K&U-Hausmesse 2013: die deutschen Weine

TitelOhne Umschweife: Bleiwüste. Das ist es, was Euch hier erwartet, und was Ihr, um ehrlich zu sein, auch gar nicht anders verdient habt, wenn Ihr auf diesem Blog unterwegs seid. Wovon ich also hier berichte (erläutert für diejenigen, denen die Überschrift wenig sagt)? Nun, einer der bekanntesten Weinköpfe der Republik und zudem einer der drei bis vier besten – weil reflektiertesten und stringentesten – Weinhändler Deutschlands hatte am 15. und 16. November wieder einmal die Tore zur sogenannten „Hausmesse“ geöffnet. Und einmal im Jahr ist Nürnberg damit  tatsächlich das Zentrum von irgendwas, in diesem Fall der semi-avantgardistischen Weinwelt. Aber ich bin undankbar, es gibt auch noch den Christkindlesmarkt.

63 Weingüter und vor allem auch die zugehörigen Winzer und Winzerinnen waren wieder mit von der Partie, und genau das ist der Grund, weshalb ich so gern hier bin: Schmeckt ein Wein mal süß, sauer, bitter, salzig oder umamisch, eine Nachfrage beim Winzer genügt, und ich erfahre alles von der Verrieselung im Frühjahr über die neuen Fässer bis zur 14-tägigen Maischestandzeit. Natürlich kann ich mich da nicht lumpen lassen und habe so zwischen 140 und 150 Weine an den beiden Tagen probiert. Runtergeschluckt habe ich nur den allerletzten.

Wie immer sollte ich auf ein paar Faktoren hinweisen, die mein Urteil in der einen oder anderen Weise beeinflusst haben könnten:

1. der Zustand des Weins. Bei solchen Messen kann es immer wieder passieren, dass die eine Flasche warm und die andere kalt ist, die eine frisch geöffnet und die andere bereits seit Stunden offen. Natürlich wirkt sich so etwas auf den Wein aus.

2. der Zustand des Testers. Meine Erfahrung sagt mir, dass der erste Wein immer der schwerste und der letzte nicht gerade der leichteste ist. Normalerweise befindet sich das Konzentrationsoptimum am Ende des ersten Probierdrittels. Auch so etwas kann die Urteilskraft beeinflussen.

3. die Subjektivität. Es gibt (tut mir leid, wenn ich das so brutal sagen muss) keinen objektiven Weingeschmack, es gibt nicht nur Gut und Böse auf der Welt, es gibt nicht die Wahrheit, und ob es einen Gott gibt, sollten wir an anderer Stelle diskutieren. Jedenfalls glauben nur besonders einfältige Tester, dass sie von persönlichen Vorlieben komplett abstrahieren können. Sollte ich auf einen derartigen Wein stoßen, der mir zwar überhaupt nicht schmeckt, von dessen prinzipieller Geeignetheit für eine andere Trinkklientel ich hingegen überzeugt bin – ich werde versuchen, es Euch entsprechend darzulegen.

Jetzt aber ohne Umschweife zu meinen Notizen. Die Reihenfolge entspricht der meines Rundgangs. Wenn ich den Jahrgang nicht nenne, ist es immer ein 2012er.

Weingut Beurer, Württemberg

Die Weine von Jochen Beurer kannte ich bislang aus einem anderen Kontext. Soweit ich weiß, war er das erste Mal bei der K&U Hausmesse dabei. Ich mag die Weine persönlich vor allem deshalb, weil sie die negativen Vorurteile, die man gelegentlich mit württembergischen Weinen verbindet, so überhaupt nicht bestätigen. Sie sind nicht süßlich, nicht technisch eingepfercht, aber auch nicht selbstgefällig oder provinziell protzend. Sondern das genaue Gegenteil, was sie selbstverständlich als Einstiegsweine für den heutigen Tag besonders ungeeignet erscheinen lässt. Bereits der Gutsriesling (8 €, ich nenne immer die Kössler’schen Listenpreise) kommt mir hefig, birnig und sehr straff vor. Noch ein bisschen reservierter erscheint mir der Riesling Schilfsandstein (9,90 €), bevor dann der Star folgt, der Riesling Junges Schwaben (2011, 24 €).

Die Nase ist im Prinzip bei allen ähnlich „beurisch“, hefig, Lindenblüte, Cassiszweig, leichter Klebergeruch. Am Gaumen sehr glatt, ziemlich tiefergelegt von der Aromatik, jetzt in einem schwierigen Stadium, durch das irgendwie alle Weine müssen, aus denen mal „etwas wird“. Ich mag diese sehr eigene Stilistik, weil sie mich an „gipstrübe“ Tage erinnert (den Ausdruck bitte nicht analytisch verstehen, ich war gerade in Japan, da arbeitet man mit Assoziationen). Also so ein Tag im Vorfrühling, die Sonne dringt noch nicht klar durch, und man merkt erst nach den ersten Schritten vors Haus, dass das Licht gleißend strahlt und man besser eine Sonnenbrille aufgesetzt hätte.

Weingut Christmann, Pfalz

Irgendjemand hat mir im Vorbeigehen gesagt (und mittlerweile habe ich es selbst gelesen), dass die Christmann’schen Weine dieses Jahr vom Gault Millau so abgestraft worden seien. Das überrascht mich ehrlich gesagt, denn ich sehe nach der heutigen Verkostung keinen Bruch zu den Vorgängerjahrgängen. Allerdings traten die Christmann-Weine (seit ich mich aktiv erinnern kann, also etwa ab dem 2007er Jahrgang) immer in ihrer Jugend sehr dezent und bescheiden auf. Sie waren nicht saftig-gelb wie die meisten anderen Pfälzer, aber auch nicht mineralisch-karg, wie es damals ein paar Rheinhessen erstmals versuchten. Erst nachdem ich einmal einen sehr gelungenen gereiften Ölberg probiert hatte, ist mir irgendwie bewusst geworden, dass man wahrscheinlich zu einem notorischen Unterschätzen dieser Weine neigt. Darüber – wie im Gault Millau – zu spekulieren, ob der angebliche Qualitätsabschwung im Hause Christmann eventuell etwas mit der dort praktizierten Biodynamik zu tun haben könne, ist allerdings ein, tja, interessanter gedanklicher Ansatz. Nun muss man als Biodynamiker im Weinberg sicher deutlich intensiver arbeiten als jemand, der einmal mit Round-Up durchgeht. Aber dass rein prinzipiell ein höheres Qualitätsstreben zu geringerwertigen Weinen führt, dieser Zusammenhang erschließt sich mir nicht.

