Das große Unbehagen

bio1Neulich saß ich zusammen mit jüngeren Kollegen in der Kantine. Dabei stellte sich heraus, dass nicht weniger als sieben von zehn Personen an unserem Tisch Vegetarier waren. Zwei lebten sogar vegan oder versuchten jedenfalls, es so konsequent wie möglich zu tun. Logisch, dass sich unsere Gespräche dann in erster Linie ums Essen drehten, und zwar weniger konkret als vielmehr grundsätzlich. Ein Kollege fasste seine Situation dabei mit den Worten zusammen: „Ich bin nicht nur Veganer, weil ich nichts vom Tier essen möchte, sondern vielleicht sogar eher, weil ich allgemein kein gutes Gefühl dabei habe, wenn ich daran denke, was da draußen so alles passiert – und wie wir dem ausgeliefert sind, wie uns alle belügen.“ Das große Unbehagen also. Ohnmacht dazu. Und als Reaktion darauf persönliche Einschränkungen beim Essverhalten. Wie konnte es nur dazu kommen?

Keine Angst, die psychologischen Deutungsversuche werden sich hier in Grenzen halten, denn dazu bin ich selbstverständlich gar nicht qualifiziert. Aber als ich dann wieder oben im Büro an meinem Computer saß, habe ich schon ein bisschen darüber nachgedacht. Vor allem deshalb, weil ich am Abend vorher einen Artikel bei Captain Cork über „Orange Wines“ gelesen habe, die – von ihren stilistisch-geschmacklichen Herausforderungen einmal abgesehen – a) quasi-religiös beworben und b) ohnehin bloß eine Mode seien. Aber ist das tatsächlich so? Sind „Orange Wines“, „Vins Naturels“, vegane Würste, ach, die ganze „Biowelle“, sind das alles bloß Modeerscheinungen, Kopfgeburten? Wird das vorübergehen? Oder füllen solche Produkte und die damit verbundenen Philosophien irgendetwas in uns – oder zumindest in einem nicht unbeträchtlichen Teil der jungen Generation – das offenbar zu fehlen scheint?

Schwierig, so etwas aus dem Stand zu beantworten. Aber da ich schon einmal dabei bin, Fragen zu stellen statt Antworten zu geben, kann ich ja einfach auf diesem Weg ein bisschen weitermachen.

bio6Also, wie sieht es aus?

Neigen Menschen dazu, sich bei einer großen Zahl an Wahlmöglichkeiten eher verängstigt und überfordert zu fühlen als frei, hätten sie lieber einfache Lösungen?

Hat die Sehnsucht nach einfachen Lösungen auch etwas damit zu tun, dass die Menschen die Welt als zunehmend komplex und undurchschaubar empfinden?

Falls ja, welchen Anteil daran haben die modernen Kommunikationsmöglichkeiten, die global verfügbaren Informationen, die Medien, die Politik?

Haben wir in den Medien und in der Politik eigentlich schon immer ein besonderes Faible für das Heraufbeschwören von Katastrophen, für das Schüren von Ängsten in der Bevölkerung?

Dient dieses Schüren von Ängsten möglicherweise dazu, die Leute unsicher und klein zu halten, um den status quo zu konservieren (= seine eigene Machtposition) und vor allem die Jugend vor allzu aufmüpfigen Gedanken an Freiheit zu bewahren?

Kam nach dem Ende des Kalten Krieges und seiner Furcht vor dem gegenseitigen Atomschlag der terroristische Angriff des 11. Septembers 2001 eigentlich genau recht für alle Machthaber, status quo-Gewinnler und Verängstigungs-Ideologen?

Kann es zudem sein, dass große gesellschaftliche Ideen in unseren Zeiten ein bisschen in die Krise geraten sind? Wie viel Prozent der jungen Generation geht in die Kirche, glaubt an Gott – oder fühlt sich mit Verve zu einer bestimmten politischen Ideologie hingezogen?

(Ich kann mich an meine Schulzeit erinnern, 4. Klasse Grundschule. Im Bus zurück aufs Dorf gab es zwei große Gruppierungen unter uns, die sich gegenseitig mit Schmähgesängen überzogen. Die einen sangen „CDU – blöde Kuh!“ und die anderen „SPD – scheißt in’n Schnee!“ Wirklich wahr. Da hat man noch an politische Konfrontation geglaubt. Und das war jetzt nur das bürgerliche Lager…)

Haben die Menschen bei einer Vielzahl von Interessensvertretern aus Politik und Wirtschaft das Gefühl, dass jene Personen Informationen nur in ihrem eigenen Sinne verbreiten, nämlich zwecks Wahrung ihrer eigenen (meist finanziellen) Interessen, und dass die Bürger als Adressaten gar nicht ernst genommen werden, manipuliert, systematisch angelogen?

Falls ja, kann es sein, dass man sich dadurch im Privaten genötigt fühlt, wenigstens für sich selbst Grenzen zu setzen, Dinge als „richtig“ und „gut“, andere als „falsch“ und „schlecht“ zu beurteilen?

Geht es dabei vielleicht sogar ums eigene Seelenheil, weil bei aller Absenz der Institution „Kirche“ die Sache des Glaubens, Hoffens, Wünschens als urmenschliche Elemente weiterhin eine große Rolle spielen?

Ist es demnach so, dass wir es bei dieser privaten Beurteilung von Sachverhalten mit einer Art modernem Ablasshandel zu tun haben? Erhofft man sich durch persönliche Reinheit ein Freikaufen von der Schuld? Der Schuld, die man auf sich lädt, weil man beispielsweise Eier von Käfighühnern isst und damit objektiv gesehen den Fortbestand genau jenes „schlechten“ Systems sichert?

