Autochthone Rebsorten aus Norditalien

TitelIn meinem Jahresrückblick 2013 hatte ich es ja schon angedeutet: Das Weinland Italien ist bei mir nicht nur auf dem Blog, sondern auch im Privaten bislang viel zu kurz gekommen. Das musste dringend geändert werden. Um zu Anfang einen kleinen Überblick zu bekommen, habe ich einerseits im Keller geschaut, was dort noch an Mitbringseln vom letzten Italienbesuch übrig geblieben war. Und dann gibt es ja zum Glück in jeder größeren Stadt immer noch (und hoffentlich weiterhin für lange Zeit) ein paar italienische Supermärkte mit Pasta, Espresso und Vino.

Meinen Schwerpunkt habe ich dabei nicht auf edle Gewächse gelegt, die teuer in der Anschaffung sind und die nächsten Jahre im Keller reifen müssen. Mir ging es vielmehr darum, so viele rebsortenreine Weine wie möglich zu finden, und zwar solche, die nicht jeder kennt. Ich war wirklich überrascht, wie groß die Vielfalt ist, wenn man ein wenig die Augen offen hält. Mir sagte – das darf ich hier sicher zugeben – die Hälfte der Rebsorten wenig bis gar nichts. Umso spannender war dann natürlich der Test.

Alle Weine kosteten in der Anschaffung weniger als 20 €, der Schwerpunkt lag bei etwa 6-10 €. Und nun geht es ohne Umschweife los mit der ersten Traube:

BarberaBraida (Giacomo Bologna), Barbera del Monferrato „La Monella“ Frizzante, 2012, rot, 15,5 vol%

Rebsorte: Barbera

Die Barbera-Traube in dieser Ausflistung zu finden, mag überraschen. Immerhin handelt es sich ja um die drittmeist angebaute rote Rebsorte in Italien. Ich möchte deshalb auch nicht die Rebsorte an sich vorstellen, sondern Euch darauf aufmerksam machen, dass Barbera in allen Ausbauvarianten auftreten kann. Die teureren Exemplare besitzen oftmals einen deutlichen Holzeinfluss, wobei ich persönlich die säuerlich-frischen Versionen mehr schätze. Hier hingegen haben wir es mit einem Frizzante zu tun, also einem jungen Rotwein mit zugefügter Kohlensäure. Wird hauptsächlich innerhalb der Region getrunken, ist dort aber nicht als minderwertig verschrien, sondern dient als Speisenbegleiter zu Herzhaftem. Das bekannte Weingut Braida (u.a. Bricco dell’Uccellone) hat allerdings keinen Leichtwein produziert, sondern einen superreifen Klotz mit 15,5 vol%. Passt für mich nicht ganz zusammen, obwohl man der geballten Fruchtfülle einen gewissen Charme natürlich nicht absprechen kann.

Bianchetta GenoveseI Vigneti, Golfo del Tigullio IGT, Bianchetta Genovese, 2010, weiß, 11,5 vol%

Rebsorte: Bianchetta Genovese

Die Gelehrten streiten sich noch darüber, ob es sich bei der Bianchetta Genovese um eine eigene Rebsorte handelt oder um eine Variante der Albarola. In jedem Fall wird der als recht neutral geltende Traubensaft in der Regel verschnitten. Ganz anders, als man bei der schlechten Beleumundung in der Literatur denken könnte, riecht der Wein richtig gut: mineralischgelbe Früchte, durchzogen von Frische. Am Gaumen von einer enorm kräftigen Säure, öffnet sich der Wein an der Luft, um dann wie ein rescher Weißer von der Loire zu wirken. Ein sehr guter Begleiter von Meeresfischen und eine angenehme Überraschung für 5,65 €.

Blanc de Morgex et de La SalleCave du Vin Blanc de Morgex et de La Salle, Vallée d’Aoste, Blanc de Morgex et de la Salle, 2010, weiß, 12,5 vol%

Rebsorte: Prié Blanc

Ein sehr interessanter Wein bereits in der Theorie: Das Aostatal auf der „anderen“ Seite des Montblanc ist in Teilen weiterhin französischsprachig, man kann es leicht an den Begriffen erkennen. Die Rebstöcke sind meist wurzelecht und stehen bis hinauf auf 1.200 Meter Höhe. Die Rebsorte treibt spät aus, was wegen der Frühjahrsfröste sehr günstig ist, und wird in der Regel auf niedrigen, schräg gegen den Berg gestellten Pergolen gezogen. Sie gehört zu den „Frühen Blanckwelschen“ und war früher nicht nur bis nach Brandenburg verbreitet, bei Radebeul in Sachsen soll sogar noch ein 350 Jahre alter Stock von ihr stehen. Der Wein selbst wirkt zunächst apfelig, dann jedoch mit einer ganz erstaunlichen Note, einer Mischung aus trockenem Zweig, Cassis und dem Gefühl des Lutschens an einem heißen Stein. Zu Bergkäse und Fondue.