Probiert habe ich den Gutsriesling (10,80 €), den Ortsriesling Gimmeldingen (14,50 €), den Königsbacher Ölberg (21,50 €) und schließlich das Große Gewächs aus dem Idig (40,50 €, alles 2012er). Die beiden ersten Weine kommen mir in der Tat wieder ganz Christmann-like dezent vor, der Gutsriesling kräuteriger, der Gimmeldinger öliger und glatter. Mehr Lebendigkeit versprüht der Ölberg, aber auch hier rate ich zu geduldigem Warten. Beim Idig verspüre ich in der Nase Honig, Blüten, helle und klebrige Noten sozusagen. Am Gaumen kommt dann das erste Mal in der Reihe eine echte Pikanz zum Vorschein. Die Frucht ist wie immer ganz wenig präsent, auch die Säure schleicht eher auf der zweiten Ebene herum. Dies ist kein expressiver, aber ein nachhaltiger Wein. So etwas muss man nicht mögen (und kann dafür auch meinetwegen weniger Ad-hoc-Punkte geben). Aber aus der bisherigen Erfahrung heraus kommt da in ein paar Jahren deutlich mehr an Ausdruck, als man jetzt vermeint.

Weingut Henrik Möbitz, Baden

Kein „echtes“ Weingut natürlich, sondern ein mittlerweile fast prominent zu nennender Garagenwinzer. Alle Weine sind mit viel Liebe und viel Handarbeit in wenig freier Zeit entstanden. Ich finde das Konzept höchst sympathisch und unbedingt unterstützenswert. Zwei Weine habe ich diesmal probiert, beides Pinot Noirs, einmal den 2011er Köpfle und einmal den 2009er Kanzel (24-28 €). Und ja, der letzte Pinot Noir, den ich getrunken hatte, stammte von Leroy. Und ja, vielleicht war ich an diesem Tag zu dieser Zeit einfach nicht in guter Pinot-Verfassung. Ich mochte die helle Farbe und die würzige Note der Weine, aber mir waren das zu wenig Grip und Herbheit (wenn man den „Nordtypus“ haben möchte) oder aber zu wenig Struktur und Tiefe (wenn man den „Südtypus“ haben möchte). Andere Meinungen zu hören würde mich aber freuen.

Weingut Holger Koch, Baden

Ein paar Meter weiter in der Halle und gar nicht so viele Meter mehr in der Realität, „die andere Interpretations des Kaiserstuhls“ von Holger Koch. Ich finde seit Jahren, dass gerade die kleinen Weine von Holger Koch ganz einfach optimale Speisenbegleiter sind, die man sehr vielseitig einsetzen kann. In diesem Jahr habe ich seit langem mal wieder die gesamte Palette durchgetestet, insgesamt sieben Weine. Knackig-frisch der Weißburgunder (8,90 €), etwas gefälliger im Knackigkeitssinne der Grauburgunder (8,90 €), deutlich gesteigert in der Intensität, aber auch mit spürbarem Holzeinfluss der Weißburgunder Herrenstück (9,80 €). Ein erstes Highlight für mich folgt dann mit dem Grauburgunder K&U (12,80 €). Ich bin geneigt zu sagen, dass dies hier eine ganz andere Liga darstellt in puncto Substanz und Funkeln. Auch in Anbetracht des Preises fällt mir hier spontan die Vokabel „Kauftipp“ ein.

Die Roten von Holger Koch zeigen sich ebenfalls deutlich unterschiedlich. Der Pinot Noir Erle (2011, 12,80 €) kommt sehr rauchig und schwefelig daher, aber mir gefällt er ehrlich gesagt ziemlich gut für diesen Moment. Die K&U-Edition (2011, 18,50 €) hatte mich im Jahrgang 2010 mehr überzeugt; diesmal gibt es zwar mehr Holz und Reifeeindruck als bei der „Erle“, aber irgendwie ist der Wein weniger treibend. Mit der Pinot Noir Reserve (2011, 36,80 €) ziehe ich mich schließlich erst einmal zurück. Mir gefallen der dichte Fruchtkern und die präsente Säure, die beide für ein harmonisches Leben sorgen dürften. Andererseits kommt Genosse Reserve derzeit noch ziemlich weich, vom Holz geprägt und mir auch ein bisschen zu süßlich wirkend daher. In acht Jahren wissen wir mehr, aber bitteschön auch nicht früher, denn das wäre Verschwendung.

Weingut Leiner, Pfalz

KalmitRichtig interessant und auch kontrovers wird es dann am Stand von Sven Leiner (allerdings ohne den Namensgeber selbst, den ich hier irgendwie noch nie gesehen habe). Weil ich jetzt wieder zu den Rieslingen schwenken möchte, probiere ich auch nur jene: den Handwerk (8,60 €), den Setzer (13,90 €) und schließlich den Ilbesheimer Kalmit (18,90 €). Der Einstiegsriesling ist genau so, wie ich es auch gedacht hatte und von anderen Jahrgängen gewohnt war: frisch, säurebetont, trocken und animierend. Gefällt mir eigentlich immer. Der Setzer versetzt mich dann in Erstaunen. Viel weicher ist er, deutlich höher im Restzucker. Und die Quintessenz findet sich schließlich im Kalmit: ganz ungewöhnlich und fast übertrieben hoch im Zuckergefühl, das aber durch eine nachhaltige Powersäure gekontert wird. Gekontert jetzt, gepuffert erst in etlichen Jahren. Ich ahne schon, dass diese Weine wieder viel Unfrieden zwischen Weinbepunktern und Winzer hervorrufen können. Um ehrlich zu sein, schmeckt der Kalmit im Moment gar nicht gut. In 15 Jahren (und das meine ich ernst) werden sich die Leute mit dem guten Gedächtnis aber darüber ärgern, ihn nicht gekauft zu haben.

Eine Nachfrage am Stand brachte dann die Erkenntnis: Schon der Setzer ist tatsächlich analytisch sehr hoch im Zucker, der Kalmit mit 10-11 g haarscharf an der Bezeichnung „halbtrocken“ vorbeigeschrappt. Der Grund dafür ist so schlicht wie einleuchtend: Der Most wollte bei der kompromisslos praktizierten Spontangärung einfach nicht mehr weitermachen, so sehr der Winzer sich das auch gewünscht hätte. Selbstverständlich ist der Wein dadurch weder fehlerhaft noch „schlecht“ geworden, aber er schmeckt stilistisch nun einmal komplett anders, als man das von einem Pfälzer Spitzengewächs gemeinhin erwartet.

Aber Moment mal – „man erwartet“. Was erwarten wir denn eigentlich? Was wollen wir denn eigentlich als Weinfreunde? Was sind unsere Prioritäten? Richtig ins Grübeln gebracht haben mich dabei die Gespräche am Leiner’schen Weinstand und mit den Löwensteins auf ihrer Runde über die Messe. Ich unterbreche den Testlauf also kurz für ein paar grundsätzliche Gedanken.

