Finnische Biere

einstieg„Schon dämmert der Abend, als Numminen endlich die Blockhütte vor sich sieht. Die Tür ist zu. Die Bar wird um 18 Uhr geschlossen. Es ist zehn nach. Obwohl die Zunge trocken ist wie die Filzlatschen eines Beduinen, gibt Numminen nicht auf. Nun würde er also bis Ivalo fahren. Dahin sind es nur noch 40 Kilometer. Das Fahrzeug, ein französisches Fabrikat, nietet durch die stockfinstre Nacht.“

Diese wahre Begebenheit konnte ich auf Seite 52 des von mir sehr geschätzten Buches „Der Kneipenmann“ von Mauro Aantero Numminen lesen. Im Original stammt das Buch aus dem Jahr 1986, und es beschreibt nicht nur eine „Expedition zu den Dreierbierbars Finnlands“, wie im Untertitel zu lesen ist. Vielmehr handelt es sich um eine humorvolle Liebeserklärung an die „einfachen Leute“ und an das Leben in der waldigen Provinz. Im Finnischen, wie ich in der Akademischen Buchhandlung von Helsinki feststellen konnte, ist der Titel übrigens in der x-ten Auflage gerade wieder neu herausgekommen.

lapplandWer in Finnland Bier trinken will, sollte nicht auf die vorgeblich wohlmeinenden Stimmen solcher Finnland-Besucher hören, die seit Jahrzehnten immer ihr deutsches Büchsenbier im Camper mitbringen, weil „da oben alles ja so teuer“ sei. Wobei Letzteres zwar nicht wirklich von der Hand zu weisen ist, aber es geht hier ja um einzelne Flaschen und nicht um Kastenorgien.

Allerdings ist es hilfreich, sich eine Zahl einzuprägen, die bis heute das bierige Geschehen in Finnland bestimmt. Es ist die 4,7. Wieso 4,7?  Weil Gebräue mit einem darunterliegenden Alkoholgehalt so genannte „Dreierbiere“ sind, die man im Supermarkt kaufen und auch in den namentlichen Dreierbierbars trinken kann. Alles, was vom Alkoholgrad her darüber ist, wird noch einmal gesondert besteuert, und man benötigt als Gastwirt eine bestimmte Lizenz, die sich Restaurants in der Regel leisten, einfache Schuppen auf dem Dorf jedoch nicht.

Wer solch ein stärkeres Bier für den Hausgebrauch kaufen möchte, kann das auch nicht im Supermarkt oder an der Tankstelle tun, sondern muss in einen der staatlichen „Alko“-Shops gehen. In Helsinki bedeutet das den Gang bis zur übernächsten Straßenecke, in nördlichen Landesteilen nimmt die Dichte allerdings stark ab, so dass auch einmal 100 Kilometer oder mehr bis zum nächsten Alko-Shop zurückzulegen wären.

biergartenEin bisschen ähnlich wie beim „Reinheitsgebot“ in Deutschland, das ja auch erhebliche brauerische Limits setzt, hat die 4,7 vol%-Grenze in den letzten Jahren zu einer erstaunlichen Kreativität in Finnland geführt. „Schicksal als Chance“ sozusagen. Unterhalb dieser Grenze gibt es nämlich mittlerweile nicht mehr nur die vier bis fünf Großkonzern-Lagerbiere, sondern eine große Vielfalt an Stilen und Herstellern. Und darüber, im Restaurant- und Alko-Shop-Revier, haben sich starke und schwarze Porterbiere etabliert, teilweise mit einem speziell nordischen Zutatenkick.

stockmannWenn Ihr in Helsinki seid und Euch erst einmal ein bisschen orientieren wollt, könnt Ihr Euch natürlich im Internet durchklicken oder aber den Olutopas 2017 von Valtteri Suorsa im Buchhandel kaufen – so wie ich es getan habe. Zwar werdet Ihr ohne Finnischkenntnisse die ganzen Geschmacksbeschreibungen nicht verstehen, aber jedes Bier ist mit einem Foto abgebildet samt technischer Daten und Punktzahl. Das war mir ehrlich gesagt eine große Hilfe.

k-supermarket-kamppi-innenAlsdann könnt Ihr für das alkoholschwächere Segment entweder in die Delikatessenabteilung des altehrwürdigen Kaufhauses Stockmann gehen – oder in den K-Supermarket Kamppi, der sich im Untergeschoss der gleichnamigen Shopping Mall gleich neben dem Eingang zum Busbahnhof befindet. Hier gibt es eine Bierauswahl, bei der vermutlich jeder deutsche Supermarkt einpacken könnte. Die finnischen Brauer sind jedenfalls sehr gut vertreten. Nicht-Finnisches umfasst dann beispielsweise die vier Single Hop-Ales von Mikkeller oder die Spezialbiere von Nøgne Ø aus Norwegen.

