Quertest: 6 €-Bio-Rotweine von der Rhône

in-der-enclave-des-papesWenn es eine Gegend auf der Welt gibt, die man als das Paradies für den Weinbau im Allgemeinen und den Bio-Weinbau im Besonderen bezeichnen kann, das ist es das Rhônetal im Süden Frankreichs. Die Rahmenbedingungen sind insbesondere für Rotweine derartig gut, dass ich sie vernünftigerweise erst einmal auflisten sollte: Es ist warm genug, die Wachstumsperiode lang, der Sonnenschein reichlich, die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht spürbar hoch. Der Boden ist karg, also wenig krankheitenausbrütend, und der Mistral fegt zusätzlich Luftfeuchtigkeit und böse Sporen hinfort.

dentelles-de-montmirailEs ist deshalb kein Wunder, dass mittlerweile 30% der Anbaufläche im Rhônetal biologisch zertifiziert sind. Im Grunde könnte es die gesamte Fläche sein, die Anforderungen – wie mir ein paar Winzer von dort bestätigten – sind zumindest auf EU-Bio-Level locker ohne allzu großes Risiko einzuhalten. Für die Winzer in dieser Region, die sich seit Jahrhunderten dem Weinbau verschrieben hat, bedeutet das allerdings auch, dass Bio kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist. Und das wiederum bedeutet, dass die Preise für ihre Weine (wenn es nicht gerade ein Châteauneuf-du-Pape ist) weiterhin niedrig bleiben.

anlieferungFür mich sind Rotweine aus dem Rhônetal die allerbeste Option, wenn es um einen saftigen, robusten, vielseitig einsetzbaren und preisgünstigen Wein geht. Und darum geht es ehrlich gesagt sehr häufig im Alltag der allermeisten Menschen, die gern mal einen Wein zum Essen trinken. Diese Weine besitzen in aller Regel mehr Gerbstoffe als ihre nördlicheren Verwandten. Das mag beim Sologenuss ein bisschen fordernd sein, aber zum Essen braucht man den Grip, weil so ein Rotwein ansonsten zu mild und zu plump wirkt.

alle-weineIch habe fünf Bio-Rotweine von fünf verschiedenen Genossenschaften (damit wir auch noch etwas fürs Kleinbauerntum und die dörfliche Gemeinschaft tun) vor Ort gekauft und dazu einen ebenso teuren Vergleichswein aus dem hiesigen Bio-Supermarkt hinein geschmuggelt. Wenn ich von „ebenso teuer“ spreche, dann meine ich das Spektrum zwischen 5,40 € und 6,50 €.

tresterDrei der Weine stammen aus dem Jahrgang 2014, die anderen drei aus dem Jahrgang 2015. Es handelt sich also um die aktuell auf dem Markt befindlichen Roten. Alle haben die Herkunftsbezeichnung „Côtes du Rhône“ und sind bio-zertifiziert, aber es versteht sich von selbst, dass wir in diesem Preissegment keine Behandlung mit der Pinzette erwarten dürfen. Handlese mag noch vorkommen, ansonsten sind Reinzuchthefe und Stahltank Standard, filtriert wird auch. Klar, solche Weine müssen einen Transport im Kofferraum genauso aushalten können wie die Lagerung unter Neonlicht. Als Hauptrebsorten werden bei allen sechs Weinen Grenache und Syrah verwendet, darüber hinaus ein bisschen Carignan, Mourvèdre oder andere ergänzende Sorten der Region.

Aber nun zum Test:

1. Evidence Bio 2015, La Nyonsaise, Nyons, 14 vol%, 6,50 € im Intermarché Valréas

wein-1Goldmedaille beim Concours Général Agricole in Paris 2016, einem sehr konservativen, aber ebenso verlässlichem Wettbewerb des Landwirtschaftsministeriums. Sollte also dem erhofften Standard entsprechen. Farblich ein mitteldunkles, klares Rot mit leicht bläulich schimmerndem Rand – eine sympathische Farbe für einen jungen Rotwein. Da sind die Weine übrigens fast alle ähnlich, weshalb ich die Farbe nur beim Ausreißer noch mal extra nenne. In der Nase eine leicht bissige Beerenfrucht, wirkt ein bisschen aufdringlich und wie semi-carbonique, also eine halbe Kohlensäuremaischung. Am Gaumen präsentiert sich der Wein frisch geöffnet eindeutig zu jung und braucht etwa drei Stunden, um die zu geringe Lagerzeit im Keller irgendwie auszugleichen. Dann kommen rote Beeren, eine relativ dunkle Frucht zwischen würzig und schmeichelnd und ein durchaus präsentes Tannin. Ich spüre den heißeren Jahrgang, die geringste Säure aller Testweine und die Tatsache, dass dieser Wein besser noch ein bisschen lagern sollte. Platz 4.

