Burgund in Tokio: Leroy-Weinprobe im Takashimaya

TitelJahrelang hatte ich darauf gehofft, irgendwann einmal einen Wein der legendären Domaine Leroy probieren zu dürfen. Viele Weinkenner sind der Meinung, dass Leroy gemeinsam mit Romanée-Conti die Spitze dessen darstellt, was im Burgund (und auch weltweit) überhaupt möglich ist. Beste Lagen, konsequentester, irrsinnig aufwändiger biodynamischer Weinbau und die große Souveränität des Nichtstuns im Keller, das sind hier die wichtigsten Voraussetzungen für große Weine. Leider kosten die Produkte dann auch entsprechend viel, die „mittleren“ Leroy-Roten gibt es ab 300 € aufwärts, die „großen“ sind außerhalb meiner Reichweite, und die „kleinen“ habe ich noch nie in einer Weinhandlung gesehen, weil sie vermutlich direkt vom Weingut in private Keller wandern. Jetzt stehe ich also hier in einem Kaufhaus in Tokio und staune Bauklötze: Eine freundliche Mitarbeiterin schenkt interessierten Kunden Proben des (gerade auf den Markt gekommenen) 2011er Jahrgangs aus.

Was mir zunächst wie ein großes Mysterium vorkam, stellte sich nach einigen Recherchen als gar nicht so zufällig heraus. Wie so häufig, hängt allerdings auch hier irgendwie alles mit allem zusammen, was die Sache ein wenig kompliziert macht. Als Leser/in dieses Blogs seid Ihr es ja gewissermaßen gewohnt, dass ich Euch die ganze Geschichte darlege. Solltet Ihr aber ausschließlich daran interessiert sein, wie die Weine denn schmecken, dann scrollt einfach runter zu den Verkostungsnotizen.

Raum im TakashimayaFür alle anderen jetzt also die Ouvertüre zur wahrscheinlich wichtigsten Weindynastie im Burgund: Um allerdings nicht im Erdaltertum anzufangen, akzeptieren wir einfach mal, dass es bereits zwei Familien gibt, Chandon und de Villaine. Jacques Chandon und seine Schwester Marie-Dominique, verheiratete Gaudin de Villaine, besitzen jeweils die Hälfte der Domaine Romanée-Conti. Aus der de Villaine-Reihe stammt der heutige Mitbesitzer Aubert de Villaine. Jacques Chandon hingegen beschließt im Jahr 1942, seine Anteile zu verkaufen, und zwar an den befreundeten Weinhändler (und Mini-Weingutsbesitzer der Domaine d’Auvenay) Henri Leroy aus Auxey-Duresses. Henri Leroy wiederum vererbt seinen Anteil später an seine beiden Töchter Pauline Roch und Marcelle Bize (letztere eigentlich nur unter dem Namen Lalou Bize-Leroy bekannt). Aubert de Villaine und Lalou Bize-Leroy leiten ab 1974 die Geschicke von Romanée-Conti. Aubert kümmert sich dabei primär um das Weingut an sich, während Lalou über das Maison Leroy für den exklusiven Vertrieb der Romanée-Conti-Weine sorgt. Nach einigen Jahren beginnen sich jedoch gewisse Spannungen zwischen den beiden aufzubauen.

Da Lalou hauptsächlich eine „richtige“ Winzerin sein will, beginnt sie im Jahr 1988 über den Verkauf von Anteilen des Maison Leroy zu verhandeln (es geht um 33%). Zunächst im Frühjahr mit dem Luxuskonzern LVMH – allerdings erfolglos. Den Zuschlag erhält schließlich die japanische Kaufhauskette Takashimaya, die bereits seit 1972 mit der Distribution der Maison-Leroy-Weine in Japan beauftragt war. Die französische Presse und die französischen Politiker wittern den Ausverkauf von Kulturgütern und titeln „Romanée-Conti droht von Japanern verschlungen zu werden“. Sie hätten lieber den Verkauf der Anteile an LVMH gesehen. Seien wir froh, dass es dazu nicht gekommen ist, denn wie sich schnell herausstellt, geht es Takashimaya als Minderheitseigner des Handelshauses weder um Landbesitz noch um eine allzu starke Einmischung. Bis heute hat sich weder an den Anteilen noch an der Zusammenarbeit zwischen Leroy und Takashimaya irgendetwas geändert.

Das Geld aus dem Teilverkauf des Maison Leroy nutzt Lalou dazu, selbst Land nur für sich zu erwerben. Ihre Wahl fällt dabei auf die ehemalige Domaine Charles Noëllat, die zwar hervorragende Lagen mit alten Reben besitzt, aber ziemlich heruntergewirtschaftet ist. Ob Lalou erst mit Takashimaya verhandelt und dann mit Noëllat, ob der Streit mit Aubert de Villaine durch diese Aktion hervorgerufen wird oder vielmehr der Streit erst zu der anderweitigen Orientierung geführt hat, ist ehrlich gesagt completely wurscht.

Fakt ist, dass Lalou Bize-Leroy auf der neuen Domaine sofort (also mit dem Jahrgang 1989) den biodynamischen Weinbau mit aller Konsequenz einführt, sich mit Aubert noch mehr zerstreitet und im Jahr 1992 schließlich aus der Romanée-Beteiligung komplett ausscheidet. Ihre dortigen Anteile übernimmt ihr Neffe Henri-Frédéric Roch, der gemeinsam mit Aubert de Villaine die Domaine bis heute leitet.