Wer eine große Auswahl stärkerer Biere haben möchte, sollte dafür in den Alko-Shop Arkadia gehen, vielleicht 100 Meter westlich vom Kamppi in Richtung Hauptbahnhof. Anders als der Name suggeriert, handelt es sich keineswegs um einen schäbigen Schämschuppen, sondern um einen schicken, nordisch designten Einzelflaschenmarkt mit Beschreibungen unter jedem Bier im Regal. Ich sehe die Oude Geuze Vat 79 von Boon aus Belgien, Founders und Anchor aus den USA, Fuller’s aus London, „Mein Grünes“ von Schneiders Weiße und natürlich etliche finnische Spezialbiere.

olhus-kobenhavnBierpubs gibt es in Helsinki natürlich auch. Am bekanntesten ist vielleicht das St. Urho’s, das aber ein bisschen abgelegen ist. Ansonsten das Kaisla oder das Villi Wäinö oder auch das Ølhus København mit einem Dutzend Fassbieren und weiteren gut 100 skandinavischen Bieren auf der Karte über der Theke.

Zum Bier isst man hier übrigens Hotdog in verschiedenen Variationen. Ich nehme ein Mikkeller Porter und einen nicht ganz leicht mit den Händen zu essenden Hotdog mit saurer Sahne und Röstzwiebeln.

dreierbierbarWenn Ihr jetzt aber nicht in Helsinki seid, sondern weiter, viel weiter im Norden, dann wird es mit der Bierauswahl knapper. In Inari, also drei Fahrstunden nördlich des Polarkreises, komme ich doch zufällig genau an der Dreierbierbar vorbei, die damals „Blockhütte“ hieß und die zu Numminens Zeiten um 18 Uhr schloss.kakao

Heute heißt der Laden „PaPaNa“, besitzt eine kleine Bühne für gelegentliche Auftritte und schenkt immer noch Dreierbiere aus. Allerdings gibt es auch Pizza, Burger und Kebab und finnisches Nachmittagsfernsehen. Ich nehme einen Kakao, weil mir kalt ist und weil man das hier zu warmen Mahlzeiten trinkt. Er kommt im Bacardi-Krug und schmeckt gut. Nicht unbedingt passend zu meiner Pizza mit Rentierwurst und Blauschimmelkäse, aber beim besten Willen, diese lokalen Gewohnheiten MUSS ich einfach ausprobieren.

Zurück zum Bier: Im K-Market und im Siwa, dem zweiten Supermarkt in Inari (beide übrigens jeden Tag bis 22 Uhr geöffnet), gibt es im Kühlregal eine größere Anzahl finnischer olvi-black-ipaDosenbiere. Eine interessante Sache übrigens. Ich schrieb ja schon, dass die finnischen Brauer unterhalb der 4,7 vol%-Grenze mittlerweile sehr kreativ geworden sind, und das trifft auch auf die Dosenbiere dieser Kategorie zu. Alle kosten knapp 3 € für 0,5 Liter, was natürlich viel zu viel wäre, würde es sich um ein geschmacksfreies Labberbier handeln. Die Großbrauerei Olvi hat jedoch vor knapp zwei Jahren Zeit im Dosenbierformat ein IPA (= Iisalmi Pale Ale, daher stammt die Brauerei), ein American Pale Ale und ein Black IPA herausgebracht, die alle drei wirklich frischhopfig und sehr anständig sind. Gleiches trifft auf das samtige Red Ale von Saimaa zu oder auf Ale, Helles und IPA der weitverbreiteten Marke Kukko der Brauerei Laitila. Kann man alles gut trinken.

saunaWie Ihr merkt, bin ich unvermittelt von den Ortsbeschreibungen zu den Bieren selbst übergegangen. Die bislang genannten Dosenbiere gehören übrigens nach Meinung örtlicher Fachautoren in die weithin unterschätzte Gruppe der „Saunabiere“. Jeder Mensch in Finnland geht mindestens einmal pro Woche in die Sauna, die meisten noch viel häufiger.

abkuhlenEine solche Sauna ist ein geselliger Ort, in den man tatsächlich auch zum Biertrinken geht. Und um zwischendurch in den See zu springen – oder in den Schnee, wenn der See zugefroren ist. In der Sauna – das habe ich selbst ausprobiert – schmecken amberfarbene milde Ales von geringer Stärke am allerbesten. Klassische Dreierbiere also.