Oder gar Tiere verspeist, andere Lebewesen, denen wir die Existenz allein dadurch zum Graus gemacht haben, dass wir unseren Auftrag, uns die Erde untertan zu machen, so radikal erfüllt haben? Spüren wir die kollektive Schuld der Menschheit in uns? Die „schlechte Aura“, die diese Phänomene umgibt? Spüren wir auch die individuelle Schuld in uns, dereinst vor der Himmelpforte auf die Frage, was wir selbst denn besser gemacht hätten, nur mit den Schultern zucken zu können?

Haben vegane Ernährung als Extrem, vegetarische Ernährung als weniger extreme Ausprägung und letztlich auch Bio-Ernährung also viel eher etwas mit schlechtem Gewissen, mit Schuld, mit Angst vor inquisitorischen Fragen zu tun?

Könnte es dann sein, dass der Vorwurf, es würde sich um eine Mode handeln, gar um eine hedonistisch orientierte, eine mutwillig aus freien Stücken erwählte, damit völlig an der Realität vorbeigeht?

Ist es so, dass dieser „Mode“-Vorwurf in erster Linie aus einer a) konservativen, b) männlichen und c) lebensälteren Ecke kommt, die spürt, dass sie an Einfluss auf gesellschaftliche Bewegungen verliert und weiß, dass sie ohnehin früher abdanken wird als die junge Generation? Die aber die eigene Furcht vor dem Tod, vor dem Vergessen-Werden dann einfach aggressiv statt verinnerlicht-defensiv zu überwinden sucht?

Sind demnach beide Extreme, die Vegan-Missionare und die reaktionären Kontra-Fighter, eigentlich zwei Seiten derselben spaßfreien, schuldbelasteten Medaille?

Wenn das alles so sein sollte, wenn ausgerechnet unter denjenigen, die immer genug zu essen haben, die sich Gedanken machen anstatt hirnlos zu mampfen, diese gesamte Thematik geprägt ist von Schuld und Sühne, von religiös-politischen Ersatz-Ideologien, von eher zwanghaftem Verhalten, von Selbstkasteiungen – dann haben wir anderen wirklich noch eine Menge zu tun.

Mir scheint, dass es da sehr viel Platz gibt zwischen den Extremauffassungen „Nach mir die Sintflut“ und „Ich büße für die Sünden der Menschheit“. Platz, der die Möglichkeit bietet, sich zu positionieren, was auch notwendig erscheint, um die Deutungshoheit nicht den Opportunisten oder den Eiferern zu überlassen.

In diesem Sinne:

Ich möchte keine unter unwürdigen Bedingungen für Mensch und Tier hergestellten, mit Wachstumshormonen und Pflanzengiften behandelten, auf Wattebäuschen gezogenen und in dunklen Hallen eingesperrten Dinge essen.

Ich möchte aber auch weiterhin frei bestimmen können, was ich tue und lasse, sofern ich dadurch keine anderen Menschen in ihrer Wahlfreiheit einschränke.

Ich möchte mir kein schlechtes Gewissen einimpfen lassen von Menschen, die an Wahrheit A oder Wahrheit B glauben, vor allem aber daran, dass alle so zu agieren hätten wie sie selbst.

Es scheint mir so zu sein, dass wir in unserer hochkomplexen, globalisierten, gleichzeitig fragilen wie auf wundersame Weise sich immer wieder erneuernden Welt auf Dauer nicht mehr darum herumkommen, uns bewusst zu verhalten.

Da wir uns ja von stereotypen politischen Ideen ein bisschen verabschiedet haben, sollten auch Arbeiterführer oder Abonnenten des „Münchner Merkurs“ zugeben können, dass wir alle in einem Boot sitzen. Ja, „Nachhaltigkeit“ ist ein erlaubtes Wort dabei.

Oder knapp ausgedrückt: Die Bio-Idee ist gut! Es wird in 15 Jahren nicht mehr anders gehen, es wird einfach passieren.

bio4

Die Idee eines Basis-Biobereichs auf Supermarktniveau ist gut, weil sie Standards vorgibt, die deutlich über dem liegen, was gang und gäbe ist (und was sich ansonsten noch deutlich verschlechtern würde), würde alles allein über den Preis gesteuert werden.

Die Idee eines Bio-Bereichs auf handwerklichem Niveau ist gut, weil sie regionale Besonderheiten stärker in den Fokus nimmt, weil es dann mit der Esskultur vorwärts geht, weil wir in der Mittelschicht eine kulinarische Entsprechung zu unserem Sozialstatus hätten.

Die Idee eines Bio-Bereichs der Spitzenklasse ist gut, weil sie die absolute Meisterschaft, die Kunstfertigkeit in kleinster Auflage ermöglicht, Aushängeschilder menschlichen Schaffens.

Ob wir das Ganze dann noch „bio“ nennen oder ob uns der Begriff rein marketingtechnisch nicht mehr so gefällt, sollte ehrlich gesagt höchstens zweitrangig sein. Menschen waren in diesen Dingen schon immer erfinderisch.

Wenn das alles so funktioniert, könnten wir vielleicht auch das große Unbehagen ablegen, das als Überschrift immer noch über diesem Artikel thront. Bis zum kompletten Ent-Angsten der Gesellschaft wäre es dann nur noch ein Katzensprung… Naja, Großkatzensprung eher.

Und für all die Eiferer, denen so etwas zu weit oder nicht weit genug geht, weil sie weiterhin nur die eine Wahrheit gelten lassen, können wir bis dahin ja die Religion wieder reaktivieren. Da gibt es bekanntlich fast unerschöpflich viel zu eifern und zu büßen.

