Hong Kong Bites #2: Zwei Sonntage in einem

TitelSonntag, herrliches Wetter, fast alle Hongkonger haben frei. Der vernünftige europäische Tourist wird an einem solchen Tag vornehmlich Orte aufsuchen, an denen er dem allergrößten Gedrängel entgehen kann. Euer aller Matze hingegen geht an einem solchen Tag genau dort hin, wo die ganzen Hongkonger sind. Denn der Charakter einer Stadt lässt sich garantiert dann nicht erfahren, wenn man immer etwas anderes tut als die Einheimischen. Ich war also zunächst mit allen Familien im Hong Kong Park und habe dort schick gegessen. Anschließend war ich mit allen Shopping-Verrückten in Mong Kok und mit allen Demokraten und Demonstranten bei der Umbrella Revolution. Nicht mittendrin allerdings, sondern nur dabei. Man muss ja nicht übertreiben.

Hong Kong ParkDen Hong Kong Park als „grüne Lunge“ bezeichnen zu wollen, erscheint arg euphemistisch. Umkränzt von den Hong Kong-typischen Wolkenkratzern dürfte sein Verhältnis von Bewuchs zu überbauter Fläche zumindest aus der Vogelperspektive nicht allzu günstig sein. Allerdings folgt auf der Insel Hong Kong der Berg relativ schnell auf die Ebene, und so dehnt sich der Park auf verschiedenen Höhenniveaus aus, die dann doch so etwas wie gefühlte Weiträumigkeit aufkommen lassen. Ganz oben befindet sich eine beeindruckende Freiflughalle für tropische und subtropische Vögel, in der Mitte ein Olympia-Theater und ganz unten ein künstlicher See mit Schildkröten und Koi-Karpfen, in den ein künstlicher Wasserfall mündet. Das alles wirkt selbstverständlich überhaupt nicht natürlich, soll es aber auch nicht. Nicht nur den Touristen gefällt diese nachempfundene südchinesische Landschaft, sondern vor allem sonntags auch den philippinischen Hausmädchen an ihrem einzigen freien Tag – und den Hongkonger Familien.

Für letztere gehört zu einem gelungenen Sonntagsausflug genau wie bei uns ein gutes Essen. Im Park selbst gibt es nur ein einziges Restaurant, das wenig romantisch „L16“ heißt und das – des Schickheitsfaktors wegen – vor allem japanische und thailändische Küche anbietet.

L16Normalerweise würde ich einen solchen Ort nicht aufsuchen, aber das Resto ist wirklich schön aufgemacht und passt ganz einfach in die Tagesgestaltung. Die angenehme Überraschung folgt bei der Präsentation der Karte: keineswegs nur Sushi und Pad Thai, sondern auch ganz zweifellos chinesische Gerichte. Wir nehmen drei Tellerchen, die ich Euch hiermit vorstellen möchte:

Qualle und Gurke mit SesamDer erste Teller wird übersetzt bezeichnet als „Qualle mit Gurken und Sesam“. Ich weiß nicht, ob Ihr in einem chinesischen Restaurant schon einmal Quallensalat bestellt habt. Falls nicht, und falls Ihr ein Restaurant aufsuchen könnt, wo es so etwas gibt, rate ich Euch ganz dringend zum Zugreifen. Die Textur ist sehr interessant, und zwar durchaus im Sinne von „lecker“ und nicht von „abenteuerlich“: halbgar-knackig-krapschig, sehr frisch, ein bisschen meerig und wirklich überhaupt nicht seltsam. Gurke und Sesam (samt Sesamöl) harmonieren hervorragend dazu, wobei ich mir persönlich noch ein wenig Chilisauce gewünscht hätte.

gefüllter TaschenkrebsDas zweite Tellerchen präsentiert einen gefüllten Taschenkrebs. Ganz genau wie „crabe au four“ in Frankreich, nur in einer leicht südostasiatisch angehauchten Würzung.

