.

Direkt am Hauptplatz der Fußgängerzone, dem Place de la République, befindet sich die Bäckerei Duweck (78 Grand Rue). Ein bisschen von vergangenem Ruhm lebt man hier, denn für die oben abgebildete Millefeuille gab es große Preise in den Jahren 2002, 2003 und 2004. Und genau darauf wird auch heute noch im Schaufenster hingewiesen. Schmeckt aber gut, nicht zu süß. Schön fester, handgemachter Blätterteig und echte Vanille.

Bei einem Bäcker, der die Wecken schon im Namen trägt, kann man aber davon ausgehen, dass er jene sehr ansprechend hinbekommt. Und tatsächlich: sehr feine Brioche gibt es hier, außen kross und innen zart. Wobei man diese Form im Frankenland eher als „Hefenudeln“ bezeichnen würde.

Wenn es um feinere Konditoreiware geht, würde ich eher die Pâtisserie Maxime empfehlen, weiter Richtung Südwesten gelegen (25 Grand Rue). Hier um den Place de Neubourg befinden sich gleich fünf oder sechs sehr interessante Läden im Umkreis von maximal 100 Metern. Das ist schlichtweg fantastisch.

Bei Cafés Rasco (13 Grand Rue) erstehe ich die neue Hausmischung namens „Barberousse“, eine mild-elegante Variante. Es gibt aber auch Single Origin-Kaffees, in Bohnen oder frisch gemahlen, von Sidamo bis Blue Mountain, dazu eine gute Auswahl an Tee sowie allerlei Kaffee- und Teezubehör.

Ein paar Meter die Grand Rue zurück befindet sich das Maison de la Presse (27 Grand Rue). Für all diejenigen unter Euch, die die riesige Auswahl französischer Magazine lieben, dies ist Euer Ort. Ich kaufe mir die neuen Ausgaben von Revue du Vin de France und Fou de Cuisine. Und halt, noch schnell das eigentlich schon ausgelistete Februar-Heft des Vélo Magazines mit allen Radteams und dem Jahreskalender.

Im Käsegeschäft La Cloche à Fromage (1 Place de Neubourg) gibt es eine Käseauswahl, wie man sie kaum in den allerbesten Käsegeschäften in Deutschland findet. Ihr könnt Euch auf der überraschend informativen Website ja mal durch die 115 angebotenen Käsesorten klicken. Exzellente Beschreibungen übrigens.

Gekauft habe ich dann nur fünf Stück, die Rückfahrt ist ja weit… Von links außen im Uhrzeigersinn seht Ihr: Sablé de Wissant, ein würziger Käse von der Kanalküste, dessen Rinde mit Weißbier abgerieben wurde; Palouse des Aravis, ein Kuhmilchkäse aus den Savoyen, der an einen St-Nectaire erinnert; Brie de Meaux, und zwar die sehr reife Variante; Bleu de Gex, ein Blauschimmelkäse aus den Bergen westlich von Genf und schließlich der Laguiole, ein Hartkäse aus dem Zentralmassiv, Michel Bras lässt grüßen. Natürlich hätte ich noch viel mehr kaufen können, aber das gilt auch für…

…den schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite gelegenen Weinladen Vins et Terroirs (12 Rue du Maréchal Foch). Verehrte Weinliebhaber/innen, hier könnt Ihr jede einzelne Flasche kaufen. Für die Freunde richtig hochwertiger weißer Burgunder gibt es hier die ganze Palette der Domaine Leflaive. Aus dem Elsass sind alle großen Namen und einige Geheimtipps an Bord. Ich kaufte einen Riesling von André Ostertag und einen maischevergorenen trockenen Muscat von Patrick Meyer – beides Biodynamiker natürlich, keine Seltenheit im Elasss. Der Laden ist zwar klein an Quadratmetern, aber groß in der Vielfalt. Es gibt nämlich auch Biere, Cidres, Schaumweine und eine schöne Auswahl lokaler Spezialitäten wie beispielsweise Konfitüren. Der richtige Ort also, um einen mittelgroßen Lottogewinn auszugeben.