– – –

Ich möchte diesen Text eher als Bestandsaufnahme und nicht als endgültiges Statement verstanden wissen. Mit manchen Themen bin ich nämlich selbst noch nicht durch. Vielleicht entschließe ich mich ja mit 60, Vegetarier zu werden. Wer kann schon sagen, welche Wendungen und Entwicklungen das Leben noch alle bereithält…

Und Ihr?

Dieser Beitrag wurde unter Food, Meinung abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

28 Antworten zu Das große Unbehagen

  1. utecht schreibt:

    In weiten Teilen Zustimmung. Einige Kleinigkeiten sehe ich differenzierter, antworte bei besserer Gelegenheit (und mehr Zeit).
    Und dieser komische Captain ist ein reaktionärer Blödmann, ja.

    • Matze schreibt:

      Uih, wenn Du den Captain als „reaktionären Blödmann“ bezeichnest, sollte ich bei der Ankündigung Deiner „differenzierten Kleinigkeiten“ besser schon mal mit dem Zittern anfangen😉.

      • utecht schreibt:

        Das eine hat ja mit dem anderen nix zu tun. Ich kann dieses pseudocoole Geschreibsel auf Captain Cork kaum ertragen – und halte die Ansichten (und nicht nur die Meinung zu Orange Wine) häufig für mindestens populistisch. Da steckt hinter einer Fassade aus Schnodderschreibe und apodiktischer Wucht oft wenig Substanz. Deine Analyse trifft es ganz gut:
        „Ist es so, dass dieser “Mode”-Vorwurf in erster Linie aus einer a) konservativen, b) männlichen und c) lebensälteren Ecke kommt, die spürt, dass sie an Einfluss auf gesellschaftliche Bewegungen verliert und weiß, dass sie ohnehin früher abdanken wird als die junge Generation? Die aber die eigene Furcht vor dem Tod, vor dem Vergessen-Werden dann einfach aggressiv statt verinnerlicht-defensiv zu überwinden sucht?“
        Wenn Du aus der Frage eine Aussage machst, scheint mir das zumindest auf den Protagonisten hinter CC zuzutreffen.

      • Matze schreibt:

        Es hat mir, wenn ich das so sagen darf, im Nachhinein fast etwas leid getan, dass man den von Dir zitierten Abschnitt als direkten Bezug auf den CC-Protagonisten empfinden kann. So war das nämlich gar nicht gedacht. Und es wäre auch wahrhaft absurd, würde ich ausgerechnet einem Wiener eine gewisse Todesfurcht vorhalten wollen. Oder aber ich habe Ludwig Hirsch nie wirklich verstanden. (Das empfinde ich übrigens in der Tat als schwierig, führt aber sehr stark weg vom Thema.) (Zweite Klammer: Ich lese CC recht ungern, wohl wegen der apodiktischen Wucht, habe aber manchmal das Gefühl, dass wir nach dem Abziehen des Kanonendonners, sozusagen nackert, gar nicht so weit auseinander stehen.)

  2. Anne schreibt:

    Schöner Artikel. Zudem ein treffliches Beispiel für den Satz „Deine Frage sagt mehr über dich aus, als meine Antwort jemals über mich sagen kann“. Daher: gut gewählte Form.

  3. Stefan Berreth schreibt:

    Ich lasse vegetariertum eigenlich nur aus religiös-soziokulturellen, tatsächlich gesundheitlichen oder erworbenen gewohnheitsgründen gelten. Alles andere is sektierertum. Dass es beim menschen tatsächlich biologische veranlagungen dazu gibt, ganz unabhängig von der geschmacksrichtung religiöse gedanken, regeln und erklärungen zu entwickeln hat spätestens Pascal Boyer in seinem buch „Religions Explained“ umfassend zusammengetragen. Insofern ist eifernder vegetarismus kein religionsersatz sondern einfach religion.

    • Matze schreibt:

      Sagen wir es so: Ich lasse Vegetariertum immer gelten, da braucht auch keiner eine Begründung zu liefern. Abgesehen davon, dass ich nicht der Maßstab bin, irgendwas „gelten“ zu lassen oder nicht, ist es nämlich genau das, was ich mit der freien Entscheidung meine. Aber Du sprichst ja etwas anderes an, nämlich wenn die für Dich „andere Seite“, also in diesem Fall der Vegetarier, nicht damit einverstanden ist, dass Du es ihm nicht gleich tust und Dir die Wahlfreiheit am liebsten nicht lassen würde. Wie sagte schon Sam Hawkins auf meiner alten Karl May-Hörspielkassette: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu, und lass den armen Wurm in Ruh, denn der denkt gerade so wie du.“😉

      • Stefan Berreth schreibt:

        Völlig d’accord. Ich lasse natürlich alle machen was sie wollen, das ist vielleicht nicht wirklich präzise von mir formuliert. Immerhin beanspruche ich für mich ja auch. Allerdings — und das meinte ich da oben – finde ich vegetariertum als religion, die mir und anderen heilsbringende handlungsvorgaben machen will, suspekt und weniger nachvollziehbar als die anderen genannten motivationen.

