Guide Vert 2015: die Weine des Jahrgangs 2012 in Frankreich (Teil 1)

TitelDer „Grüne“ markiert für alle Freunde französischer Weine alljährlich den Zeitpunkt der „rentrée litteraire“, an dem man aufhört, auf der Strandliege sandgestrahlte Belanglos-Zeitschriften durchzublättern und Roséweine zu süppeln. Endlich wieder ernsthafte Literatur mit vielen Buchstaben und beeindruckenden Zahlen. Die Autoren der RVF stellen dabei die Weine des neuen Jahrgangs in Frankreich vor, die sie seit dem Frühjahr probiert, darob aber geschwiegen hatten. Alle Jahre wieder ein Highlight für mich und deshalb auch einen kleinen Artikel wert. Respektive zwei.

Weinladen Salvatori in Epernay

Weinladen Salvatori in Epernay

Ich möchte Euch aber nicht mit Punktelisten plagen, zumal jene Leute, die sich für solche Listen begeistern können, sich ganz sicher das Buch auch schon gekauft haben. Ich werde stattdessen pro Region die dortigen Spitzengüter nennen (drei Sterne sind die höchste Kategorie), dann die Tendenzen beschreiben, so wie ich sie subjektiv aus dem Buch und aus dem Jahresgang der RVF herausgelesen habe und schließlich noch genau einen Wein je Region vorstellen. Klingt mager, aber das seid Ihr ja von mir gewohnt. Weil sich eine logische Bebilderung nicht gerade anbietet (ich kann ja nicht einfach die Buchseiten abfotografieren), habe ich zwischen die Abschnitte ein paar Fotos aus Frankreich eingefügt. Die haben zwar manchmal nichts mit den vorgestellten Weinen zu tun, sind aber so eine Art Reise- und Fernweh-Teaser.

Paris - Blick vom Tour Montparnasse

Paris – Blick vom Tour Montparnasse

Im neuen RVF-Guide werden größtenteils die Weine des Jahrgangs 2012 behandelt. Die Autoren sind der Meinung, dass es sich durchgängig um einen recht guten Jahrgang gehandelt habe. Im Elsass, im Burgund und teilweise an der Rhône sogar um einen ausgesprochen guten Jahrgang, ansonsten zumindest ausgewogen, in der Regel besser als 2011 und schlechter als 2010.

Bucht bei Saint-Malo

Bucht bei Saint-Malo

Da Veränderungen in der Gesamtbewertung eines Weinguts immer für Aufruhr sorgen – insbesondere dann, wenn es sich a) um prominente Namen und b) um das Verleihen oder Aberkennen des dritten Sterns handelt – hat Chefredakteur Olivier Poels in seinem Editorial genau das thematisiert. Drei Sterne neu bekam in Bordeaux Trotanoy, der dritte aberkannt wurde Cos d’Estournel; im Burgund erhielt David Duband den dritten Stern, abgenommen wurde er Clos de Tart. Nun sind zwei Sterne im „Grünen“ immer noch aller Ehren wert, aber eben nicht die absolute Spitze des Landes und damit der Welt. Poels erklärt die Redaktionsentscheidung dann auch nicht damit, dass die abgewerteten Güter eine schlechte Arbeit geleistet hätten, sondern – und das ist genauso interessant wie ehrlich – weil sie einem nicht mehr so angesagten Weinstil anhingen.