Wenn man entlang der Grand Rue die ganze Innenstadt in Richtung Norden durchmisst (und die Fläschchen zwischendurch am Auto abliefert), kommt man zur Markthalle (115 Grand Rue). Ein wunderschönes Gebäude aus rötlichem Sandstein, das selbst dann imposant wirkt, wenn gerade kein Markttag ist. Das ist nämlich das einzige Unglück, wenn Ihr wie ich am Samstag in Haguenau unterwegs sein solltet. Markt ist hier immer dienstags und freitags, wobei ich annehme, dass die Stände im Sommer zahlreicher als im Winter sind.

Direkt südlich an die Markthalle grenzt dieses kleine Delikatessengeschäft an, Saveurs Gourmandes (5 Fossé des Tanneurs). Ich würde Euch einen Besuch besonders dann empfehlen, wenn Euch zu Hause die Mitbringsel aus Frankreichs Südwesten ausgegangen sein sollten. Es gibt Confit de Canard, Piment d’Espelette und ansonsten noch alle möglichen anderen Spezialitäten, von denen Ihr gar nicht wusstet, dass Ihr sie tatsächlich braucht.

Wenn die Mittagszeit gekommen ist (und das dürfte exakt jetzt der Fall sein), wollt Ihr natürlich einen Happen essen gehen. Vielleicht nicht gleich ein zehngängiges Menü, schließlich soll es nach dem Essen noch zum Einkaufen in die „Banlieue“ gehen und hernach wieder nach Hause. Gilles Pudlowski empfiehlt sieben Restaurants in Haguenau und hat sie auch umfassend beschrieben. Ihr werdet bestimmt eine gute Option für Euch finden. Was Pudlo hingegen nicht mit aufgenommen hat, ist das Etablissement auf dem Foto oben, Chez Dédé, ebenso direkt an der Markthalle gelegen (9 Fossé des Tanneurs).

Das hat auch seinen Grund, denn als leicht snobbiger Tourist ist man hier nicht so gut aufgehoben. Bei Dédé gibt es Lokalkolorit, und zwar mehr als 100%. In der Stube an der Theke sitzen nur Einheimische, Durchschnittsalter 75, und es wird ausschließlich Elsässisch gesprochen. Im Speiseraum nebenan gibt es eine Dekoration, wie sie unser Hipster von nebenan lange nicht gesehen hat. Für sehr kleines Geld wird ein herzhaftes Tagesgericht samt einem Viertel Rotwein aufgetischt. Die Bedienung ist äußerst höflich, man geht auch mit denkbar Ortsfremden freundlich um an diesem Ort. Im Chez Dédé ist die Zeit ein bisschen stehengeblieben, hier lebt das Elsass der 60er Jahre weiter, ein wundersamer Ort. Wenn Euch das genauso gut gefällt wie mir (Grünkohl mit geräucherten Würstchen inklusive), dann kommt auch hierher. Ansonsten hilft Euch Pudlo sicher weiter.

Auf dem Weg in das Industriegebiet im Westen der Stadt kommt Ihr in der Route de Bitche an der Schokoladenfabrik von Daniel Stoffel (50 Route de Bitche) vorbei. Haltet an, betretet die weiträumige Boutique, nehmt Euch einen Einkaufskorb und denkt an all die Freunde und Verwandten, die kein solches Schokoladengeschäft in ihrer Nähe haben. Manche Sachen sind ein bisschen kitschig hier, aber es gibt auch eine große Auswahl an Pralinen und kleinen Schokostückchen für jeden Geschmack. Die Mini-Kugelhupfe mit Blätterteig-Nougat-Füllung zum Beispiel. Die Schokoherzchen mit fruchtigen oder blütigen Ganache-Füllungen. Solide Tafeln. Trüffel. Ostereier. Meine Eltern, meine Schwestern und mein kleiner Neffe haben jedenfalls große Augen gemacht, was wir ihnen da alles Leckeres aus Frankreich mitgebracht hatten.