  4. Eline schreibt:

    Ein sehr guter Artikel, lieber Matze. Ich sehe bei allen Ess-Schulen (egal ob Veganer, Vegetarier, Makrobiotiker, Kohlehydratvermeider o. ä.) vor allem 2 Hauptrichtungen: die Ideologen, Quasi-Religiösen, Fundamentalisten und die Ängstlichen, Phobischen. Ich lasse jeden Menschen sich so ernhähren, wi er/sie will, das gehört für mich zur ganz normalen Toleranz. Aber ich finde es erschütternd, dass die „anderen“ Ernährungsformen so oft entfremdet und instinktlos praktiziert werden. Beispiele? Vegane Ernährung (vor allem jugendlicher Esser) besteht häufig aus Fertiggerichten, industriell hergestelltem Fleisch- oder Milchprodukt-Ersatz. Das von dir so gut geschilderte „grosse Unbehagen“, Zitat: „wenn ich daran denke, was da draußen so alles passiert – und wie wir dem ausgeliefert sind, wie uns alle belügen.” zeigt mir deutlich, dass heute vielen Menschen fehlt, was man früher einfach haben musste, das Wissen und Gespür für qualitativ gute und naturnahe Lebensmittel. Damit will ich nicht nostalgisch die gute alte Zeit idealisieren, aber ich habe schon den Eindruck, dass die grosse Verunsicherung heute daher kommt, weil Städter zu wenig Erfahrungswissen über Ernährung haben. Die vielen pseudowissenschaftlichen Artikel und Sendungen im Fernsehen helfen da nicht weiter, im Gegenteil, sie verunsichern umso mehr.

    • Matze schreibt:

      Sehr viel von dem, was Du schreibst, empfinde ich ähnlich (Du solltest Bloggerin werden oder so etwas😉 ).

      Das mit den beiden Hauptrichtungen kann ich sofort unterschreiben. Die „Diät-Halter“ würden demnach in beide passen😉 . Nein, eher in die zweite, da geht es ja mehr um Angst, um Selbstablehnung und um die Funktionalität des Essens. Oder halt Nicht-Essens.

      Ansonsten kann ich mich (leider?) noch gut daran erinnern, als ich jung war und mit 19 in die große Stadt gezogen bin. Ich kam vom Dorf, und das gute Gartengemüse gibt es in unserer Familie noch heute. In der Stadt musste mich ich aber erst einmal ausprobieren, Moden, Musik und Fertigessen vom Penny. Obwohl ich es besser wusste. Insofern: Ja, ich stimme Dir zu, dass Menschen bei uns heute ganz allgemein zu wenig Erfahrungswissen über Ernährung haben. Aber gerade in jungen Jahren kommt vielleicht noch etwas anderes dazu, nämlich emotionale Erfahrung sammeln. Bei den einen gehört das Thema „Essen“ nicht dazu (so wie bei mir), was zu Fertigessen und Dönerkur führt. Bei den anderen wird das Essen in die Emotionalität einbezogen (aber halt ohne intensiv erforschten Background, sowas lernt man erst später), und schon gibt’s Vöner und Soja-Zeug aus kleinbauernexistenzgefährdender Produktion.

  5. utecht schreibt:

    Ich halte es so:
    In meine Küche kommt so gut wie kein lebensmittelindustrielles Produkt und selten ein vorverarbeitetes. Ich esse kaum Fleisch (viell. 1mal pro Woche) – weil ich als Koch mich durch eine anspruchsvolle vegetarische Küche stärker herausgefordert sehe. Mein Metzger zieht seine eigenen Tiere auf und schlachtet sie, das schmecke ich und erfreue mich daran. Dennoch habe ich für mich noch nicht abschließend bewertet, wie ich dazu stehe, dass diese Tiere eigens für meinen Konsum auf die Welt kommen, um in meinem Magen zu verschwinden.

    Außerdem bin ich produzentenfixiert: Beim Wein finge es an. Ich kaufe keine Flasche, wenn ich den Winzer nicht kenne. Für die allermeisten Lebensmittel gilt dies inzwischen auch. Einzige substantielle Ausnahme ist mein Käsekonsum.

    Zu 90 % sind die von mir konsumierten Lebensmittel biozertifiziert. Weil dies voraussetzt, dass die Produzenten sich intensiv mit ihrem Produkt und ihrer Produktionsweise auseinandergesetzt haben.

    Ich mag keine Missionare – und bin doch zwangsläufig häufig selber einer. Weil die beschriebene Konsumweise dazu führt, dass ich viel Zeit und Herzblut in das Thema Ernährung investiere. Und ich häufig meiner Freude über großartigen Genuss Ausdruck verleihen muss. Beides führt unweigerlich zu nicht immer erfreulichen Diskussionen im Bekanntenkreis.

    Es ist schwierig, Gleichgesinnte zu finden im Nahbereich, deren Fundament ebenfalls der unbedingte Wille zum Genuss ist, woraus dann der bewusste Konsum sich ergibt. Den meisten Menschen ist das schlicht zu kompliziert. Oder sie leben „nur“ bewusst, ganz ohne Genuss.

    • Matze schreibt:

      Confessions Part 2😉

      Da sich mein berufliches Leben (und irgendwie damit zusammenhängend auch ein Teil meines privaten) gelegentlich durch die Abwesenheit genau jener Wahlfreiheit auszeichnet, die ich mir theoretisch auf die Fahnen geschrieben habe, bin ich im Alltag nur mäßig konsequent. Ich lebe bewusst, ich lebe mit Genuss, aber dann zieht es mich doch in die Kantine, wo das Essen schlecht ist und auch nicht schmeckt, wo ich mich aber mit Menschen unterhalten kann.

      Beim Wein fällt es mir natürlich wesentlich leichter, meine Façon tatsächlich umzusetzen, weil Weingenuss nur in meiner Freizeit und nur nach meinem Willen stattfindet. Gekocht wird entsprechend auch nur am Wochenende, und da gibt es dann solche Zutaten wie bei Dir.

