Tokyo Food Diary: Frisches Grün bei Yui

LadenBei mir im Haus (elf Stockwerke, alles Einzelzellen und solche für sehr schmale Paare) gibt es ein Restaurant. Und zwar direkt am Fahrstuhl im Erdgeschoss. Eigentlich ist es kein Restaurant in unserem Sinne, sondern eine Ess- und Trink-Bar – und vor allem ein Nachbarschaftstreff. Am Wochenende war es abends so voll, dass die Menschen bis auf die Straße quollen, schnell wurden ein paar Plastiktische draußen aufgestellt. Das einzige, was ich auf dem Schild vor dem Laden lesen kann, ist das Wort „Yui“. Ganz klar: Ins „Yui“ wollte ich auch.

Als ich heute Mittag die Schiebetür zur Bar öffnete, war ich noch der einzige Gast. „Yui“ heißt auch nicht „Yui“, sondern „Namasoto“ oder so ähnlich. Es ist schlimm, wie schwer ich mich dabei tue, mir mehrsilbige japanische Namen zu merken. Wenn man weiß, was die einzelnen Silben bedeuten, geht das bestimmt leichter. Jedenfalls war Namasoto-san noch damit beschäftigt, ein wenig Dekoration aufzuhängen. Obwohl ich nicht glaube, dass es etwas damit zu tun hat, dass heute Gründonnerstag ist, gab es nämlich „frisches Grün in und außerhalb der Suppe“.

SuppeFür 600 Yen, also 4,25 €, wurde eine Art formule angeboten: eine Schüssel mit Reissuppe (und blanchiertem Gemüse), scharf eingelegten Tofu, dazu Tee zum Nachschenken und, tja, grünen Salat. Auf dem Tresen hatte Namasoto einen kleinen Flyer liegen, auf dem offenbar die Produzenten des Frühgemüses abgebildet waren: eine Familie, die in ihrem Garten herumwerkelt. Keine Unterglasanlagen, nichts professionell Aussehendes, und irgendwie passt das rein optisch auch zu Namasoto mit seinen Koteletten und dem etwas wilden Pferdeschwanz.

Der servierte Salat war dann nicht nur knackig, sondern auch mit Dingen ausgestattet, die dicke, leicht behaarte Blätter hatten. In der Suppe befanden sich dafür seltsame grüne Pflanzenkringel. Alles schmeckte gut und war sättigend, aber – wie so oft in Tokio – habe ich erst nachher herausgefunden, um was es sich eigentlich handelte.

SalatEs handelte sich nämlich um eine Mischung aus – in der Tat – dem gartengeernteten Frühsalat und „Sansai“. Sansai ist die Bezeichnung für wild geerntetes „Berggemüse“ und zeigt die Ankunft des Frühlings an. Des Frühlings im Bergland wohlgemerkt, denn obwohl es in Tokio selbst schon seit längerem frühlingshaft mild ist, lag – das habe ich beim Überflug gesehen – in weiten Teilen der Insel noch Schnee. Überhaupt besteht Japan zu 80% aus Bergland, was man sich vielleicht gar nicht so bewusst macht, wenn man die ganze Zeit nur an der flachen Bucht von Tokio verbringt.

Farn„Sansai“ kann aus über 200 verschiedenen Sorten bestehen. Für die meisten davon gibt es wahrscheinlich keine deutschen, sondern nur lateinische Namen. Für manche noch nicht einmal das, denn „Fuki-no-to“ bezeichnet zum Beispiel die ungeöffnete Knospe der Pestwurz. Ein großer Favorit der Japaner ist dabei Farn, wobei Farn vermutlich auch nicht gleich Farn ist und es sicher Bezeichnungen für die verschiedenen Teile und Stadien der verschiedenen Farnpflanzen gibt.

Wenn Ihr mich jetzt fragt, wie das alles schmeckt, dann lässt sich das gar nicht so leicht beschreiben. Die meisten Sachen sind ein wenig bitter, wichtig ist auch die Textur, also ein wenig Knackigkeit, das leicht Haarige oder das Wirbelige des Farns sollen bewusst zu spüren sein. Ein bisschen (aber wirklich nur ein bisschen) erinnert mich das an die griechische „Chorta“ oder auch an „Bljušt“, den ich in Split auf dem Markt kaufen konnte (und gegessen habe, mehr davon hier).

Alles in allem ist es doch wieder mal verblüffend, was ein gewöhnlicher Nachbarschaftstreff in einem gewöhnlichen japanischen Hochhaus mittags so alles anzubieten vermag.

Dieser Beitrag wurde unter Food, Unterwegs abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Tokyo Food Diary: Frisches Grün bei Yui

  1. Tobias schreibt:

    hier noch ein Tipp den du unbedingt ausprobieren solltest, wenn Zeit und Lust besteht, sehr gutes saisonales Restaurant sehr faire Preise für die Qualität, unbedingt reservieren (lassen), da praktisch kein englisch gesprochen wird, einfach dem Chef / Koch seinen Empfehlungen folgen – ist wunderbar, auch den Sakeempfehlungen! Viel Spass!

    http://narutomi-soba.net

    • Matze schreibt:

      Danke für den Tipp. Ich muss sagen, in meinen insgesamt jetzt gut 5 Wochen Tokio habe ich nur einmal nicht so gut und ein wenig pframpfig gegessen, und das war in Akihabara, dem Elektronik-, Gamer- und Anime-Nerd-Viertel. Ansonsten ist das Niveau hier überall so hoch und das Ganze so wenig convenience-mäßig, wie ich es noch nirgends erlebt habe. Jeder Restaurant-Guide, der sich vornimmt, hier einigermaßen den Überblick zu behalten, muss zwangsläufig scheitern. Das „Yui“ wäre da natürlich eh nicht drin, das ist ja schlichte Hausmannskost. Aber selbst hier wird immer frisch zubereitet…

  2. charlie schreibt:

    Einen frühen Bergsalat des Jahres kenne ich aus Umbrien. Die Leute (also, die sich auskennen) machen im März einen Ausflug in die Berge und sammeln ganz frisches Grün von vielen, unterscheidlichen Arten. Darauf einen „Faden“ Olivenöl vom besten und zartesten das man hat. Kann mich an keinen besseren Salat erinnern.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s