Wein aus Korea – ganz anders als erwartet

TitelDer Wettergott meint es nicht unmittelbar schlecht mit den Koreanern. Im Winter können sie Ski fahren, im Sommer am Strand liegen, Ginsengwurzeln gedeihen ebenso prächtig wie Kiefern, Zitrusfrüchte wachsen und allerlei interessante Beeren. Zudem befindet sich die Handwerkskunst zwar auf einem nicht ganz so exorbitanten Level wie in Japan, aber jede Menge alten Wissens hat die Zeiten bis heute überdauert. Sollte es da nicht möglich sein, dass die Koreaner auch einen schönen Wein herzustellen vermögen?

So ähnlich dachte ich, bevor ich nach Korea kam, denn auch in Japan hatte ich die durchaus beachtlichen Weine erst vor Ort entdeckt – außerhalb des Landes sind sie nämlich nirgends zu erwerben.

In Seoul selbst war ich dann erst einmal ziemlich enttäuscht. Zum einen hatte ich nicht damit gerechnet, dass die klimatischen Bedingungen für den Weinbau noch ungeeigneter sind als in Japan: Eiseskälte im Winter, dafür fast keine Sonne im Sommer bei 395 mm durchschnittlichem Niederschlag allein im Juli. Das entspricht vier Metern Wassersäule auf dem Acker. Offenbar scheinen das nur ein paar Hybridreben auszuhalten, aus denen eher zweifelhafte Produkte gekeltert werden. Auf einem französischen Blog (http://blog.wine-explorers.net) las ich dann, dass die Protagonisten zwar tatsächlich ein bis zwei passable Weine auf ihrer Odyssee durch Korea gefunden hatten, aber nach „passablen Weinen“, die bei uns jede Genossenschaft besser hinbekommt, war mir dann ehrlich gesagt doch nicht.

Dabei gibt es offenbar guten „Korean Wine“, der seit Jahrhunderten auf dem Land hergestellt wird. Nur eben nicht aus Trauben. Und da beginnt es spannend zu werden; solche Sachen wollte ich haben! Allerdings gestaltete sich das Finden gar nicht so einfach: In der Weinabteilung des Department Stores Shinsegae zuckte man auf meine Frage nach koreanischem Wein nur die Schultern und bemerkte leicht süffisant, dass sie hier so etwas nicht verkaufen würden. Auch der Liquor Shop führte ausschließlich Bier, Schnaps und chilenischen Roten, aber keine einheimischen Beerenweine.

BachInteressanterweise läuft die Kategorien-Einteilung der Lebens- und Genussmittel in Korea komplett anders als bei uns, und das hat im Ursprung etwas mit der chinesischen Medizin zu tun. Solltet Ihr mal in Korea sein und irgendetwas essen wollen, wird Euch auffallen, dass praktisch alles als „healthy“ angepriesen wird, verbunden mit dem Hinweis, wofür es speziell gut ist. Anders aber als bei unseren Ernährungsgurus, die einzelne Bestandteile sozusagen nach dem Ampelsystem messerscharf als gut oder böse aburteilen, kann in Korea alles „healthy“ sein – es kommt nur auf die Art der Gesundheitsförderlichkeit und auf die spezielle Situation an. In dem sehr schönen Buch „Korean Food 101“ mit dem Untertitel „an introduction to Korean food culture through 101 dishes – their origin, taste and health benefits“ wird bei jedem Gericht erklärt, ob es nun wärmend oder kühlend wirkt, gut ist für die Haut, das Herz oder eben das Gemüt. Und was für das Gesamtgericht gilt, gilt auch für die einzelnen Zutaten.

Das bedeutet – langer Vorrede kurzer Sinn, aber ich musste auch erst einmal dahinter steigen – dass Ihr in Korea die interessantesten Produkte nicht etwa im gewöhnlichen Supermarkt finden werdet, sondern entweder auf Märkten oder in „Gesundheitsläden“. Das gilt nicht nur für vergorenen Kohl mit Chili, sondern auch für die von mir gesuchten Beerenweine. Schließlich stärkt Beerenwein den Kreislauf, wirkt antioxidativ und macht in Maßen genossen munter und fröhlich. Ein Gesundheitselixir sozusagen.

Dure CoopEin guter Ort, um solche Produkte zu finden, sind die Läden der Bio-Genossenschafts-Kette „Dure Coop“. Mit ihrem Wahlspruch „aus den Bergen in die Stadt“ führen sie dabei auch solche Sachen kleiner regionaler Hersteller, die man in den modernen Supermärkten mit ihrem Angebot aus Großproduktion nicht bekommt. Ich erstand also aus dem Regal des Dure Coop-Ablegers in der Pirundae-ro eine Flasche, die mir allein ihrer Aufmachung wegen interessant erschien: „OmyRosé“, Omija sparkling wine von Omynara. Was das genau war, wusste ich allerdings nicht. Ganz schön gewagt, fast 50 € dafür auszugeben, aber wenn schon, denn schon.

