Deutsche (kulinarische) Spuren in Tokio

Titel„Sie war Animiermädchen und Kellnerin in der Bar ‚Rheingold‘, die in seliger Erinnerung an das Berliner Rheingold so benannt war, in dem viele der 600 Japaner, die ständig in Berlin weilten, zu Tanz, Tee und Liebe aufkreuzten. Das japanische ‚Rheingold‘ lag in einer Parallelstraße zur Ginza, der Hauptstraße Tokios, und der deutsche Wirt Ketel führte als Spezialität deutsches Bier und Eisbein mit Sauerkraut. In der gleichen Straße war die Fleischerei und später das große Restaurant des alten Tsingtau-Kämpfers Lohmeyer, in dem es vom Baumkuchen und vom Lübecker Marzipan bis zum Berliner Pfannkuchen alles gab. Die Deutschen hatten sich in dieser Sparte so bewährt, daß das Vergnügungsleben auch nach dem Erscheinen MacArthurs bald wieder fest in deutscher Hand war.“

Nanu, werdet Ihr Euch fragen, ist das jetzt die große Neuerung 2015 auf dem Matze-Blog? Die neue Rubrik „revanchistisches Historien-Geschwurbel“? Keineswegs, es handelt sich nämlich um ein Zitat aus einem Spiegel-Artikel des Jahrs 1951 über einen deutschen Spion in Tokio. Weshalb ich Euch davon schreibe? Aus einem einzigen Grund: weil ich nämlich gerade die letzte Packung von „Starzen Meister’s Table“ gegessen habe, ein japanisches Schinkenprodukt, das unter der Marke „Lohmeyer“ vertrieben wird. Richtig, genau jener Lohmeyer aus der Agentenstory.

Während Ihr sowohl auf diesem Blog als auch anderswo ohne Probleme Artikel darüber finden werdet, wie großartig die japanische Küche nicht nur in Japan selbst ist, sondern auch als Exportgut in anderen Ländern, wird der umgekehrte Weg kaum je erwähnt. Außer in Agentengeschichten im Rasierwasser-Stil. Dabei gibt es in Tokio auch heute noch eine ganze Reihe kulinarischer Produkte, die entweder tatsächlich aus Deutschland stammen oder aber „nachempfunden“ sind. Und die sich großer Beliebtheit erfreuen.

Um das festzustellen, muss man gar nicht unbedingt ein entsprechendes Restaurant wie das „echte“ Lohmeyer auf der Ginza (mittlerweile in anderen Händen) oder das „wahre“ Lohmeyer in Nihombashi aufsuchen. Es genügt vollkommen, die großen Depachikas zu durchstreifen. Die Klientel für derartige Waren besteht übrigens nach wie vor nicht – anders als auf Malle oder in der Khao San Road – aus westlichen Touristen und Expats, sondern aus Einheimischen. Wer als Japaner schon einmal in Deutschland war und nun neben Lorelei, Heidelberg, Rothenburg, Neuschwanstein und dem Oktoberfest auch die dort konsumierten Genüsse herbeisehnt, wird auch zur „Wurst Rosenheim“ oder zum „Feingebäck von Karin Blume“ greifen.

Vorhang auf also für die echten und wahren Schätze deutscher Koch- und Backtradition (as seen by the Japanese):

Karl Juchheim ist bei uns völlig unbekannt, in Japan hingegen scheint er gleich hinter Mozart und Beethoven zu kommen. Seine Lebensgeschichte (die ich besser verlinke, als sie hier nachzuerzählen) ist schon beeindruckend genug. Seine heutige Präsenz erscheint mir fast noch beeindruckender: Dem aufmerksamen Tokio-Besucher wird die Vorliebe der Japaner für Baumkuchen nicht entgehen. In jeder Depachika gibt es mindestens einen Stand mit Baumkuchen, und viele Cafés westlicher Art halten einen solchen bereit. Die bedeutendste Baumkuchen-Marke ist dabei ohne jeden Zweifel „Juchheim“. Dem hundsaufmerksamen Tokio-Besucher wird allerdings auffallen, dass es sowohl „Karl Juchheim“ als auch schlicht „Juchheim“ als auch „Juchheim – die Meister“ gibt, und alle drei stellen Baumkuchen her. Zwar agieren die drei Juchheims unter dem gemeinsamen Dach der „Juchheim Group“, aber ihre Produkte sind durchaus unterschiedlich.

