Weinentdeckungen auf der BioFach

1 TitelEs kann Menschen geben, liebe Freunde des guten Geschmacks, die sehen schon allein in der Überschrift einen Widerspruch in sich. „BioFach“, sagen sie, „ist das nicht diese Messe der Selbstkasteiung? Da kann es doch gar keinen Wein geben!“ Aber nicht doch, warum muss man denn automatisch die Bioszene immer nur mit Körnern und Kargheit in Verbindung bringen – oder neuerdings mit detox, raw und superfood? Eigentlich passen doch die Stichworte „Sorgfalt“, „Leidenschaft“, „Regionalität“ und „Genuss“ auch sehr gut zur Bioidee.

Nicht ganz unschuldig am bereits spürbaren Weinaufschwung bei der BioFach dürfte die neue Leiterin Danila Brunner sein, die ja ehemals für die ProWein verantwortlich war, und der man deshalb eine gewisse Nähe zum Weinsujet nicht wird absprechen können. Sie möchte, dass nicht nur Großkunden hier für ihre Supermarktkette einkaufen, sondern setzt zunehmend vor allem auf die Gastronomie, in der man bekanntlich hochwertigere Produkte aus kleinerer Produktion unterbringen kann.

Immerhin rund 40 Winzer waren mit ihren Ständen persönlich anwesend, und probieren konnte man Weine von gut 100 Produzenten. Alle habe ich zwar nicht besuchen können, aber mit der Auswahl, die ich Euch jetzt vorstellen möchte, war ich ehrlich gesagt doch ziemlich zufrieden. Vor allem deshalb, weil es dem geneigten Weinfreund wie mir ermöglicht hat, mich stärker auf die „zweite Reihe“ zu fokussieren, also die gern mal ein bisschen vernachlässigten Produzenten hinter den Superstars à la Wittmann, Kühn oder Christmann. Echte Entdeckungen eben.

Schloss Saaleck, Franken

2 Schloss Saaleck

Die Fränkische Saale bei Hammelburg war einstmals ein echtes Mekka für Weinliebhaber. Allerdings trugen jene noch Kettenhemd und Blechhelm, denn seit der spätmittelalterlichen Zeit der Rittersleut ist am Fuß der Rhön nicht mehr wirklich viel los. Dieser Umstand ermöglicht es andererseits Winzern in spe, die auf der Suche nach einem Stück Rebland sind, an ganz erstaunliche Preziosen heranzukommen. Im Jahr 2011 bewarben sich Thomas und Ulrike Lange (oben auf dem Foto) also in einem ganz normalen Wettbewerb um das, was vorher einmal das Weingut der Stadt Hammelburg gewesen war. 18 ha, der Saalecker Schlossberg in Alleinbesitz, der historische Teil dabei von einer alten Weinbergsmauer umgeben, fast 4 ha terrasierte Steillage – ein Traum. Außer vielleicht, dass sich Anlagen und Bepflanzung in einem gelinde gesagt betrüblichen Zustand befanden. Seitdem haben es die beiden allerdings nicht an Schwung fehlen lassen, mit dem Jahrgang 2015 wird auch die Zertifizierung unter Dach und Fach sein. Das monströse Portfolio wurde bereits ein wenig gestrafft, und dennoch ist für jeden Geschmack etwas dabei: klare Gutsweine, Spontangärer, Sekt, Rotweine und sogar ein maischevergorener „Weißer“ vom Blauen Silvaner. Die Vinothek befindet sich übrigens direkt am Marktplatz der mittelalterlichen Stadt Hammelburg, ein Besuch dürfte sich vermutlich lohnen.

Mein Lieblingswein: Fortgeschrittenen würde ich auf jeden Fall den „Orange Wine“ (14,50 €) empfehlen, selbst wenn Thomas Lange den Begriff nicht so gern hört. Wer aber einen schönen Speisenbegleiter sucht, der nicht matt macht, der findet sein Glück beim 2014er Silvaner Saalecker Schlossberg. 7,10 € ab Hof, nur 11 vol% und trotzdem nicht mager, dafür frisch-birnig und mit rescher Säure – ein sehr vielseitiger Wein.