BoscoCooperativa Riomaggiore, Cinque Terre, 2011, weiß, 12,5 vol%

Rebsorte: Bosco (+ Albarola und Vermentino)

Diesmal kein ganz reinsortiger Wein, aber einer, der von der ligurischen Rebsorte Bosco dominiert wird. Jene wurde erstmals in der Nähe eines Waldes bei Genua „gefunden“, daher auch der Name (Bosco = „Wald“ auf Deutsch). Die Traube gilt als aromatisch eher zurückhaltend, aber spätreifend und ist im Anbaugebiet der Cinque Terre die Hauptrebsorte. Geschmacklich wirkt der Wein frischer als gedacht, nicht etwa ölig-mediterran, sondern mit lebendiger Säure und deutlich nach Mandarine schmeckend. Ob das typisch ist, vermag ich nicht zu sagen, ist jedenfalls auch solo schon recht angenehm.

FreisaCantine di Canelli, Monferrato Freisa „I Somelieri“, 2011, rot, 12 vol%

Rebsorte: Freisa

Auch wenn es für französisierte Menschen so scheinen mag, heißt „Freisa“ nicht etwa „Erdbeere“ (die heißt „Fragola“), sondern ist einfach ein Eigenname einer Rebsorte aus dem Piemont (wenn ich mich nicht täusche). Dort wird sie trotz der Tatsache, dass sie als „Mutter“ des Nebbiolo gilt und auch entsprechende Tannine und Säure vorweisen kann, meist prickelnd und mit leichter Restsüße ausgebaut. Ein Sakrileg, meinen manche Experten. Mein Wein ist in der Tat blaurot mit Sprudelbläschen und wirkt ein bisschen süß, hat aber auch Bittermandeln, Blaubeeren und eine gewisse Gerbigkeit zu bieten. Beim Solotest maule ich noch ein wenig, aber zu regionalen Wurstwaren passt der Wein dann ganz ausgezeichnet. Ich verstehe: Man muss nicht aus jedem Rohmaterial alles herausholen, was geht, sonst hätten wir auf der Welt nur noch Pétrusse, und niemand würde mehr Wein trinken.

FuminLes Crêtes, Valle d’Aosta, Fumin „Vigne La Tour“, 2007, rot, 13 vol%

Rebsorte: Fumin

Diesen Wein habe ich hier in die Auflistung genommen, obwohl ich ihn schon vor einiger Zeit getestet und beschrieben hatte. Aber ehrlich gesagt hatte er mir nicht nur wirklich gut gefallen, sondern die Rebsorte passt auch optimal in diesen Reigen. In früheren Zeiten wurde der Fumin nämlich häufiger mit der Freisa verwechselt, vielleicht auch deshalb, weil sich beide Trauben wegen ihres dunklen Saftes als Färbertrauben für den (helleren) Nebbiolo eignen. Bis auf einen winzigen Rest in der Schweiz gibt es den Fumin aber nur im Aostatal, wo die Rebsorte mittlerweile sehr vielversprechende Ergebnisse liefert. Eines dieser gelungenen Exemplare seht Ihr hier: sauerkirschig, frisch, pikant, gerbige Kräuter und – wegen des Ausbaus – leichte Holznote.

GroppelloDue Pini – Ermanno Coccoli, Garda Classico, Groppello, 2010, rot, 12,5 vol%

Rebsorte: Groppello Gentile

Die Sorte stammt aus dem Norden Italiens und wird hauptsächlich im Bereich des südwestlichen Ufers des Gardasees angebaut. Als wuchskräftig und ertragreich gilt sie, aber ehrlich gesagt kann das auch ein bisschen mit den klimatischen Bedingungen der Region zusammenhängen, denn wer mal im Frühsommer in der Gegend zwischen Verona und Brescia war, wird fachmännisch festgestellt haben, dass hier allerhand Grünzeug ganz prächtig gedeiht. Mein Wein moussiert noch leicht und erinnert mit seiner jungen, fruchtig-würzigen und bittermandeligen Art sehr an Bardolino oder Valpolicella, die zufälligerweise praktisch in fast derselben Gegend hergestellt werden. Wenig Tannin, milde Säure, ein Pasta-Wein.