OfenwerkReinhard Löwenstein erlebte mit 2012 einen Jahrgang wie selten zuvor. „Wir hatten keine Botrytis im Weinberg, und alles ist so stark durchgegoren wie noch nie.“ Journalisten und Weinkenner hätten ihn daraufhin von der Seite angehauen, was er denn in diesem Jahr so alles manipuliert habe. Das hat ihn gleichzeitig verblüfft und entsetzt. Verblüfft, weil es die Vermutung impliziert, dass botrytisfreie Trauben nicht spontan durchgären können. Entsetzt, weil es die Vermutung impliziert, dass jegliche Art der Weinbereitung im Prinzip Schmu und Betrügerei ist, das Gegenteil jedoch die absolute Ausnahme. Und denjenigen, die von einem „Löwenstein’schen Stilwechsel“ sprechen, empfiehlt er, doch erst einmal die 2013er Weine abzuwarten. „Da hatten wir jede Menge Botrytis“, meinten die beiden, „mal schauen, was dabei herauskommt“. Gern hätten sie es gesehen, wenn es vielleicht in einem der Vorgängerjahrgänge auch schon einmal trocken schmeckende Weine gegeben hätte. Allein: „Wollen wir Cola oder wollen wir Wein? Wenn man den Jahrgang und die Einflüsse der Natur im Keller wegradiert, brauchen wir bald so eine Art von Weinbau gar nicht mehr zu machen.“

Tja, das ist in der Tat eine noch bedeutendere Grundfrage, als sie zunächst scheint. Vor allem deshalb, weil sie mich als Blogger und Euch als Weinliebhaber mit betrifft. Natürlich wollen wir keine Cola haben, wenn wir Wein kaufen. Aber gelegentlich gibt es ja diese Tendenz, dass man ganz glücklich ist, wenn man den Lieblingswein auch im nächsten Jahr wiedererkennt, wenn man den einen Jahrgang in den Himmel loben kann und den anderen verteufelt, nur die „guten Weine“ kauft, nur das, was einem „schmeckt“. Jetzt stehen die Löwensteins da mit ihren trockenen Weinen, und Conny meint, „manchen Kunden gefällt das gar nicht“. Jetzt steht auch Sven Leiner da mit seinem halbtrockenen Spitzenwein und wird vielleicht mit Schaudern sowohl an Stammkunden als auch an Weinkritiker denken.

Ich muss es ehrlich zugeben: Auch ich habe ganz bestimmte persönliche Vorlieben, sowohl für Weintypen als auch für Jahrgangscharakteristika. Zu säurearme Jahrgänge missfallen meinem Gaumen, egal ob es sich um deutsche Rieslinge oder rote Languedociens handelt. Habe ich eine kalte Wurstplatte auf dem Tisch, und aus der geöffneten Weinflasche gleitet ein schweres, zuckerreiches Getränk, dann bringt mich das auf die Palme.

In Wirklichkeit wollen wir aber alle, und ich betone: alle, auch die Weintrinker, die sich nicht so gut auskennen, dass die Winzer eben möglichst wenig kellertechnische Tricks anwenden, um eine Gleichschaltung ihrer Ex-Naturprodukte zu ermöglichen. Genau dann muss ich als Konsument aber auch so konsequent sein, den Winzer in seinem Ansatz zu unterstützen.

Ich habe noch etliche 2006er Rieslinge im Keller, dessen Erwerb mich zwischenzeitlich gereut hatte. Der Jahrgang entspricht stilistisch einfach nicht meinen Vorlieben. Nach diesen Gesprächen und mit ein bisschen Nachdenken bin ich allerdings nicht mehr derselben Meinung: Mit dem Kauf dieser Flaschen habe ich Winzer, deren Arbeit mir am Herzen liegt, auch dann unterstützt, als sie es nicht so leicht hatten. Abstrakt gesehen haben sie es vielleicht nur wegen der vielen ähnlich agierenden Kunden geschafft, immer weiter zu machen und noch mutiger und „unmanipulativer“ zu werden. Ich möchte das Pathos hier nicht zum Überschwappen bringen, aber so etwas nennt man wohl praktische Solidarität, und wenn wir in einer Welt leben wollen, in der das Handwerk im besten Sinne wieder etwas zählt, dann, ja dann …gehen wir doch am besten gleich weiter zum nächsten Weingut, um uns die Ergebnisse dieser Handwerkskunst zu Gemüte zu führen.

Weingut Wagner-Stempel, Rheinhessen

„Rheinhessen“ sagt man zwar, weil es bezeichnungstechnisch wohl so sein mag, aber hier oben in den (tatsächlich fast so zu bezeichnenden) Bergen gab es irgendwie schon immer eine eher Nahe-typische Kühle im Wein. Vier Weine probiere ich, und ich bleibe Nahe-reminiszent einfach bei den Rieslingen: Gutsriesling (8,90 €), Siefersheimer vom Porphyr (14,90 €) und schließlich die beiden Großen Gewächse Höllberg (26,90 €) und Heerkretz (31,50 €). Der Gutsriesling, knackig und (noch) apfelig, gehört für mich seit ein paar Jahren zu den allerbesten des Landes. Und so bleibt das mit dem Jahrgang 2012 auch. Der Porphyr muss als Kind des Feuers natürlich gelber, wärmer und üppiger sein. Dank der schönen Strukturiertheit lappt das an den Rändern aber nicht über, sondern wirkt sehr schön eingefügt. Mein Liebling diesmal.

Das bedeutet glasklar, dass die Großen Gewächse nicht meine Lieblinge sein können. Der Höllberg kommt gleich viel schwieriger daher, bitterer, zugeknöpfter. Von Leuten habe ich gehört und gelesen, dass der Wein sehr schön sein soll. Aber derzeit, und das ist ja auch vernünftig, zeigt er sich in einem Zustand, der eine Verbannung in den Keller nahelegt. Ein klein wenig offener kommt mir der Heerkretz vor. Heller Honig und viel Kümmel, dazu eine Säure, die ein festes Gerüst über 15 Jahre zu bilden vermag. Ganz so lang muss man sicher nicht warten, aber mir wird bei dieser Gelegenheit wieder mal die Herausforderung bewusst, unter der Frühtester und Frühbepunkter zu „leiden“ haben. Kann eigentlich gar nicht gut gehen, so etwas.

RacknitzWeingut von Racknitz, Nahe

Fast schon notorisch in ihrem Unwillen, sich den Jungweintrinkern zu offenbaren, sind die Weine dieses deshalb genauso notorisch unterschiedlich bewerteten Nahe-Weinguts. Im Gault Millau mit Mühe und Not gerade mal in die Ein-Trauben-Kategorie gerutscht, hatte David Schildknecht im Gegensatz dazu (soweit ich mich recht erinnere) beinahe ein Füllhorn an Punkten ausgeschüttet. Diese Diskrepanz dürfte den 2012ern eigentlich nicht passieren. Ich habe nämlich noch nie so spontan zugängliche, leicht zu konsumierende Weine von diesem Gut probiert. Den Riesling vom Vulkangestein (13,90 €) kann man ähnlich wie sein Pendant im Geiste von Wagner-Stempel prima öffnen und reuelos genießen. Die Lagenweine vom Disibodenberg, vom Königsfels und von der Klamm (alle 20 €) sind quasi Riesling-Prototypen, also das, was andere Weintester als ich in einem anderen Nahe-Weingut zu erkennen glauben. Matthias Adams sagte mir, sie seien ziemlich perplex gewesen, als sich nach dem Abschluss der Spontangärung bei der ersten Analyse herausgestellt habe, dass alle drei Lagenweine fast identische Werte aufwiesen: 7,5 g Säure und 5 g Restzucker. Und genauso ausgewogen schmecken sie auch.