Gutzler, Rheinhessen

3 Gutzler

So ein richtiger Geheimtipp ist das Weingut von Michael und Christine Gutzler ja nicht mehr. Immerhin holen sie ja aus dem nicht ganz unbekannten Morstein sowohl einen großen Riesling als auch einen entsprechenden Spätburgunder, und mit dem Spätburgunder aus dem Brunnenhäuschen setzen sie dem Ganzen noch die Krone auf. Michael Gutzler wunderte sich übrigens ein bisschen darüber, dass sie hier überhaupt dabei sein dürfen, denn sie seien ja noch in Umstellung. „Einem Verband wollen wir uns auf jeden Fall anschließen, aber wir wissen noch nicht genau, welchem.“ Sowas hängt ja nicht nur von den Bestimmungen ab, sondern auch davon, wo in dem jeweiligen Regionalableger die nettesten Leute organisiert sind. Simple as that. Hier konnte ich zum ersten Mal die 2015er Gutsweine probieren, gerade gefüllt. Das wird wieder so ein Jahrgang, der schon früh lecker und zugänglich wirkt, da werden die Kritiker bestimmt frohlocken. Die großen Weine der Gutzlers stammten dann aber doch von früher, aus 2014 die Weißen und aus 2012 die Roten. Was sich bei allen durchzieht, das ist ihre straighte Art, die intensive Frische. Interessant deshalb, dass Michael Gutzler meint, bei den Roten seien die 2010er besonders gut, die 2013er auch, während 2012 eigentlich fast zu warm gewesen sei für ihren Stil. Trotzdem ist der hellfarbige und sehnige 2012er Spätburgunder aus dem Morstein natürlich eine Bank.

Mein Lieblingswein: Leider schon wieder ein Silvaner, offenbar habe ich die Gastro-Denke bereits verinnerlicht, aber dies hier ist ein durchaus individuelles Exemplar. Der 2014er Dorn-Dürkheimer Silvaner (14,70 €) stammt aus einer Parzelle mit 82 Jahre alten Reben, die erst kürzlich wieder ins Weingut zurückgeholt worden war. Anbgenehme 12,5 vol%, spontan vergoren, ausgebaut im Halbstück-Fass, bis Mitte Juli des nächsten Jahres auf der Hefe gelegen – das sind Elemente, die schon darauf hindeuten, dass man diesen Wein nicht frisch aufreißen und mit großen Schlucken leeren sollte. Ein Langläufer, der sich peu à peu entwickelt, so wie es bei hochwertigen Weißweinen nun einmal der Fall ist. „Blind denken die Leute meist, das wär ein Burgunder“, meint Michael. Vielleicht sollten die Kunden dann auch gleich mal einen alternativen Preisvorschlag machen, das könnte interessant werden…

Hirth, Württemberg

4 Hirth

Hand aufs Herz, werte Weinexperten: Wer von Euch hat vom Weinort Willsbach, gelegen im Gemeindegebiet Obersulm, schon jemals etwas gehört? Und wer von Euch war schon einmal dort? Nein, ich auch nicht. Dabei liegt der Ort gar nicht weit vom Autobahnkreuz Weinsberg entfernt, ist also leicht zu erreichen. Und das Weingut Hirth wiederum befindet sich ein wenig außerhalb von Willsbach mitten in den Reben. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber wenn ich an Weintourismus denke, dann fällt mir natürlich die Mosel ein, das Rheintal, Loreley und Rüdesheim, vielleicht ein paar Orte in der Pfalz – aber garantiert nicht Württemberg. Dieser Fehler ließe sich allerdings problemlos korrigieren, zumal meine Gastgeberin am BioFach-Stand, Sibylle Haug, zum Beispiel auch Weinerlebnistouren durch die Weinberge des Gutes anbietet. Warum also nicht einmal hinfahren, in die Landschaft blicken, sehen, wie die Weine entstehen und mit den Menschen sprechen, die genau diese Weine entstehen lassen. Lagennamen gibt es im Weingut Hirth übrigens nicht, und das aus Gründen. Der Dieblesberg beispielsweise ist als Lagenname kreuz und quer über verschiedene Gemeinden verteilt, und mit den Gewannbezeichnungen Föhrenberg, Aurain oder Brauchert kann man außerhalb des Dorfes wahrscheinlich auch wenig anfangen.