Ins Deutsche übertragen heißt es dort: „Wie in der Küche, wenngleich die großen Produkte dieselben bleiben, entwickeln sich die Stile, der Geschmack verändert sich, die Zubereitungen und die Gewürze von heute sind nicht mehr jene von gestern. Die größten französischen Winzer haben das verstanden, und die Suche nach der größtmöglichen Ausgewogenheit, nach Frische und Eleganz im Gegensatz zur puren Kraft, ist ihr Antrieb. Mit unserer Bewertung erklären wir uns mehr als je zuvor mit dieser Vision einverstanden, der einzigen, die es Frankreich ermöglicht, weiterhin an der qualitativen Spitze der Weltproduktion zu bleiben.“

Schön, dass sich mal jemand so positioniert, auch wenn man selbstverständlich anderer Meinung sein kann. Denn alles, was wir machen und was über das unmittelbare Überleben hinausgeht, ist nun einmal den lieben Zeitgeistern unterworfen. Die einen lassen sich stärker davon leiten, die anderen schwächer, in manchen Ländern und Gesellschaften gibt es diese, in anderen jene Vorlieben, gern auch mal konträre Bewegungen zur selben Zeit – das schärft nämlich das Bewusstsein für die eigene Positionierung. Das Subjektive ist nun einmal ein Grundelement menschlichen Daseins, vielleicht sogar das Grundelement schlechthin. Im Guide selbst spürt man das übrigens nicht so stark wie in den vergleichsweise polarisierenden Einstiegssätzen. Aber zugegeben: Wenn nicht ein radikaler Bruch oder eine große Katastrophe passieren, ändern sich die Weine von Winzern auch relativ selten richtig krass von einem Jahr aufs andere.

Nun aber, wie schon für den Guide 2012 (2013 und 2014 hatte ich mir offen gestanden die Mühe nicht gemacht), ein kurzer Durchlauf durch die Anbaugebiete, ihre Neuigkeiten und ihre interessantesten Weine. Die Reihenfolge ist dabei dieselbe wie im Buch.

Strasbourg

Strasbourg

Alsace

Drei Sterne: Albert Boxler, Marcel Deiss, Albert Mann, André Ostertag, Weinbach und Zind-Humbrecht. Alles beim Alten, und damit bin ich komplett einverstanden.

Das Neue: Der Bedingungen des Jahrgangs 2012 unterschieden sich im Elsass nicht wirklich stark von jenen in den angrenzenden deutschen Anbaugebieten: ein bisschen Schwierigkeiten mit der Feuchtigkeit Ende Juli, Anfang August, ansonsten aber ein durchweg gelungenes Jahr. Den RVF-Autoren fiel dabei auf, dass mehr und mehr elsässische Winzer bei ihren weißen Spitzenweinen einen trockeneren Stil bevorzugen, der insbesondere beim Riesling im Jahrgang 2012 zu hervorragenden Resultaten geführt habe. Als „Winzer des Jahres“ wird Jérôme Mader gelobt, der genau diesen trocken-mineralischen Stil verkörpert – auf einem wesentlich bescheideneren Preisniveau allerdings als unsere Drei-Sterne-Freunde.

Wann immer Ihr also eine umfassende Riesling GG-Probe machen wollt, nehmt doch bitte stets als Vergleich ein bisschen Österreich und ein bisschen Elsass dazu. Dann habt Ihr nämlich gleich die besten Rieslinge der Welt am Start anstatt einer national beschränkten Sicht. Boxlers Sommerberg oder Manns und Weinbachs Schlossberg oder Zind-Humbrechts Rangen – die gehören alle dazu. Nein, die Franzosen kennen die großen deutschen Rieslinge auch nicht gut, aber irgendwer muss ja mal mit dem wahren Überblick anfangen.