BaumkuchenvergleichBaumkuchen gibt es auch von Karin Blume, die den schönen Slogan führt (auf Deutsch übrigens) „die Vertrauensmarke für Feingebäck“. Die echte Karin Blume ist eine gegenständliche Malerin aus dem Rheinland, und ich hätte niemals gedacht, dass es da irgendeine Verbindung gibt. Anscheinend aber doch: Lesen kann ich es leider nicht, aber die japanische Backfirma hat auf ihrer Website tatsächlich die Malerin bei der Arbeit abgebildet, darunter Keksdosen, die Karin Blume (Rheinland) offenbar für „Karin Blume“ (Tokio) designt hat.

BaumkuchenVielleicht hätte Karin Blume (Rheinland) aber besser für „Karl Juchheim“ (Tokio) gemalt, denn beim praktischen Vergleichstest der vier Baumkuchen von Karin Blume und den drei Juchheims landete Karin auf dem letzten Platz („künstlich süßlich, Vanillin, abgeschlagen“). Platz 3 ging übrigens an Juchheim („fest, sandig, kompakt, etwas kleisterig“), Platz 2 an Juchheim – die Meister („sehr ähnlich dem Karl, etwas dunkler gebacken“) und Platz 1 an Karl Juchheim („der Standard“). Allerdings sollte man der Fairness halber festhalten, dass „Karin Blume“ nicht für die Depachikas, sondern für Supermärkte produziert. Da ist es dann auch okay, wenn der Baumkuchen nicht nach Pierre Hermé, sondern nach „Jaffa Cake“ schmeckt.

Bartels BaumkuchenEine ganz andere Variante des Baumkuchens (keine Angst, das wird der letzte Baumkucherian hier sein) liefert die „Holländische Kakaostube Friedrich Bartels“ aus Hannover, die mir nicht etwa in Hannover (wo sie allenfalls lokale Berühmtheit genießt), sondern durch ihre luxuriösen Stände in Tokios Depachikas aufgefallen war. Der dick mit Schokolade umhüllte „Klassische Baumkuchen“, den ich im Mitsukoshi in Ginza kaufte (das Foto vom Stand ist das Titelbild), war durch die schützende Schokolade innen wesentlich saftiger als die Juchheim’schen Produkte.

Sieges KranzEin bisschen länger als um die Kakaostube musste ich um den nächsten Hersteller herumschleichen, denn der Name wirkte mir doch ein wenig, tja, unglücklich ausgewählt. Die Konditorei „Sieges Kranz“ aus dem Tokioter Stadtviertel Setagaya (ihr Wappentier ist ein blauer Elefant) hat dann auch keine originalen Wurzeln in Europa, sondern ist quasi eine nachempfundene Marke mit vornehmlich Sahnetorten europäischer Art. Anders als beispielsweise Friedrich Bartels gibt es die Stände von „Sieges Kranz“ dann auch nicht in den Top-Depachikas wie Isetan oder Mitsukoshi, sondern in den nachrangigeren Etablissements wie Keio oder Seibu. Relativ gesehen nachrangig natürlich, jeder Erstbesucher wird auch dort aus den Latschen kippen ob der spektakulären Vielfalt kulinarischer Darbietungen.