      Ich liebe den Geschmack von gutem Fleisch, aber das Töten von Lebewesen empfinde ich als schwierig. Ich weiß gar nicht, ob ich da je zu einer deutlichen Position kommen werde. Am ehesten kann ich dabei das archaische Moment nachvollziehen, den Fischerberuf beispielsweise. Aber als ich als kleiner Junge dabei zusehen musste, wie Fische mit einem Holzhammer getötet wurden, da hat mir das gar nicht gefallen. Man wird sehen.

      Missionare gehen mir übrigens auch auf die Nerven, Enthusiasten dagegen nicht. Theoretisch lässt sich die Grenze zwischen beiden sicher ziehen. Praktisch kommt es halt darauf an, ob ich das rechtzeitig erkenne😉 .

  6. Alexander schreibt:

    Vielleicht sollte man es mal ganz archetypisch formulieren: Du kannst essen, was Du selbst bereit bist zu töten. Ich denke mein – und Speiseplan vieler hier – wäre weniger artenreich😉

    Für die Fundamentalisten: Es ist nicht ganz ernst gemeint.

    … und zum Captain: Er ist einer der letzten bekennenden Chauvies. Ich sage das ganz ohne Wertung.

  7. Marco schreibt:

    Essen ist immer ein Ausdruck sozialer Zugehörigkeit. Verzicht auf Lebensmittel immer ein – politischer – Protest.

    Alexander: Interessanter wäre es wenn Du formuliert hättest: Du kannst essen was Du in der Lage bist selbst zu ernten/sammeln.

    Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema: Eva Barlösius, Soziologie des Essens

  8. Weinkaiser schreibt:

    Die heile Selbstkocher-Bio-Welt ist eine genauso kleine und in Marktanteilen unbedeutende Randgruppe wie die Weinszene in der ich mich bewege (einige von Euch ja auch). Ob uns das gefällt oder nicht: Die breite Masse kocht weder selbst (der Anteil ist trotz unzähliger Kochshows seit Jahren rückläufig) noch ist sie bereit (viele haben leider finanziell überhaupt nicht die Möglichkeit) zusätzliches Geld für Bioprodukte auszugeben.

    Jetzt erstmal ein ordentliches Steak….

    • Matze schreibt:

      Ja, so ist es. Nicht nur die breite Masse kocht nicht selbst, ich mache es auch viel zu selten, und das, obwohl ich mir nie eine Kochshow anschaue😉 .

      Das mit dem Geld wage ich aber seit gefühlten 1.000 Jahren zu bezweifeln, jedenfalls in Westeuropa. Wir geben einen Bruchteil unseres Geldes für Ernährung aus (und soweit ich weiß sinkt der Anteil auch relativ stetig), das war vor 50 Jahren noch ganz anders. Es ist halt eine Frage der Prioritäten im Zeitkontext. Das billigste Handy wollen nämlich auch Kevin und Chantal nicht haben😉 .

      In irgendwelchen Fernsehdokus wurde schon öfter darauf hingewiesen, dass in Wirklichkeit das Fertigessen für eine fünfköpfige Hartz 4-Familie wesentlich teurer kommt als eine selbst gekochte Bio-Mahlzeit …das mag zusätzlich so sein. Ich weiß es nicht, selbst ausgerechnet habe ich es noch nie.

      Dein Steak sei Dir aber auf jeden Fall von Herzen gegönnt😉

  9. Thomas Schenk schreibt:

    Ich stelle in meinem Weingut auch vegane Weine her. Das ist gar nicht so einfach. Schönungsmittel mit tierischem Eiweiß wegzulassen ist ja nur der erste Schritt. Ich tue das auch nicht aus persönlicher veganer Überzeugung, sondern vielmehr aus liberalen Gründen. Meiner Meinung nach, sollte man entscheiden können, ob oder ob nicht. Und dass in sehr vielen Weinen nach guter, alter 08/15-Manier tierische Eiweiße eingesetzt werden, wissen nur die wenigsten, was für den überzeugten Veganer sicherlich einer Verbrauchertäuschung gleichkommt, denn er erwartet ja keine Verletzung seiner moralischen Pflichten durch den Weinkonsum. Es gibt für das immer noch bedeutendste Schönungsmittel Gelatine ja auch keine Kennzeichnungspflicht, wie beispielsweise für Kasein.
    Ich selbst esse Fleisch. Hauptsächlich Wild, denn das ist für mich das einzig wirkliche Ökofleisch und vom örtlichen Jäger geschossen, brauche ich auch kein kompliziertes Zertifizierungssystem.

    • Matze schreibt:

      Ja, Kennzeichnungspflicht und Wein, das ist ein wahrhaft großes Thema😉 .

      Mit der veganen Idee als Kurzform kann ich persönlich wenig anfangen. Wenn man keine tierischen und durch Tierarbeit entstandenen Produkte essen möchte, ansonsten aber eben nicht darauf achtet, ob das Produkt auch möglichst umweltschonend hergestellt wurde, ist das für mich – wie Eline ja auch schon geschrieben hatte – reine Mode. Ohne mich jetzt im Detail auszukennen, kann ich mir aber vorstellen, dass viele Veganer auch allgemein kritische Verbraucher sind. Die mögen dann, wenn sie ihre Idee in Groß zu Ende gedacht haben, ihre komplett tierfreien Produkte essen – aber bitteschön mindestens bio-zertifiziert, denn alles andere wäre ja für eine so extreme Idee nicht nachhaltig genug. Ich meine, wenn Gallo (nur ein Beispiel für Industriewinzer) draußen im Weinberg die ganze Fauna kaputtspritzt, der Wein dann aber als „vegan“ gilt, nur weil er nicht mit Eiweiß geklärt wurde, …dann wäre ich wohl nicht der einzige, der sowas für den Quatsch der Quätsche hält.