Der Wein: Wie konsequent von mir, nach dem Lob für die großen trockenen Rieslinge ausgerechnet ein ganz anderes Gewächs hier vorzustellen. Völlig fremd sind mir nämlich die, einem fixen Vorurteil gemäß, alkoholisch-süß-schweren Pinots Gris und Gewürztraminer, die einstmals den Ruhm des Elsass ausgemacht haben. Außerdem waren sie mir immer zu teuer. Letzteres ist zwar geblieben, aber aus den mit ordentlicher Säure ausgestatteten Jahrgängen 2010 und 2012 sind einige unglaubliche Schätzchen entstanden, die so gar nicht in die mastig-matschige Ecke passen. Einer davon ist der Pinot Gris Altenbourg Quintessence des Grains Nobles 2010 der Domaine Weinbach. 180 € für die halbe Flasche, ja, das sind Egon-Müller-Dimensionen, und da schluckt man zurecht. Aber vielleicht sollten wir zusammen auch ein einziges Mal über unseren Schatten springen, um eines der elsässischen Wunderwerke zu probieren. Das sind Meditationsweine, weit weniger technisch bereitet als fast alle Sauternes, und sie zeigen, was bei diesen schwer aus der Mode gekommenen Rebsorten möglich ist – antizyklisches Kaufverhalten sozusagen.

Ile de Ré

Ile de Ré

Bordeaux

Drei Sterne: viele, 22 insgesamt, neu dabei ist Trotanoy, nicht mehr dabei Cos d’Estournel. Die anderen sind Angélus, Ausone, Cheval Blanc, Climens, Ducru-Beaucaillou, Eglise-Clinet, Figeac, Haut-Brion, Lafite-Rothschild, Lafleur, Latour, Léoville-Barton, Léoville-Las Cases, Margaux, Mission-Haut Brion, Mouton-Rothschild, Palmer, Pavie, Pétrus, Pontet-Canet und Yquem.

Das Neue: Anders als bei den anderen Anbaugebieten, hat der RVF-Guide hier – wie auch in anderen Guides üblich – die Fassproben des 2013er Jahrgangs gekostet und bewertet. Und das Ergebnis? Großartig! Ein großartiges Jahr für Bordeaux, um sich endlich mal für einen der beiden schon längst notwendigen Wege zu entscheiden: Katharsis oder Katastrophe. Der Jahrgang war von den Rahmenbedingungen her schon nicht gut, und die Weine schließen sich offenbar nahtlos an: Der Merlot ist gar nichts, und obwohl fast alle Güter, die das konnten, mehr auf den Cabernet-Sauvignon gesetzt haben, ist das Ergebnis fast überall ernüchternd, die Weine sehr schwachbrüstig. Klar, 16,5 Punkte sind keine Katastrophe, aber wenn man für einen solchen Weine mehrere hundert Euro verlangt, dann kommen schon Fragen auf.

Bordeaux hat nämlich offenbar ein allgemeines Problem: Während die Welt-Prestigegüter versuchen, ihre Schätzchen zu verdreifachten Preisen an reiche, aber ahnungslose Oligarchen loszuwerden, krebst die untere Winzerschicht auf dem dank heftigem Pestizideinsatz mittlerweile mausetoten „Boden“ herum und kommt mit ihren Produkten noch nicht mal im Discounter an. Überspitzt? Klar. Aber so ein scheußlicher Jahrgang wie 2013 böte doch wirklich mal die Möglichkeit, eben nicht weiterzumachen wie bisher, sondern in den gleichzeitig aufgeschlossenen und authentischen Weingütern des Mittelbaus ein paar neue Leuchttürme zu sehen. Denn die gibt es, und ich glaube (die Variante Katharsis), dass  im Bordelais zunehmend spannende Sachen entstehen werden. Leider ist es derzeit noch so, dass viele Güter schon beim Namen und beim Etikett durch ihre Verwechslungsanfälligkeit zeigen, wie wenig Wunsch nach Individualität in ihnen steckt.

Der Wein: Welchen Wein kann ich jetzt als Empfehlung präsentieren, nach so einer Ankündigung? Nun, leider keinen 2013er, weil die „Großen“ die RVF-Autorenschaft nicht überzeugt haben, und auf deren Urteil bin ich in diesem Artikel ja angewiesen. Die „Kleinen“ wiederum aus den Außenseiter-Appellationen hatten entweder keine Fassproben zur Verfügung gestellt oder waren gar nicht erst bei der Leistungsschau zugelassen. Ich möchte deshalb gleich zwei Weine aus früheren Jahrgängen empfehlen, die jetzt auf dem Markt sind. Beide kosten zwischen 10 und 15 €.