Ich will allerdings abschließend auch noch auf ein paar Spezialbiere aufmerksam machen, die durchaus das Zeug dazu hätten, auch außerhalb Finnlands für Furore zu sorgen.

Von den vielen Weihnachtsbieren konnte ich gerade noch die letzten Reste in den Regalen sehen. Die meisten Festbiere sind dunkel und malzig, aber nicht notwendigerweise stark. Ich habe ein solches „Jouluolut“ der sehr empfehlenswerten Pyynikin-Brauerei probiert, ein angenehm zu trinkendes, röstiges Dunkles.

prykmestar-sivuDie Brauerei Vakka-Suomi hat mit ihrer Marke Prykmestar eine große Bandbreite sehr ungewöhnlicher und lokal verwurzelter Biere anzubieten. Viele davon sind geräuchert („savu“), was hierzulande eine uralte und weit verbreitete Haltbarmachungsmethode ist. Es gibt überall Räucherfisch, Räucherfleisch, ja, natürlich Rauchsauna, und eben auch Rauchbiere. Anders als die Bamberger Rauchbiere wird hier jedoch meist mit Kiefer geräuchert und gelegentlich auch mit nordischen Kräutern aromatisiert. Das „Prykmestar Savu-Vehnä“ ist ein klassisches Rauchweizen, das mir sehr gefallen hat. Das „Prykmestar Sivu“ hingegen enthält Birkenblätter, eine sehr fein-dezente Kombination.

malmgard-arctic-circle-aleDie Brauerei Malmgård stammt aus dem schwedischsprachigen Landesteil und hat mit dem „Arctic Circle Ale“ ein recht kräftiges (7,3 vol%) Stout mit Roggen und Wacholder anzubieten. Ich habe es in den Schnee gestellt, fotografiert und dann mit in die Sauna genommen. Besser wäre dort eins der erwähnten Leichtbiere gewesen, während das Arctic Circle Ale eher zum Rentiersteak gepasst hätte.

kero-aleSeit 2016 gibt es in Rovaniemi, also direkt auf dem Polarkreis, auch eine Brauerei. Den Titel als „nördlichste Brauerei der Welt“ kann die Lapin Panimo allerdings nicht für sich beanspruchen, weil auf Spitzbergen ebenfalls Bier gebraut wird. Es gibt hier ein sehr angenehmes, leichtes Ale namens „Kero“, ein dunkles Lager namens „Aihki“ und ein weiteres Lager, das ich aber nicht probiert habe. Im übrigen habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich zur rauchig-fleischigen Küche des Nordens Bier weitaus besser als Speisenbegleiter eignet als Wein – auch besser als Kakao, aber davon sprach ich ja schon.

schlussbiereMitgebracht aus Finnland habe ich mir schließlich drei Flaschen und dazu einen Flaschenöffner aus Keloholz, das (so definiert Wikipedia) „nicht durch Verwitterung entstanden [ist], sondern […] durch jahrzehntelange Dehydrierung im trockenkalten Polarklima, nachdem der Baum altersbedingt sein Wachstum eingestellt hat.“ Großartig. Die Biere sind auch entsprechend, hoffe ich jedenfalls. Von Prykmestar habe ich das hochgelobteste genommen, nämlich das enorm starke „Savu-Kataja“ ein Imperial Rauch-Stout mit Wacholder. Die Bryggeri aus Helsinki hat ihr Spitzenbier „Sofia“ genannt, auch ein Imperial Stout, aber ein nicht aromatisiertes. Beide Biere können übrigens noch jahrelang im Keller reifen. Das trifft ganz sicher nicht auf das leichte Bier rechts im Bild zu. „La Plage sur la Mer Baltique“ von Mathildedal, zudem mit einem derartigen Etikett, kündet von einer ganz anderen Jahreszeit, die man sich jetzt noch gar nicht so richtig vorstellen kann.

