Tokyo Food Diary – In der Schneckenbratbar

TitelAn meinem letzten Abend in Tokio wollte ich noch irgendetwas Besonderes essen. Etwas, das ich später in Nürnberg nicht mehr würde essen können. Gut, unter dieser Prämisse hätte ich natürlich überall hingehen können, denn es gibt wahrscheinlich in ganz Franken kein Etablissement, das auch nur eine herzhafte Ramen ausschenken dürfte. Wir sind also nach Einbruch der Dunkelheit in die Gegend westlich des Bahnhofes Shinjuku gegangen, das (von mir) so genannte „Kantinenviertel“. Aber – zum ersten Mal bei meinem Tokio-Aufenthalt wurden wir bei dem Betreten eines Restaurants abgewiesen. Warum?

Für mich war das zunächst nicht ersichtlich (und die vermutete Auflösung folgt auch erst weiter hinten). Das Restaurant war zwar schon sehr gut gefüllt, aber an der Theke waren noch Plätze frei. Trotzdem hieß es freundlich aber bestimmt: „Sorry, we’re booked out for today.“ Dasselbe beim zweiten Restaurant. Was ist da nur los? Ich war schon ziemlich genervt und hätte auch jede x-beliebige Automatenstube aufgesucht (dort bestellt man an einem Automaten am Eingang und bezahlt auch gleich, siehe hier). Aber nicht nötig, der dritte Versuch war endlich erfolgreich, und wir wurden in den ersten Stock geführt. Im Nachhinein bin ich fast froh, dass wir in die ersten beiden Läden nicht hineingekommen sind, denn sonst hätte ich das verpasst, was jetzt folgte.

KantinenviertelWas mir gleich auffiel, nachdem wir uns gesetzt hatten: Hier herrscht gute Stimmung. Viele junge Leute sitzen an kleineren und größeren Tischen, reden, lachen und rauchen. Und trinken Bier aus großen Krügen. Wegen der Bier-Rauch-Kombination, das habe ich nachher beim Rausgehen gesehen, ist das Restaurant auch nur für die Ü 20 geöffnet – mit 20 wird man in Japan volljährig.

Die zweite Auffälligkeit folgte beim Blick auf die Karte: Dies ist nicht die gewöhnliche Pinte von nebenan, sondern eine Meeresgetier-Braterei. Tintenfisch, Krabbe, Muscheln, Austern, Schnecken verschiedenster Art – so etwas gibt es hier. Großartig! Ich wusste ja schon vorher, dass das Frühjahr in Japan die Muschelsaison ist. Das Meer ist – gerade um Hokkaido herum – am Ende des Winters noch ziemlich kalt, und die Muscheln offenbar in ihrer aromatischsten Phase. Später im Jahr, wenn es dann ans Laichen geht (Ihr kennt das vielleicht von den Austern an den französischen Küsten), wird das Meeresgetier eher milchig-üppig, was nicht jedermanns Geschmack ist. Wir tippten auf der Karte wieder mal auf verschiedene Namen und hofften auf eine möglichst bunte Mischung interessanter Dinge.

Grill 1Und – bingo, hier sind sie! Zunächst bekamen wir einen Grill mit Gaskartusche auf den Tisch gestellt und dann ein paar Tellerchen mit genau jenen Dingen, die wir auf den Grillrost legen sollten. Es gab einen Tintenfisch in Stücken, eine gefüllte „crabe au four“, noch ein paar Krebsbeine und schließlich den großen Rätselteller mit einer Jakobsmuschel (Patinopecten yessoensis), einer sehr großen Trogmuschel (Mactra chinensis) und einer riesenhaften Schnecke (Turbo cornutus), hier in Japan als sazae bezeichnet. Die Namen kannte ich natürlich bei der Bestellung noch nicht, aber zum Glück konnte ich in meinem beim letzten Mal erstandenen Meeresgetierbuch alles finden, was die Japaner in dieser Hinsicht essen. Und das ist nicht wenig.

