Tokyo Food Diary – Grenzen verschieben mit Gopchang

TitelJapan ist kein Land, in das man fährt, um dann möglichst alles genau so zu haben wie zu Hause. Japan ist auch kein Land, in dem sich Reisende wohl fühlen, die zu der Sorte „kontrollierter Esser“ gehören. Die also bereits in der Heimat ihre Umgebung damit nerven, dass sie immer genau die Bestandteile ihrer Mahlzeit kennen müssen (weil sie x und y nämlich prinzipiell nicht essen). Allerdings werden neugierige Esser wie ich dank ihrer Experimentierfreude gelegentlich auch mal auf die Probe gestellt. So wie diesmal, als ich einfach auf einen Zettel an der Wand des kleinen Ess-Schuppens deutete. Dort befanden sich Schriftzeichen, ein nicht zu niedriger Preis und zwei Herzen, was mich glauben ließ, hiermit die „romantische Platte für Verliebte“ gewählt zu haben.

Ein paar Worte vorweg zum Ort des Geschehens: Es gibt in Tokio eine so genannte „Koreatown“, und zwar östlich und südöstlich der Ringbahn-Station Shin-okubo. Dorthin zogen vor allem in den 1980er Jahren Immigranten aus Südkorea, da die Mieten in dem seinerzeit schlecht beleumundeten Viertel günstig waren und die Vermieter bereit, Wohnungen auch an Ausländer zu vergeben. Heute gibt es dort etwa 500 Geschäfte, die von Koreanern (oder Japanern koreanischer Abstammung) betrieben werden, darunter 350 Restaurants. Das Viertel gilt zwar immer noch als nicht gerade nobel, aber besonders auf junge Leute übt es eine große Anziehungskraft aus. Und das hat vor allem etwas mit dem riesigen Erfolg der koreanischen Popkultur in den letzten Jahren zu tun.

K-TownK-Pop, also die koreanische Popmusik und -kultur, ist schon seit einiger Zeit die ganz große Nummer in Asien. Von diesem Musikphänomen ausgehend, gilt mittlerweile fast alles, auf dem sich das Label „made in Korea“ befindet, in Japan als cool. Und so gibt es in Tokios Koreatown Geschäfte mit innovativen Beauty-Erfindungen, mit Fanartikeln für alles und jeden, mit sehr bunter Mode, mit Wahrsagern – und eben mit Restaurants.

Lokal außenDa sich am Samstag große Massen Jugendlicher durch die engen Gassen drücken, kann es ein bisschen schwierig werden, einen Platz in einem dieser Restaurants zu finden, wenn man sich nicht rechtzeitig entscheidet. Per Zufall gerieten wir daher in einer Seitengasse in einen winzigen Laden mit vier Tischen. Natürlich gab es keine Speisekarte mit Buchstaben in unserer Schrift, und natürlich sprach auch niemand Englisch. Aber wie gesagt, das macht für mich ja einen Teil des Spaßes aus, denn so gerate ich einfach in Situationen, die das Moment der Überraschung beinhalten. Ich deute also auf den Zettel mit der „Liebesplatte“ an der Wand. Das Publikum besteht ausschließlich aus jungen Leuten, die auf einem Tischgrill selbst Dinge braten und dazu ausgiebig Bier trinken.

Lokal innenDas Essen kommt und besteht zunächst aus einer Art Gemüse-Pfannkuchen. Dann folgen ein paar Schüsselchen, bevor der Bräter auf den Tisch gestellt wird. Und dann kommt die Platte. Auf ihr befinden sich, eingerahmt von koreanischem Lauch, ein paar Fleischstückchen, die wie Leber oder Herz aussehen. Im Zentrum hingegen liegt ein Gallertwurm.

Der Kellner kommt mit einer Küchenschere und schneidet den Wurm in stäbchengerechte Stücke. In der Mitte ist der Wurm hohl, dann kommt eine feste Schicht und außen üppiger Wabbel. Au wei, was habe ich da nur gewählt? Wir lassen die Stückchen eine Weile braten, aber der Wabbel löst sich dabei nicht wirklich auf. Irgendein Eingeweide muss das sein, denn die Wurmwand ist relativ zäh, schmeckt aber in ihrer Ledrigkeit fast intensiv wie Wild. Der Wabbel hingegen ist wirklich wie feste Gelatine, schmeckt eigentlich nach gar nichts und muss offenbar mit viel Bier hinuntergespült werden. So kämpfen wir uns durch die doch sehr fremde Materie, beschließen, dass die Mahlzeit, wenn auch nicht zum Lieblingsgericht erkoren, zumindest den Horizont erweitert hat und gehen wieder nach draußen.