Lacrima di Morro d'AlbaCantina di Montecarotto, Lacrima di Morro d’Alba „Gaudente“, 2010, rot, 12,5 vol%

Rebsorte: Lacrima

Lacrimas, also „Tränen“, gibt es einige in Italien (ich erinnere an den Lacryma Christi del Vesuvio), aber in diesem Fall soll keine allzu religiöse Bedeutung dahinter stehen, sondern die Trauben der Rebsorte ganz einfach ein tränenförmiges Aussehen besitzen. So ganz passt sie nicht in unsere Rubrik, denn aufgrund ihrer Namensähnlichkeit zur Barbera d’Alba hatte ich sie ins Piemont gesteckt. In Wirklichkeit geht es hier um Alba Adriatica und einen Weinen aus dem Hügelland der Marken. Sei’s drum, denn die Rebsorte ist selten und außerhalb der Region praktisch nicht zu bekommen. Weil die Trauben sehr dünne Schalen besitzen und entsprechend wenig Tannin, werden sie zunächst einmal wie beim Saignée-Verfahren zum „Aderlass“ ohne Pressung gebeten. Dieser Vorlaufmost wird weiterverarbeitet zu Roséwein, während der zurückgebliebene Rest jetzt einen farbkräftigeren, intensiveren und – relativ gesehen – tanninstärkeren Wein ergeben kann. Mein Wein ist sogar enorm dunkel, und zwar nicht nur von der Farbe her, sondern insbesondere von seinem aromatischen Eindruck: Holunder, Schlehe, dazu Minze, präsente Säure, hinten allerdings enorm kurz.

Lambrusco di SorbaraMedici Ermete, Lambrusco di Sorbara, „I Quercioli“ secco, 2011, rot, 11 vol%

Rebsorte: Lambrusco di Sorbara

Lambrusco, der schwierige Wein. Einen wesentlich schlechteren Ruf im Ausland kann man sich kaum erwerben, was dazu führt, dass auch seriöse Produzenten darunter zu leiden haben. Die Seriösität eines Produzenten kann man dabei von vielen verschiedenen Einzelkomponenten abhängig machen, ohne dass es eine exakte Abgrenzung geben würde. Ist aber auch nicht schlimm, gut und böse lassen sich im normalen Leben ja genauso wenig trennscharf definieren, warum sollte das bei Wein anders sein? Wir haben es hier mit einem Produkt aus dem Charmat-Gärtank zu tun, und trotzdem schmeckt es gut. Lambrusco di Sorbara ist nämlich meine Lieblingsrebsorte aus der Lambrusco-Familie, weil sie einerseits relativ hell in Farbe und aromatischer Erscheinungsform ist (also eher in Richtung Himbeere), andererseits durch die kräftige Säure (das abgebildete Exemplar besitzt 7,5 g Gesamtsäure pro Liter) immer schön pikant bleibt, auch bei leicht erhöhter Restsüße.

Lambrusco Grasparossa di CastelvetroCavicchioli & Figli, Lambrusco Grasparossa di Castelvetro, „Col Sassoso“ secco, 2009, rot, 11 vol%

Rebsorte: Lambrusco Grasparossa

Was man hierzulande kaum weiß, für die Aromatik des Weins aber keine unbedeutende Rolle spielt, ist die Tatsache, dass es von der Lambrusco-Traube ungefähr 60 verschiedene Varietäten gibt. Nur wenige davon werden bewusst reinsortig ausgebaut und auch auf dem Etikett genannt. Der Lambrusco Grasparossa di Castelvetro wird in 14 Gemeinden rund um die Stadt Modena geerntet und gilt gemeinsam mit dem Lambrusco di Sorbara als „edlere“ Varietät. Geschützt durch eine DOC, sind dann auch die Anbaubedingungen stärker reglementiert. Im Vergleich zur Sorbara ist die Grasparossa deutlich farbkräftiger. Die Fruchtnoten dieses Exemplars gehen in die Schlehe-Holunder-Heidelbeer-Richtung. Die Ausgewogenheit zwischen Süße und Säure, das milde Tannin und die gleichmäßige Perlage zeigen zusammen ziemlich eindeutig an, dass man es hier mit einem hochwertigeren Produkt zu tun hat. Kostet auch 10 €, und das ist für einen Lambrusco ja schon sehr viel.

