BiolebensmittelCamp 2017: die Themenvorschläge

04_biosphaere_biohotel_sturm_c_hotel_sturmLangsam geht es beim BiolebensmittelCamp in die Schlussphase der Anmeldungen. Weil noch ein paar Plätze frei sind, und weil mich selbst interessiert, welche Themenvorschläge für die Sessions bislang eingegangen sind – hier für alle Wankelmütigen noch mal ein Schnelldurchlauf in Bruchstücken.

Also: Vom 17.-19. März 2017 findet im unterfränkischen Mellrichstadt das erste BiolebensmittelCamp statt (Titelfoto oben: © Biohotel Sturm), und zwar in der Form eines Barcamps, wie Ihr es möglicherweise schon von anderen Veranstaltungen kennt. Das heißt, es gibt ein bisschen Input von außen, und zwar in Form von gleich zwei vermutlich sehr unterschiedlichen Keynotes. Dann gibt es natürlich auch ein Rahmenprogramm, bei dem die kulinarischen Freuden eine vernetzungsaffine Atmosphäre schaffen dürften. Den größten Teil aber gestalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst, ein bisschen nach dem Motto „von uns für uns“. Alle, die sich beim BiolebensmittelCamp anmelden, können nämlich (wenn sie wollen) Themenvorschläge für Sessions einbringen, die sie dann selbst gestalten.

Auf einem ganz wilden Barcamp kann es passieren, dass 100 Teilnehmer 100 Vorschläge für Sessions einbringen, von denen aus organisatorischen Gründen nur 20 parallel durchgeführt werden können. Das werden dann die 20 mit den meisten Stimmen sein – sehr basisdemokratisch also. 18 Sessions soll es beim BiolebensmittelCamp geben, jeweils drei parallel zueinander. Bislang sind auch genau 18 Sessionthemen eingegangen, aber da dürften noch einige mehr folgen.

Da ich an dieser Stelle nicht alle Vorschläge durchhecheln möchte, sei mir gestattet, mit dem Zufallsgenerator einfach vier davon stellvertretend auszuwählen. Aber zuerst die beiden Keynotes:

In der ersten Keynote stellt Christian Hiß aus Freiburg im Breisgau, also sozusagen aus einer der deutschen Öko-Urzellen, sein Unternehmen vor. Und das ist eine wirklich interessante Geschichte („Regionale Wirtschaftsräume – eine Chance für Biobetriebe“). Im Grunde geht es bei der „Regionalwert AG“ darum, den Schwund der lokal produzierenden landwirtschaftlichen Betriebe aufzuhalten. Einzeln wären diese Höfe, selbst wenn sie auf bio umstellen, kaum überlebensfähig. Aber Christian Hiß vernetzt die grünen Unternehmen untereinander, so dass sie einen regionalen Wirtschaftsraum bilden. Das passiert dadurch, dass seine AG die Bauernhöfe erwirbt, an Existenzgründer verpachtet und auf biologischen Landbau umstellt. Die Höfe kaufen sich gegenseitig Produkte ab und vermarkten sich gemeinsam. Das Geld für den Erwerb der Höfe stammt von bioaffinen Bürgern, weshalb Hiß von einer „Bürger-Aktiengesellschaft“ spricht. Ich verlinke Euch hier mal einen schon sieben Jahre alten, aber sehr informativen Artikel aus der brand eins. Das hört sich alles nach einem prima Vorreiterprojekt für Tatkräftige auch in anderen Regionen an. Ich bin gespannt, wie die Sache weitergegangen ist.

Die zweite Keynote scheint komplett anders gestrickt – genau wie die Bioszene gleichzeitig Platz für sehr unterschiedliche Menschen und Ansätze bietet. Hassaan Hakim („Bio Brand Enlightenment“) ist nämlich kein gelernter Gärtner wie Christian Hiß, sondern Werber. Allerdings ein Werber mit attitude, wenn ich das mal so sagen darf. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ihr vor einiger Zeit auch den wirklich Furore machenden Clip von Agrarprofit gesehen habt – falls nicht (oder falls Ihr Euch nicht mehr erinnert), klickt auf den Link, es lohnt sich sehr. Hinter diesem Film steckte, richtig, Hassaan Hakim als Macher von YOOL, einer Werbeagentur für Nachhaltigkeit. Hier beim BiolebensmittelCamp wird er über den Sinn sprechen. Möglicherweise tatsächlich über den Sinn des Lebens, möglicherweise aber eher über das Sinnstiftende, das authentischen Bio-Marken dank ihrer Philosophie quasi automatisch innewohnt. Und nach so etwas suchen die Menschen beim Einkauf immer stärker. Es muss ihnen lediglich klargemacht werden, dass sie es bereits gefunden haben. Nämlich mit dem Produkt, das sie gerade in den Händen halten…