Mein Lieblingswein: Einige der 2014er Weine sind ab Gut bereits ausverkauft, so auch dieser hier – aber der nächste Jahrgang kommt bestimmt, und schlechter wird er vermutlich auch nicht sein. Also, mein Liebling war der 2014er Auxerrois (12 €), ein erdiger, gelbwürziger, cremiger Wein, „der Renner“ im Portfolio, wie mir gesagt wurde. Also am besten schon einmal mental auf die Morchelernte vorbereiten, Kalbsgeschnetzeltes vorbestellen, und dann beim Weingut Hirth zugreifen, sobald der neue Jahrgang vom Auxerrois auf den Markt kommt.

Schäfer-Heinrich, Württemberg

5 Schäfer-Heinrich

Weit ist es nicht bis zum nächsten Weingut, in 19 Minuten sollte man ohne Verkehrsbeeinträchtigung dort sein. Meint Google jedenfalls. Das Weingut Schäfer-Heinrich liegt oberhalb von Heilbronn sozusagen am Einstieg in die Weinberge. Bei uns Szenetypen ist das Weingut in erster Linie dadurch bekannt, dass es mit dem „Was ist das?“ eine rote Cuvée ohne Schwefelzugabe besitzt, streng nach den Vorgaben des in seiner Pariser Villa residierenden Weinhändlers Alex Zülch hergestellt. Diese gerade gefüllte Ausgabe, der saftige und gleichzeitig frische 2014er, habe aber selbst er noch nicht probiert. Daneben konnten mich beim Standbesuch insbesondere die Lemberger überzeugen (einen davon findet Ihr weiter unten als Lieblingswein), die eben nicht weich und schmonzig wie bei vielen anderen Winzern daherkommen, sondern so herbfruchtig-straff, dass man sie vom Geschmacksbild her tatsächlich als „Blaufränkisch“ bezeichnen könnte.

Mein Lieblingswein: Auch wenn ich später noch den Dreistern-Lemberger probiert habe, hat mich ehrlich gesagt der kleine Bruder, der 2013er Lemberger ** (10 €) am meisten überzeugt. Hier finde ich alles, was ich mir wünsche bei einem Rotwein dieser Art, nämlich ein gut eingebundenes Holz, eine kerzengerade, blau-straffe Frucht, dazu diesen (wahrscheinlich nur von mir so genannten) „Eisenkrautton“, den ein Blaufränkisch so an sich hat. Ich wiederhole mich gern: Für mich ist das – in den richtigen Händen – die rote Rebsorte der Zukunft in Deutschland.

3 Zeilen, Franken

6 3 Zeilen

Es ist zweifellos eine Platitüde, über Christian Ehrlich zu schreiben, „Ehrlich: der Name ist Programm“. Aber was, wenn es doch tatsächlich stimmt? Jedenfalls hatte ich mich schon sehr darauf gefreut, einmal die Weine dieses sehr kleinen, aber auch sehr feinen Weinguts zu probieren. 1,2 ha bewirtschaften die Ehrlichs in Quereinstieg und Nebenerwerb, und zwar kompromisslos auf Qualität ausgerichtet. So kann Bio auch sein, und ich sehe da eher Parallelen bei Jean-François Ganevat, bei Richard Leroy, bei Stéphane Bernaudeau als im deutschsprachigen Bereich. „Quereinsteiger“ ist übrigens nur richtig, wenn es um Landbesitz geht, denn wie man mit Wein umgeht, hat Christian Ehrlich unter anderem bei Manincor in Südtirol gelernt, wo er auch ein besonderes Faible für dem Umgang mit dem Ausbau im Holz entwickelt hat. Und das lässt er nicht nur dem Roten, sondern auch den Weißen zugute kommen. Bezeichnend fand ich dabei, was mir Christian zu seinem „Rouge 2014“ (14,50 €) erzählt hat: Das sei zwar ein reiner Spätburgunder, aber er würde ihn nur dann auch so nennen wollen, wenn er gut genug für diese Bezeichnung geworden sei. Und das sei beim 2014er halt nicht der Fall. Ich überlege kurz, wer denn noch ohne Zwang derartig herunterstufen würde (denn der Wein ist gut, nicht groß, aber gut). Viele fallen mir nicht ein. Kompromisslos auf Qualität ausgerichtet, ich sagte es ja schon.

