Quertest Riesling 2008: der zweite Teil

TitelWie Ihr vielleicht wisst, wenn Ihr mit mir persönlich befreundet seid (ah, die Testfrage), hatte ich vor einiger Zeit beschlossen, mir möglichst viele trockene Rieslinge des Jahrgangs 2008 zuzulegen. Das geschah einerseits vor dem Hintergrund, dass ich 2008 für ein leicht unterschätztes, angenehm langläuferiges Jahr halte. Andererseits muss man sich ja mal für irgendeinen Jahrgang und irgendeinen Weintyp entscheiden, will man ein bisschen mehr Systematik und einen substanziellen Erkenntnisgewinn in sein weinliebhaberisches Dasein bringen.

Im Artikel zu Teil 1 habe ich bereits die ganze Sache erklärt, und diesmal läuft es ähnlich: Erst ein kompletter Blindflug mit dem einzigen Hinweis, dass es sich um sechs trockene Rieslinge aus dem Jahrgang 2008 handelt. Das sind wahrhaft dürftige Informationen, die dann zu einigen Einschätzungs-Überraschungen führen. Die Rieslinge werden frisch und ohne Dekantieren geöffnet. Bereits nach dem ersten Probieren legen wir die vorläufige Rangfolge fest. Alsdann werden alle sechs Rieslinge aufgedeckt, es folgt das große Aha und Soso. Nachdem sich der ganze Kanonendampf verzogen hat, teste ich am dritten Tag noch einmal nach. Alle Weine lagerten in der Zwischenzeit wieder verschraubt oder verkorkt im Kühlschrank, aber sie hatten natürlich eine Menge Luft gesehen. Und wie beim ersten Mal auch, wie eigentlich immer bei solchen Quertests, zeigt sich, dass sich die Weine unterschiedlich entwickelt haben. Die Plätze werden deshalb noch einmal neu geordnet. Irgendwie scheint Wein doch etwas Lebendiges zu sein.

Ich nenne Euch übrigens jeweils meine Bezugsquelle, aber da es sich um 2008er handelt, gehe ich mal davon aus, dass jene beim jeweiligen Weinhändler nicht mehr zu haben sind (deshalb auch keine Links; es gibt ja Google). Vielleicht habt Ihr ja mit den Nachfolgejahrgängen Glück, sollte Euch die eine oder andere Beschreibung auf den Geschmack gebracht haben.

Wein 1 - TegernseerhofWein 1: Mittleres Rieslingweißgelb, alle Weine sind relativ hell, nur einer sticht ein bisschen heraus. In der Nase angenehm und mineralisch, am Gaumen zusätzlich noch animierend, leicht perlend, saftiger als in der Nase, etwas zu easy vielleicht, aber doch schön, Platz 3.

Es ist der Steinertal vom Tegernseerhof in der Wachau (13 vol%). Den Wein kannte vorher niemand, ein Mitbringsel von Freunden direkt vom Weingut.

Bei meinem Nachtest muss ich leider feststellen, dass dieser einstmals so „leckere“ Wein komplett an Spannkraft verloren hat. Die Frische ist sowieso nicht mehr so stark da, stattdessen kommt ein wenig Süßeanmutung durch. Ganz sicher ist dies kein schlechter Wein, nur würde ich empfehlen, ihn direkt nach dem Aufschrauben wegzuschlürfen. Er wird nicht besser. Am Ende deshalb nur Platz 5.

Wein 2 - DannerWein 2: Dunkler in der Farbe als der erste Wein, in der Nase relativ gesehen weicher und süßer, Blütenanklänge, dennoch gleichzeitig phenolisch und mit einer gewissen Kargheit gesegnet. Am Gaumen ist der Wein in jedem Fall deutlich weniger „lecker“, also strenger vorn und mit einer sich heranschleichenden und letztlich intensiveren Säure hinten. Kontroverse Sache, ich nehme an, dass dies ein Weintyp ist, der Luft braucht. Die Plätze sind verteilt, von 2 bis 4.

Es ist der Riesling 2 vom Weingut Danner in Baden. 12,5 vol% und 13,30 € beim Weinhaus Scholzen in Köln. Kleines Aha und Oho, ein interessanter Produzent in jedem Fall, und so oft bekommt man auch keinen badischen Riesling ins Glas. Viel strenger und kantiger, als man das von Baden denken könnte. Aber Durbach ist auch nicht der Kaiserstuhl.

