Piment d’Espelette: nie mehr ohne

Piment leerMein Piment d’Espelette ist leer, und das betrübt mich sehr.

Nanu, ist Euer scheuer Matze jetzt unter die modernen Dichter gegangen, leer und sehr miteinander verquickend? Keinesfalls, denn es gibt ja auch den „selbstlosen Reim“, den ungeplanten, der kein Stilmittel darstellt, sondern einfach auf eine plumpe Weise Tatsachen in Worte fasst. In diesem Fall: Dose leer = schlechte Sache.

Wie Ihr vielleicht wisst, war ich Ende Juli im französischen Südwesten unterwegs, und obwohl es dort auf den ersten Blick so unspektakulär erscheint, hatte es mir ungemein gut gefallen. Vielleicht auch gerade deswegen. Jedenfalls hatte ich dort an einem unspektakulären Mittwoch in einem kleinen Ort namens Navarrenx einen Marktstand entdeckt. Wer der Standinhaber war, weiß ich nicht, denn sein Name stand nirgends angeschrieben. Aber es handelte sich um einen sehr freundlichen Mann in den besten Jahren, das üppige Haar zu einem grauen Pferdeschwanz gebunden. Ein Bio-Stand, Ihr könnt es Euch denken.

MarktstandDort gab es die Produkte von kleinen Bio-Produzenten aus der Gegend zu kaufen. Frische Kräuter, ein köstliches Sonnenblumen-Öl aus dem Gers (das ich gleich erstanden habe, und das so gar nichts mit einer traurigen Supermarkt-Ware gemein hatte) und eben jenen Piment d’Espelette.

Ich habe im Laufe meines Lebens schon einige Gläser dieser getrockneten und gerebelten Spezialität aus dem Baskenland nach Hause getragen. Es handelt sich dabei um eine Chili-Sorte, die botanisch der Art Capsicum annuum zugeordnet wird. Auch wenn es sich deshalb pro forma um getrocknete Chili-Schoten handelt, hat dieses auf Baskisch Gorria oder auch Ezpeletako biperra genannte Gewächs mit dem bei uns geläufigen Chili aromatisch gar nichts gemein. Im Baskischen gibt es ein Sprichwort, das ich aufgrund meiner leicht eingerosteten Baskisch-Kenntnisse jetzt nur unzulänglich transponieren kann: „Der Piment d’Espelette sticht nicht.“ Was bedeuten soll, dass der Piment zwar feurig schmeckt, aber nicht pointiert, sondern in der Fläche. Und – eine ganz wichtige Zusatzangabe – er schmeckt gleichzeitig röstig und deutlich fruchtig.

PimentDiese fruchtig-frische Note kannte ich bislang nicht vom Piment d’Espelette, und ich hatte meine bisherigen Erfahrungen durchaus mit Produkten aus den Häusern Fauchon oder Hédiard gemacht. Auch nicht mehr das, was sie mal waren, ich weiß. Bei meinem Navarrenx-Exemplar hatte ich aber bereits an der hellroten Farbe vermeint zu sehen, dass es sich um eine ganz unmittelbare Variante handelt. Und so war es auch. Allein der Geruch… (Nicht verraten, aber ich habe das Glas öfter einfach zum Schnuppern aufgeschraubt.)

Ich besitze keinerlei Informationen über den Hersteller, Pascal Baudrand aus Saint-Pée-sur-Nivelle, außer dass er seine Pfefferchen biologisch anbaut, an der Luft trocknet (traditionellerweise auf Schnüren an den Hauswänden) und auf einem Bauernhof mit dem Namen „Migalenea Hergaray“ residiert. Solltet Ihr also einmal in der Gegend sein – fahrt hin und berichtet mir!

baskische MetzgereiIn den vergangenen Wochen habe ich den Piment in Suppen gestreut, auf gebratenen Tintenfisch, über Kartoffeln, auf mit Entenschmalz bestrichenes Brot, sogar in eine Tüte mit gesalzenen Chips (und jene danach kräftig geschüttelt). Immerzu habe ich das kleine Gläschen dabei gehabt, für alle Fälle. Ich will einfach nicht mehr ohne – allein, jetzt ist es leer, es musste ja irgendwann mal soweit kommen.