Einzig die Hermannshöhle (29,80 €) tanzt da ein bisschen aus der Reihe, weil sie (auch hier die Parallele zu Wagner-Stempel) von ihrer Gesamterscheinung her einfach noch nicht aufschraubbereit ist. Ganz anders die „Bückware“, der leicht experimentelle Riesling aus der Niederhäuser Klamm, ausgebaut im 555-Liter-Eichenfass. Derzeit überraschend wenig Holzeinfluss, dicht, komplett, einfach schön und nicht zu kaufen, was ein paar angeschickerte junge Nürnberger schier kirre gemacht hat („Was hat der Mann da bekommen? Ich will das auch! Ich will das auch!“). Gar nicht im Angebot war diesmal der Gemischte Satz (darf nicht so heißen, siehe unten in den Kommentaren) Gemengelage, weil praktisch über-ausverkauft, was einerseits schade ist für mich als Tester, andererseits aber natürlich gut im Dienste einer alten Tradition.

Weingut Wittmann, Rheinhessen

Schon sind wir am zweiten Tag angekommen, den ich mit dem „Winzer des Jahres“ aus dem Gault Millau beginnen möchte. Eine wahnsinnig, äh, vorhersehbare Entscheidung, denn irgendwie habe ich über die Jahre wirklich niemanden getroffen, der die Wittmann’schen Weine jemals schlecht gefunden hätte. Wegen des schrecklichen Andrangs am Stand probiere ich für den Moment nur den Silvaner K&U (13,50 €), maischevergoren, wie es heißt, aber ich kann trotzdem kaum ein „Orange Wine“- oder „Karst“-Element erkennen. Ein schöner, natürlich wirkender, zugänglicher Silvaner.

Später dann mache ich die Riesling-Tour: Gutsriesling (10,80 €), Westhofener (16,80 €) und die Großen Gewächse Kirchspiel (35,80 €), Aulerde (28,80 €) und schließlich Morstein (40,80 €). Zwei Weine haben mir dabei besonders gefallen. Nein, der Morstein war nicht darunter, zu hefig-apfelig-süß-sauer-verschlossen präsentiert er sich im Moment. Das einzige Große Gewächs der gesamten Veranstaltung hingegen, dass ich jetzt mit Vergnügen trinken könnte, ist …die Aulerde. Nicht dass da mit den Jahren nichts mehr kommen würde, und auch die Aulerde mag sich für die nächsten zwei bis drei Jahre zurückziehen, aber heute war sie klar das schmackhafteste GG. Bewährt substanzreich, cremig und auf einem Niveau, bei dem in Weindeutschland viele Spitzenprodukte alt dagegen aussehen, präsentiert sich der Westhofener Ortsriesling. Auch wenn ich ein bisschen schlucken muss bei der Erkenntnis, dass die Großen Gewächse so mancher Winzer mittlerweile die 40-Euro-Marke überschritten haben, so richtig ungerechtfertigt kommt es mir zumindest in diesem Fall nicht vor.

Weingut Immich-Batterieberg, Mosel

Was jahrgangsunabhängige Solidarität wert ist, kann ich gleich mal am lebenden Objekt testen: Gernot Kollmann hatte im Prinzip die 2011er Weine mitgebracht und einen 2009er. Das sind für feinherbe und leicht süße Weine ausgerechnet die Jahrgänge, die ich nicht so schätze. Die 2009er sind mir oft zu breit, die 2011er zu flach. Und da ich beispielsweise den 2010er Batterieberg selbst gekauft habe, kann ich an dieser Stelle nur sagen: ein großer Wein. Die 2012er könnten sich daran anschließen, wenn sie soweit sind. Spaßtechnisch gesehen ganz fraglos soweit ist der Gutsriesling C.A.I. (noch nicht in der Liste). 14 g Restzucker bei 9 g Säure und geringem Alkohol, das ist doch wieder mal richtig lecker feinherb. Wer solche Weine mag (und warum sollte man sie nicht mögen?), dem rate ich zum unmittelbaren Zugriff.

Getestet habe ich auch noch die 2011er Escheburg (15,90 €), Ellergrub, Zeppwingert und Batterieberg (alle 25,90 €) sowie den 2009er Escheburg (15,90 €). Am besten hat mir dabei der Batterieberg gefallen, weil er am dynamischsten wirkte. Zum Schluss habe ich mich dann noch mit dem 2012er Escheburg (nicht auf der Liste) zurückgezogen. Das ist nun wirklich ein straffer Wein, der natürlich noch sehr in der Apfelaromatik steckt, aber schon mal andeutet, wohin beim neuen Jahrgang die Reise gegangen ist.

Weingut Ziereisen, Baden

Von den Ziereisens, weil die beiden leibhaftig vor Ort waren, habe ich diesmal die ganze mitgebrachte Palette probiert: den 2012er Gutedel Heugumber (6,50 €), die jungen Weiß– und Grauburgunder (nicht auf der Liste), den 2011er Gutedel Steingrüble (10,80 €), den 2010er Grauburgunder Musbrugger (18 €), den einfachen 2011er Pinot Noir (nicht auf der Liste, aber so knapp 10 €) und schließlich den 2010er Pinot Noir Jaspis (45 €). Das ist doch ein beachtliches Spektrum an Jahrgängen und Rebsorten, interessanterweise aber auch an Ausbauformen. Bei Ziereisen gibt es ja immer mal die „Holzdiskussion“, weil die Intensität des Holzeinsatzes bei manchen Weinen durchaus gewisse Höhen erreicht. Auf die „einfachen“ Weine trifft das aber ganz und gar nicht zu.

Der Gutedel besitzt als Rebsorte einen so schlechten Ruf in Südbaden (und wird für 1,90 € die Flasche von der Genossenschaft auf den Markt geworfen), dass Hans-Peter Ziereisen froh über seine Exportmöglichkeiten in andere Gegenden ist. Ein echter Ziereisen-Gutedel hat praktisch keine Frucht, ist spontanvergoren, wirkt furztrocken (ohne es analytisch sein zu müssen) und erscheint lustigerweise irgendwie „undeutsch“ in der Stilistik. Fast ein bisschen wie beim Aligoté, würde ich als Speisenbegleiter einen solchen Wein vielen vielen schmackigen Rieslingen und Artverwandten vorziehen. Der Steingrüble lag dagegen zwei Jahre im Holz und hat auch noch eine kleine Barriquezugabe bekommen. Was mal daraus wird, weiß ich nicht, aber im Moment ist er mir einfach noch zu vanillig. Der kleine Pinot Noir gefällt mir gut in seinem konsequenten, etwas strengen Stil. Der Jaspis hingegen hat zwar einen schönen Fruchtkern, ist aber dafür auch ziemlich weich, ziemlich mild im Tannin und einfach ein bisschen unwürzig für sein Niveau.