Wenn Ihr jetzt immer noch nicht genug von finnischen Bieren haben solltet, dann seid Ihr genauso schlimm wie ich. Es fehlt nämlich noch ein Bierstil in der Sammlung, der ganz sicher zu den seltsamsten und bemerkenswertesten überhaupt gehört: Sahti. In den Läden habe ich es nicht gefunden, weil es immer gekühlt aufbewahrt werden muss. Und in den Pubs habe ich vergessen zu fragen. Oder aber: nicht fragen wollen. Es könnte sich nämlich um ein Freud’sches Vergessen handeln, weil ich in Wirklichkeit einen handfesten Grund gesucht habe, weshalb ich wieder nach Finnland fahren muss…

Was ich Euch aber hoffentlich mit diesem Artikel deutlich gemacht habe: Es gibt in Finnland eine jetzt schon nicht kleine und zunehmend interessanter werdende Bierszene. Wenn Ihr bislang bei Euren Reiseplänen noch nie an Finnland gedacht habt und erst recht nicht daran, dort ausgerechnet (auch) der Biere wegen hinzufahren, dann solltet Ihr das vielleicht noch mal überdenken.

Und das hier gibt es in Nordfinnland gratis dazu, nur mal so am Rande…

polarlicht

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5 Antworten zu Finnische Biere

  1. eichiberlin schreibt:

    Sehr spannender Bericht. Danke dafür. Auf der Grünen Woche sind dieses Jahr einige finnische Kleinbrauereien vertreten (auch mit Sahti Bier). nun bin ich natürlich umso neugieriger, die nordischen Spezialitäten dort auszuprobieren.

    • Matze schreibt:

      Ah, das ist interessant! Ich bin dieses Jahr auch auf der Grünen Woche, aber leider nur sehr kurz und auch wegen ganz anderer Dinge. Aber vielleicht schaffe ich es ja doch in die Halle der Nordländer 😉
      Nachtrag: Ich hab mir grad mal schnell die Liste angeschaut. Vier Brauereien sollen da sein, nämlich Malmgård (von denen ich ja das Arctic Circle Ale fotografiert habe), Teerenpeli, Iso-Kalla und Stadin. Wenn ich mich nicht täusche (aber in dem Fall täusche ich mich gern 😉 ) hat keine der vier bislang ein Sahti gebraut. Jedenfalls nicht kommerziell. Aber probier Dich gut durch! Malmgård macht spannende Sachen mit Dinkel und Emmer, unter anderem ein Emmer IPA (Biobiere, glaube ich), und Stadin hat ein in Finnland sehr gelobtes Rauchporter namens „Savuruis Portteri“ im Angebot.
      P.S. Bevor ich selbst in Finnland war, war mir das alles – und zwar ausnahmslos – komplett unbekannt. Irgendwie scheint an dem Spruch, dass Reisen bildet, doch was dran zu sein 😉

  2. djdadaeus schreibt:

    Ich dachte die ganze Zeit beim Lesen: „Bitte schreib was zu Sahti“..Und war am Ende doch ein wenig enttäuscht…
    Sahti selbst hatte ich persönlich noch nicht (aber hab schon viel drüber gelesen), dafür aber wohlähnlich ungewöhnliche Bierstyle aus Afrika wie Pombe oder Dolo, sowas interessiert mich immer, vor allem wie so eine Praxis gerade in reichen, industrialisierten Ländern dann doch überlebt..

    • Matze schreibt:

      …allerdings doch eher in Nischenbereichen. Ich hatte auch gedacht, dass Sahti ganz unproblematisch überall zu bekommen wäre. Und natürlich ist es ein nationales Kulturerbe, aber eben auch ein bisschen museal. Ich habe jedenfalls niemanden getroffen, der meinte, Sahti wäre sein absolutes Lieblingsgetränk, und er (oder sie) würde es jeden Abend trinken. Ähnlich verborgen im Wald muss ja das „kaimiškas alus“ in Litauen leben, auch ein Braurelikt aus einer anderen Zeit. Jedenfalls trage ich sehr gern nach, wenn ich denn endlich Sahti probiert habe 😉

  3. Pingback: Neues von der BIOFACH 2017 | Chez Matze

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