Baulich noch ein wenig unschmucker wird es jetzt, wenn Ihr das Gewerbegebiet westlich der Umgehungsstraße erreicht habt. Zwei Bio-Supermärkte gibt es da, und einer von ihnen, La Cigale et la Fourmi (103 Route de Bitche), ist nichts anderes als ein Ort für nachhaltig hergestellte Delikatessen. Die eingemachten Spezialitäten von Emile Noël aus der Provence werden Euch begeistern. Es gibt richtige Buchweizenflakes. Die Schokolade (haben wir nicht schon genug gekauft?) von El Inti lässt die Auswahl im deutschen Biomarkt ganz alt aussehen. Die Fischkonserven aus der Bretagne sind großartig. Die Frischetheken mit Käse, Wurst und Fleisch ebenso. Der Obst- und Gemüsebereich mit den kleinen Bananen. Die Gewürze. Ah, schnell noch Rillettes de Canard gekauft, vorhin in der Stadt vergessen.

Und dies hier ist ein fantastischer Kräuterquark, den wir bei einer Pause auf der Rückfahrt zusammen mit dem frischen Baguette gegessen haben. An einem solchen Ort will ich eigentlich meinen „normalen“ Wocheneinkauf machen…

Wenn Ihr jetzt noch Zeit habt und es Euch nach dem neuesten Frankreich-Straßenatlas sowie einem Kistchen Austern zum Mitnehmen gelüstet – okay, vielleicht noch Klopapier und Mineralwasser, da Ihr ja ohnehin hier seid – möchte ich Euch noch zwei Supermärkte in der Nähe von Haguenau besonders ans Herz legen. Von jenen gibt es ungefähr ein gutes Dutzend, und ich habe sie alle besucht. Richtig gelesen, alle – wenn schon, denn schon.

Also, der beste Hypermarché ist für mich derzeit der Auchan in Schweighouse-sur-Moder, den ich von außen noch mit Skepsis beäugt hatte. Aber – um mal ein Beispiel zu nennen – ich konnte dort Austern aus zehn verschiedenen Herkunftsgebieten wählen. Es gab sogar die flache Bélon-Auster aus der Südbretagne, die ich kaum je in einem Supermarkt gesehen hatte. Und die Preise sind natürlich ganz anders als jene in Deutschland, das wisst Ihr ja vermutlich selbst.

Der beste Supermarché ist für mich der Super U in Gambsheim, südöstlich von Haguenau in der Nähe der Autobahn gelegen. Hier ist es nicht so voll an den Kassen und die Wege sind nicht so weit. Die Auswahl ist trotzdem sehr gut, wie üblich bei diesen Franchise-Märkten. Neben alltäglichen Dingen kam ich hier nicht an einer Flasche Clos de la Bergerie von Nicolas Joly vorbei. Der Bandol von Château Pradeaux lachte mich auch frech an. Und die Fischsuppe im Glas mit Felsenfischen aus dem Mittelmeer von Azaïs-Polito. Das ist für mich der beste Fischsuppen-Eindoser überhaupt. Wenn Ihr mal in Sète sein solltet, fahrt unbedingt zu Azaïs-Polito und füllt Euren Kofferraum.