Lambrusco SalaminoMedici Ermete, Lambrusco Reggiano, „Concerto“ secco, 2011, rot, 11,5 vol%

Rebsorte: Lambrusco Salamino

In dieselbe Kategorie wie der gerade vorgestellte Wein fällt auch dieser, und zwar in die Kategorie der „Edel-Lambruschi“ (wenn es denn so etwas geben sollte). Also auch 10 € in der Anschaffung und drei Gläser im Gambero Rosso. Letzteres ist natürlich eher eine Auszeichnung innerhalb der jeweiligen Kategorie, als dass man hier einen 1:1-Vergleich mit einem Barolo anstellen könnte. Die Salamino-Varietät ist besonders extraktreich und dunkel, und das zeigt sich auch in diesem Wein: Geradezu tintig in der Farbe und mit einem deutlichen Tannin ausgestattet, ist dies kein reiner Spaßwein, sondern einer, der schon nach einer kräftigeren Speisebegleitung verlangt. Mein Mini-Zwischenfazit nach diesen drei Lambruschi: Probiert die besseren und trockenen Vertreter mal aus, wenn Ihr nicht gerade das Ehepaar Etikettentrinker zu Euch nach Hause eingeladen habt. Ihr werdet – entsprechend vorurteilsfrei – Gefallen an diesen Weinen finden. Versprochen.

LumassinaVilla Le Gagge, Colline Savonesi, „Alinovi“ Lumassina, kein Jahrgang, weiß, 11 vol%

Rebsorte: Lumassina

And now for something completely different. Ligurien, direkt am Meer, winzige Rebfläche, offenbar ein Verschnitt verschiedener Jahrgänge und garantiert nur vor Ort zu bekommen. Die Lumassina ist möglicherweise mit dem Trebbiano verwandt, aber so genau weiß man das bislang noch nicht. Der Wein entspricht dann ziemlich genau den Rahmenbedingungen: blasse Farbe, Terpentin in der Nase, am Gaumen erstaunlich bäuerlich-rustikal, starke Apfelsäure, weiterhin sehr in Richtung Harz und Terpentin, ein oxidativer Touch, trockene Kräuter und eine sehr prägnante Sauerfrucht. Obwohl sicherlich kein Mastix-Harz zugefügt wurde, erinnert mich der Wein doch stark an Retsina. Hierzu kann man nur Frittiertes essen, am besten kleine Fische.

PigatoBruna, Riviera Ligure di Ponente, Pigato „Le Russeghine“, 2006, weiß, 13 vol%

Rebsorte: Pigato

Pigato ist nach dem Vermentino (von dem sie abstammen soll) die zweitbedeutendste Rebsorte in Ligurien, und das nicht nur der Quantität, sondern vor allem der Qualität wegen. Obwohl schon seit mehreren Jahrhunderten an der ligurischen Küste angebaut, stammt die Rebsorte ursprünglich offenbar aus Griechenland, eine Zugehörigkeit zur weitläufigen Malvasia-Familie scheint nicht unwahrscheinlich. Weil ich wissen wollte, wie so eine potenziell hochwertige Rebsorte reift, habe ich mich für einen entsprechend älteren Wein entschieden. Die Nase zeigt an, dass Holzausbau praktiziert wurde, ansonsten gehen die Noten wenig auf die Frucht, sondern eher in Richtung Mandel, grüne Walnuss, Süßholz, Pinienharz. Solo ist der Wein dadurch ein bisschen sperrig, aber zur Regionalküche geradezu klassisch. Ja, warum nicht zu Pesto Genovese?

PignolettoChiarli 1860, Colli Bolognesi, Tenuta di Monteveglio Pignoletto, ohne Jahrgang, weiß, 12 vol%

Rebsorte: Pignoletto

Ein sehr preiswerter Wein ohne Jahrgang, dafür aber mit Presskork, der Spritzigkeit wegen. Was ich nämlich nicht wusste: Dies ist ein Perlwein im Stil eines Prosecco. Die Rebsorte stammt aus der Emilia-Romagna und wird auch ausschließlich dort angebaut. Da sie sich etwas zickig im Weinberg zeigt, fiel sie bei den heimischen Weinbauern in Ungnade, scheint aber bei guter Pflege und niedrigem Ertrag durchaus qualitätsträchtig zu sein. Leider konnte mein Wein das nicht bestätigen, denn er war korkig. Presskork ohne abschließende Platte bei perlendem Wein – das ist nach meiner Erfahrung eine enorm risikoreiche Kombination. Sollte man abschaffen.

