M’s reichlich verrückte Woche

TitelEs gibt Wochen, in denen steht man morgens auf, geht zur Arbeit, kommt abends zurück, dann essen, Beine ausstrecken, schlafen, und am nächsten Morgen wieder dasselbe. Der Stoff sozusagen, aus dem Bestseller gestrickt werden. Und dann gibt es Wochen wie diese. Vier verschiedene Länder, fünf verschiedene Unterkünfte und wahrscheinlich sechs verschiedene Rollen, die unser gepeinigter Protagonist in den ständig wechselnden Settings spielen musste. Aber wollen wir ihn nicht allzu sehr bedauern. Außer ein wenig Halsschmerzen, einem Mückenstich und platten Füßen hat er nichts nennenswert Negatives davongetragen. Aber rollen wir die ganze Sache doch der Reihe nach auf.

1 Loireprobe BonnMorgens steigt M, wie wir den Titelheld der Einfachheit halber nennen wollen, in sein knatschrotes Auto und lädt ein paar Loireweine dazu, denn bereits um 17 Uhr soll in Bonn die Weinprobe stattfinden, bei der M gleichzeitig Bringdienstler und so eine Art Zeremonienmeister ist. M hat Halsschmerzen, was schon mal nicht ganz so schön ist. Zusätzlich fällt ihm auf, dass die Bremsen des knatschroten Autos unangenehm schleifen, aber zum Glück kann man auf der Autobahn durch souveränes Ausrollen die Betätigung des Bremspedals eigentlich komplett unterlassen.

Der weitere Verlauf des Abends ist dann aber weniger adrenalinlastig, sondern sogar ganz nett. Am Ende sind diejenigen unter den Probenteilnehmern, die schon immer gern gute Loireweine getrunken haben, davon überzeugt, dies auch weiterhin tun zu wollen. Die anderen schreiben unten beim Bewertungszettel unter der Rubrik Sonstiges, „bitte nächstes Mal wieder mehr trockenen Mosel-Kabinett“.

M isst Gemüsesuppe und Ziegenkäse von der Loire. Es schmeckt.

2 MaltaAm nächsten Morgen fährt M nach Düsseldorf und steigt dort in den Flieger, der ihn über das stürmische Wien schließlich nach Malta bringt. M ist mit der Wahl seines Hotels sehr zufrieden, denn das Zimmer bietet fünf Meter hohe Steinwände und einen herrlichen Blick auf den Hafen.

Nachdem er seine Nachttischlampe ausgeknipst hat, stellt M fest, dass sich mindestens eine ungemein gemeine Stechmücke im Zimmer befindet, die ihn immer wieder bluthungrig anfliegt. Dank der fünf Meter hohen Wände kann sie stets unerreichbar weit entkommen, und M verbringt eine unruhige Nacht. Am meisten ärgert ihn dabei, dass dieses ständig sirrende und nervende Mistvieh offenbar nur einen einzigen Stich im Verlauf der Nacht angebracht hat, dafür aber fünf Stunden lang ums Ohr herum kreisen musste.

M schleppt sich in standesgemäßer Kleidung zur Tagung und muntert sich dort mit einem maltesischen Filterkaffee auf. Der Organisator erklärt, dass der fensterlose Raum, in dem sie die nächsten zwei Tage verbringen werden, ein Meisterwerk des Architekten sei. Nur durch die Vermeidung des spektakulären Hafenblicks wären nämlich die Teilnehmer in der Lage, halbwegs aufmerksam dem Geschehen folgen zu können. M fällt erst beim Pausengang aufs Klo auf, dass sein schönes weißes Hemd total schmuddelig geworden ist. Das liegt ganz zweifellos an der neuen Ziegenledertasche, die zwar M’s Unterlagen untadelig transportiert, dafür aber eine Menge dunkelbrauner Farbe an das Hemd abgegeben hat. M schämt sich deswegen und beschließt, auf amerikanisch-offensive Art den Fauxpas per Saalmikrofon mitzuteilen, bevor alle pikiert schauen und denken, diese Deutschen sind auch nicht mehr so sauber wie früher. M hat die Lacher auf seiner Seite, und plötzlich scheint ihm auch das schwierige Thema gar nicht mehr allzu kompliziert.

M isst am Stehbüffet irgendwas Conveniencehaftes.

2 MaltaIm Koffer hatte M noch den Freizeitlook dabei, und der tut ihm gute Dienste an seinem freien Tag, denn Malta im Frühling ist – wie vermutlich überall am Mittelmeer – einfach eine Pracht. Großfamilien lagern wie in der Antike auf Hügelkuppen unter Olivenbäumen, während M mit dem Fotoapparat in der Hand die Küstenlinie abschreitet. Später gerät er aus Versehen noch auf ein Anwesen, das mit Falldrähten gesichert ist, aber dank seiner naiven Frage, ob dies der Weg nach Saint Thomas sei, wird er dann doch nicht postwendend erschossen.

M isst ein Ei-Salatblatt-Sandwich aus dem Supermarkt.

3 Hopfensprossen LüttichM fliegt über dunstig-verschneite Alpen erst nach München und weiter nach Düsseldorf, startet dort das Automobil wieder und macht sich in Begleitung auf nach Lüttich. Im dortigen Hotel Première Classe sind ansonsten nur Lkw-Fahrer untergebracht, aber dafür hat M zur Feier des Tages sein Austernmesser mitgebracht und öffnet die im nahe gelegenen Geschäft erworbenen Schalentiere fachmännisch. Am nächsten Morgen stellt M in der Innenstadt von Lüttich wieder einmal fest, dass es marginale Unterschiede zwischen den kulinarischen Vorlieben der Deutschen und der Französischsprachigen gibt. M denkt spontan, er wird es nicht aushalten, für den Rest seines Lebens Kamps-Brötchen essen zu müssen und entdeckt daraufhin in der sehr schmucken Gemüsehandlung Lemlyn frische Hopfensprossen. Das ist eine ganz besondere Delikatesse.