Erstens handelt es sich um die Cuvée Bistrot vom Clos Puy Arnaud aus Castillon. Das ist, liebe Leute, der Name deutet es an, endlich mal wieder ein Bordeaux zum Saufen, mit dem man die Zeit überbrückt, bis der 2010er Pétrus aus dem Keller soweit ist. Oder so. Zweitens möchte ich Euch auf das Château Falfas (2011 ist der jüngste Jahrgang auf dem Markt) aus den Côtes de Bourg aufmerksam machen, ein Wein mit einer anspruchsvolleren Tanninstruktur, deshalb eher zum Lagern geeignet, aber in demselben frischen Stil. Beides sind übrigens biodynamisch arbeitende Güter, Clos Puy Arnaud erst seit kürzerem, Château Falfas bereits seit 1988 – und zwar ohne großes Brimborium. Ein Zufall? Nein, das glaube ich ehrlich gesagt nicht mehr. Mit welcher Begründung man seine Liebe zum Weinberg und seine Aufmerksamkeit beim Weinwerden ausdrückt, ist mir dabei ziemlich egal. Aber dass man es tut, und zwar nicht aus Zufall, sondern aus Bewusstsein, das halte ich für das Entscheidende.

bei Marsannay

bei Marsannay

Bourgogne

Drei Sterne: auch eine Menge, 21 Güter insgesamt, Duband-Feuillet ist neu dazugekommen, Clos de Tart wie erwähnt rausgefallen. Geblieben sind Auvenay, Coche-Dury, Confuron-Cotetidot, Courcel, Dauvissat, Droin, Dugat-Py, Guffens-Heynen, Lambrays, Leflaive, Leroy, Mugnier, Ponsot, Raveneau, Romanée-Conti, Roulot, Rousseau und Trapet. Eine illustre Runde, sehr verschiedenartig allerdings, das Gebiet reicht von Chablis bis Beaujolais.

Das Neue: Burgund ist neben Bordeaux und der Champagne das dritte französische Weinanbaugebiet von umfassendem Weltruhm. Allerdings sind die Differenzen beträchtlich, und das bleibt auch so, vielleicht für immer. Die teuren Luxusweine des Burgund gibt es nämlich nur in winzigen Mengen. Eine Unzahl an Grands und Premiers Crus, zersplittert in viele einzelne Parzellen, bewirtschaftet von vielen einzelnen Winzern, machen die Sache ungemein kompliziert. Der gemeine Oligarch kennt deshalb nur DRC, möglicherweise Coche-Dury und vielleicht noch Henri Jayer, wenn er den entsprechenden Wein-Manga gelesen hat (das letztgenannte Gut gibt es ja nicht mehr, wohl aber ein paar hundsteure Restflaschen). Der Rest bleibt eher etwas für altreiche Altintellektuelle. So individuell wie Lagen und Weine, so sind auch unsere Burgunderwinzer. Es ist gar nicht so selten, dass die Parzellen eines Roundup-Fans und die eines beinharten Biodynamikers direkt aneinandergrenzen. Friedlich geht es da natürlich nicht immer zu, die causa Giboulot ist nur ein Beispiel dafür. Im Prinzip gibt es also nicht viel Neues aus dem Burgund zu berichten.

Außer dass die Region vielleicht grosso modo der französische Gewinner des Jahrgangs 2012 ist. Qualitativ allerdings nur, denn die Erträge waren meist ziemlich niedrig. Die Weine hingegen sind saftig und schmackhaft, weiß wie rot. Den Vogel abgeschossen laut RVF hat übrigens Lalou Bize-Leroy mit ihren beiden Domainen Leroy und Auvenay. Insgesamt neunmal 20 Punkte, sieben Rote und zwei Weiße. Ich weiß gar nicht, ob es das schon einmal gegeben hat. Und ich werde noch nicht mal erfahren, ob das nicht doch eine leichte Übertreibung ist, denn ohne ein Wunder wird mir ein Wein wie der Musigny Grand Cru der Domaine Leroy niemals zur Verfügung stehen.