GopchangZurück im Zimmer, setze ich mich gleich an mein Laptop, um herauszufinden, was uns da vorgesetzt worden war. Mit ein bisschen Katakana, Raten und der Google-Bildersuche komme ich der Sache schließlich näher: Es hat sich um „Gopchang“ gehandelt, small intestines, in unserem Fall offenbar der Dünndarm einer Kuh. Eine koreanische Spezialität. Und mit ein bisschen Weiterrecherchieren lässt sich auch herausfinden, dass es sich hier um ein sehr geschätztes koreanisches Essen handelt. Mitnichten wird es mit einer Mutprobe in Verbindung gebracht, und ebenfalls mitnichten verzehren es nur Halbwelt-Türsteher in schummrigen Schuppen. So berichtet Jamie Liew, eine malaysische Studentin in Seoul, hier in aller Ausführlichkeit und mit vielen Fotos von ihrem „awesome 20th birthday„, bei dem sie viel Bier getrunken hat, viel Spaß hatte und einen hervorragenden Gopchang zu sich nahm (für den Gopchang weit runterscrollen). Mädchen in Korea essen Dünndarm.

Und abweichend von dem, was Ihr vielleicht woanders lesen könntet, bedeutet das für mich keineswegs, dass die Japaner und/oder die Koreaner ja so crazy wären. Sondern es macht mir vor allem bewusst, dass alles, aber wirklich alles, was wir essen und wie wir darüber denken, zuallererst kulturell definiert ist und niemals ohne das Betrachten dieses Hintergrundes interpretiert werden sollte. Oder gar in Kategorien wie „gut“, „schlecht“, „komisch“ oder „eklig“ eingeteilt werden darf. Es ist eben nicht so, dass Austern per se edel, T-Bone-Steaks männlich oder Törtchen weiblich sind. Dass Hähnchenbrust lecker und Innereien bäh sind. Solche Zuschreibungen haben wir alle selbst erfunden, und andere Kulturen können diese Dinge mit derselben Berechtigung (oder vielmehr Nicht-Berechtigung) komplett anders sehen.

Und genau deshalb bin ich für mein Gopchang-Erlebnis sehr dankbar, weil es im Nachhinein für viel Gesprächsstoff und Nachdenken gesorgt hat. Ich muss ganz offen zugeben, dass ich die Bissen im Koreatown-Restaurant mehr hinuntergewürgt als genossen habe. Vielleicht wäre das bei einem zweiten Mal schon anders. Denn jetzt habe ich Jamies strahlendes Gesicht vor Augen, wie sie sich auf den gebratenen Dünndarm auf dem Grill freut. Und was ein koreanischer Teenager mit Freude essen kann, das kann ich auch essen.

Natürlich bleibt meine private Geschmacksschulung dabei weiterhin ein gewisser Maßstab und sorgt für eine Einordnung anhand meiner bisherigen Sozialisation. Gopchang muss also nicht mein Lieblingsessen werden. Aber ich gebe zu, dass ich gern Grenzen verschiebe, weil das eine kontinuierliche Erweiterung meiner Welt bedeutet.

Was ich übrigens bei solchen Verschiebungen für mich etwas irritierend fände, wäre eine testosteronlastige Todesmut-Attitüde. Denn mit einer solchen manifestiert man ja irgendwie nur, wie schwer man sich damit tut, andere Kulturen als etwas ebenso Selbstverständliches zu betrachten wie seine eigene.

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2 Antworten zu Tokyo Food Diary – Grenzen verschieben mit Gopchang

  1. jens schreibt:

    Hi Matze!

    Ich habe in Thailand mal irgendwo an der Straße, mitten auf dem Land, frittierte Hühnerrosetten gegessen. Also quasi der ausgelöste Schließmuskel von den Viechern. Fand ich nicht schlecht. Hab ich gegessen, weil alle es dort aßen – allerdings ohne zu wissen, was ich da in meiner Schüssel hatte. Meine thailändische Begleitung hat mich dann nachher aufgeklärt. Ich war Ihr nicht böse. Würde ich wieder bestellen.

    Jens

    • Matze schreibt:

      Ob ich’s so auf der Stelle wieder ordern würde, weiß ich nicht😉 . Aber ich lasse mich gern von den Leuten leiten, die mit mir da herumsitzen und essen. Was die essen, nehme ich auch gern (weil ich irgendwie glaube, dass ich dann etwas Typisches gewählt habe), und wenn ein Essen besonders angepriesen wird, greife ich genauso zu – auch wenn ich die Schrift nicht lesen kann. Einmal bin ich von dieser schönen Taktik abgewichen, habe wild herumgewählt und hatte dann prompt die sehr unharmonische Kombi von Entenschnäbeln, Hühnerfüßen und Seegurken auf dem Tisch. Ohne Gemüse. Da hätte ich vielleicht doch vorher fragen sollen…

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