Weingut Krämer, Franken

Ein absoluter Newcomer auf der Hausmesse und irgendwie auch in der Weinwelt. Auernhofen, der Heimatort des Weinguts, liegt im Taubertal, das ja bekanntlich weingesetzlich als Region arg zerrupft ist. Für weitere Informationen empfehle ich die Website zu nutzen. Nachdem ich zwei der drei mitgebrachten Weine probiert habe, den Silvaner (9,90 €) und den Müller-Thurgau (8,80 €), rufe ich spontan aus: „Solche Weine hat Franken gebraucht!“ Wer mit den fränkischen Verhältnissen nicht so vertraut ist, dem sei gesagt, dass sich hier zwar der urgroßväterliche traditionelle Weinbau länger hatte halten können als anderswo, wir dafür aber der Technologiephase immer noch nicht entwachsen sind. Ich mag Silvaner sehr gern als Speisenbegleiter, aber wenn ich einen Kabinett mit 14,5 vol% im Glas habe, der noch dazu in jedem Jahrgang im Keller korrektiv nachbereitet wurde, dann hört für mich das Vergnügen auf. Die Weine von Stefan Krämer sind nicht groß, tief, raffiniert und nachhaltig, aber ehrlich, kernig und animierend. 11,5 vol% beim Silvaner. Und genau sowas hat… na, wisst Ihr ja schon.

LuckertWeingut Luckert, Franken

Zwei Stufen weiter als Stefan Krämer sind die Luckerts, mittlerweile auch deutschlandweit im Kreis der anerkannten Weingüter angekommen – und das ohne ausgesprochene Spitzenlage. Direkt nach dem Krämer’schen Silvaner probiert, zeigt sich der Sulzfelder Silvaner (10,50 €) wesentlich samtiger, milder und ausgewogener. Deutlich substanzreicher präsentieren sich die Alten Reben (13,50 €), die mit einer souveränen Kraft daherkommen, dass ich persönlich sage, mehr muss bei einem Silvaner nicht sein. Fast fürchte ich mich deshalb vor dem Großen Gewächs aus dem Maustal (32 €), weil das ja von der Harmonie her nur nach hinten losgehen kann. Tut es aber nicht. Haltet mich für übergeschnappt, aber hier bin ich zum allerersten Mal in meinem Weinfreundleben der Meinung, dass das Große Gewächs beim Silvaner seine Berechtigung hat. Oder vielmehr: haben kann. Pikant in der Nase, nie zu reif oder zu breit, am Gaumen erst sehr glatt wirkend, aber dann mit einer feurigen Nachhaltigkeit bei tragender Säure und im Abgang mit Gewürzen vom Trockenrasen.

Die Rieslinge fügen sich nahtlos ins Gesamtbild ein, für mich der beste Jahrgang der Luckerts bislang. Erwartungsgemäß frisch ist der Sulzfelder Riesling (10,90 €), im selben präzisen und gleichzeitig entspannten Stil der Steinriegel Berg I (16,50 €). Ganz oben thront das Große Gewächs aus dem Maustal (32 €), das aber im Vergleich mit seinem Silvaner-Pendant noch deutlich unfertiger wirkt, auch ein bisschen muskatig. Den 2010er Spätburgunder Maustal (15,50 €) habe ich diesmal nicht probiert, aber gehört, dass er sehr ansprechend sein soll.

Weingut Van Volxem, Saar

Alle Weine des Weinguts haben diesmal zwischen 7 und 11 g Restzucker, sind also im „fruchtig-trockenen“ Stil gehalten. Ich weiß, dass ich da der einzige bin, aber mir hat der Riesling Schiefer (9,80 €) eigentlich in jedem Jahr besser gefallen als der Riesling Saar (11,60 €) – so auch diesmal. Beide sind zugänglich und „lecker“, der Schiefer aber gefühlt straffer und der Saar gefühlt voluminöser. Ob Braunfels (13,90 €), Goldberg (18,90 €) oder Alte Reben (15,90 €), empfehlenswert ist eigentlich alles, was folgt. Mein zweiter Liebling in diesem Jahr neben dem Schiefer ist aber der Scharzhofberg (19,90 €), der seiner Lage entsprechend sehr balanciert daherkommt zwischen seiner federleichten Anmutung und seiner inneren Spannung. Die Alten Reben aus dem Altenberg (36,80 €) sind für mich hingegen noch schwer einzuschätzen.

Weingut Heymann-Löwenstein, Mosel

SchieferterrassenEhrlich gesagt hatte ich nach ein bisschen Internet-Konsultation geglaubt, dass es bei HL einen fast umstürzlerischen Stilwechsel gegeben hätte, ich sagte es ja schon. Natürlich sind die Weine trockener und wirken deshalb auch sensorisch säurereicher als sonst, aber bitteschön, dies ist die Terrassenmosel, und es handelt sich weiterhin nicht um schlanke Leichtweine. Einer meiner Lieblinge in diesem Jahr ist der Kirchberg (19,80 €), dem der Jahrgangscharakter irgendwie gut bekommen zu sein scheint und der eine pikante Ausgewogenheit bietet. Mein zweiter Favorit hat mich hingegen selbst überrascht. Nie hatte ich vorher den Röttgen (22,80 €) besonders gemocht, er war mir immer zu tropisch. In diesem Jahr erscheinen mir Gewichtigkeit und Reife, die selbstverständlich weiterhin da sind, von einer frischen Struktur im Zaum gehalten. Oder anders ausgedrückt: Der Wein hat endlich mal das Kleid in der richtigen Größe gekauft.

Der Uhlen B (26,80 €), noch mehr aber der Uhlen L (29,80 €) sind hingegen noch in einer schwer verständlichen Phase. Aber die HL-Weine trinkt man ja in aller Regel auch nicht gerade im Jahr nach ihrer Abfüllung. Zum Abschluss habe ich dann noch die beiden Süßen probiert, zunächst die 2010er Auslese aus dem Röttgen (39,80 € für die halbe Flasche) und schließlich noch die Auslese aus dem Uhlen R (49,80 €, ebenfalls kleine Flasche). Beim Röttgen habe ich noch das Gefühl einer jugendlichen Adstringenz, so dass ich auf ein allzu frühes Öffnen verzichten würde. Die Uhlen-Auslese ist hingegen die Bombe in Liquid: leicht moussierend noch nach dem Öffnen, Botrytiston, dicht, starke Säure, leuchtend wie ein Komet, aber wesentlich haltbarer. Ich weiß, dass wir hier von unterschiedlichen Stilen sprechen, aber gegen diesen Wein lasse ich jeden Sauternes stehen. Auch die nicht-kryoextrahierten Versionen.