Gamay

Gamay

Im Beaujolais, um einmal die andere Seite des Spektrums anzusprechen, gibt es hingegen einige Neuigkeiten. Die erste ist eigentlich eine Kontinuität, denn nachdem ein gutes Dutzend Beaujolais-Winzer auf eine traditionelle Vinifikation und einen insgesamt sorgsameren Ansatz umgestiegen ist, werden die Gamays immer besser. Die zweite Neuigkeit ist dagegen nicht ohne Kontroverse innerhalb der Region: Die beiden Neueinstiege des Beaujolais in den RVF-Guide sind Thibault Liger-Belair und Vincent Girardin (mit der Domaine de la Tour de Bief). Moment mal, sind das nicht eigentlich renommierte Namen, die man eher mit hochwertigen Burgundern in Verbindung bringt? So ist es, es handelt sich mithin um Zweitgüter – oder wenigstens Zweitparzellen – im Beaujolais-Gebiet. Und das sind nicht die einzigen. Manch alteingesessenem Beaujolisten mag das neue Interesse der reichen Nachbarn aus dem Norden ein bisschen so vorkommen wie eine Gisela Schneeberger auf der Suche nach der Désirée Beauty Farm. Solange die „Neuwinzer“ allerdings ein höheres Qualitätsbewusstsein à la bourguignonne mitbringen, wird es spannend sein, die weitere Entwicklung zu verfolgen. Denn machen wir uns nichts vor: Das Image des Beaujolais ist bei der Allgemein-Weintrinkbevölkerung derartig runtergerockt, da kann es ja praktisch nur aufwärts gehen.

Der Wein: Und wieder eine Kehrtwende zum vorher Gesagten. Diesmal soll es nämlich um einen Weißen gehen aus dem nördlichen Burgund. Auch Chablis könnte durchaus angesagter sein, als es das zur Zeit ist. Wer jedoch dort oben sogar noch außerhalb der bekannten Appellationen Weine anbaut, muss schon besonders gut sein, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Das ist die Domaine Goisot in der Tat, und ihr Spitzenweißer aus der AOC Bourgogne Côte d’Auxerre heißt „Biaumont“. Ein reiner Chardonnay aus einer kleinen Parzelle, einen Hektar groß, gewachsen auf weißem Kreideboden. Ich persönlich finde den Wein in seiner Jugend immer recht anstrengend, weil er gar so kreidig und grellaromatisch ist, verbunden mit dem Holzfasseinfluss. Einen Wein, der genau 11,80 € ab Gut kostet, so lange in den Keller legen zu müssen, irritiert einen schon ein wenig. Muss man aber fast tun, und es lohnt sich zudem.

in den Katakomben von Moet

in den Katakomben von Moet

Champagne

Drei Sterne: neun Häuser und Weingüter insgesamt, davon Salon als Re-Entry. Die restlichen sind Agrapart, Bollinger, Egly-Ouriet, Jacquesson, Krug, Louis Roederer, Pol Roger und Jacques Selosse. Hätte ich ein bisschen anders gesehen, eine doch eher konservative Auswahl. Okay, bis auf Selosse und Agrapart, mit Abstrichen Egly-Ouriet, das sind natürlich keine Ruhmverwalter.

