Öfter mal was Neues essen: Meerestier in Korea

TitelVollständig sicher bin ich mir nicht, aber ich habe die Vermutung, dass die Gattung der sessilen Manteltiere zumindest auf deutschsprachigen Foodblogs eher ein Nischenthema darstellt. Möglicherweise werdet Ihr sogar wirklich nach Ostasien fahren müssen, um einmal Halocynthia roretzi, die Seeananas, essen zu können, welche auf Japanisch hoya ホヤ oder maboya マボヤ genannt wird und auf Koreanisch meongge 멍게. Ich habe dieses seltsame Wesen probiert, und davon möchte ich Euch berichten.

Auf dem Tsukiji-Fischmarkt von Tokio hatte ich ein paar von diesen, tja, „Dingern“, schon einmal herumliegen sehen, und ich hatte mich dabei gefragt, ob es sich wohl um ein Dekorationsobjekt für Aquarien handelt, einem verkümmerten roten Kaktus nicht unähnlich, oder aber etwas Essbares. Mein kongeniales japanisches Fischbuch, in dem wirklich alles beschrieben ist, was man so aus dem Meer holen kann, hatte mir dann zumindest insofern weitergeholfen, als diese Kreaturen tatsächlich unter die Kategorie „essbar“ gefasst waren. Mehr konnte ich leider nicht lesen.

RestaurantErst jetzt in Korea ist mir die Sache mit dem roten Meereskaktus wieder ins Gedächtnis gerufen worden, und zwar ganz einfach deshalb, weil gleich bei meinem ersten kurzen Rundgang durch die Nachbarschaft die Schau-Aquarien vor einer Reihe von Meeresrestaurants voll damit waren. Offenbar mögen die Koreaner so etwas. Trotzdem fragte ich mich weiterhin, wie man das überhaupt essen kann, denn so von außen betrachtet schien es aus Ton zu bestehen. Nun denn, rein ins nächste Restaurant, auf die Wesen gedeutet und damit „Sea Squirt Bibimbap“ bestellt.

Taxonomisch handelt es sich bei „Sea Squirt“ um Halocynthia roretzi, ich erwähnte es ja bereits, auf Englisch eigentlich ganz passend „sea pineapple“ benamt. „Bibimbap“ hingegen ist gewissermaßen eine Wundertüte, die nur in der Interpretation sehr magerer Hollywoodschauspielerinnen ausschließlich aus salzfreiem Reis mit Rohkost besteht. Meistens wird der Reis-Gemüse-Mix hierzulande nämlich mit scharfer Chilli-Knoblauch-Soja-Sauce abgeschmeckt, ein rohes Ei ist sehr gebräuchlich, Rindfleisch zumindest häufig.

BegleitungWährend ich mich mental schon einmal auf Meeresgeschöpfe vorbereite, kommt die Vorspeise und vielmehr die Beilage auf den Tisch: Seetang mit Chilli, Sojasprossen in Erdnussöl und eben Kimchi. Was ich übrigens in Korea genauso angenehm finde wie in Japan: Ungefragt wird zu jedem Essen eine kostenlose Kanne Wasser mit Gläsern gebracht.

Bibimbap verdecktDann folgt die Hauptspeise, und zunächst bin ich doch ein wenig verblüfft: Wo ist denn da die Seeananas? Ich sehe lediglich eine Schüssel mit Rohkost.

Bibimbap offenAh, darunter hat sie sich verborgen. Die Stücke kommen roh, sozusagen als Sashimi, und in Scheiben geschnitten. Vom Tonpanzer keine Rede, aber ehrlich gesagt fragt sich ja nur ein Depp (der ich offenbar vorher war), ob man auch die Schale mitisst, denn das tut man bei Austern ja auch nicht. Aber wie schmeckt so etwas nun? Dank der geringen Geschmacksexplosionen, die plain rice und Rohkost am Gaumen auslösen, kann ich mich voll auf die Seeananas konzentrieren.

Die Textur erinnert mich an eine rohe Jakobsmuschel mit vielleicht ein bisschen mehr Crunch, jedenfalls sehr zart und wirklich angenehm. Beim Geschmack spüre ich zuerst eine leicht säuerliche Note, auf die ziemlich schnell eine starke Bitterkeit folgt. Zum Schluss bleibt noch ein ungemein meeriger, jodiger Nachklang. Interessant. Die Bitterkeit ergänzt auch ziemlich gut den neutralen Reis, während die Zartheit der Textur einen Kontrapunkt zur Bissfestigkeit des rohen Gemüses setzt. Der Bibimbap passt also doch ganz gut.

Nun ist es nicht so, dass ich jeden Tag ein Dutzend Seeananässe verspeisen müsste, aber dass es sich hier um eine Mutprobe für Westerners handelt – wie ich bei meinen anschließenden Internet-Recherchen herausgefunden habe – das ist doch nun wirklich arg übertrieben. Gut, ich muss zugeben, dass ich auch nicht seit Jahren ausschließlich süßliches, prozessiertes Essen zu mir nehmen musste wie offenbar viele andere Menschen. Wer nicht weiß, dass frischer Hopfen bitter schmeckt und eine Gewürzgurke sauer, der mag natürlich mit allerlei Dingen außerhalb des Whopper-Universums seine Schwierigkeiten haben. Ein super Erlebnis jedenfalls mit dieser seltsamen Meereskreatur, Korea beginnt kulinarisch schon einmal sehr vielversprechend.

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Eine Antwort zu Öfter mal was Neues essen: Meerestier in Korea

  1. Frank schreibt:

    Hallo Matze,
    danke für diesen spannenden Bericht, war sehr interessant zu lesen! Von der Existenz der See-Ananas habe ich bisher tatsächlich noch nicht gewusst – und damit bin ich sicherlich auch nicht allein.😉 Hut ab für dich, dass du so experimentierfreudig bist, das wäre sicher nicht jeder!

    Liebe Grüße
    Frank

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