PyrenäenvorlandWas ich jetzt tun werde, weiß ich noch nicht genau. Am liebsten würde ich direkt wieder ins Baskenland fahren und dort nebenbei einen schönen Herbst verleben. Wird wohl nicht funktionieren. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als auf die nächste gute Gelegenheit zu warten. Leider scheine ich für die gewöhnlichen Paprika-Streusel von Ostmann und Konsorten verloren. Seufz.

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9 Antworten zu Piment d’Espelette: nie mehr ohne

  1. Hallo Matze,

    wie schön zu lesen, dass auch du ein Freund meines Lieblingsgewürzes bist. Einer der ersten Artikel im meinem Blog überhaupt sang das Loblied des Piment und seitdem vergeht kein Frankreichurlaub, ohne dass ich mich mit ausreichend Gläschen eindecke. Inzwischen gibt’s das Zeugs ja auch problemlos hierzulande (u.A. beim besten aller Edeka-Läden) aber es ist mir irgendwie eine liebgewordene Tradition geworden.

    Dieses Jahr gab’s im Monoprix sogar frische Schoten. Hatte ich noch nie bisher nur auf Fotos aus Espelette selbst gesehen. Die Schärfe steckt übrigens ausschließlich in Kernen und den Seitenwänden, das Fleisch der Schote schmeckt eher belanglos.

    Eine letzte Anmerkung: die von dir als besonders empfundene Fruchtigkeit ist – frische Ware vorausgesetzt – eigentlich obligatorisch. Ihr Fehlen signalisiert Über- oder falsche (i.d. R. nicht in Dunkelheit) Lagerung. Piment d’Espelette ist in dieser Beziehung wie Olivenöl. Je weniger Tageslicht desto besser und älter als ein Jahr sollte es nicht werden.

    • Matze schreibt:

      Ja, wunderbar! Wenn ich groß bin, will ich auch mal die ganzen Schoten mitnehmen 😉 . Was die Fruchtigkeit anbelangt, hatte ich bislang das Gefühl, dass der Piment da noch empfindlicher reagiert auf schlechte Lagerung als Olivenöl. Das mit dem einen Jahr Haltbarkeit als Test hat sich ja jetzt eh erledigt 😉 .

  2. Thomas schreibt:

    Nur mal so am Rande, PdE gibt’s beim Wurzelsepp in, wie ich finde, sehr guter Qualität. Der Preis, hmmmmm, ich schlucke auch immer ein bisschen, aber egal… Und zum Hauptmarkt ist es nicht so weit wie bis ins Baskenland 😉

  3. Eline schreibt:

    PdE ist grandios, wenn es frisch und rot ist. Sobald es bräunlich wird, bringt es nicht mehr diese wunderbare Fruchtigkeit, bon der du schwärmst. Seit einigen Jahren mach ich es selbst, als Piment d’Eline. Angebaut auf meiner auch in nassen Sommern sehr warmen und sonnigen Terrasse, sonnen- und im Finish backrohr-getrocknet, im Thermomix grob gschreddert und in einer guten Gewürzmühle dunkel umd kühl aufbewahrt und bei jedem Einsatz frisch gemahlen.

    • Matze schreibt:

      Ha, das hätte mich auch gewundert, wenn die Capsicum-Königin sich diese schöne Varietät entgehen lassen würde 😉 .

      Meine Eltern ziehen zwar auch Chilies mit Erfolg (die ihnen – deutsche 50er Jahre-Hühnerfrikassée-Gaumen – selbstverständlich zu scharf sind, weshalb ich bei meinen Besuchen immer einen ganzen Korb davon angeboten bekomme), aber fruchtig sind die nie, weil es sich schlichtweg um keine gute Sorte handelt. Vielleicht hätte ich wirklich frischen PdE mitbringen sollen, die Zucht aus den Kernen scheint ja recht problemlos zu sein…

      • Eline schreibt:

        Ich habe die Samen anfangs gekauft und sähe jetzt immer wieder die eigenen Samen aus.
        Capsicum annuum sind ja meist nicht so fruchtig wie Capsicum baccatum, manche Habanero-Sorten und die phantastischen Aji amarillo duften nach Mango und Marille.
        Habe gerade welche mit Nektarinen zu einer gelben Sauce eingekocht.

  4. Pingback: Kulinarischer Streifzug durch Frankreichs Südwesten | Chez Matze

  5. Pingback: Was kaufe ich im Bio-Supermarkt in Frankreich? | Chez Matze

  6. Doris Wickschrat schreibt:

    Ihr könnt doch einfach bei Pikantum bestellen, ist auch mein Lieblingschili.

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