Austern mit Zwiebeln und IngwerDer dritte Teller ist in Wirklichkeit eine Schüssel. Es gibt „Austern mit Zwiebeln und Ingwer“. Die Austern sind prächtig saftig wie erhofft, dazu passt die Austernsauce, in der alles geköchelt wurde. Die Zwiebeln sind in Wirklichkeit Frühlingszwiebeln, und die Bratkartoffelscheiben, die ich voller Überraschung erspähe (und in die ich gleich herzhaft hineinbeiße) sind nichts anderes als richtig große Scheiben gekochter und gebratener Ingwerwurzel. Das ist kein höllisch scharfer Ingwer, aber doch so pikant, dass er zu den eher basisch daherkommenden Meerestieren ein gutes Gegengewicht liefert. Ich empfinde das Versprechen stabiler Gesundheit und esse mit Freuden alle Ingwerscheiben auf. Mit Getränken beläuft sich alles auf umgerechnet 35 € für zwei Personen, das ist Mittelschicht-Niveau. Interessant finde ich dabei, dass alle Westerner auf der Terrasse unter großen Schirmen sitzen, während alle Hongkong-Chinesen im klimatisierten Innenraum Platz genommen haben, um von dort aus auf den Teich blicken zu können.

Mong KokNur vier Metrostationen vom Hong Kong Park entfernt, und jetzt auf der „chinesischen“ Seite der Stadt, bietet sich im Stadtteil Mong Kok ein komplett anderes Bild. Während es die Familien in erster Linie in den Park zieht, scheinen nach Mong Kok an diesem Sonntag all diejenigen gekommen zu sein, die unter der Woche keine ausreichende Gelegenheit für einen Shopping-Bummel hatten. Obwohl ich selbstverständlich noch nicht alles von Hong Kong gesehen habe, wird mir hier nach kurzer Zeit deutlich, dass sich in Mong Kok vor allem die asiatischen, insbesondere die schwer angesagten koreanischen Marken niedergelassen haben. Die mondänen Shopping-Center auf der Insel Hong Kong hingegen werden von den internationalen Luxus-Brands dominiert. Und zwar mit Flagship-Stores, wie es sie in ganz Europa nicht gibt. In Mong Kok hingegen werden auch Jugendliche fündig auf der Suche nach einem coolen Nagellack, finden ältere Hongkonger Gesundheitsprodukte der traditionellen chinesischen Medizin, und natürlich dürfen für die Jungs die fast echten Adidas- und Nike-Shops nicht fehlen. Mong Kok ist chinesischer, asiatischer, demokratischer.

A propos Demokratie: Falls Ihr mich fragt, ob man in Hong Kong etwas von der „Umbrella Revolution“ mitbekommt, wenn man kein Chinesisch spricht (also weder Kantonesisch noch Mandarin), dann würde ich sagen, ja, wenn man dort hingeht, wo sie sichtbar stattfindet. Das obere Ende der Nathan Road ist gesperrt, besetzt von den Demonstranten, aber dennoch für jeden zugänglich.

Da Ihr Euch hier immer noch primär auf einem Food-Blog befindet und da ich Euch über die Bewegung und ihre Hintergründe in Hong Kong nicht auf dem Niveau berichten kann, wie ich es mir von Medien im Allgemeinen wünsche, werde ich Euch an dieser Stelle nur das beschreiben, was ich selbst gesehen habe. Ich habe auch einige Fotos gemacht, auf denen die Personen aber so gut zu erkennen waren, dass ich sie hier im Internet nicht veröffentlichen möchte.

Das Stadtviertel ist am Sonntag übervoll mit Menschen. Viele shoppen einfach nur und fahren wieder mit der Metro nach Hause. Andere, und das sind nicht wenige, interessieren sich aber auch dafür, was hier vor sich geht. Die Nathan Road, ich sagte es bereits, ist auf etwa 400 m für den Verkehr gesperrt. Auf beiden Seiten befinden sich Barrikaden, die die Demonstranten herbeigeschafft haben, die aber nur die Fahrbahn blockieren, auf der vielleicht 50 von ihnen campieren. Die Fußwege sind frei und auch der Zugang von der Seite, so dass sich hinter den Barrikaden immer wieder Grüppchen von Menschen befinden, die diskutieren. Ein etwa 80jähriger, weise aussehender Mann hat ein Grüppchen um sich geschart, zu dem er mit ruhiger Stimme spricht. Zwanzig Meter weiter gestikuliert ein junger Mann mit Hornbrille weitaus lebhafter, aber auch er und seine Zuhörer machen keinen aggressiven Eindruck. Das ist eher Teach-In als Agitprop.