Mein Lieblingswein: Ich muss freimütig zugeben, dass mir hier alles gefällt: die Art des Winzers, seine Philosophie, seine Konsequenz und auch seine Weine. Der Silvaner (14,50 €) ist individuell, nachhaltig und langlebig, der Sauvignon Blanc (16,50 €) edel-zurückhaltend, der Riesling (22,50 €) ein erst stiller, dann aber in seiner Souveränität intensiver Wein. Aber fast am meisten beeindruckt hat mich ein Wein aus einer Rebsorte, die ich sonst nie auf der Weinkarte wählen würde: der 2015er Bacchus aus dem Rödelseer Küchenmeister (9 €). „Mir ging es genauso!“, ruft Christian Ehrlich, „das war die erste Parzelle, die uns angeboten wurde, und ich habe gedacht, was soll ich denn damit?!“ Das muss er sich jetzt nicht mehr fragen. Der Traubensaft wurde spontan bei kühlen Temperaturen vergoren, was bedeutet, dass der Wein weder zu breit noch zu vordergründig geworden ist, sondern einfach ungemein schmackhaft. Was soll ich sagen? Schade, dass es hier nur so wenig Wein zu kaufen gibt.

Maritávora, Douro

7 Maritávora

„Wir sind das allerletzte Weingut in Portugal“, erklärt mir Manuel Gomes Mota zur Begrüßung, „direkt an der spanischen Grenze. Normalerweise kennen die Leute das Dourotal ja so (er zeigt mir ein Foto mit akkurat terrassierten Weinbergen), aber bei uns sieht der Fluss noch so aus (wieder ein Foto, es sieht eher aus wie am oberen Amazonas, der schmale Fluss tief eingefräst in üppigen, felsigen Buschwald). Gut, der Nationalpark beginnt auch sofort an unserer Haustür.“ 1870 wurde das Weingut gegründet, immer in Familienbesitz, und bis vor einiger Zeit lieferte man das gesamte Traubengut stets an ein Portweinhaus ab. Auch die Trauben aus dem 1890 bepflanzten Weinberg, ein alter, weißer, gemischter Satz auf reinen Schieferböden. Beeindruckend. Ohnehin ist es so, dass man hierzulande den großen portugiesischen Weißweinen viel zu wenig Bedeutung beimisst. Ein bisschen sei es uns verziehen, leben wir doch selbst in einer Region mit großen Weißweinen. Aber schade ist es trotzdem. Als ich dann jedoch die Roten probiere, auch sie der alten Tradition gemäß field blends, fällt mir sofort auf, was die Rotweine dort haben im Gegensatz zu unseren dünnhäutigen nördlichen Vertretern: Tanninstruktur.

Mein Lieblingswein: Der Maritávora No. 4 2013 (geschmackvolle Etiketten übrigens) ist genau so ein field blend, eine Reserva aus dem Dourotal. Eine dunkelrote, tiefgründige Frucht besitzt der Wein, dazu die erwähnten kräftigen Gerbstoffe, die aber nicht ruppig sind, sondern einfach entschieden und die sich im Laufe der Zeit schön einbinden werden. Denn Zeit kann man dem Wein geben, die Struktur ist da, um harmonisch reifen zu können. „Wir wollen auch bei den Rotweinen immer die Säure erhalten“, sagt Manuel, „denn platte und breite Weine sind nicht interessant.“ Wie wahr.