Das Neue: Über den Jahrgang 2012 gibt es in der Champagne noch nicht so viel zu berichten, denn die Sprudler aus jenem Jahrgang kommen ja erst in einigen Jahren auf den Markt. Dennoch wird bereits gejubelt, 2012 scheint super gelaufen zu sein, besonders für den Pinot Noir. Derzeit auf dem Markt ist der Jahrgang 2008, und das scheint ebenso einer der ganz Großen zu werden. 1990, 1995, 1996, 2002 und 2008, das sind die Stars der letzten 30 Jahre. Da können wir frisch aus dem Winzerkeller sicher richtig gute Champagner erstehen. Dabei ist die Champagne fast genauso stark in Aufruhr wie das Bordelais – nur geht es den meisten mittelmäßigen Champagnerwinzern besser als ihren Kollegen in Bordeaux. Denn das Land ist wertvoller, die Trauben werden zu wesentlich höheren Preisen gehandelt, ganz zu schweigen vom fertigen Produkt. Beim Champagner sind 10 € die absolute Schmerzgrenze, darunter gibt es praktisch nichts. In Bordeaux geht es hingegen bis zum Tetrapack.

Was die Champagne derzeit charakterisiert, das scheint mir eine doppelte Dialektik zu sein (bitte den Begriff sehr frei verstehen). Wir haben einen Gegensatz zwischen den Champagnerhäusern und den Champagnerwinzern, und wir haben einen Gegensatz zwischen den „Weinbergsfirmen“ und den „Handwerkern“. Nicht immer ist die Grenze da absolut trennscharf, aber was ich mit diesen Unterschieden meine, wird jedem halbwegs aufmerksamen Champagne-Reisenden ziemlich schnell bewusst. Weil nämlich Champagner einerseits so viel Geld bringen, andererseits aber auch viel Mühe und Invest erfordern, gibt es mittlerweile die Große Arbeitsteilung.

Die Weinbergsarbeit für die Häuser wird in der Regel an private Firmen outgesourct, und weil denen das Land nicht gehört, geht es in erster Linie um Risikominimierung bei der Traubenproduktion dank agrartechnologischer Hilfsmittel. Viele Bienen fliegen also nicht mehr durch die Weinfelder der Champagne. Anders aber als im Bordelais gibt es daneben in der Champagne einige starke und im Weinberg fleißige Winzer wie eben Agrapart oder Selosse oder Larmandier oder Bérèche oder Boulard oder Bedel – na, Ihr werdet sie alle aus Christophs 13-teiliger Serie kennen, auf die hinzuweisen mir hier eine besondere Freude und Pflicht ist. Sicher, teuer genug sind deren Produkte auch. Aber Champagner war – außer in den von mir argumentativ wieder mal vielstrapazierten Oligarchenkreisen – halt noch nie ein Alltagsgetränk.

Champagne Agrapart - V = Vénus

Champagne Agrapart – V = Vénus

Der Wein: Der Jahrgang 2008 gilt in der Champagne als ein hervorragender, ich sagte es ja bereits. Von Pascal Agrapart kann man dasselbe innerhalb der Winzerparade behaupten. Sein Brut Nature Grand Cru Blanc de Blancs Vénus 2008 kostet deshalb im französischen Fachhandel etwa 100 € – wenn man überhaupt das Glück hat, eine Flasche ergattern zu können. In einem Jahr wie 2008, das sowohl hohe Säurewerte mitbrachte als auch, bei den Späterntern, einen ebenso hohen Extrakt, ist es sicher nicht von Nachteil, dass Pascal Agrapart hier die malolaktische Gärung zugelassen hat. Die Reben der Parzelle in der Grand Cru-Lage Avize wurden übrigens vor 55 Jahren gesetzt, und gearbeitet wird hier nur mit Menschen- und Pferdekraft. Das ist ein Wein, der bestimmt noch einige Zeit überdauern kann und sich bei entsprechenden Lagerbedingungen weiter harmonisiert. 19 Punkte zückten die RVF-Juroren dafür, aber mal ehrlich, echte Grandezza wirkt doch viel nobler ohne Punktwertung. Große Kunst halt.