Beim Nachtest bin ich mir nicht mehr sicher, was denn die Notizen vom ersten Tag bedeuten sollten: Jetzt jedenfalls die krasseste Nase, Sponti, Stein, Staub, Fenchel, bisschen Möbelpolitur, gar keine Frucht. Dafür hängt der Wein lang am Gaumen. Dort ist er weiterhin straff und karg, aber intensiv, viel Thymian, weniger Charme als Konsequenz. Für Leute, die auf „Typen“ auch beim Wein stehen, eine ganz sichere Empfehlung. Und ein fantastischer Kandidat für eine Blindverkostung sowieso. Beim Platz möchte ich mich dafür nicht so deutlich festlegen. Ich sehe drei Weine auf demselben qualitativen Niveau, nur mit völlig unterschiedlichen Ausprägungen. Also Platz 2-4.

Wein 3 - Emrich-SchönleberWein 3: Mittlere Farbe, dafür in der Nase wesentlich süßer, saftiger, fast „breiter“ (obwohl diesmal kein einziger Brummer dabei war), nichts mineralisch Karges mehr. Am Gaumen fällt sofort die höhere Süße auf, man neigt dazu, den Begriff „easy drinking“ in den Mund zu nehmen. Trotz der Süße kommt die saftige Eleganz langsam durch. Wie sich der Wein entwickeln wird, kann man noch schwer abschätzen. Stürzt er ab, und nach dem Saft kommt die große Pappe? Oder ist die Materie doch nachhaltiger? Vorerst Platz 3.

Es ist der Monzinger Halenberg vom Weingut Emrich-Schönleber an der Nahe, der kleine Bruder des legendären Großen Gewächses. 12,5 vol% und 17,60 € beim Weinrefugium. Ungläubiges Staunen. Alle Welt beschreibt den „großen“ Halenberg als mineralisch, straff und unnahbar. Dieser Wein ist das genaue Gegenteil: zwar auch sehr rieslingtypisch, aber saftig und zugänglich. Die Welt hält weiterhin Wunder bereit.

Beim Nachtest ist die Sache ziemlich klar: Der Wein hat sich entwickelt und steht in puncto Eleganz eine ganze Etage über den anderen. Eindeutig das hochwertigste Exemplar. Nun bin ich ja jemand, der gern mal die richtig individuellen Weincharaktere trinkt. Aber manchmal fühlt man sich auch nicht wie ein Bäumeausreißer, sondern freut sich einfach still über einen samtigen und eleganten Wein wie diesen. Bis auf die Tatsache, dass ich etwas völlig anderes erwartet hätte, muss ich ganz allgemein den Hut ziehen. Platz 1, unangefochten.

Wein 4 - SchmidWein 4: Ein sehr helles Exemplar, sehr dezent auch in der Nase, am Gaumen dafür mit wesentlich mehr Würze und Tiefe. Ausgewogen, hochwertig, stoffig, es darf jubiliert werden, Platz 1.

Es ist die Pfaffenberg Reserve vom Weingut Josef Schmid aus dem Kremstal. 13 vol% und 14,95 € bei Lobenberg. Ein Österreicher also, und nachdem Rudi Pichler beim ersten Mal schon so gut abgeschnitten hatte, überrascht das mittlerweile keinen mehr.

Der Nachtest offeriert in der Nase zwar ein wenig mehr Noten als beim spontanen Öffnen, aber jene sind eher mineralisch-staubig, belegt, Anis, die Frucht weit dahinter. Am Gaumen kann ich nur bestätigen, dass der Wein gut ist. Gehalt und Würze sind da, der Wein erscheint sehr weit angelegt, nachhaltiger. Die Frucht, die nachher kommt, erinnert an Marille oder sogar eher an helle Pflaume, also nicht komplett tropisch, aber auch nicht zitronig. Alles andere als eine Enttäuschung und von den drei Weinen, die ich auf die Plätze 2-4 setze, ganz sicher der Ausgewogenste.

Wein 5 - Kox-KochWein 5: Eindeutig der blasseste Vertreter, und die Nase erscheint genauso schwach wie die Farbe. Gar kein Jubel nach dem ersten Schluck: blass-zitronig, kein Nachhall, „reinzuchtig“ und ziemlich einfach. Hat hoffentlich nicht viel gekostet und landet auf jeden Fall auf dem letzten Platz.

