In der Rue Daguerre

TitelZunächst einmal eine erfreuliche Nachricht: Meine Fotos sind wieder da, gerettet von der vermaledeiten externen Festplatte! Das Ganze allerdings zum Preis eines Kleinstwagens, aber wer wie ich kein Tagebuch schreibt, sondern sozusagen per Foto sein Leben dokumentiert, dem ist es das allemal wert. Jetzt kann ich Euch auch die Fotos zeigen von einer meiner Lieblingsstraßen in Paris, der Rue Daguerre im 14. Arrondissement. Nun mögen die Paris-Kenner unter Euch stöhnen, dass das ja jetzt nicht gerade der sensationelle Geheimtipp ist. Mag schon sein, aber das ist vermutlich auch das einzig Bemeckernswerte. Der Rest nämlich…

Die Rue Daguerre ist eine Art permanente Marktstraße, gesäumt im Fußgängerzonenteil zunächst von kleinen Läden mit offenen Auslagen und einer großen Bandbreite an Spezialitäten, weiter hinten wird es dann zunehmend restaurantlastiger. Die Dichte, mit der hier ein interessantes Gourmet-Lädchen das nächste jagt, ist schlichtweg atemberaubend. Am Eingang der Straße, wenn Ihr von der Metro oder dem RER kommt (jeweils Station Denfert-Rochereau; der Flughafenbus nach Orly startet auch unmittelbar dort), gibt es zunächst einen Monoprix-Supermarkt für all die Sachen, die man in den kleinen Läden nicht bekommen kann. Ein Franprix und ein Carrefour Market befinden sich ebenfalls in der Straße, aber das nur der Vollständigkeit halber.

BrossardRechterhand trefft Ihr sofort auf die durchaus auffällige Theke des Geflügelhändlers Brossard. Die federnreiche Präsentation löst sicher nicht nur bei Vegetariern, sondern wahrscheinlich auch bei „Hühnchenbrust-Essern“ Entsetzen aus. Ob man jetzt Fleisch essen mag oder nicht, ist ja eine Frage der persönlichen Entscheidung, aber wenn schon Fleisch, dann bitteschön gutes, also von Tieren, bei denen bereits das prächtige Federkleid andeutet, dass wir es hier ganz gewiss nicht mit zerrumpften oder käfiggehaltenen Kreaturen zu tun hatten.

AndrouetDirekt auf der gegenüberliegenden Straßenseite von Brossard befindet sich die Fromagerie Vacroux, die eine riesige Auswahl bereithält (und bei der ich auch schon gekauft habe). Ein paar Schritte weiter wartet allerdings schon der nächste Käser, und zwar einer mit einem berühmten Namen. Seit 1909 gibt es die Fromagerie Androuët in der Rue Mouffetard, einer weiteren bekannten, aber auch deutlich touristischeren Fressgasse. In der Rue Daguerre gibt es eine Filiale von Androuët, in der ich besonders die Ziegenkäse empfehlen möchte.

Daguerre MaréeObst, Gemüse, Eingemachtes aus dem Südwesten, Honig von Mary (unter anderem der selbstverständlich überteuerte, aber natürlich extrem rare Pariser Honig von Marc Perret), Bouchers, Charcutiers, Boulangers, einer nach dem anderen und von jeder Sorte mindestens zwei bis drei verschiedene – so geht es die nächsten 100 Meter weiter. Wer Fischiges sucht, wird auch gleich bei mehreren Händlern fündig, aber das größte Angebot gibt es bei Daguerre Marée, der auch auf einigen Pariser Straßenmärkten einen Stand unterhält. Wein, Käse, Schokolade – alles schön und gut, aber worunter ich in Deutschland am meisten leide, das ist die praktisch völlige Absenz guter Fischhändler, bei denen man unkompliziert frische und chichi-freie Ware aus dem Ozean erstehen kann.

Cave des PapillesAn Weinhändlern besteht kein Mangel in der Rue Daguerre, drei oder vier habe ich beim Durchgehen gezählt. Wenn Ihr aber zu den Freaks gehören solltet, die etwas Spezielles suchen, dann müsst Ihr auch zum Spezialisten gehen, zum Cave des Papilles. Spezialisiert ist man hier auf alles, was möglichst naturnah bereitet wurde, sei es biologisch, biodynamisch oder irgendwie „naturel“. Anders als bei vielen (oder vielmehr: fast allen) französischen Weinhändlern gibt es eine echt aussagekräftige Web-Präsenz, bei der Ihr vorher schon einmal schauen könnt, was Euch im Laden alles erwartet. Letztes Jahr hatte ich den ebenso fantastischen wie gesuchten Loire-Weißen „Les Nourrissons“ von Stéphane Bernaudeau erstanden, diesmal habe ich mich für einen reinsortigen Syrah von der Nordrhône des japanisch-französischen Winzers Hirotake Ooka entschieden. Ihr merkt schon, wahrhaftiges Freak-Zeug. Das Schöne am Cave des Papilles ist aber, dass man hier auch süffige Trinkweine bekommt – und dass sich alle Nachbarn mit so etwas eindecken. Ich mag einfach diese Balance zwischen unkompliziertem Alltag und interessanter Nische.