Umbrella RevolutionAn die Schaufenster und freien Wände entlang der Straße haben die Demonstranten Zettel geklebt, manche dicht handbeschrieben, manche schnell gedruckt, andere mit Karikaturen, wieder andere mit Figuren in Manga-Ästhetik. Viele Passanten sind interessiert, lesen, was dort steht. Insgesamt scheinen es natürlich die gebildeteren Leute zu sein, aber nicht ausschließlich. Vor allem gibt es Alte und Junge, Frauen und Männer, diese Sache ist wichtig, und sie geht alle etwas an.

Auf der anderen Seite der Barrikaden stehen Polizisten in hellblauer Uniform, nur eine gute Handvoll. Ihre Körpersprache scheint auszudrücken, dass dies hier nicht ihr Lieblingsjob ist. Insgesamt gibt es so gut wie keine lauten Parolen, keine Beleidigungen, keine Drohungen auf beiden Seiten. Die zahlreich vorhandene Öffentlichkeit bietet hier offenbar genau den Schutz, den es benötigt, um Eskalationen zu verhindern. Auch die Demonstranten sehen nicht gerade wie kampferprobte Radikale aus. Ich habe das Gefühl (was ich allerdings durch keinerlei sichtbare Anzeichen belegen kann), dass die Situation jeweils nach Anbruch der Dunkelheit heißer werden könnte. Dass die vielen Passanten als Schutz dann nicht mehr da sind. Und dass sich auch Leute unter die Kampfparteien mischen könnten, die Krawalle gutheißen oder sogar dafür bezahlt werden.

Trotzdem geht hier alles den Umständen entsprechend friedlich zu. Eine große Zahl von sehr divers auftretenden Demonstranten ohne Steinewerfer auf der einen Seite trifft auf eine Polizei, die eine Besetzung öffentlichen Straßenlands an neuralgischen Stellen nicht sofort mit gewaltsamer Räumung beendet. Man merkt, dass beide Seiten erst einmal ausprobieren, wie sie in solch einer Situation miteinander umgehen können. Die Sache an sich dürfte damit allerdings längst nicht beendet sein.

Mein Hong Kong-Aufenthalt dauert zum Glück auch noch ein Weilchen an, so dass ich guter Hoffnung bin, sowohl die touristischen Highlights als auch die vielen Facetten chinesischen Kochens kennenlernen zu können. Meine Tage sind jedenfalls schon jetzt gut gefüllt.

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4 Antworten zu Hong Kong Bites #2: Zwei Sonntage in einem

  1. jens schreibt:

    Hi Matze!

    Meinen ersten Quallensalat hatte ich auch in Hongkong. Sah so ähnlich aus wie Deiner. Und dann hatte ich noch einen in der getrockneten Version. Also getrocknete Algen, getrocknete Quallen, getrocknete Shrimps und irgendwas frische, gemüsiges dadurch, was ich jedoch nicht definieren konnte. Die getrocknete Version war wesentlich intensiver und auch salziger im Geschmack.

    Dir noch viel Spass!!!!

    Jens

    • Matze schreibt:

      Dankeschön! Ich habe irgendwo gelesen, dass es Quallensalat traditionell von Korea bis hinunter nach Vietnam gibt, was dann sicher eine entsprechende Variationsbreite nach sich zieht. Mal schauen, ob ich noch eine andere Sorte hier entdecke. Die Japaner haben den Trend übrigens seit einiger Zeit auch angenommen, aber immer noch eher zögernd, wie mir jemand in Tokio gesagt hatte. Bei der zunehmenden Überquallung unserer Weltmeere (an der wir ja auch nicht so ganz unschuldig sind) könnte das eigentlich DER frische Meeres-Snack der Zukunft werden…

  2. missboulette schreibt:

    Quallensalat ist in der Tat eine beliebte Speise in Korea. Gerade im Sommer sehr erfrischend. Statt Sesam(öl) verwenden Koreaner ein Dressing aus Senf (Senfpulver) oder Wasabi. Deutscher scharfer Senf macht sich aber auch gut. Die Senfschärfe passt sehr gut zur Qualle und zu den weiteren Zutaten (wie Streifen von separat gebratenem Eiweiß und Eigelb, Gurke, Möhre, blanchierte Garnelen), die mal weich, mal knackig einen Kontrast zur fast knorpeligen Qualle bieten. Probier’s mal irgendwann aus.

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