Weingut Kühn, Rheingau

Wie konnte das passieren? Peter Jakob Kühn steht mit seinen Weinen nicht auf der Liste, hat auch nur einen Abseits-Stand eingenommen, scheint also irgendwie spontan vorbeigekommen zu sein. Den Jacobus kann ich in dieser Kategorie in den letzten Jahren eigentlich immer empfehlen, so auch im Jahrgang 2012. Bei den großen 2011ern fühle ich mich ein wenig zwiegespalten: der Nikolaus wirkt recht holzig, und der Doosberg besitzt zwar Würze, trägt aber nicht so. Den 2012er Doosberg finde ich hingegen prachtvoll: reife Säure, schöne Frucht und Noten von würziger japanischer Netzmelone, natürlich bei Takano gekauft. Das ist ein Wein, der noch sehr lange laufen wird. Und obwohl ich das Thema „Preis“ ehrlich gesagt selten anspreche, möchte ich darauf hinweisen, dass wir hier so etwa 10 € unter den Pfalz-, Rheinhessen- und Nahe-Spitzen liegen.

Weingut von Winning, Pfalz

Was war das für ein Spektakel! Als ein renommiertes, aber nicht auf der Höhe der Schaffenskraft befindliches Pfälzer Weingut plötzlich eine Linie zum neuen Weingutsnamen erhob, die fruchtigen Rieslinge in bissiges Holz steckte und damit einen Markt enterte, auf dem Weinkritiker noch Fliege trugen, ja, da war das Getöse groß. Mittlerweile glaubt man kaum, dass das Ganze erst vor fünf Jahren passiert sein soll, so etabliert ist das Winning-Team in der deutschen Spitzenwein-Landschaft. Ich habe diesmal einen Ritt durchs Programm gemacht mit dem Riesling Grainhübel K&U (17,50 €), dem Großen Gewächs aus dem Ungeheuer (24,50 €), der 500er Sonderversion aus derselben Lage von 2010 und 2011 (beide 28,50 €), dem 2009er Grainhübel als Reminiszenz an die gute alte Zeit (nicht auf der Liste) und schließlich dem Sauvignon Blanc 500 K&U von 2011 (39 €).

Die 2012er Weine werden sehr schön, sind aber logischerweise noch nicht wirklich soweit. Interessant fand ich das Ungeheuer 500 von 2011, das mir persönlich besser gefällt als sein Vorgänger, weil ein 2010er ohne Restzucker trotz aller wunderbaren Aromatik in der Nase halt doch sehr streng und unsexy ist. Eine vielleicht endgültige Erkenntnis zum 2009er Grainhübel: Dieser Jahrgang wird mit keinem weiteren Exemplar den Weg in meinen Keller finden. Höhepunkt der vorgestellten Kollektion (bei der solche Kaliber wie das Kirchenstück nicht mit von der Partie waren) ist wieder einmal der Sauvignon Blanc. Bereits die recht dezente Nase gibt die Richtung bei einem der Vorzeigeweine aus dieser oft übel gepimpten Rebsorte vor. Komplett perplex bin ich, was für eine kräftige Säure aus dem 2011er Jahrgang gezogen werden konnte. Danach kommen Rauch und Pikanz, natürlich der Holzeinfluss, aber eben auch eine fast hochnäsige Grundhaltung, die irgendwie gar nicht aus deutschen Landen stammen kann.

Weingut Ansgar Clüsserath, Mosel

Zum Schluss stehe ich vor Philipp Wittmann. „Was denn“, meine ich, „heute niemand von der Mosel am Stand?“ „Doch“, meint er, „ich.“ Kann man so interpretieren. Ich probiere nur zwei Weine, beides 2012er, beides Rieslinge, nämlich den Schiefer (9,90 €) und den Steinreich (13,90 €). Nicht dass ich es nicht geahnt hätte, aber die beiden Weine sind ganz einfach gut. Der Schiefer präsentiert sich als Mosel-Tischwein at its best, frisch, klar und energisch, während der Steinreich mit derselben Säurefrische aufwartet, zusätzlich aber noch Cremigkeit und einen runderen Stoff in die Waagschale wirft. So kann es eigentlich aufhören.

Tut es aber nicht, denn in Wirklichkeit probiere ich jetzt erst hier zum Schluss die Uhlen Auslese von den Löwensteins – und schlucke den Wein frecherweise runter.

Mein Fazit nach diesem Mini-Marathon vor allem durch den 2012er Jahrgang in Deutschland ist ziemlich klar. So klar, dass ich sogar unblogmäßige Spiegelstriche zur Verdeutlichung wählen kann:

  • Der Jahrgang 2012 hält ausgezeichnete Weine bereit.
  • Über einen Kamm scheren sollte man das aber nicht, denn die dem Organisator geschuldete Selektion hat einfach vermieden, in anderswo vorhandene Abgründe zu blicken.
  • Wer Probleme mit Säure hat, möge doch bitte einen Anruf beim lokal zuständigen Weinbauverband tätigen, verbunden mit der Frage, wer denn dieses Jahr die Goldene Kammerpreismünze in der Kategorie „manipulative Weinbereitung“ erhalten habe. Da mag dann auch die eine oder andere abgemilderte Version anzutreffen sein.
  • Generell sind aber vor allem die kleineren Weine straff und animierend.
  • Die größeren hingegen sollten genügend Zeit bekommen, um die ganzen in diesem Jahrgang ziemlich stark präsenten Einzelelemente zu einem harmonischen Gesamtbild zu fügen.

Ich werde also erst einmal die Weine der mittleren Kategorie kaufen wie den Grauburgunder K&U von Holger Koch, den Siefersheimer Riesling von Wagner-Stempel, die Niederhäuser Klamm von Racknitz, einen Silvaner von den Luckerts, den Röttgen von Heymann-Löweinstein, die Aulerde von Wittmann, den C.A.I., den… [hier unterbrach der Lektor den Autoren; wir sind bei fast 5.000 Wörtern angelangt, und irgendwo ist Schluss.]

[Aber demnächst kommt Teil II mit den „anderen“ Herkünften, hinter denen sich vornehmlich österreichische und französische Gewächse verbergen. Der Autor hat schon wieder eine lange Liste seiner Favoriten vorgelegt. Da müssen wir wohl durch.]

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11 Antworten zu K&U-Hausmesse 2013: die deutschen Weine

  1. Alex schreibt:

    Respekt, das klingt nach Schwerstarbeit🙂

    Wenn man bei Möbitz den – man möchte ja fast schon Hype sagen – außen vor lässt bleiben immer noch recht gute Weine übrig.

    2011 habe ich noch nicht probiert, aber wir hatten 2009er Ölberg kürzlich mehrfach im Glas und der ist im Moment sehr verschlossen, war also vielleicht ein undankbarer Zeitpunkt um ihn direkt aus der Flasche zu testen. Zeigt sich mit viel Luft gut austariert und mit tollem Trinkfluß, Tiefgründigkeit oder Komplexität habe ich allerdings auch vermisst.