Königs-KroneAuch die Bäckerei „Königs-Krone„, 1977 in Kobe gegründet (auf Japanisch übrigens Kēnihisu Kurōne ausgesprochen), ist rein japanischer Herkunft. Ihre Spezialität sind, so hatte ich das zuerst geschrieben, „gewagte Napfkuchen-Kreationen“ – eine Begriffskombination, die ich noch nie vorher gesehen, ja noch nicht einmal gedacht hatte. In Wirklichkeit sind es aber gar keine Napfkuchen, denn die Aufschrift „Hachimitsu Altena“ auf der Packung verrät, dass es sich um eine Art westfälischen Honigkuchen handelt, „wie im Schatten der romantischen Burg Altena bereitet“. Die Macher schreiben auf ihrer Website übrigens, dass sie eine große Vorliebe für einfache und rustikale Kuchen besäßen und den „Pomp französischer Backwaren“ eher skeptisch sehen. Einen der Kuchen, in einen Eisbecher hineingepresst, habe ich probiert. Ein erstaunliches Produkt: oben Schoko-Honigkuchen, eingebacken eine Marone und unten ein raffinierter dreifacher Boden.

Backen MozartBacken Mozart„, die Konditorei aus Hiroshima, muss man einfach schon allein wegen ihres Namens lieben. Entdeckt hatte ich ihre Produkte im ersten Antenna-Shop, den ich überhaupt besucht habe. Neben dem obligatorischen Baumkuchen und verschiedenen Plätzchen-Varianten hatte es mir besonders der Zitronen-Wackelpudding angetan – eine überzeugend fruchtige Ausgabe. Vielleicht der größte Coup von Backen Mozart sind allerdings die Sake-Gelees. Dabei haben sie zehn verschiedene Sakes zusammen mit Zucker und Fruchtsaft geliert und daraus ein Probierset hergestellt.

Neben Baum- und Topfkuchen scheint es noch zwei große Gebiete zu geben, bei denen kulinarische Einflüsse aus Deutschland in Japan hoch im Kurs stehen: Wurstwaren und Bier.

StarzenDie Schinkenstückchen von Starzen in der „Lohmeyer-Reihe“ hatte ich weiter oben ja schon erwähnt. Starzen (auf Japanisch „Sutazen“) ist ein Fleischproduzent mit weitreichenden Verbindungen. Unter anderem stellen sie in Chiba die Hamburger für die japanischen McDonalds aus australischem Rindfleisch her. Bei aller Unliebe allerdings, die gewürzten und getrockneten Schinkenstücke für ihr „Meister’s Table“ haben mir wirklich ausgezeichnet geschmeckt. Allerdings handelte es sich beim Ausgangsprodukt in diesem Fall auch um fein gemasertes japanisches Schweinefleisch.

SchmankerlIch weiß nicht, ob ich da der einzige bin, aber beim Begriff „Aufschnitt“ muss ich unwillkürlich an durchgekutterte Reste denken, aufgepeppt mit Geschmacksverstärkern. In meiner Kindheit habe ich mit meinen Schwestern diese Scheiben gern in unseren selbstgespielten Werbespots für „Happi-Hundefutter“ verwendet, was unsere Eltern wenig begeisterte. Dennoch scheint es so zu sein, dass der klassische deutsche „feine Aufschnitt“ weiterhin als eine Art Markenzeichen gilt. In den Depachikas fand ich dementsprechend Stände von „Rosenheim“ (verschiedene Orte) und von der „Schmankerl-Stube“ (in der Tokyu Food Show).

Dallmayr TokyuFeinkostkönig Alois Dallmayr hat seinen Namen natürlich schon längst verdallert, wobei man in München immer noch mit größerer Ehrfurcht von ihm spricht als im Rest der Republik, der mit Dallmayr nur „Prodomo“ verbindet. Im Takashimaya gibt es am Dallmayr-Stand – wer hätte es bezweifelt – ausschließlich Aufschnitt und abgepackte Würste.

Kommen wir zum letzten großen deutschen Exportgut, dem Bier. Natürlich kann man bei Lohmeyer auch ein Schlenkerla oder einen Schneider Aventinus ordern, aber ich möchte mich hier auf die stilistisch oder namensmäßig nachempfundenen Biere japanischer Produktion konzentrieren.