Es ist der Remich Primerberg Premier Cru vom Weingut Kox-Koch aus Luxemburg. 13 vol% und genau 7 € beim Delhaize in Bertrange. Zwei Dinge beweisen sich damit: Nr. 1: Es lohnt sich selten, einen Wein im Supermarkt zu kaufen, denn das gesparte Geld wiegt den fehlenden Genuss so gut wie nie auf. Nr. 2: „Premier Cru“ ist wie „Große Lage“ manchmal nur ein Wort. Zwei Wörter, um genau zu sein.

Der Nachtest bestätigt alles: In der Nase Reinzucht, Eisbonbon, ansonsten wenig Aroma. In den 80er Jahren hätten vielleicht alle Rieslinge so gerochen, aber mittlerweile sind Qualität und Ausdruck ja woanders gelandet. Am Gaumen kann man die Fruchtsüße feststellen, aber auch, dass Süße und Säure ausgewogen balanciert sind. Die Aromen gehen in Richtung Apfel und Zitrone, ein blasser Typus, wenngleich keineswegs so grottig, wie man nach der Beschreibung denken könnte. Nur musste sich dieser Wein mit überlegenen Gegnern messen. Platz 6.

Wein 6 - LützkendorfWein 6: Zum Schluss der eindeutig dunkelste Wein, „Holzfass“ wird gemutmaßt. In der Nase eine komplett andere Welt, ganz weich und süß, Botrytis und Tropenfrucht. Am Gaumen eine entsprechende Fortsetzung mit Honignoten, einer südlichen Anmutung, das Wort „Elsass“ macht die Runde. In jedem Fall ein sehr interessanter Wein, aromatisch wahrscheinlich sogar am spannendsten, aber das ist natürlich Geschmackssache. Soviel zum Mythos „objektive Weinbewertung qua Punktevergabe“. Platz 2-4 je nach Vorliebe.

Es ist die Karsdorfer Hohe Gräte vom Weingut Uwe Lützkendorf aus dem Anbaugebiet Saale-Unstrut. 12,5 vol% und 11,90 € beim Weinhaus Scholzen. Wenn das mal keine Überraschung ist. Der nördlichste Wein wirkt am südlichsten. Das war mir allerdings schon einmal bei den Weinen von Klaus Zimmerling aus Sachsen aufgefallen. Viele gute Winzer gibt es ja (noch) nicht in diesen kleinen Anbaugebieten. Aber wenn, dann wird hier ein Stil gepflegt, den ich als „kontinental“ bezeichnen möchte. Eine gewisse Süße und Üppigkeit, eine Mischung aus der Wachau und Ungarn.

Beim Nachtest wird die Andersartigkeit dieses Weins noch deutlicher: In der Nase Blockmalz, Honig, Blütensüße, keine Mineralität, nichts Staubiges, eine ganz andere Philosophie. Am Gaumen ist dann spürbar, dass die vordergründige Süße durch eine nicht geringe Säure gepuffert wird. Also keinesfalls ein gefällig-schales Tröpfchen. Die Aromen bieten viele Rosen an, Lilien auch, sehr pflanzlich-blütig und gar nicht wirklich fruchtig. Da ich von Uwe Lützkendorf schon zwei andere Weine getrunken hatte und zumindest bei dem zweiten dank der wahrhaftigen Seltsamkeit des Getränks doch nicht wirklich einverstanden war, kann ich in diesem Fall nur sagen: anders, aber gelungen. Platz 2-4 gemeinsam mit dem Schmid und dem Danner, und alle drei sind extrem unterschiedlich.

Das Fazit: Ich habe wieder einiges dazugelernt und fand (fast) alle Weine auch nach mehreren Tagen noch sehr anregend.

Ob es das Terroir ist, das den Halenberg auf ein höheres Niveau gehievt hat als die anderen Kandidaten? Bei den Weinen von Danner und Lützkendorf schien hingegen die Handschrift des Winzers einen überragenden Einfluss zu haben. Dabei werden simplifizierende Kategorien wie „besser“ oder „schlechter“ solchen Kulturprodukten nicht gerecht. Die Vielfalt bringt den Zugewinn.