    Freue mich auf den zweiten Teil.

    LG,
    Alex

    • Matze schreibt:

      Richtig, Schwerstarbeit, genau so wollte ich es rüberbringen😉. In Wirklichkeit war es natürlich ein echtes Vergnügen, wegen der Leute sowieso immer, aber mit dem guten Jahrgang im Rücken waren die Weine diesmal auch irgendwie besonders gut. Okay, Frankreich hatte 2011 und 2012 im Allgemeinen keine guten Bedingungen, aber der zweite Teil folgt ja auch noch…

      Und was die Möbitz-Weine anbelangt, ich hatte es ja zu Anfang geschrieben, da gibt es immer einen Haufen möglicher Faktoren, weshalb das jetzt nicht optimal passte. Als ich beim Einschenken die Farbe gesehen hatte, dachte ich, ah interessant, jetzt kommt ein „roter Riesling“. War dann aber doch nicht so. Letztlich hilft gegen Momentaufnahmen wahrscheinlich nur eins: Flasche kaufen und in aller Ruhe nachprobieren.

  2. Thomas Riedl schreibt:

    Hallo Matthias,

    von wegen Bleiwüste… Danke für den tollen Bericht.
    Aber einen flüchtigen aber gravierenden Fehler hast Du leider drin: Der „Gemengelage“ vom Weingut Adams entstammt zwar einem Gemischten Satz. Aber – und das solltest Du doch wissen – wurzelecht darf der nicht sein und ist er auch nicht!
    Und „Gemischter Satz“ darf er auch nicht genannt werden. Schuld sind? Die Österreicher!
    Ich finde, man sollte dem Wiener Schnitzel auch verbieten, so genannt zu werden.

    Herzliche Grüße

    Thomas

    • Matze schreibt:

      Tja, da hätte ich leicht nachfragen können, ich dachte, die Reben seien wurzelecht gepflanzt worden.

      Aber nennen darf ich den Wein „Gemischter Satz“, ist ja schließlich einer, auch wenn es nicht draufstehen darf😉. Ich bin an sich ja kein Gegner von rechtlich geschützen Namensbezeichnungen, weil es der besseren Einordnung und Identität dienen kann, vor allem bei kulturell und geographisch tatsächlich schützenswerten Produkten. Aber wenn Namen woanders mit derselben Tradition bereits existieren (oder gar allgemeiner Sprachgebrauch sind, so wie bei den grotesken Monsanto-Namensrechtskämpfen), dann wird das irgendwie seltsam.

      Ich möchte den Österreichern hier aber keinesfalls den Schwarzen Peter zuschieben. Schließlich hätten die Deutschen intervenieren können oder wenigstens darauf hinweisen, dass es hier einen Interessenskonflikt gibt und dass man meinetwegen den „Gemischten Satz“ als Begriff mit einem Zusatz versehen muss, „Wiener Gemischter Satz“, „Fränkischer Gemischter Satz“ oder so etwas. Aber sie haben sich ja nicht gerührt…

  3. cedric fischer schreibt:

    Hallo Matz,

    Deine Bemerkungen zu Heymann-Löwenstein habe ich nicht so richtig verstanden. Klar ist: die haben einen Stilwechsel vollzogen, zumindest gilt das für die Jahrgänge 2011 und 2012. Das sagen die auch ganz offen. Die Spitzenweine sind richtig trocken. Der Verzicht auf Botrytis ist übrigens kein kellertechnisches Mätzchen (pardon!), sondern das Ergebnis von Weinbergsarbeit und Traubenselektion. Man muss solche Erwägungen nicht gleich fundamentalistisch zuspitzen („Cola oder Wein“). Wenn ich die Löwensteins richtig verstanden habe, wollen sie besser verständliche und leichter trinkbare Weine erzeugen. In der Tat präsentieren sich gereifte Löwenstein-Weine oft schwierig, sind interessant, aber schwer trinkbar (wegen Süße, hohem Alkohol und deutlicher Botrytis). Die Genussfenster fallen viel kleiner aus als bei anderen Winzern. Davon habe ich mich neulich bei einer Vertikale selbst überzeugen können. Am liebsten habe ich einen 1990er Wein getrunken (Uhlen oder Röttgen, ich weiß es nicht mehr). Der Wein präsentierte sich im Stil der 2012er: richtig trocken, ohne jede Botrytis. Die aktuelle Stilwende ist also eine Rückkehr zu den Wurzeln; denn so haben sie bereits in den 80ern ihre Weine gemacht.

    Im Übrigen meine ich: Man sollte mit seinen Lieblingswinzern ehrlich umgehen: Wenn einem die Weine nicht schmecken, sollte man sagen können, warum und sie nicht kaufen. Auch das ist eine Unterstützung. Wenn der Winzer Kritik krumm nimmt, dann ist er nicht mehr mein Lieblingswinzer – man muss ihm ja die eigene Meinung nicht gleich auf die Nase binden.
    Herzliche Grüße,
    Cedric

    • Matze schreibt:

      Ah, prima, hab ich mich wieder unverständlich ausgedrückt😉

      Also, wie sich das mit den Löwensteins ganz genau verhält, weiß ich natürlich auch nicht. Klar, Botrytis hat nichts mit dem Keller zu tun. Und klar auch, Du kannst, wenn Du willst, im Weinberg entweder durch entsprechende Selektion (halbwegs) oder durch den Einsatz von Botrytiziden die Ausbildung von Botrytis verhindern. Okay, im Juli und August würdest Du’s eh immer verhindern wollen, aber ich meine die Herbstphase. Wenn Du das aber beides nicht machst und relativ spät erntest, hast Du eigentlich in jedem Jahr einen unterschiedlichen Anteil edelfauler Trauben. So wie beim Tokaji Szamorodni. So ähnlich hatte ich Reinhard Löwenstein verstanden, also nicht ein komplett bewusster Stilwechsel von Vornherein, sondern ein von natürlichen Gegebenheiten beeinflusster. Aber gut, wissen tut’s nur der, der es tatsächlich macht😉.

      Natürlich hast Du Recht, dass man dem Lieblingswinzer schon sagen sollte, wenn einem irgendwas nicht gefällt. Ich meine, auf Einschätzungen von Leuten, die einem prinzipiell gewogen sind, ist man ja immer angewiesen, wenn man sich weiterentwickeln möchte. Das gilt nicht nur für Winzer, das geht einem selbst ja genauso. Ich dachte da auch weniger an Veränderungen im Keller oder bei der Sorgfalt der Weinbereitung ganz allgemein, sondern eher an Schwankungen, die mit dem Jahrgangscharakter einhergehen. So nach dem Motto, „sorry, war halt ein Arschjahr, dann bleibst du eben auf deinen Weinen sitzen“. Die gut abgesicherten und gut situierten Winzer trifft so etwas sicher weniger. Aber es gibt in der Winzerwelt doch auch Leute, die wirklich messerscharf kalkulieren müssen. Und die prinzipielle Idee einer „Stammkundschaft“ ist glaube ich eher im Rückgang begriffen. (ist vermutlich aber ein größeres gesellschaftliches Thema ;))

  4. Chris schreibt:

    Vielen Dank Matze für deinen ersten Bericht von der K & U Messe. Da hätte ich wohl meinen faulen Allerwertesten doch die kurze Strecke Richtung Nürnberg jagen sollen😉. Ganz sicher was verpasset😦 Immerhin gibt es deinen Bericht!