RefoscoPrimosic, Venezia Giulia, Refosco, 2008, rot, 12,5 vol%

Rebsorten: Refosco di Faedis & Refosco dal Peduncolo Rosso

Aus Refosco lässt sich ein veritabler Spitzenwein machen. Im Grenzbereich zwischen dem italienischen Friaul und dem slowenischen Karst beheimatet, besitzt Refosco nämlich die Fähigkeit, bei hoher Säure, festem Tannin und gutem Extrakt gleichzeitig vollmundige und pikante Rotweine mit wenig Alkohol und einem großen Reifepotenzial zu ermöglichen. Geht man das Ganze nicht sorgfältig genug an, hat man ein dünnes und saures Bauerntröpfchen. Will man die natürlichen Gegebenheiten vorzeitig abschmirgeln und arbeitet deshalb mit „neuweltlichen“ Vinifikationsmethoden, hat man dann einen allgemeinen Rotwein. Dieser Wein ist – das war bei der Preiskategorie von um die 10 € auch gar nicht anders zu erwarten – ein eher modern wirkendes Produkt mit viel Frucht, das aber nach drei Tagen des Öffnens eine erstaunliche Würze zeigt. Das Potenzial wird eindeutig sichtbar.

RosseseI.C.R.F., Rossese di Dolceacqua, „Rocense Doria“, 2011, rot, 13 vol%

Rebsorte: Rossese

Die Autoren des Gambero Rosso hatten einige Zeit lang die Tendenz, in ein großes Wehklagen zu verfallen, wenn es um ligurische Rotweine aus Rossese ging. Warum nur, so fragten sie sich, setzt man in dieser wunderschönen Landschaft ausgerechnet auf eine derartig primitive Traube? Nun, vielleicht weil sie eine seit Jahrhunderten bestehende regionale Tradition verkörpert und als solche einfach in einer anderen Kategorie fährt als ein rein funktionales Produkt „exzellenter Rotwein von irgendwoher“. DNA-Analysen haben inzwischen herausgefunden, dass Rossese und der provençalische Tibouren dieselbe Rebsorte sind. Den abgebildeten Wein hatte ich hier bereits näher beschrieben, und was mir bei meinen Notizen am meisten gefallen hatte, das war der Ausdruck, die Traube böte prinzipiell die „Möglichkeit der sphärischen Duftigkeit“. Kein starker Wein, sondern ein ganz subtiler.

RuchéEnrico Morando, Ruché di Castagnole Monferrato, 2010, rot, 13,5 vol%

Rebsorte: Ruché

Ruché ist eine autochthone Rebsorte aus dem Piemont, und wie Ihr auf dem Etikett sehen könnt, besitzt sie in diesem Fall sogar den DOCG-Status, also rein formell den hochwertigst möglichen in Italien. Dass man von ihr dennoch außerhalb der Region kaum etwas gehört hat, liegt wahrscheinlich daran, dass ihre Anpflanzungen ohnehin sehr rar waren und in den 1970er Jahren fast endgültig verschwunden. Mittlerweile schätzt man aber diesen tanninreichen, prononcierten Roten. Nur nebenbei noch mal etwas zum Begriff des „Autochthonen“: Vermutlich ist die Traube im 18. Jahrhundert aus dem Burgund importiert worden, was irgendwie verdeutlicht, dass alles Sesshafte relativ wird, wenn man nur weit genug zurückschaut. Der Wein selbst hat mich leider enttäuscht: tanninbefreit und mit 4 g Restsüße einfach zu panschig. Schade, denn die aromatischen Noten nach Veilchen, Süßholz und Rose, die durchklingen, hätten eigentlich das Zeug zu mehr.