Wieder zurück im home office bekam ich mit Hilfe des Übersetzungsprogramms und einiger Recherchen heraus, worum es sich handelte. Omynara ist sozusagen das Baby von Johnnie Lee, der in den 1980er Jahren in Schottland Brauwesen studiert hatte und dabei auch mit hochwertigen Schaum- und Stillweinen aus Europa in Berührung gekommen war. Nach seiner Rückkehr nach Korea stand für ihn fest, dass er solche Sachen auch machen wollte – aber wie? Da Weintrauben wie erwähnt nicht so gut in Korea gedeihen, begann er mit allerlei einheimischen Früchten auszuprobieren, wie man diese dank Fermentation in ein schmackhaftes alkoholisches Getränk verwandeln könnte. Sein großes Aha-Erlebnis hatte er dabei mit der Omija-Beere, die ansonsten in getrocknetem Zustand für Früchtetee verwendet wird.

FlaschenhalsDie Omija (Schisandra chinensis) ist aber auch eine ganz besondere Frucht. Ihr chinesischer Name 五味子 bedeutet dabei soviel wie „Fünf-Geschmäcker-Beere“, denn sie soll tatsächlich alle fünf Grundgeschmäcker salzig, süß, sauer, würzig/umami und bitter in sich vereinen. Zudem besitzt die Omija eine ebenso vielfältige gesundheitsfördernde Wirkung, weshalb sie, übrigens schon seit über 2.000 Jahren in China bekannt, als eine der „50 fundamentalen Pflanzen“ der chinesischen Medizin geführt wird. Und aus dieser Wunderfrucht machte Johnnie Lee zunächst einmal roséfarbenen Stillwein, bevor er sich an die komplizierten Dinge herantraute: den Schaumwein, den ich gekauft hatte, und schließlich noch eine Edel-Ausgabe davon, analog zur méthode champenoise™ hergestellt und für umgerechnet 80 € auf den Markt gebracht.

Nachdem ich das alles herausgefunden hatte, war ich natürlich sehr gespannt darauf, wie ein solcher Schaumwein aus der Omija-Beere schmecken würde.

FlascheDer Test: eine schöne Perlage auf jeden Fall schon einmal, ein klassischer Sekt. Farblich lachsrosa. In der Nase zunächst leicht medizinische Kräuter, Hagebutte, etwas Eukalyptus, Fenchel, also prinzipiell die pflanzliche Richtung, dann aber auch Erdbeere. Am Gaumen fällt mir sofort die Intensität auf. Das schüttet man nicht runter, sondern man genießt es in kleinen Schlucken. Von den Fruchtnoten spüre ich am Anfang eine eisenhaltige Erdbeere, kombiniert mit einer schönen Fruchtsäure, die aber nicht spitz, sondern eher von hinten heranschleicht. Die Frucht trägt auch in der Mitte, bleibt im Prinzip beerig, wird aber ein bisschen dunkler, in Richtung Cranberry, Aronia, gemischt mit pflanzlichen Noten, als ob man in einem lichten Wald sitzt. Im weiteren Verlauf wird die Fruchtnote dann etwas sumpfiger, hagebuttiger, vielleicht ein bisschen zu sehr herbstlich-maderisiert. Am Ende geschehen schließlich seltsame Dinge. Einerseits kommt ein Bitterton hervor, der an sich aber nicht ungewöhnlich ist. Allerdings erscheint ganz hinten am Gaumen eine würzige Salzigkeit, tatsächlich ein bisschen wie Trockenfleisch, also Umami-Art.

Mein Fazit: Faszinierend! Obgleich es sich natürlich nicht um einen Traubenwein oder vielmehr einen Rosé-Sekt aus Weintrauben handelt. Perlen, Farbe und Alkoholgehalt sowie die Erdbeerfruchtigkeit passen zwar, der Rest ist aber ganz anders, waldiger, vogelbeeriger. Das Spannende an der Omija ist in der Tat ihre Vielschichtigkeit, sind ihre unterschiedlichen Nuancen, die sie Schritt für Schritt freigibt. Trotz dieser großen Individualität handelt es sich jedoch nicht um ein derartig freakiges Produkt, dass einen ausschließlich die Neugier und weniger der Genuss zum nächsten Schluck antreibt. Eine großartige Sache und ehrlich gesagt viel wertvoller und erkenntnisreicher, als es irgendein getrimmter Merlot-Weltwein hätte sein können.

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Eine Antwort zu Wein aus Korea – ganz anders als erwartet

  1. Casa Selvanegra schreibt:

    Wein aus Korea! Wusste gar nicht, dass es dort sowas gibt bzw angebaut wird.
    xo & liebste Grüße 💙
    Sina

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