    Wegen der Gemischten Satz Frage. Falls ich sie richtig verstanden habe. Ich beschäftige mich zwar nicht sonderlich (und sehr bewußt ;-)) mit Auszeichnungsvorgaben und ähnlichen Weinrechtlichen Angelegenheiten, doch meines Wissens darf die Bezeichnung „Gemischter Satz“ auch in Deutschland auf dem Frontetiketten stehen. Das Juliusspital macht es meines Wissens (weil eine Flasche so bei mir im Keller liegt) und meines Wissens Kühling-Gillot ebenfalls. Wenn ich nicht falsch liege, was aus schon genannten Gründen gut sein kann, ist nur „Wiener Gemischter Satz“ geschützt. Nochmals Danke! Auf deinen zweiten Teil freue ich mich noch mehr🙂

    Gruss

    Chris

    • Matze schreibt:

      Also, so wie ich das verstanden habe (ich hoffe, Thomas liest hier noch mal mit und korrigiert mich nötigenfalls), ist in der EU-Verordnung 607/2009 festgelegt worden, welche geschützten geographischen Bezeichnungen es beim Wein geben soll. Die Österreicher haben sich dabei u.a. die Begriffe „Heuriger“ und „Gemischter Satz“ gesichert. Offiziell darf der „Gemischte Satz“ vom Juliusspital (weil außerhalb der nunmehr geltenden Regularien) ab dem Jahrgang 2012 also nicht mehr so heißen. Wenn ich mich nicht täusche, habe ich allerdings einen anderen 2012er „Fränkischen Gemischten Satz“ gesehen. Das lässt mich rätselnd zurück. Die Österreicher haben sich ja nicht den Begriff „Wiener Gemischter Satz“ sichern lassen, sondern „Gemischter Satz“. Die spezifische Regelung zum „Wiener Gemischten Satz“ war ja nur eine (spätere, zusätzliche) nationale Regelung, die die allgemeinösterreichischen Vorgaben zum „Gemischten Satz“ noch verschärfte und konkretisierte. Ergo müssten jetzige „Gemischte Sätze“ aus Deutschland entweder in Wahrheit österreichischer Herkunft sein – oder aber rechtswidrig bezeichnet.

      Die Deutschen waren im Rahmen der EU-Verhandlungen übrigens nicht untätig. Sie haben zwar auf die Sicherung des Begriffes „Gemischter Satz“ verzichtet, sich dafür aber die Begriffe „Ehrentrudis“, „Hock“ oder „Liebfrauenmilch“ gesetzlich schützen lassen. Das erschien ihnen wichtig, weil der Name „Liebfrauenmilch“ ja überall der Welt als Leuchtturm deutscher Weinqualität bekannt ist… Vielleicht sollten wir doch mal darauf achten, wen wir da eigentlich in die Kommission und ins Parlament schicken😉.

      • Chris schreibt:

        Danke für die Antwort Matze. Dann ist das einen noch nicht so alte Regelung. Hab ich so nicht mitbekommen.

        Per Zufall hab ich in der Weinwelt 10/11 2013 (ein Anichtsexemplar, keine Angst …😉 ) einen Artikel über das Thema deutscher Gemischter Sätze gefunden. In der Tat werden die meisten 2012 Jahrgänge jetzt anders ausformuliert (z. B. Weingut Störrlein 2012 Altfränkischer Wengert Kabinett Randersacker Pfülben oder Weingut Zang 2012 Alter Satz trocken Rimbacher Landskencht etc.). In der Auflistung wird nur Kühling-Gillot’s Gemischter Satz immernoch mit „2012 Gemischter Satz trocken“ angegeben. Im Netz hab ich dazu auch ein entsprechendes Foto gefunden. Hmmm, was da wohl der Grund sein mag? Der Zusatz „trocken“? Kann ich mir fast nicht vorsellen …

        Zum schützen des Namens „Liebfrauenmilch“ fällt mir nix mehr ein …😉

        Gruss

      • Matze schreibt:

        Nein, glaube ich auch nicht, dass es da eine solche Lücke gibt. Hoffen wir mal, dass von dem Wein schon alles beim Endverbraucher angekommen ist, nicht dass es da noch irgendwelchen bezeichnungsrechtlichen Ärger gibt.

        Übrigens (nur mal wegen des Weinwelt-Ansichtsexemplars ;)), ich habe mir gerade wieder die neuen Ausgaben von Gault Millau und Eichelmann von meinem sauer verdienten Geld geleistet. Und ehrlich gesagt, trotz aller Mosereien und berechtigter Kritik an der einen oder anderen Einlassung, ich wäre nicht glücklich, wenn es diese Bücher nicht mehr geben würde. Einen besseren Marktüberblick gibt es schlichtweg nicht. Ich finde Angaben zu 1.000 Winzern, sehe, welche Weine sie auf den Markt bringen, was sie kosten, wie hoch der Alkoholgehalt ist, und ob sie den Testern im jetzigen Stadium eher gut oder eher weniger geschmeckt haben. Ob ein Wein punktemäßig jetzt ein Hundertstel besser oder schlechter als ein anderer sein soll – Marginalien😉.

        Und noch was (kann ich an dieser versteckten Stelle ja mal so schreiben): Manfred Lüer, der immer den Rheinhessen-Teil beim GM schreibt, hätte eigentlich schon längst den rheinhessischen Adelstitel verdient. Im Laufe der Jahre hat er es nämlich geschafft, dank lebendiger „Schreibe“ und taktisch gut verteilter Punkte ein rheinhessisches Weingut nach dem nächsten in die deutsche Spitzenklasse zu hieven. Dieser Aufschwung in Rheinhessen liegt nämlich bei weitem nicht nur an der Weinqualität, sondern auch erheblich an der öffentlichen Wahrnehmung. Wenn ich einen tollen Wein mache, aber kein Marketingtalent besitze, und zusätzlich berichtet auch niemand darüber, tja, dann wird’s schon schwer.

  5. Alex schreibt:

    Saustarker Artikel und viele wahren Worte, die mich doch auch zum Grübeln gebracht haben. Irgendwie versuche auch ich immer die guten Jahrgänge herauszupicken. Aber Du hast recht – man muss die Winzer ermutigen immer konsequent zu bleiben.
    Den Klamm habe ich übrigens auch auf der LIste!

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