SchioppettinoG.V.F., Colli Orientali del Friuli, „Zuccolo“ Schioppettino, 2010, rot, 12,5 vol%

Rebsorte: Schioppettino

Zum Abschluss kommen wir noch zu einer Rebsorte, deren erste Erwähnung man in regionalen Urkunden des Friaul bereits im Jahr 1282 findet. Dort wurde beschrieben, dass man den Schioppettino bei Hochzeitszeremonien reicht. Fast hätte man die Rebsorte aber wieder verloren, als die friaulischen Winzer am Ende der Reblauskatastrophe beschlossen, auf die amerikanischen Unterlagen von nun an lieber Cabernet Sauvignon und Merlot zu pfropfen. Nachdem dies nur einige vereinzelte Reben überlebt hatten, ermunterte die Europäische Union (genau genommen damals natürlich noch die EWG) in ihrer Rolle als zukünftige Friedensnobelpreis-Trägerin die Winzer im Jahr 1978, die Rebsorte doch wieder anzupflanzen. Und das Qualitätspotenzial ist hoch: Ähnlich wie beim Refosco haben wir es hier mit einer sehr aromatischen Varietät zu tun, die auch bei niedriger Alkoholgradation ihre Qualitäten ins Spiel zu bringen vermag. Mein Exemplar – das muss ich freimütig zugeben – hätte ich gern ein bisschen hochwertiger gewählt, aber ich hatte auf die Schnelle kein anderes gefunden. Und so handelt es sich zwar um einen kleinen Konsumwein mit abgeraspelten Tanninen und ohne Tiefgang, aber die balsamische Art, verbunden mit der harmonischen Säurestruktur und den fein akzentuierten mittelroten Früchten, gibt doch Anlass zur Hoffnung.

Mein Fazit: Norditalien hat gerade im Bereich der speisenbegleitenden Weine enorm viel zu bieten. Und dabei habe ich ja eine große Menge an Rebsorten noch gar nicht mit einbezogen (wie Lagrein, Teroldego, Marzemino, Corvina, Ribolla, Raboso …und viele andere). Allerdings gibt es, wie vermutlich überall, eine gewisse Gefahr, gefällig sein zu wollen, damit der Wein einer größeren Zahl von Kunden mundet. Dabei liegt die Stärke der meisten Rebsorten gerade darin, ein wenig rustikal, sauffreudig und enorm „fettsaugend“ zu sein – mit anderen Worten: optimal zur eher deftigen Küche der Region zu passen.

Mir haben diese Tests jedenfalls nicht nur viel Spaß gemacht, sondern auch einen konkreten Erkenntnis-Mehrwert gebracht, nämlich denjenigen meiner wachsenden Zuneigung zu den prickelnden, trockenen Roten. Studieren und probieren geht jedenfalls definitiv über die Variante, auf eines von beiden zu verzichten.

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13 Antworten zu Autochthone Rebsorten aus Norditalien

  1. Karl Brunk schreibt:

    Hallo Matze,
    mal wieder Sprengkraft und Fülle pur und ein schönes Beispiel dafür, wie kurz unser Blick machmal geworden ist. Einige Rebsorten werden gehypt und manchmal auch zu recht für gut befunden, aber der wahre Schatz für Entdeckungen liegt doch bei den Unbekannten oder zu unrecht belächelten. Einer der Naserümpfen erzeugenden ist tatsächlich der (die) Lambrusco’s. Ich werde auch nicht müde da immer wieder drauf hin zu weisen. Die können echtes Glück erzeugen.
    Vielleicht bist Du ja auch auf der Prowein und hast einmal Gelegenheit (falls es Dir noch nicht bekannt ist) den Stand von Lageder aus dem Tirol zu besuchen. Alter Demeter-Adel, sortenrein, Georg Meissner als Berater. Da hat man auch viel Spaß. Wäre vielleicht ein Treffen wert.
    beste Grüße

    • Matze schreibt:

      Ich werde wahrscheinlich diesmal tatsächlich hinfahren! Von Lageder hatte ich bei anderer Gelegenheit mal die „Großen“ probiert und mir gedacht, „okay, so waren also die Neunziger…“, aber vielleicht habe ich ihnen auch nicht genug Zeit gegeben, ihre Individualität auszuspielen.

  2. Alex schreibt:

    Hatte neulich auf einer Probe einen trocken ausgebauten Freisa (zum ersten Mal) im Glas, hat mir sehr gut gefallen. Tatsächlich wie ein etwas leichterer und frischerer Nebbiolo-Wein, eigenständig, aber die Verwandtschaft war nicht zu leugnen. War dann aber auch preislich schon wieder eher ambitioniert.