Fürs Erste (ganz ruhig, Matze) sind wir jedoch noch in Haguenau, in der nordöstlichsten Ecke des Elsass. Aber auch in dieser Kleinstadt ist das kulinarische Frankreich unerwarteterweise absolut zu Hause. Viel Spaß also bei Eurer eigenen Tour mal einfach rüber zum Nachbarn…

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4 Antworten zu Einkaufsausflug ins Elsass: Haguenau

  1. Thomas Riedl schreibt:

    Hallo Matthias,

    ich komme gerade von einer Veranstaltung, auf der Claus Leggewie mit Alfred Grosser über dessen neues Buch „Le Mensch“ gesprochen hat. Im Laufe des Abends wetterte Grosser u.a. über das „reiche Elsass“, in dem es kaum Arbeitslose gäbe und keine Probleme mit Ausländern, ja sowieso kaum Ausländer leben würden und trotzdem so viele Marie Le Pen wählen wollten. Das fände er schrecklich.
    Was machst Du denn, wenn Le Pen doch gewählt wird? Für die Legislaturperiode nicht mehr nach Frankreich fahren? Keinen französischen Wein mehr kaufen? Oder erst den Winzer fragen, wie er zu Le Pen und dem Front National steht? Das gleiche gälte dann für den Fromager usw.
    Oder trägst Du ein T-Shirt mit der Aufschrift „Schämt Euch Franzosen! Es lebe Europa!“?
    Das gleiche gilt natürlich für die Niederlande. Wenn da morgen Wilders gewählt wird?
    Vier Jahre kein Gouda und kein Matjes? Genever-Abstinenz!?

    Vive la Liberté!

    Thomas

    • Matze schreibt:

      Mensch Thomas, was lese ich da am frühen Morgen 😉 ? Natürlich könnte ich ganz viel dazu schreiben, kannst Du Dir ja vorstellen, ich werd’s aber einigermaßen knapp halten.

      Also erstens bin ich relativ guter Hoffnung, dass dank der grotesken rechtspopulistischen Umtriebe in einigen anderen Ländern mehr Leute in Frankreich und in den Niederlanden eben nicht rechtspopulistisch wählen werden. Erdogan, Trump, die Polen, die Ungarn – sowas will die Mehrheit der Franzosen dann doch nicht haben, auch wenn die großen Parteien mit ihrer Kandidatenauswahl zeigen, dass bei ihnen ebenfalls Hopfen und Malz verloren ist. Trotzdem werden Le Pen und Wilders natürlich unangenehm viele Stimmen bekommen.

      Zweitens bin ich aber der Meinung, dass ausgerechnet die unabhängigen Weinhändler, die Buchhändler, die alternativen Winzer nicht gerade diejenigen sind, die allzu große rechtspopulistische Neigungen haben. Weder im Elsass noch sonstwo.

      Und drittens muss ich zugeben, dass ich solche Dinge wie einen nationalen Boykott als „Strafe“ schon immer albern gefunden habe. Zum einen trifft man damit immer auch diejenigen, die so denken wie wir; genauso, wie man bei einem Krieg immer auch die Zivilbevölkerung trifft, die keinen Krieg will, und nicht nur die Machthaber. Wenn jemand, bei dem ich etwas einkaufe, sehr seltsame Dinge sagt, dann kann ich ja im Einzelfall entscheiden, ob ich da wieder hingehen möchte.

      Nicht dass Du denkst, ich würde das verharmlosen. Ich finde es durchaus besorgniserregend und vom analytischen Standpunkt her auch irgendwie interessant, wie es sein kann, dass die Menschen in vielen reichen Ländern ein so schlechtes Selbstwertgefühl besitzen, dass sie prinzipiell ablehnende Haltungen entwickelt haben. Das sind ja nicht nur „Abgehängte“, die sowas wählen. Kann man also vermutlich nur psychologisch erklären und nicht strukturell. (Und es gibt ja ein paar Theorien) (Aber mehr dazu vielleicht dann doch nicht an dieser Stelle 😉 )

  2. Hilke Maunder schreibt:

    wieso abonnier ich Dich – und krieg nie Infos über neue Beiträge? Schade!! Du schreibst echt toll!!

    • Matze schreibt:

      Das hat mir neulich schon mal jemand gesagt. Früher hat das definitiv alles funktioniert mit dem Abo. Ob es ein technisches Problem ist? Ich werde mich da mal schlau machen…

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