Jetzt aber zu den zufällig ausgewählten Sessions. Das erste Thema knüpft eigentlich direkt an die Keynote von Hassaan Hakim und seine Sinnvermittlung an. Carola Portenlänger und Ludwig Gruber möchten nämlich darüber diskutieren, wie man Bioqualität besser kommunizieren könnte und haben sich dafür den Untertitel „junkiger, sakraler oder ganz anders?“ ausgedacht. Sie geben zu bedenken, dass beispielsweise McDonald’s stets von „Nachhaltigkeit“ spricht, gleichzeitig aber der Preisdruck beim globalen Discounterbio ständig zunimmt. Zwar würde das Bewusstsein der Verbraucher wachsen, dass Bio „irgendwie besser“ ist, aber das Wissen um die Gründe dafür würde abnehmen. Wie also damit umgehen als wahrhaftiger Bio-Erzeuger? Eine richtig hochwürdenhaft sakrale Präsentation von Produkten, das wäre in der Tat mal etwas Neues…

Wieder sehr anwendungsorientiert wird es bei Bio-Rohstoffhändler Fabian Breisinger, der uns ein bisschen an seinem Insiderwissen teilhaben lassen will. Er stellt sich rhetorisch die Frage, warum Bio-Lebensmittel ein Qualitätsversprechen seien. Und beantwortet das mit Hilfe einiger konkreter Fälle. Während die Bio-Karotte von einer hochgezüchteten Supermarkt-Karotte allein geschmacklich leicht zu unterscheiden ist, müsste man – um mal ein Beispiel zu nennen – beim Proteinpulver in die Zutatenliste schauen, um festzustellen, ob es sich um ein gutes Produkt handelt. So enthält Bio-Sonnenblumenprotein noch so viel Folsäure, dass selbst eine kleine Menge davon genügt, um den Tagesbedarf zu decken. Bei einem vergleichbaren konventionellen Protein müssen diese Spuren erst noch zugegeben werden. Diese stammen dann aber nicht aus natürlicher Herkunft, sondern sind ein chemisch nachgebildetes Konstrukt und müssen in der Zutatenliste gekennzeichnet werden. Sagt, nein, weiß Fabian Breisinger. Voilà, das dürfte eine Session werden, bei der es viel für den Alltag zu lernen gibt.

Darüber hinaus stellen sich weitere interessante Unternehmen vor, role models sozusagen, von denen man auch etwas lernen kann – besonders wenn man selbst etwas in kleinem Rahmen produziert oder das vorhat. Sonnentor ist zum Beispiel dabei oder BLYSSchocolate, die beide einen umfassenden, nachhaltigen Ansatz fahren.

Interessant und bestimmt hochgradig diskussionsbedürftig finde ich auch das Thema, das Martina Merz vorschlägt. „Change: Wertegemeinschaft statt Fachhandelstreue!“ heißt es, und für Nicht-Eingeweihte hört sich das erst einmal gar nicht so kontrovers an. Nun wissen wir aber, dass die Bio-Branche zwar boomt, weil immer mehr Menschen etwas Sinnstiftendes und Nachhaltiges essen wollen, aber darauf haben nicht alle gleichermaßen schnell reagiert. Während beim Discounter mittlerweile ganze Regale mit zertifizierten Low Level-Bioprodukten stehen, rieseln im Bioladen an der Ecke weiterhin leise die Körner. Und ausgerechnet in dieser Situation möchte uns Frau Merz von der Fachhandelstreue abbringen? Oder meint sie das gar nicht so? Wie könnte denn eine Wertegemeinschaft an die Stelle des Stammkundentums treten, und wie müsste so etwas aussehen? Fragen über Fragen, bei denen alle fleißig mitdiskutieren können. Ich bin jedenfalls gespannt.

Last und vielleicht auch least obliegt es mir in übergroßer Bescheidenheit noch, auf meinen eigenen Sessionvorschlag einzugehen: „Vin Naturel“, so heißt es da, „Wein für den Ausguss oder das einzig Wahre?“ Wer sich in der Weinszene auskennt, wird sich vielleicht fragen, was ich denn da so bahnbrechend Neues zu verkünden habe. Wer sich hingegen nicht auskennt, wird vermutlich eher Bahnhof verstehen. Aber nicht weiter wild, denn ich möchte nicht nur ein bisschen darüber erzählen, was „vins naturels“ eigentlich ausmacht und warum sie in angesagten Weinbars von Paris über Tokio bis nach Berlin in großen Schlucken genossen werden. Ich möchte nämlich vor allem zum komplett vorurteilsfreien Probieren einladen. Beispielsweise habe ich einen Bio-Wein dabei, von dem zwei Versionen existieren – einmal mit ein bisschen Schwefel und einmal komplett ohne. Ist der eine damit „naturel“, der andere nicht? Riecht man da schon einen Unterschied? Oder schmeckt ihn zumindest? Und was schmeckt wem von Euch warum „besser“?

Und bevor ich Euch mit lauter Fragen auf das BiolebensmittelCamp 2017 loslasse, möchte ich weingeschichtlich noch ganz schnell etwas loswerden. Nicht direkt in Mellrichstadt, aber ganz in der Nähe, etwas weiter abwärts im Tal der Fränkischen Saale, gibt es die ältesten belegten Zeugnisse des Weinbaus in Franken. Wer hätte das gedacht. Ich war im Herbst schon einmal hingefahren, um mich ein wenig umzuschauen. Bio-Weingüter gibt es da auch, Schloss Saaleck zum Beispiel, deren Weinberg ich hier fotografiert habe. Nur falls Ihr nach dem Camp noch ein wenig Muße haben solltet…

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