  10. charlie schreibt:

    Auf die Frage „Und Ihr?“ folgt die Antwort „Ich auch“

    Was anderes: jene die über Natur-, Orange-, Niedrigschwefelweine meckern (ich gehöre milde dazu) tun es meist wegen deren Geschmack. Insoweit ist hier der „Mode“-Vorwurf eher gerechtfertigt als bei Nahrungsmitteln. Will sagen: da Wein eher Kunst ist als Nahrungsmittel das sind, kann man beim Wein auch eher von Stil, Mode, Ästethik sprechen und die Themen Schuld, Gesundheit, Bekehrung, Planetenrettung sind weniger wichtig als bei Nahrungsmitteln.

    Andersrum gesagt: wenn ich, als wohlgenährter, wohlversorgter, reaktionärer, hedonistischer, rechthaberischer Mann um die 50 mich über die Jünger von Bio und Orange Wine lustig mache, dann mit 2 ganz unterschiedlichen Grobargumenten (wenn auch beide reaktionär):
    1. Die Müslis (Bio-Jünger, Vegetarier, Veganer, Orthorexiker) essen das was sie essen nicht weil es besser schmeckt, sondern weil sie Regeln folgen.
    2. Die Naturweinjünger finden diese Weine gut, obwohl sie schlecht schmecken.

    • Matze schreibt:

      Ja Charlie, da hast Du wohl mehrere Nägel auf den Kopf getroffen. Aber nicht alle, wie ich finde😉 .

      Orange Wines sind eine Stilspielart, insofern – zumal ganz bewusst vom Winzer so bereitet – natürlich eher Kunst als Brot. Wiewohl mir ein Winzer aus dem Karst auch mal gesagt hat, dass Maischegärung eine Möglichkeit wäre, den Wein positiv zu beeinflussen. Durch die direkte Sonneneinstrahlung auf mediterranen Fels und die geringen Erträge besäßen die Trauben nämlich ein zu hohes Alkoholpotenzial. Und das würde bei „normaler“ Gärung den Weißwein schrecklich unausgewogen machen, Maischegärung würde da sozusagen geschmackliche Zügel anlegen. Aber klar, kann man machen, muss man nicht machen, kann man mögen, muss man nicht mögen. Aber wenn man’s nicht mag, braucht man’s nicht zu verdammen, sondern einfach nicht zu kaufen. Das ist Ökonomie. Und wenn viele Leute solche Weine kaufen wollen, dann werden auch viele Winzer solche Weine herstellen. Wenn der Winzer aber jahrelang auf seinen Partien sitzenbleibt, wird er sich überlegen, ob er das so weiterführt. Soll heißen: Ich stimme Dir völlig zu, dass eine solche Sache mit Schuld, Bekehrung und Planetenrettung nichts zu tun hat. Und wenn Weine wirklich misslungen sind, bestimmte Leute sich aber der Idee wegen begeistern, dann ist das mein Ding auch nicht. Wobei ich zugebe, dass meine Definition von „gelungenem“ bzw. „interessantem“ Wein schon ziemlich breit ist.

      Aber ich wage wirklich und ernsthaft zu bezweifeln, ob „bio“ als Idee (= eine gesteigerte Form von umweltschonendem und nachhaltigem Handeln) tatsächlich in dieselbe Sparte gehört. Wer hätte vor ein paar Jahren allen Ernstes gedacht, dass wir die Atomkraft bis auf weiteres einstampfen oder dass Rewe und Aldi Bio-Produkte führen (welcher Couleur auch immer)?

      Ich denke da auch ein bisschen an die gesellschaftliche Spaltung, wie sie in diesen Grafiken (Wahlbeteiligung, Arbeitslosigkeit, Bildungsstand: http://www.spiegel.de/fotostrecke/datengrafiken-was-die-muster-der-koelner-stadtteile-verraten-fotostrecke-104823.html) sich bereits andeutet. Sozusagen die Abwesenheit von Verantwortung und Einfluss auf der einen und die totale Konzentration von Verpflichtung und Ertrag auf der anderen Seite. Gut, sowas gibt es bereits jetzt, aber es dürfte sich verschärfen. Ich habe ein bisschen das Gefühl (kann mich aber natürlich täuschen), dass das bewusst Reaktionäre aussterben wird. Das heißt, wer durchblickt und sich engagiert, kommt um so etwas wie die Bio-Idee nicht herum (was vermutlich völlig losgelöst von anderweitigen politischen Vorstellungen abläuft; das wird in 30 Jahren keiner mehr mit den Grünen oder mit Müsli, sondern allenfalls mit Europa oder irgendeiner „Bewahrungsphilosophie“ verbinden). Wer eine solche Idee ganz grundsätzlich nicht in seine Überlegungen einbezieht, wird zu dem zugegeben zahlenmäßig größeren, aber einflussmäßig total unbedeutenden passiven Teil der Bevölkerung gehören. Dem Brot-und-Spiele-Teil. Wie gesagt, vielleicht liege ich total daneben, aber die Wachstumsziffern der Biobranche geben mir bislang Recht. Und wenn eine „Nische“ sich derartig entwickelt, dann ist es bald keine echte Nische mehr.