2. Terroir de la Lance 2015, Les Vignerons de Valléon, St-Pantaléon-les-Vignes, 13,5 vol%, 5,40 € im Intermarché Valréas

wein-2Der einzige Wein, der nicht mit Naturkork, sondern mit Diam5 verschlossen ist, was die Gefahr eines Korkschmeckers beseitigen soll. Allerdings hatten auch die anderen fünf Weine keinen Korkton. Vielleicht verschließt dieser technologische Kork dichter, vielleicht war auch etwas mehr Gärkohlensäure im Wein; jedenfalls ist es der einzige, der frisch geöffnet minimal perlt. Der Wein wirkt etwas griffiger und kühler als sein Kumpel aus Nyons und hat am ersten Tag auch die schönere Frucht. Am zweiten Tag allerdings kommt eine leicht künstliche Note dazu, und irgendwie deutet das auf ein nicht ganz so ideales Traubenmaterial hin. Trotzdem gefällt mir der Wein insgesamt. Im Moment feinwürziger und frischer als der Nyons-Wein, könnte aber auf längere Sicht dahinter sein. Derzeit Platz 3.

3. Edition d’origine 2015, abgefüllt für Peter Riegel, Orsingen, 14 vol%, 5,98 € beim Ebl, Nürnberg

wein-3Ein Presskork mit zwei Platten, erfüllt aber auch seinen Zweck. Farblich haben wir es hier eindeutig mit dem hellsten Vertreter zu tun. Ohne dass ich es weiß (weil es auch nirgends angegeben wird), würde ich spontan auf einen höheren Cinsault-Anteil tippen, aber es kann auch eine „leichtere“ Grenache sein. In der Nase wirkt der Wein tatsächlich leichter, hellröter, ein bisschen in die Erdbeerrichtung und mit weniger Würze. Am Gaumen kann man den Wein ebenfalls blind relativ leicht von den anderen unterscheiden. Er ist leichter, gefälliger, hat mit Abstand die geringste Würze und Tiefe. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass dies hier vermutlich auch eher ein 4 €-Wein vor Ort wäre, denn Zoll, Papiere und Transportkrams sind ja im Gegensatz zu den in Frankreich gekauften Weinen bei diesem hier mit einberechnet. Der Wein wirkt also in der Tat weniger wertig, ist aber völlig okay und jetzt in jungem Zustand schon gut zu trinken. Zwar mein Platz 6, aber überhaupt keine Enttäuschung, so widersprüchlich sich das auch anhören mag.

4. Terre Unique 2014, La Romaine, Vaison-la-Romaine, 13,5 vol%, 5,93 € im Intermarché Valréas

wein-4Ein visuell völlig anderer Auftritt, das ist erst einmal der größte Unterschied. Der Kork ist allerdings federleicht und puffig, nicht so toll. In der Nase unterscheidet sich der Wein dafür vorteilhaft von seinen Vorgängern: nicht so stark nach vorn, eher tiefer, balsamischer, fast wie nach einem kurzen Ausbau im gebrauchten Holzfass; im Quervergleich aller Weine jedenfalls die schönste Nase. Geschmacklich haben wir es hier mit dem samtigsten Wein zu tun, mit geringer Würze, feinem Tannin und fast so etwas wie Eleganz. Den Herb-Trinkern mag das Produkt vielleicht etwas zu wenig fordernd sein, aber zum Essen ist dies eine biegsame und hochwertig anmutende Angelegenheit. Ich bin versucht zu sagen, dass man das eine Jahr Reifevorsprung merkt, aber der Wein ist einfach auch ansonsten gut. Mein Platz 1.

5. Domaine des Hautes Garrigues 2014, Les Vignerons de Suze-la-Rousse, Suze-la-Rousse, 13 vol%, 5,93 € im Intermarché Tulette

wein-5Von diesem Wein hatte ich ehrlich gesagt am meisten erwartet, weil sein Vorgänger aus dem Jahr 2012 letzten September auf dem Campingplatz eine sehr gute Figur gemacht hatte. Die „Domaine des Hautes Garrigues“ ist auch gar kein allzu übler Kunstname, denn die Genossenschaft von Suze-la-Rousse hat (oder hatte) offenbar nur ein Mitglied, das bio-zertifiziert arbeitet, und von dessen Feldern stammen sämtliche Trauben für diesen Wein. In der Nase ist der Wein in jedem Fall deutlich zurückhaltender, gar etwas gemüsig. Auch am Gaumern zeigt er sich weiter entwickelt, zwar samtiger, „mourvèdrehafter“ ohne aggressive Würze, aber eben auch ohne echte Tiefe. Leider momentan in keiner guten Phase, und selbst wenn das in zwei Jahren bestimmt wieder wird, heute ist heute, und das bedeutet nur Platz 5.