Markthalle von Dijon

Markthalle von Dijon

Jura

Drei Sterne: Jean Macle, Jacques Puffeney und Stéphane Tissot. Neu im Kreis ist davon niemand, aber Puffeney hatte den dritten Stern erst im letzten Jahr bekommen. Dafür erschreckte er die Redaktion mit der Ankündigung, dass der Jahrgang 2014 der allerletzte seiner Domaine sein werde. Vielleicht eine Gelegenheit für eine/n talentierte/n Nachwuchswinzer/in, dort einmal vorzusprechen. Gute fünf Hektar und die Qualität eines Drei-Sterne-Guts ohne Drei-Sterne-Preise – es gibt wahrhaft ungünstigere Rahmenbedingungen.

Das Neue: Bei einem so kleinen Anbaugebiet gibt es natürlich nicht so viele Neuigkeiten zu berichten. Der Jahrgang 2012 ist gut ausgefallen, bei den Weißen schön ausgewogen, während die Roten eine recht lange Lagerzeit benötigen werden. Einen einzigen Neueinsteiger gibt es, den aber gleich auf gutem Niveau. Es handelt sich um die „Domaine des Marnes Blanches“, die im Jahr 2006 von den (jetzt) 31jährigen Pauline und Géraud Frémont übernommen wurde. Ein Önologenpaar übrigens, das gleich von Anfang an wusste, was es wollte. Einerseits mussten sie den Nachteil des Etablierens in Kauf nehmen, andererseits redete ihnen auch niemand rein nach dem Motto „das haben wir immer so gemacht“. Und so machen sie denn Bio draußen (zertifiziert), Spontangärung drinnen ohne Schwefel (nur zur Abfüllung kommt ein wenig dazu), Ausbau im Fuderfass ohne Bâtonnage, also ohne Aufrühren der Hefen, und sind auch ansonsten extrem umsichtig. Und schon sind sie Regions-Winzer des Jahres geworden!

Der Wein: Natürlich nicht von der Domaine des Marnes Blanches, das wäre etwas zu viel des Guten. Im Allgemeinen sind die Weißweine aus dem Jura wesentlich bekannter als die Rotweine. Mit dem „Vin Jaune“ gibt es sogar eine ausgesprochene Spezialität, die wie ein Fino mit Fruchtsäure wirkt – erstaunlich variabel übrigens bei der Speisenbegleitung. Diesmal habe ich mir aber einen Rotwein herausgesucht, und zwar, wie langweilig, einen Pinot Noir von der Domaine Ganevat. Aber der Côtes du Jura Julien En Billat 2012 ist einfach kein Wein, den man ignorieren sollte. 22 € ab Hof, 30 € etwa im jurafernen Fachhandel, das ist für die Region viel, für einen quasi-burgundischen Pinot Noir der gehobenen Klasse, den der Julien in der Tat darstellt, jedoch ausgesprochen anständig.

Kreide in der Champagne

Kreide in der Champagne

So, das war der erste Bericht über den neuen RVF-Weinguide – und ein bisschen auch meine persönliche Sicht der Dinge. Im zweiten Teil wird es dann unter anderem um die Weine von der Loire, aus dem Midi und aus dem Südwesten gehen. Interessante Sachen sind dabei, das kann ich Euch versprechen.

Lille

Lille

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3 Antworten zu Guide Vert 2015: die Weine des Jahrgangs 2012 in Frankreich (Teil 1)

  1. lieberlecker schreibt:

    Vielen, vielen Dank für den ausgezeichneten und ausführlichen Bericht🙂
    Liebe Grüsse aus Zürich,
    Andy

  2. Branko schreibt:

    es ist einfach nicht zu bestreiten: Monsieur Matze ist einfach formidable, millésime aus, millésime ein!

  3. Pingback: Guide Vert 2015: die Weine des Jahrgangs 2012 in Frankreich (Teil 2) | Chez Matze

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