      • Karl Brunk schreibt:

        Hallo Matze, hallo Charlie,
        wenn Du solche Weine getrunken hast, die schlecht sind, führt das doch nicht automatisch zu einer Generallisierung. Dann hast Du halt einen Weinhändler der keine Ahnung hat oder Winzer besucht, die vorgeben solche Weine zu machen, aber handwerklich eine Katastrophe sind. Komm mal zu uns und wir probieren mal was zusammen.
        In dieselbe Kerbe haut ja auch eine oft angetroffenen Aussage die auch oft von sogenannten Kennern gemacht wird „ich erkenne Naturweine absolut sicher“.
        Bullshit. Auch dann haben die noch nicht genug probiert und von solchen Weinen getrunken, die leider auch unter dem „Label“ laufen. Genausowenig wie H.T. in den Folgen „5 gegen H“ als Mastersommelier die Rebsorten eindeutig ohne Raten erkannt hat (eine Ausnahme), genausowenig ist es möglich gut gemachte Naturweine als solche zu identifizieren.
        Manchmal scheint es so, weil viele von den Weinen, einen Stinker drin haben, reduktive Noten, und die zweite Nase nach bewegtem Glas (was tatsächlich ein Zeichen sein kann), trotzdem ist eine generelle Aussage daraufhin nicht möglich.
        Matze – mich wundert, dass Du da nichts sagst. Auf deinem und auf den Blogs von Christoph oder Nico sind doch massenhaft Beispiele die eindeutig anderes zeigen.
        Zu den Wachstumsraten muss ich auch noch was loswerden. Ich kann deinen hintergründig mitschwebenden Optimismus da keinesfalls teilen und erinnere noch einmal an erschrockene Kommentare über ominöse und katastrophale Qualitäten in BIomarktregalen. Ich hätte ja schon meine Zeit in der Bioszene in Köln erwähnt. Eine meiner Aktivitäten war die Sensibilisierung der damaligen „Presse“ (Schrot und Korn) die immer wieder von den „enormen“ Zuwachsraten berichteten. Es war vorauszusehen, was also nach 1995 passieren sollte. Jeder Geschäftsmann der mit Zahlen und Zuwachsraten rechnet, ist natürlich sofort auf den Zug aufgesprungen und eine starke Brüsseller Lobby hat schon an den seichten EU-Bestimmungen gefeilt, damit die anfängliche Hürde nicht zu hoch sei. Wenn man rückblickend auf die aufgedeckten Skandale der letzten Jahre sieht, wundert es einen nicht, wenn eher nach EU-Richtlinien geleitete Betriebe betroffen waren. Und wer sich das konkret ansieht, kann man es eigentlich nicht glauben, welche Sauereien unter dem Label möglich sind. Ich erinnere nur an die Sendung mit Günther Jauch und dem Fleischskandal.
        Diese Zuwachsraten sagen nicht wirklich etwas über die Bewegung aus. Weder über Qualität, noch über moralisch-ethische Konsequenzen oder die Einstellung der Biokunden. Das ist immer das Problem mit Untersuchungen auf Grund statistischen Daten. Die haben eher wenig mit Erkenntnis zu tun
        Damit wären wir dann auch bei unseren lieben Fleischessern. Wieviel muss man wirklich ausblenden, um mit Genuss Fleisch essen zu können? Da nützt auch nichts wenn es vom bekannten Fleischer um die Ecke kommt, der gerade Helga in viel zu jungen Jahren die Kehle durchgeschnitten hat.
        Noch keiner hat übrigends angesprochen, wie die Ökobilanz aussieht. Wenn man das Ganze unter Proteinzufuhr (ganz zu schweigen von ökonomischer Sichtweise) betrachtet, wird den Tieren 7 mal mehr Protein in vegetabiler Form zugeführt, als man später vom Schlachtvieh zurück bekommt. Zudem ist deren Verwertbarkeit anscheinend auch noch eingeschänkt.
        Noch was von wegen nicht sicher sein, ob der Mensch von Natur aus Vegetarier ist.
        Für mich ist er eindeutig ein Vielfraß – und zwar in jedem Sinne. Es war glaube ich Schnitzer, der glaube ich Zahnarzt war, der angeblich anhand der Struktur des menschlichen Gebisses nachgewiesen hatte, dass dieses niemals dafür gedacht war, zähes Fleisch zu bearbeiten. Aber wie geschrieben – glaube ich.
        PS. auf anderen Kommentar hin : das Mit Kevin und Chantal war mutig.
        PSPS. Deinen Fragenkatalog finde ich sehr anregend und er zeigt mir, dass wenn man ein Thema versucht wirklich zu durchleuchten, man viel über die Sache wie über sich erfahren kann.

      • Matze schreibt:

        Doch Karl, ich habe schon viele „solcher“ Weine getrunken, und viele davon sind sehr gut. Trotzdem gibt es höhere Risiken z.B. bei Transport und (Zwischen-)Lagerung als bei Weinen, die technisch stärker konserviert sind. Das gilt ja für alle Lebensmittel, und es wäre auch komisch, wenn es anders wäre. Aber ich gebe Dir völlig Recht (und insofern sage ich jetzt was dazu😉 ), dass man „Naturweine“ und „konventionelle Weine“ geschmacklich nicht sicher identifizieren kann. Bei Extrembeispielen schon, aber in der mittlerweile gar nicht mehr so kleinen geschmacklichen Schnittmenge definitiv nicht. Allerdings sind da ja auch die Grenzen fließend, was Methoden, Techniken und verwendete Mittel angeht.