Cidrerie Kliment, Tschechien

8 Kliment

Hier bin ich ganz per Zufall gelandet, denn wer bitteschön hätte auch einen waschechten Cidreproduzenten am Stand der Tschechischen Republik erwartet? Aber heaven knows why, manchmal gibt es ja solche Fügungen, und über diese bin ich besonders glücklich. Ich weiß, dass es ihr schrecklich unangenehm wäre, so etwas über sich zu lesen (zum Glück spricht sie kein Deutsch), aber die Mutter von Jáchym Kliment, die mich hier am Stand begrüßt, ist die bescheidenste, klügste und warmherzigste Person, die man sich vorstellen kann. Und irgendwie passt einfach alles zusammen: Jáchym (den ich leider verpasst habe, weil er erst am Samstag Zeit hatte zu kommen) studierte in Arles Fotografie und kam über den Freund eines Freundes in Berührung mit der bretonischen Cidrekultur. Zurück in Tschechien wollte er das unbedingt auch ausprobieren. Aber erst mussten die geeigneten Äpfel gefunden werden, denn unsere neuen, aufgeblasenen Tafeläpfel eignen sich wenig für Cidre. Dann übte er die rein manuelle Herstellung, und schließlich musste er noch ein Markt für seine Produkte finden, denn den Tschechen war der Cidre zunächst so fremd wie den Franzosen das böhmische Bier.

Wenn man sich das Mini-Unternehmen so aus der Distanz eines BioFach-Besuchers betrachtet, scheint der Plan jedoch komplett aufgegangen zu sein: Die Cidres brauchen keinerlei Vergleiche mit den französischen Vorbildern zu scheuen (mein Liebling war der „Brut“, ein straight apfeliges Produkt im Stil eines „Royal Guillevic“), die Ausstattung der Flaschen – gestaltet von Jáchyms Freundin – zeigen, dass der Geschmack nicht beim Apfelwein stehengeblieben ist, und die Cidrerie im kleinen Dorf Všenory vor den Toren von Prag besitzt auch eine „Výroba a bar“, sprich einen Ort, an dem man die Produkte entsprechend probieren kann. 2.352 Likes bei Facebook, wie ich sehe – das ist noch viel zu wenig!

Cidrerie Hérout, Normandie

9 Hérout

Ebenso wie die Kliments war Marie-Agnès Hérout mit ihrem Cidrestand zum ersten Mal auf der Biofach. „Puh“, meint sie nach einem kleinen Rundgang, „ganz schön viele standardisierte Produkte. Ich hätte gedacht, hier wären noch mehr kleine, handwerkliche Hersteller.“ Tja, Bio ist in manchen Bereichen doch schon eine richtige Industrie geworden, und die Mägen der urbanen Bio-Supermarkt-Käufer füllt man nicht mehr mit der Milch von zwei Kühen. Und auch nicht mit den Cidres aus normannischen Kleinbetrieben. Wobei, „Normandie ist eigentlich zu allgemein“, meint Marie-Agnès, „wir stammen aus dem Cotentin. Da haben die Bewohner genauso viel Charakter wie ihre Produkte!“ Das glaube ich aufs Wort. Nächstes Jahr gibt es zum ersten Mal die AOP Cotentin, die eine Menge dezidierter und verschärfter Bestimmungen voraussetzt gegenüber den „gewöhnlichen“ Cidres.

Wie es sich für eine richtige Französin gehört, hat Marie-Agnès natürlich auch noch die passenden Speisen für ihre beiden Cidres als Empfehlung parat: Der „Extra-brut“ würde sehr gut zu Fisch passen, zu Austern, Meeresfrüchten allgemein, aber auch zu Kutteln, und der „Brut“ macht sich ausgezeichnet zu Rinderbraten, aber auch zu Rohmilch-Camembert. Aus 20 verschiedenen alten Apfelsorten werden die Cidres übrigens gekeltert. Habe ich schon mal erwähnt, dass ich sie beizeiten vermisse, die kleinen Freuden der französischen Provinz?

Und dann war da noch…

11 Ausblick auf Korea

…eine echte Großmeisterin. Hai Soon Park (auf dem Foto in der Mitte) stellt Sojasauce her, und zwar nach dem alten „Großmutter Sim“-Rezept. „Uff, aufregend, Sojasauce“, höre ich Euch sagen. Aber gemäß dem koreanischen Sprichwort, dass manche Dinge mit zunehmendem Alter besser werden, haben wir hier nicht das nach einer Woche turbo-fermentierte Supermarkt-Produkt vor uns. Nein, die Sauce, die mir Meisterin Hai Soon zeigt, stammt aus einem nicht weniger als zehn Jahre langen Fermentationsprozess, der – das sehe ich auf Fotos – offenbar in Tongefäßen in einer Art Zen-Garten vonstatten gegangen ist. Wow. Darf ich es schon schreiben? Naja, in Kleinbuchstaben vielleicht: vorfreude auf korea.