6. Terroirs Bio Biotiful 2014, Cave des Vignerons de Rochegude, Rochegude, 13 vol%, 6,00 € im Intermarché Tulette

wein-6Vielleicht die schönste, idealtypischste Farbe, aber da nehmen sich die Weine wie gesagt nicht viel. In der Nase gebremste Beere, erst gar etwas stallig-staubig, aber das gibt sich. Im Mund habe ich hier endlich mal wieder einen schwunghafteren Vertreter, saftig, lebendig, ein bisschen bissig vielleicht sogar, in jedem Fall mehr Würze und mehr Tannin. Dies ist vielleicht der frischeste, griffigste Wein im Test. Solo kommen die Gerbstoffe schon ziemlich zum Tragen, aber zum Essen passt das alles vorzüglich. Ich mag einfach diese rotfrische Art, und deshalb gibt es hier den verdienten Platz 2. Selbst wenn Etikett und Namensgebung des Weins zu mir sprechen: „Ich bin billig, verkaufe mich nie über 6 €!“ Wenn ich zu einem Grillfest eingeladen wäre, was mitten im Februar eine sehr angenehme Vorstellung ist, würde ich diesen Wein auf jeden Fall guten Gewissens mitbringen.

Fazit

Es gab keine einzige Enttäuschung bei diesem kleinen Quertest, keinen einzigen Wein mit Korkton oder sonstigen Fehlern. Allerdings auch keinen einzigen mit einer wirklich individuellen Persönlichkeit für fortgeschrittene Genießer. Aber genau darum ging es hier ja auch nicht.

traubeWas ich nämlich zeigen wollte: Für kleines Geld kann man an der Südrhône einen sauberen Bio-Rotwein erstehen, der wahrscheinlich 9 von 10 Käufern gefällt. Mindestens. Und man kann solche Weine vielseitig zum Essen einsetzen, ganz gleich, ob es sich um gebratene Chicken Wings oder um eine Suppe mit Wintergemüse handelt.

Am besten sind diese Weine allerdings, wenn man sie entweder noch zwei bis drei Jahre in den Keller legt (ja, auch bei diesem Preis) – oder wenn man sie entkorkt und mit wieder aufgestecktem Kork drei Tage in die Ecke stellt und erst dann (undekantiert) zum Essen reicht.

Genau diese anständigen Genossenschaftsweine möchte ich jedenfalls im gewöhnlichen deutschen Supermarkt sehen. Weniger als bio sollte es allerdings nicht sein, warum auch? Liebe Einkäufer, schaut also mal nach Vaison-la-Romaine oder nach Rochegude. Nehmt aber Eure Grafikleute am besten gleich mit. Diese Weine verdienen eine hippere Ausstattung, dann leeren sich die Regale im Markt nämlich deutlich schneller…

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2 Antworten zu Quertest: 6 €-Bio-Rotweine von der Rhône

  1. Thomas Riedl schreibt:

    Hallo Matthias,

    schön, dass Du auch 2017 die Bodenhaftung behältst 😉
    In Bonn gibt es zwei vom Inhaber geführte EDEKA-Märkte, die mittlerweile 1.800 Weine aus aller Welt führen. Darunter auch zahlreiche, direkt importierte von der Rhône (>20) in der von Dir thematisierten Preisklasse und in jeder beliebigen Rebsortenzusammensetzung. Jeden Freitag und Samstag steht ein Dutzend Weine zur offenen Verkostung und der seriöse Weinfachberater, Herr Wagner, kennt seine Weine!
    Das ist eine echte Herausforderung für die örtlichen Fachhändler!!!
    Deinem Tenor kann ich nur zustimmen. Dank Investitionen in Kellerhygiene und technische Ausstattung sind die Weine aus Südfrankreich im Laufe der Jahre deutlich trinkanimierender und balancierter geworden. Rund und gut zu Pizza, Pasta, Polenta, Schmorgerichten und Brotzeit.
    Dabei deutlich moderater im Alkohol als die namhaften Hochpreispullen aus Ch9, Vaqueyras, Gigondas usw.
    Und ein weiterer Vorteil: Es gibt immer weniger Naturkorken, sondern Schrauber und Diam. Eine vernünftige Kaufempfehlung für den Alltag und auch für’s Wochenende.

    Schönen Gruß!

    • Matze schreibt:

      Na, in Bonn sind die EDEKA-Händler ja auch Gourmets 😉 . Das ist, ganz im Ernst, übrigens der Grund, weshalb ich in Frankreich von allen Supermärkten mittlerweile am liebsten in die Super U’s gehe. Das sind auch Franchise-Händler wie beim Edeka in Deutschland, was bedeutet, dass man je nach Vorliebe des Inhabers durchaus interessante Sachen finden kann.

      Was den Schrauber anbelangt, hatte ich heute ein sehr interessantes Gespräch mit einem „Alt-Öko-Winzer“, der auf unbehandelten Naturkork setzt. Er meint, die Alu-Schrauber hätten eine katastrophale CO2-Bilanz, und es sei doch irgendwie interessant, dass alle Welt zunehmend auf nachwachsende Rohstoffe setzt. Nur die Weinwelt macht den umgekehrten Schritt, weg vom nachwachsenden Rohstoff hin zum energiefressenden Produkt. Darüber kann man sicher viel diskutieren; ich wollt’s nur einfach mal so hinschreiben, wie er es mir gesagt hat… Bei den Diam’s werden sich beide Lager vermutlich zusammenfinden können 😉

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