Alle Weine waren jedenfalls nach meinem Dafürhalten auf ihrem aromatischen Höhepunkt.Trockene Rieslinge des Jahrgangs 2008 in der Preiskategorie um die 15 € herum möchten also jetzt getrunken werden. Dass wahrscheinlich 98% davon bereits den Weg alles Irdischen genommen haben, ist mir wohl bewusst. Aber in der Mehrheit zu sein, bedeutet ja nicht unbedingt, damit auch richtig zu liegen.

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4 Antworten zu Quertest Riesling 2008: der zweite Teil

  1. jens schreibt:

    Aber in der Mehrheit zu sein, bedeutet ja nicht unbedingt, damit auch richtig zu liegen…….

    Schön gesagt Matze…….

  2. Rainer Kaltenecker schreibt:

    Hi Matthias,
    lese erst soeben den zweiten Teil Deiner 2008er-Verkostung. Deine Verwunderung über den Schönleber kann ich sehr gut nachvollziehen. Die hochwertigen 2008er und dazu zählt natürlich auch die „einfache“ trockene SL aus dem Halenberg , sind derzeit nicht gut drauf, selbst das GG ist heute keine echte Freude. Nach meiner Einschätzung ist 2008 ein großes Jahr bei Schönleber mit einem überdurchschnittlichen Entwicklungspotential, dazu gehört aber auch, dass die Weine prägnante Schwankungen durchleben werden. Für uns Konsumenten sicher kein einfach zu verstehendes Jahr, aber wenn wir die Weine im rechten Moment erwischen, dann verspreche ich mir dafür auch ein besonders eindrückliches Genußerlebnis. Die tr. SL würde ich nicht vor Mitte 2015 aufziehen und das GG nicht vor 2016-7, beim A.d.L. könnte es sogar noch länger dauern.
    Herz. Grüße
    Rainer

    • Matze schreibt:

      Oh, wenn ich Deinen Kommentar so lese, bin ich mir nicht sicher, ob ich mich verständlich ausgedrückt hatte. Deshalb noch einmal mein ganz persönlicher (und vielleicht etwas klarer formulierter😉 ) Eindruck:

      Der Wein ist gut. Er ist sogar so gut, dass er die anderen fünf Kandidaten hinter sich lässt. Er wirkt auch nicht so, als sei er in einer schwierigen Phase und würde sich künftig deutlich verbessern können. Muss er auch nicht, denn wie gesagt, der Wein zeigt seine Qualitäten ganz deutlich. Nur: Ich hatte geglaubt, nachdem ich x Kommentare anderer Weinliebhaber über den Halenberg von Emrich-Schönleber gelesen hatte (in der Regel allerdings das GG), dass es sich prinzipiell und stilistisch um einen sehr mineralischen, kargen und dementsprechend anspruchsvollen Wein handeln würde. Das ist (jedenfalls bei meiner Flasche) nicht der Fall: Dieser Wein in diesem Zustand polarisiert nicht, er ist nicht karg, mineralisch und eigen, sondern deutlich höher in der Restsüßeanmutung als gedacht und einem breiteren Publikum gegenüber zugänglicher als gedacht. Genau das hatte mich überrascht.

      Nun muss ich zugeben, dass ich die „kleine“ trockene Spätlese nicht so gut aus anderen Jahren kenne, als dass ich sagen könnte, 2008 fügt sich hier völlig normal ein oder ist – ganz im Gegensatz – eine Ausnahme.

      Wenn Du mich fragst, ich würde die 2008er Spätlese jetzt durchaus öffnen. Aber da kommt es natürlich auch auf die Lagerbedingungen an. Die Flasche, die ich für den Test geöffnet hatte, hatte ich kurz vorher von einem Händler gekauft – Vorleben unbekannt. In meinem (schwiegerelterlichen) Gewölbekeller habe ich hingegen noch eine Flasche liegen, die ich damals ganz frisch erstanden hatte. In diesem Keller ist es nicht nur feucht, sondern das ganze Jahr über 11°C kalt. Meine bisherige Erfahrung mit Weinen aus diesem Keller sagt mir, dass die Weine da zwar ganz hervorragend harmonisch reifen, aber vergleichsweise langsam. Insofern denke ich, dass ich sowohl die Spätlese als auch das GG aus 2008 tatsächlich – wie von Dir vorgeschlagen – noch ein Weilchen lagern werde.

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