    Wie immer ein sehr schöner Artikel!

    LG,
    Alex

    • Matze schreibt:

      Ja, ich habe gesehen, dass einige der bekannten Barolo- und Barbaresco-Winzer auch einen Freisa im Programm haben, also Cavallotto, Giuseppe Rinaldi oder die beiden Mascarellos. Die Weine kosten dann zwar keine 5 € mehr, aber immerhin noch unter 20 €. Kennst Du diesen Weinhändler (http://www.barolobrunello.de/) – also ich meine, über die Internetlisten hinaus? Das Angebot an hochwertigen Italienern ist ja mehr als beeindruckend…

      • Alex schreibt:

        Nach längerem Grübeln bin ich wieder auf den Freisa gekommen:
        G.D. Vajra Langhe Freisa Kyè, Jahrgang erinnere ich mich nicht mehr, war aber jung.

        Hmm, leider nicht. Über die Website bin ich auch schon ein paar mal gestolpert, habe aber noch nie bestellt. Das Angebot ist wirklich gigantisch. Sollte man vielleicht mal ausprobieren 😉

  3. Keita schreibt:

    Ein Wahnsinns-Artikel, genau nach meinem Gusto. Den darf nur nicht meine ständige Reisebegleitung zu Gesicht bekommen, da sie mich immer bedrängt nach Italien zu fahren, während ich lieber nach autochtonen Rebsorten in Frankreich suche…

    Laut „Wine Grapes“ von Robinson et al. haben DNA-Analysen ergeben, dass es sich bei Pigato um Vermentino handelt, Bianchetta Genovese der Albarola entspricht und die Rolle der EWG bei der Rettung des Schioppetino eine andere ist. Was mich auch sehr verwundert hätte, bereitet die EU mit dem neue geplanten Saatgut-Gesetz genau das Gegenteil vor, die komplette Abschaffung der uralten Sorten.

    Aus dem Südtirol kann ich noch unbedingt den Blatterle von Nusser-Mayr empfehlen. Auf der letzten Prowein hat er schon geklagt, dass die EU bzw der italienische Staat ihm verbieten will seinen Teroldego als Tyroldego zu verkaufen (ist in Tirol nicht zugelassen), deshalb jetzt nur noch als T….. Auch beim Blatterle gab es Probleme (auch nicht zugelassen, obwohl autochton), deshalb hat er erstmal ein „t“ weggelassen, wahrscheinlich werden die anderen Buchstaben noch folgen. Ich konnte den 2010er und einen drei Tage offenen 2006er probieren. Kaum Säure, aber trotzdem Lagerpotential. 2006er erinnerte von der Aromatik an eine leicht gereifte Riesling-Spätlese.

    Deshalb mein Aufruf an alle :mehr autochtone Rebsorten-Weine kaufen und trinken!!!
    Und an Dich: mehr Artikel über die Autochtonen!

    • Matze schreibt:

      Ja, stimmt, ich hatte auch dieses italienische pdf-Dokument gefunden, in dem die Forscher ihre DNA-Analyse darstellen (http://www.vitis-vea.de/admin/volltext/w0%2009%2016.pdf). Die Sache ist halt immer die, dass manche Winzer in den abgelegenen Gebieten gar nicht wissen, was sie da so im Weinberg haben. Im kommerziellen Weinbau sieht das sicher anders aus, da wird ja rausgerissen und bei einer Rebschule neu gekauft und gepfropft. Da kann man mit einer DNA-Analyse Klarheit schaffen.

      Aber du weißt halt nur, was du misst… Und da kann ein (un-analysierter) Weinstock bei einem Bäuerle in La Spezia und ein anderer bei einem Bäuerle in Sanremo durchaus sowohl dieselbe Sorte sein, obwohl beide sie mit anderen Namen versehen, als auch umgekehrt, dass beide denselben Namen verwenden, obwohl es in Wirklichkeit unterschiedliche Rebsorten sind. Ich finde das sehr spannend und scheue mich deshalb immer ein bisschen vor absoluten Aussagen, you know.