Und so verlasse ich die BioFach wieder einmal mit dem guten Gefühl, dass die Welt noch nicht ganz verloren ist, wenn sich solche Menschen um sie kümmern, wie ich sie heute kennengelernt habe. Was ich mir fürs nächste Mal im Weinbereich noch wünschen würde? Vielleicht doch ein paar Zugpferde aus der Biowein-Bewegung, die dann sukzessive Fachhändler und Restaurant-Einkäufer anlocken und damit indirekt auch ihren qualitätsbewussten Kollegen der „zweiten Reihe“ zu etwas mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Aber gut, die Wunschzettel-Zeit ist ja noch eine ganze Weile hin, und bis dahin habe ich hoffentlich den einen oder anderen Winzer schon einmal in seiner natürlichen Umgebung aufgesucht.

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5 Antworten zu Weinentdeckungen auf der BioFach

  1. Ralf schreibt:

    Schönen Dank für deinen Bericht, echt animierend! Besonders: „3 Zeilen“, Cidrerie Kliment und „Grossmutter Sim“ – Sojasauce. Hast du hierzu evtl. Netzadressen, oder Bezugsadressen?

    Ganz faszinierend finde ich auch stets traditionell hergestellte Saucen, bzw. Produkte aus Asien, die so nicht bei uns zu bekommen sind, da bei uns nur die Industrieware zu bekommen ist.

    Ich durfte letztes Jahr in Vietnam traditionell, in Manufaktur, hergestellte Fischsaucen von der Insel Phu Quoc probieren. Es gibt 3 „Fabriken“, von Zweien konnte ich die Fischsaucen „verkosten“. Welch ein Unterschied zu den industriellen(*) Fischsaucen – „flüssige Sardelle“, mild, rund, ohne aufdringliche Salz-Schärfe, kann man durchaus ein Stamperl pur trinken – die unterschiedlichen Qualitäten, resp. Geschacksvarianten, unterscheiden sich nur nach dem Grad der Verdünnung der fermentierten Lake mit Wasser.
    Warum werden diese Fischsaucen aus Phu Quoc nun nicht exportiert? Wohl ein ganz einfacher Grund, der Transport von Fischsaucen im Flugzeug, egal ob Handgepäck oder Frachtraum, von Phu Quoc aus ist gesetzlich verboten. Wir haben uns dennoch erlaubt eine Flasche zu schmuggeln.
    Ob sich ein Containertransport für einen Exporteur lohnen würde? Wohl kaum, so groß wird wohl weder der Markt, noch der Bedarf, in unseren Gefilden an derartigen Produkten sein. Auch wenn als Zutaten nur Fisch, Salz und Wasser verwendet werden – ein Biosiegel wird es wohl nicht geben und damit auch keine Chance am Bio-Markt.. Schade.

    (*)Wobei industriell bei Fischsauce aufgrund der Herstellungsweise wohl grundsätzlich zu synthetisch und abwertend klingt.

    • Matze schreibt:

      Ich fürchte, richtig ausgesuchte regionale Produkte aus anderen Ländern werden ewig in der Nische bleiben. Klar, die zahn Jahre fermentierte Sojasauce würde hierzulande auch Käufer finden: nämlich Tim Raue und drei bis vier andere Asia-Experimental-Gastronomen. Interessant fand ich dabei, dass Meisterin Han-Soon selbst meinte, diese hochwertige Sauce sei eigentlich für den Export ungeeignet. Aber sie habe auch noch welche, die nur zwei oder drei Jahre fermentiert sei, die könnte sie sich eher dafür vorstellen.