Gubigabu HimmelGubigabu MeerDie atmosphärisch gelungenste Kombination aus deutschem Bierhandwerk und japanischer Poetik liefert die Kleinstbrauerei Gubigabu aus Kinosaki – eigentlich eine Onzen-Gasthausbrauerei, in der man baden, relaxen, essen und eben Bier trinken kann. Aus ihrer Viererserie habe ich das „Bier des Himmels“ mit den Möwen und das „Bier des Meeres“ mit dem Blauwal probiert. Das Möwen-Bier hat nur 4,5 vol%, ist aber ein ganz klassisches, hopfiges Pils. Das Blauwal-Bier hingegen entpuppt sich als röstmalziges Stout ebenso klassischer Art.

BaerenWährend das Altbier in Deutschland (wohl wegen des geringen Verbreitungsgrades der besseren Versionen) irgendwie ein Nischendasein führt, geliebt nur von Düsseldorfern und Bierfreaks, schätzt man den Stil anderswo auf der Welt sehr. Das „Baeren Alt“ aus der Provinz Iwate – den Bären daneben hatte ich mir aus einem der unzähligen Automaten gedreht – ist eine 1a-Kopie, die viele der vermeintlichen Originale im besten Sinne alt aussehen lässt.

YokohamaEchigoDas „Yokohama Düsseldorf Alt„, das ich direkt in Yokohama gekauft habe, hat dagegen mehr Umdrehungen (5,5 vol%), eine gewisse Fruchtsüße und weniger Hopfen als das „Baeren“. Nicht übel, aber dennoch nur zweiter Sieger. Das „Echigo White Ale“ von der ältesten der neuen Craft-Brauereien habe ich ehrlich gesagt vor allem wegen des Aufdrucks gekauft: „Hopfen und Malz, Gott erhalt’s“, heißt es da. Stilistisch handelt es sich um ein bananiges, mittelgewichtiges Kristallweizen. Gut an einem heißen Sommertag zu genießen, also in genau sechs Monaten wieder. Nett fand ich auch den original auf Deutsch gedruckten Sinnspruch auf dem ansonsten rein japanischen Etiketts eines Rotweins aus dem Norden des Landes: „Qualität entsteht im Weinberg!“ Ein 100%iger Zweigelt war es übrigens.

Nutty BavarianGanz zum Schluss möchte ich Euch noch mit dem Typen allein lassen, der aufgrund seines Namens schon ein paar mal getweetet und ge-instagramt wurde: der „Nutty Bavarian„. Interessanterweise wurde das Original dieses Gebrannte-Mandel-Rösters vor 20 Jahren in Florida gegründet und als Konzept überall dorthin exportiert, wo man mit dem Image eines schuhplattelnden, juchzenden, biertrinkenden und nussmampfenden Bayern etwas anfangen kann. Der größte Markt sind weiterhin die USA, dann kommen aber schon Brasilien und Japan, dazu noch Australien, Neuseeland und Kanada. Die Titelfigur hört übrigens auf den Namen „Bruno„. Bruno the Bavarian.

Und damit verabschiede ich mich fürs Erste mal wieder aus Japan, seinen Topfkuchen, Wurstwaren und Gerstengebräuen. Vor Weihnachten hatte ich gesehen, dass Aeroflot im September für 370 € nach Tokio fliegt. Ja, der Rückflug ist mit dabei. Das sind solche Angebote, bei denen es mir in den Fingern juckt, ohne jegliche Rückversicherung einfach spontan auf „buchen“ zu klicken…

Königs-Krone Kobe

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Bier, Food, Unterwegs abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Deutsche (kulinarische) Spuren in Tokio

  1. richensa schreibt:

    Danke für den tollen japanisch-deutschen Spaziergang, spannend, was es alles gibt…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s