Das Essen war ausgezeichnet und vor allem richtig frisch. So einen zarten und gleichzeitig knusprigen Tintenfisch hatte ich noch nie gegessen. Mein erster Reflex war: Den Tischgrill muss ich auch haben! Dann ist mir aber eingefallen, dass ich wahrscheinlich mindestens nach Frankreich oder Italien fahren müsste, um einen frisch gefangenen Tintenfisch als Grill-Belag zu bekommen.

Grill 2Am neugierigsten war ich natürlich auf die Schnecke. Aber: Mit einem enorm dicken Kalkdeckel verschlossen, tat sich da erst überhaupt nichts. Dann kam einer der Helfer an unseren Tisch und zwirbelte die Schnecke aus ihrem Verließ – fertig. Wieder überraschend zart, wie ich das bei dieser Größe niemals gedacht hätte.

Mitten im Essen kam noch mal eine Bedienung, brachte ein weiteres Bier und erkundigte sich vorsichtig: „You can eat all this?“ Natürlich, ausgezeichnet war es. Erleichtert ging sie wieder zurück. Offenbar – und das war auch der Grund für die teilweise etwas ablehnende Haltung der anderen Restaurants – hatte man hier schon schlechte Erfahrungen mit langnasigen Touristen gemacht. Weigerungen, den Teller anzunehmen, Beschwerden mit gespieltem Würgreiz, Weigerungen, so ein Zeug, das sie ja gar nicht gegessen haben, zu bezahlen. Naja, man kann sich so einiges vorstellen. Kulturelles Durcheinander.

Das Paar am Nachbartisch fühlte sich übrigens auch sichtlich wohl, trank Sake von der Untertasse und erklärte uns, welche Sauce man wofür verwendet. Ohnehin muss ich zugeben, dass mir so eine ausgelassen-fröhliche Atmosphäre wie in dieser Izakaya (denn darum handelte es sich eigentlich) immer gut gefällt.

Isomaru SuisanWieder draußen auf der Straße konnte ich drei Dinge feststellen: Erstens, das Essen hatte viel weniger gekostet als das Bier. Zweitens, dieser Laden ist unglaublicherweise immer offen: jeden Tag des Jahres 24 Stunden lang. Drittens, mir hat es fieserweise beim zweiten Mal in Tokio wieder genauso gut gefallen wie beim ersten Mal. Was soll ich bloß mit dieser Erkenntnis anfangen?

Zum Abschluss schnell noch der Name des Etablissements, falls Ihr mal in der Gegend seid: „Isomaru Suisan“ in Nishi-shinjuku, zu finden genau hier.

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8 Antworten zu Tokyo Food Diary – In der Schneckenbratbar

  1. kormoranflug schreibt:

    So ein Lokal solltest Du in Nürnberg öffnen. Dazu aber Wein anstatt Bier. 😉

  2. Thomas Heck schreibt:

    Super schöner Bericht, toll geschrieben!

  3. Christoph schreibt:

    Wie immer meinen Dank, Matze!

  4. Pingback: Schmausepost vom 23. Mai 2014 - Newsletter | Schmausepost

  5. Pingback: Tokio außerhalb des Stadtplans: Oh wie schön ist Asagaya | Chez Matze

  6. groefaz de la cuisine schreibt:

    Danke für den plastischen Bericht. Ich habe damals als Du unterwegs warst schon gespannt mitgelesen und fahr endlich nächste Woche selbst nach Japan. Ein Hinweis vielleicht noch zu dem Laden (und hier in den Kommentaren zum nachlesen für folgende Generationen): Yukari Sakamoto, die auch „Food Sake Tokyo“ geschrieben hat, hat mich in dem Kontext auf ihren blogpost vom Anfang diesen Jahres verwiesen, in dem unter anderem auch drinsteht, dass das ganze eine Ladenkette ist on wo die anderen zu finden sind: http://foodsaketokyo.com/2016/02/29/isomaru-suisan-磯丸水産/

    • Matze schreibt:

      Ich bin ja gerade wieder in Tokio, und seitdem fallen mir auch ständig die Filialen auf, erst vorgestern wieder in Kichijoji😉 GUTE REISE!!!

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