Aux Petits ChandeliersIch sagte ja bereits, dass man in der Rue Daguerre nicht nur gut einkaufen, sondern auch essen gehen kann. Es gibt eine Handvoll Bistrots, italienische, vietnamesische oder auch japanische Etablissements, das (sehr ansprechend aussehende) marokkanische Restaurant „La Baraka„, dazu einen Eckladen, in dem man laut handgeschriebenem Zettel seit neuestem herzhafte syrische Suppen bekommt – aus Gründen, nehme ich an. Und dann gibt es noch zwei Restaurants mit Réunion-Küche – von der Insel im Indischen Ozean. Unser Ziel war das dienstälteste Réunion-Restaurant der Stadt, Aux Petits Chandeliers. Wie in manchen griechischen Tavernen unserer Vorstädte fühlt man sich auch hier in ein anderes Jahrzehnt zurückversetzt. Die Bedienung ist ausgesprochen nett, die Karte listet Klassiker auf, und wer nach einem speziellen Rum fragt, wird sicher auch jenen bekommen.

RougailRougaille Saucisses mit Achard de Légumes oder auch Boucané, Räucherfleisch, vorweg eine Ziegen-Tomaten-Suppe, hinterher tropische Früchte oder den „Tuile de Salasie“, ein knusprig gebackenes Teigschälchen mit Mango, Ananas und Rum-Vanille-Eis. Das alles ist sehr schwer auf ästhetische Art zu fotografieren, schmeckt aber sehr gut. Wieder so ein Ort, an dem sich das Unprätentiöse mit dem Besonderen paart.

AntiquariatUnd zum Abschluss habe ich noch dieses Antiquariat gefunden. Wer seinen Laden nie vor 11 Uhr öffnet und dafür immer erst nach 20 Uhr schließt, der sagt damit etwas aus. Was Paris nämlich auszeichnet, das ist nicht nur die Tatsache, an Plätzen wie der Rue Daguerre einen Wohlfühlort für Gourmetfreunde bereitzuhalten. Es ist auch eine Art Überbau, die die einzelnen Etablissements miteinander verbindet: das Lesen kluger Bücher, der Spaß am Essen, das Diskutieren mit Freunden beim Rotwein, die Toleranz, die Freiheit des Geistes ganz allgemein. So möge es bleiben.

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3 Antworten zu In der Rue Daguerre

  1. Herbs & Flowers schreibt:

    Rue Daguerre…ich musste eine Weile überlegen, wieso mir diese Straße so verdammt vertraut vorkommt, obwohl ich selbst noch nie dort war. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: dort wohnt doch Familie Rigot! Die Leute mit Arthur, dem Papagei – aus dem Französisch-Buch im Sprachunterricht in der Schule!😀 Schön, deren Heimat nun auch endlich mal kennenzulernen.🙂

    Und dein Beitrag macht so sehr Lust auf Paris und den Charme der Stadt. Den Gelfügelhändler würde ich allerdings auf dem Weg auslassen, gebe ich zu.😉

    Liebe Grüße
    Ida

    • Matze schreibt:

      Ich hatte – was man heute vielleicht nicht mehr vermuten würde – ja Latein in der Schule. Da gab es leider keine Familien, die einen Papagei besaßen und in den großen Ferien ans Meer gefahren sind, sondern nur „De bello Gallico“ – Kriegsgeschichten. Und dann duften die „Franzosen“ bei uns auch noch auf Schüleraustausch fahren! Als Kompensation hatte sich unsere Schule einfallen lassen, dass die Lateiner dafür gleichzeitig nach Dänemark fahren durften. Leider ist das aber nur ein einziges Mal passiert, weil es zu Ausfallerscheinungen gekommen sein muss nach dem übertriebenen Konsum von 1-Liter-Faxe-Bierdosen. Ach, selige Schulzeit… wie froh ich bin, keine 17 mehr sein zu müssen😉

  2. Shadok schreibt:

    Herzlichen Dank für den charmanten Beitrag – es gab da in den frühen 70ern ein interessantes Hotel, wo ich öfters unterkam. Als „Cinéphile“ kommt mir natürlich auch Agnès Varda in den Sinn, die dort wohnte und während ihrer Schwangerschaft – als ihr Bewegungsraum eingeschränkt war – halt die Typen in der Rue Daguerre filmte

    mit besten Grüssen
    ThW

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