      Die Rolle der EU durchschaue ich ehrlich gesagt nicht so ganz. In meinem beruflichen Bereich habe ich jedenfalls festgestellt (nachdem ich mir ständig angehört hatte, dass die EU „uns“ dies und das überbraten würde), dass in Wirklichkeit einzelne starke Mitgliedstaaten (auch unser eigener) in Verbindung mit dort agierenden Interessensverbänden viel „schlimmer“ sind als die angeblich so böse EU (= KOM). Ich will da jetzt nicht ins Detail gehen, das führt zu weit weg vom Thema. Ob das im Landwirtschafts- bzw. Weinbaubereich anders ist oder aber ähnlich, weiß ich nicht. Vielleicht sollte ich mich wirklich mal ein bisschen damit beschäftigen…

      • Keita schreibt:

        Jean-Louis Poudou von der Domaine La Tour Boisée (http://www.domainelatourboisee.com) in Laure Minervois hat so einen Weinberg. Gepflanzt 1905 als gemischter Satz, wenn man das noch sagen darf 😉 mit 23 verschiedenen Rebsorten, von denen 2 noch nicht identifiziert werden konnten. Und den Wein muss er als Tafelwein verkaufen. Für unter 9€.

        Aber auch auf die Rebschulen kann man sich nicht verlassen, so haben viele Winzer in Australien Savagnin anstatt des bestellten Albarino angebaut. 2009 ist das wohl rausgekommen, erst auf die altbewährte Weise der Beobachtung, danach dann auch durch DNA-Analyse bestätigt.

        Auf jedenfall ein spannendes Thema.

      • Matze schreibt:

        Das bekannteste Beispiel, was mir da einfällt, ist die Carmenère-Geschichte. Ich glaube, mittlerweile sind die Chilenen ganz froh, dass sie nicht mehr „Merlot“ aufs Etikett schreiben dürfen/müssen…

  4. Ralf S. schreibt:

    Hallo Matze,

    schöner Artikel, der aber aufgrund der ungeheueren autochtonen Rebvielfalt in Italien zwangsläufig unvollständig bleiben muss.

    Die Gefahr einer Gefälligkeit bei der Renaissance gewisser Rebsorten besteht natürlich latent, ist aber natürlich auch Systemimmanent.
    Ohne die aufgeladenen Lagrein und Teroldego wäre es wohl auch nicht zu einer (Wieder-) Entdeckung derselben, zuerst durch Winzer-/Gastro-/Freaks- und Presse, als dann durch eine grössere Breite in der Konsumentenschicht gekommen. Aber genau bei diesem Beispiel kann ich auch erkennen, dass inzwischen oftmals das richtige Mass im Ausbau gefunden wird und es daher, vergleichbar der Barbera, eine gute Breite im Angebot gibt und sich auch eher ‚traditionelle‘ Typen wieder gut finden und geniessen lassen, respektive auch von der Kundschaft gut angenommen werden.

    Unbedingt empfehlenswert, und von dir leider nicht verkostet, wurde der Grignolino aus dem Piemont – hellrot, aber mit Tannin, crisp, aromatisch (aus dem grossen Holz) – ein Gedicht z.B. zu einem ligurischen Fischeintopf mit Tomaten und Safran. Mein Tipp Grignolino del Monferrato Casalase ‚Poggeto‘ von La Casaccia.

    Und bitte gerne mehr Beschäftigung mit Italien 😉

    • Matze schreibt:

      Doch, den Grignolino hätte ich sehr gern gehabt! Dann habe ich den Groppello gefunden und mir gedacht, okay, einmal GR ist schon okay 😉 . Nein, aber ernsthaft: Ich hatte beim Einkauf keine großen Infomöglichkeiten und habe dann einfach das genommen, was mir unbekannt genug vorkam. Die Auswahl ist ja doch irgendwie begrenzt. Aber der Grignolino kommt mir bestimmt noch ins Haus.

  5. Branko schreibt:

    🙂 geb ich auch bissl Senf dazu. Freisa find ich persönlich super, der Kyè von Varja ist toll, der von Cavallotto ebenso. Eine weitere Sorte noch, und zwar der Pelaverga di Verduno (zB von Burlotto) ist auch interessant, sehr hell, etwas staubig-zweigelt-ähnliche Nase und richtig viel Pfeffer am Gaumen, eine witzige Sache.

    Matze rocks, BTW!

    • Matze schreibt:

      Den Pelaverga hab ich bislang noch nie in echt gesehen, nur im Internet-Shop. Aber ich habe mir jetzt noch ein paar Sorten rausgeschrieben, da lässt sich sicher noch gut nachlegen 😉

      Und danke fürs Kompliment 🙂

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