      Mit der Fischsauce dürfte das ähnlich sein. Es gibt hier einfach nicht die Auswahl und auch nicht die feinen Fischsaucen-Gaumen, dass eine breite Auswahl wirklich auf großes Interesse stoßen würde. Ist ja wie mit Austern aus Frankreich: Ob es Marennes, Gillardeau oder Bouzigues ist, spielt in Frankreich selbst natürlich eine Rolle, aber bei uns nicht. Gibt’s ja eh nur in der Karstadt-Feinkostabteilung… Bio würde bei Deiner vietnamesischen Fischsauce übrigens schon gehen, du brauchst nur Geld und ein Label, das bereit ist, so etwas zu zertifizieren. Vietnam hat ja so etwa halbe-halbe Aquakultur und Meeresfischerei (habe mir grad schnell die Zahlen angeschaut), sollte an sich funktionieren – wenn man’s denn wollte.

      An den Adressen und Bezugsquellen bin ich dran.

  2. Thomas Riedl schreibt:

    Hallo Matthias,

    herzlichen Dank für Deinen wertschätzenden und begeisternden Bericht aus dem unbekannten Dickicht der zweiten Reihe. Das Rheinland ist ein Jammertal was das Angebot an kulinarischen Messen angeht. Da gibt es in Süddeutschland einfach mehr. Und so lese ich Deine Eindrücke immer wieder gerne. Gerade weil Du nicht engstirnig auf Riesling eingeschossen bist, der als Speisenbegleitung in der Tat weniger geeignet ist als Silvaner.
    Deiner sensorisch sehr zutreffenden Empfehlung der Weine von Stephan Kraemer aus der K & U-Messe bin ich übrigens gefolgt. Mein erster selbst gekaufter Müller-Thurgau! Haha.
    Der Silvaner von Gutzler macht mich auch neugierig. Was ähnliches habe ich letztens aus Nierstein getrunken, vom Weingut Gröhl: Ganz alte Reben, Sponti, Holzfassausbau, langes Hefelager, Batonnage, dicht und cremig und nur 12,5%. Toll!
    Ralf möchte ich mich anschließen: Wo bitte sind die B-E-Z-U-G-S-Q-U-E-L-L-E-N? Vor allem für die Cidres? Und wann schreibst Du bitte etwas den Horizont Erweiterndes über Sojasaucen?😉

    Oder kennt jemand einen guten link im WWW?

    Herzliche Grüße

    Thomas

    • Matze schreibt:

      Weingut Gröhl kannte ich bisher nicht. Der Silvaner stammt dann aber auch eher „oben“ von der Ebene und nicht direkt aus dem Roten Hang, oder? Sonst wäre der geringe Alkohol echt eine (kleinere) Sensation. Hab übrigens gerade Domaine Matassa getrunken, 2014er aus dem Roussillon, ein feiner und lang anhaltender Rotwein mit … 11 vol%. Aus dem Roussillon! Das ist ein ganz neuer Ansatz, sehr interessant!

      Wie gerade schon bei Ralfs Kommentar gesagt: Ich maile den Winzern noch mal, um zu schauen, ob sie außer ihrem Hof noch andere Bezugsquellen wissen.

      Und über Sojasaucen werde ich noch dieses Jahr schreiben – wenn ich in Korea und Japan direkt vor Ort gewesen bin. Also so Ende Mai, nehme ich an. Bis dahin bin ich Laie🙂

  3. Matze schreibt:

    So, jetzt hier noch die Bezugsquellen:

    Gutzler, http://www.gutzler.de, bestellen am besten ab Hof, ansonsten stolpert man im Fachhandel auch ab und zu über ein entsprechendes Fläschchen.

    3 Zeilen, http://www.3-zeilen.de, auch am besten ab Hof, anmailen über 3zeilen@web.de, wird alles schnell ins Päckchen gegeben und verschickt. Ansonsten der Weinmichel in Berlin, das Delikatessen in Nürnberg und 225liter in München.

    Schäfer-Heinrich, http://www.schaefer-heinrich.de, da gibt’s das komplette Angebot, ansonsten z.B. auch auf dem Markt Charlottenburg in Berlin.

    Schloss Saaleck, http://www.weingut-schloss-saaleck.de, der Shop auf der Website ist gerade frisch eingerichtet.

    Hirth, http://www.weinguthirth.de, auch direkt auf der Website bestellbar, ansonsten (wie einige andere auch) z.B. über wirwinzer.de

    Ich glaube, das war’s😉

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