        Zuwachsraten, das gebe ich gern zu, sind keine ganzheitliche Aussage, aber ein Indikator für Bewegung. Wenn die wahrhaft unverdächtige Neumarkter Lammsbräu (die Brauerei habe ich gestern besichtigt) beispielsweise in diesem Jahr ihren Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 15% steigern konnte und sich jetzt an ihrer selbst festgelegten Kapazitätsgrenze befindet, dann ist das schon ein Indiz. Klar, Geschäftemacher gibt es leider überall dort, wo man solche Steigerungsraten riechen kann. Aber es gibt auch ganz sicher Lobbyisten, die es gar nicht ungern sehen, wenn die nachfolgenden Skandale dann ausgerechnet im Biobereich stattfinden. Was meinst Du, wie viele anonyme Anzeigen bei der Polizei von Neidern eingehen…

        Zum Fleisch nur soviel: Ja, Ökobilanz und Moralfaktor sind katastrophal bei vielen Tierhaltungen. Als ich letztes Jahr mit dem in der Ökobilanz nicht viel besser dastehenden Hubschrauber von Berlin nach Dresden geflogen bin, war ich total verblüfft über die vielen im Wald versteckten, nagelneu aussehenden agroindustriellen Komplexe. Hähnchenlager. Deshalb: weniger Fleisch, aber besseres. Gar kein Fleisch zu essen, diese Idee gefällt mir moralisch, aber nicht gustativ. Und ich bin in der Hinsicht schon ein Hedonist wie Charlie.

        Das mit Kevin und Chantal war vielleicht nicht nett gegenüber allen Menschen, die Kevin oder Chantal heißen. Die meinte ich aber konkret auch nicht, das weißt Du ja. Aber was jetzt gerade vor Weihnachten alles an Elektronikscheiße (die in ein paar Monaten wieder im Müll landet) und vor Silvester an Knallwerk gekauft wird, davon könnte man sich bei anderen Prioritäten durchaus gut und bewusst ernähren. Wenn man denn möchte. Das ist ja gar keine Vermutung von mir, dazu gibt es alle Jahre wieder statistische Erkenntnisse. Das sollte man in diesem Zusammenhang doch gelten lassen, oder😉

    • Charlie schreibt:

      Habe mich wohl doch zu kurz gefasst. Ich wollte mit obigen sehr grobschlächtigen Argumenten nur auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen der Kritik an Trends bei Wein einerseits und Nahrungsmitteln andererseits hinweisen.

  11. Thomas schreibt:

    Sehr erhellender Beitrag, gerade, was die politische Dimension angeht. Die Extreme als zwei Seiten derselben spaßfreien, schuldbelasteten Medaille zu erklären, das leuchtet sofort ein. Und es ist – natürlich auf völlig anderer Ebene – eine interessante Analogie zur Nazi-RAF-Zusammengehörigkeit. Da hat es fast dreißig Jahre und eine Menge Erkenntnisse in der Traumaforschung gebraucht, bis man jenseits des zeitgenössischen und in der Begründung dummen Schlagworts von „Hitlers Kindern“ zeigen konnte, wie im Trauma der Gewalt die nächste Generation das Täterhandeln zwanghaft wiederholte. Na ja, etwas verkürzt an dieser Stelle, aber es ging ja auch nur um die Übereinstimmung in der Radikalität des quasi-religiösen Eifers.

    • Matze schreibt:

      Ja, wobei (aber mea culpa, wenn ich das falsch interpretieren sollte, ist nicht mein Fachgebiet) beiden, nämlich Nazis und RAF von Anfang an eine totalitäre Idee zugrunde lag. Also ein Weltbild, das nur absolut richtig und absolut falsch kennt und die menschenverachtende Gewalt als Bekämpfung des (so aufgefasst) absolut Falschen. Insofern ist der spätere Sprung eines Horst Mahler vielleicht gar kein so großer gewesen.

      Als Relativierung muss ich allerdings anfügen, dass alle Vergleiche in Deutschland, die die Nationalsozialisten auf der einen und irgendeine andere Gruppierung auf der anderen Seite haben, mir persönlich ein bisschen schwierig erscheinen. Denn so allumfassend, so menschenverachtend und so weitreichend, wie das Nazi-System gewesen ist, gibt es dann doch kein echtes Äquivalent.

      • Thomas schreibt:

        Nein, was Deinen ersten Absatz angeht, verstehst Du mich nicht falsch. Genau dieser totalitäre und auch militärisch-hierarchische Aspekt bei der RAF von Anfang an, den Du meinst, ist die Spiegelung der faschistischen Struktur (inkl. Umgang mit „Abweichlern“, latenter Antisemitismus, bis hin zum erniedrigenden Sprachgebrauch zu „Untergebenen“), die ich meinte.
        Wo Du mich allerdings missverstanden hast: Eine Gleichsetzung RAF = NS-System lag mir völlig fern. Das wäre ja auch zu albern. Es geht um Denkweisen, nein eigentlich ist es ja noch nicht einmal Denken (weil Denken die Freiheit der Alternative impliziert), sondern reiner Dogmatismus.

  12. Richard schreibt:

    danke für den artikel und die folgende diskussion. es erscheint mir fast pervers, in meinem leben die spanne von „lebensmittelmarken und hamstern beim bauern“ über das ehrfürchtige staunen beim erstmaligen stehen vor einem buffet mit „melone und parmaschinken“ zur frage des barrique-ausbaues und nun die banalisierung von essen als einen akt des en passant, erlebt zu haben. abschließend eine bemerkung von josef daimer, altoberbürgermeister von landshut, gemacht im zusammenhang mit dem verzicht von stoiber auf aufwandsentschädigungen für aufsichtsmandate: mit vollen hosen ist gut stinken

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s