M isst im Restaurant Tête de Veau mit Fritten.

4 Vincaillerie KölnAm Abend erreicht M Köln und macht sich sogleich auf in die Vincaillerie in Ehrenfeld, wo es an diesem Abend eine Art Mini-Hausmesse mit vier anwesenden Winzern gibt. Bei so vielen ungeschwefelten Weinen dürfte der Teufel einen weiten Bogen um den Laden gemacht haben. Zwar sind die Scheiben beschlagen, drinnen finden jedoch gar nicht stark nebulöse Gespräche statt. M unterhält sich mit Rudolf Trossen, was sehr interessant ist und ihm einige Anregungen zum Nachdenken ermöglicht.

M isst abends gar nichts mehr, weil er noch gesättigt ist vom Pferdehacksteak aus dem Einkaufszentrums-Café in Chaudfontaine.

5 Pension Storch IIBei seiner Ankunft in der Pension Storch II, die ansonsten ganz und gar untadelig ist, fällt M beim Anblick des großformatigen Bildes über seinem Bett in einen Zustand zwischen ungläubiger Starre und kreischender Begeisterung. So etwas gibt es also wirklich. Nachts kommen dann drei sichtlich volle Herren in den Hausflur gestolpert, aber Kumpel Nummer Vier hatte das gemeinsame Zimmer offenbar aus Versehen von innen abgesperrt. Nach einer geschlagenen Stunde „Peter!!!“ und sich mit voller Wucht gegen die Tür Werfens wacht Peter dann aus dem Koma auf und öffnet endlich seinen Kumpels. M schläft irgendwann noch eine Stunde und muss dann wieder aufstehen, denn Sonntag ist Prowein-Tag.

6 ProweinGanz schön voll bei der Messe der Messen, und auch wenn viel Zeug von der Sorte dabei ist, wie sie offenbar Peter letzte Nacht geschluckt hatte, bleibt noch genügend Raum für Nischen und Interessantes. Mehr als genug. M bringt seine Jacke am Stand der Luckerts unter, schnappt sich ein Glas und mischt sich unter das Volk. Dank seiner akribisch-wahnwitzig ausgearbeiteten Vorfreude-Liste trifft er jede Menge interessante Winzer und probiert zum Teil fantastische Weine. Davon wird er natürlich noch berichten.

Um 18 Uhr nimmt M den Zug zurück nach Köln, isst ein Croissant und kauft noch eine  Tüte Peperoni-Chips, weil er doch schon wieder Halsschmerzen zu bekommen beginnt.

7 I CliviDer zweite Tag auf der Prowein gestaltet sich ähnlich wie der erste mit ähnlich ergiebigen Funden und Gesprächen. Dadurch, dass M auf keiner abendlichen Party war, hat er zwar niemanden kennengelernt, dafür aber die Halsschmerzen überwunden. Stellvertretend für die grandiosen Entdeckungen während der zehn Stunden in den Hallen bildet M oben die Weinpalette des friulinischen Gutes „I Clivi“ ab. Das sind Weine, die eigentlich jeder Weißwein-Fan einmal getrunken haben sollte.

M fährt zufrieden nach Köln und isst ein Adana-Dürüm, denn seine Pension befindet sich ja fast direkt in der Weidengasse.

8 Kelle PacaDas nutzt M auch am nächsten Morgen aus, denn er fühlt sich nach den offenbar sehr vielen Kilometern am gestrigen Tag (was man in zehn Stunden halt so alles ablaufen kann) immer noch ziemlich platt und möchte mit Schwung in Richtung Autobahn starten. Eines der Restaurants hat tatsächlich schon vor sieben Uhr morgens geöffnet und serviert M eine köstlich würzige Kelle Paça, was nichts anderes ist als Lammkopfsuppe. Dazu frisches Brot, ein paar Beilagen, Ayran und zum Abschluss einen Tee. M überlegt, sollte er doch demnächst Bohémien werden, würde er immer in ein Frühstückscafé dieser Art gehen.

Aufgehalten, aber nicht gestoppt von Hagelschauern und Lkw-Staus erreicht M schließlich mittags die Stadt Nürnberg. Koffer und Taschen schleppt er zwar noch in die Wohnung, räumt aber nichts mehr aus. Am nächsten Morgen stellt M fest, dass er kein einziges sauberes Paar Strümpfe mehr im Schrank hat, nur noch zwei einzelne Exemplare. Sollte er so lange unterwegs gewesen sein?

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4 Antworten zu M’s reichlich verrückte Woche

  1. Sener schreibt:

    Nach den tollen İstanbul memoirs hatte ich M innerlich auf Prowein bei den türkischen Weinen erwartet aber vielleicht beim nächsten Mal..
    Wenigstens war er auf der „europäischen Seite der Kölner Bosporus“ türkisch essen (die Keupstrasse ist dann die asiatische Seite:)

    • Matze schreibt:

      Doch, M war auch bei den türkischen Weinen, aber manchmal war ihm da zu viel Brimborium. Gleich zwei Sommelier-Weltmeister sind dort aufgetreten. Aber einen der probierten türkischen Weine werde ich in meinem nächsten Artikel vorstellen (klar, dass dies hier noch nicht alles von der Prowein gewesen sein kann😉 ), und zwar lustigerweise den, vor dem mich die Dame am Stand am meisten gewarnt hatte…

  2. Pingback: Mitten im Anlauf: mein persönlicher Jahresrückblick 2014 | Chez Matze

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