Im Jahr 2013 sieht die ganze Sache nun folgendermaßen aus:

Lalou Bize-Leroy leitet die Domaine Leroy in Vosne-Romanée (22 ha), konzentriert auf Rotweine, und die Domaine d’Auvenay in Meursault (4 ha), konzentriert auf Weißweine. Gleichzeitig ist sie Mehrheits-Mitbesitzerin vom Maison Leroy (alles dieselbe Website), einem Handelshaus alter Schule, das Weine von Vertragswinzern unter seinem Namen vertreibt. Minderheitseigner dieses Maison Leroy mit 33% Anteilen ist Takashimaya. Die Weine der Domaine Leroy und der Domaine d’Auvenay sind ungemein teuer, diejenigen vom Maison Leroy immer noch ziemlich teuer. Die Spezialität des Maison Leroy ist es, ältere Jahrgänge einzulagern und erst nach einer Reihe von Jahren auf den Markt zu bringen.

Aubert de Villaine leitet zusammen mit Henri-Frédéric Roch die Domaine Romanée-Conti in Vosne-Romanée (25 ha), die ich sicher nicht vorzustellen brauche. Gleichzeitig besitzen er, seine Frau Pamela und sein Neffe Pierre de Benoist jedoch noch die eigene Domaine de Villaine in Bouzeron (21 ha), die wesentlich günstigere aber dennoch sehr gute Weine herstellt.

Henri-Frédéric Roch besitzt außer seinem Romanée-Conti-Anteil natürlich auch noch ein eigenes Weingut, die Domaine Prieuré-Roch in Nuits-Saint-Georges (11 ha). Hier produziert er Weine, die gemeinhin als recht wild gelten. Nachdem er sich von einigen Weinkritikern missverstanden fühlte, schickt er heute keine Probeflaschen mehr an die Redaktionen und meidet öffentliche Auftritte ganz allgemein. Die Konsequenz ist, dass die Domaine Prieuré-Roch als einzige der sechs genannten Unternehmungen in praktisch keinem Weinguide präsent ist. Teuer sind die Weine dennoch.

Interessanterweise sind trotz der persönlichen Differenzen die stilistischen Ansätze bei allen drei Protagonisten ähnlich. Alle drei legen größten Wert auf intensive, aber dennoch schonende Weinbergsarbeit (in aller Regel biodynamisch, mindestens jedoch bio-zertifiziert), alle drei vergären ausschließlich spontan, filtrieren nicht, chaptalisieren und schönen nicht und bauen ihre Weine in Holzfässern aus. Die Konsequenz hieraus ist, dass alle Weine jung gar nicht gefällig sein wollen, weil sie für ein langes Leben gedacht sind. Mir war natürlich klar, dass ich mit der Verkostung von 2011er Leroy-Weinen auf diese Weise nur einen Eindruck der generellen Richtung bekommen könnte – angefangen beim allerkleinsten Wein, denn wenn es jemanden in der Weinwelt gibt, der von seiner Idee des langlebigen Burgunders nicht eine Nuance abweicht, dann Lalou Bize-Leroy.

WeinprobeUnd damit kommen wir endlich zu den Weinen selbst und treffen die „Scroller“ von vorhin wieder. Nachdem ich ja bislang gedacht hatte, dass die „kleinen“ Leroy-Weine sofort in Privatkellern verschwinden, hat mich die Verkostung bei Takashimaya eines besseren gelehrt: Die „kleinen“ Weine sind hier in Japan! Und das vielleicht sogar exklusiv, wie einige Kommentatoren bei cellartracker oder LPV vermuten. Da ich mich auf diese Weise ziemlich realistisch mit dem Kauf eines echten Domaine Leroy-Weins konfrontiert sah, habe ich diese Weine natürlich schwerpunktmäßig probiert. Ein paar Maison-Weine als Vergleich kamen aber ebenfalls dazu, deshalb zunächst zu jenen.

(Ein kleiner Nachtrag noch: Wie kann man die Domaine-Weine von den Maison-Weinen unterscheiden? Ganz einfach: Bei den Domaine-Weinen steht „Leroy Propriétaire“ auf dem Etikett, bei Maison-Weinen „Leroy Négociant“.)

Beaujolais Villages 2011, rot, Maison Leroy, 2625 Yen = 20,51 € (ich habe das nach meinem eigenen Umtauschkurs berechnet)

So stelle ich mir einen guten Beaujolais vor! 99,5% der Beaujolais, die heute produziert werden, sind allerdings völlig anders. Zum Glück gibt es seit einiger Zeit jedoch eine neue Bewegung, die quasi die vorindustriellen Ideen wieder aufnimmt, den Gamay traditionell vinifiziert (also nicht mit Kohlensäuremaischung) und auch ansonsten Aufzuckerungen, Zentrifugalgeschichten, Enzymbehandlungen und „Geschmacksverstärkern“ wie gummi arabicum feindlich gesonnen ist. Dieser Beaujolais ist blaufarbig in der Empfindung, Graphit, Heidelbeere, sehr straff und fast spröde-mineralisch. Man kann ihn mit ausreichend Luft jetzt schon trinken, aber ein harmonischer Höhepunkt ist sicher noch fünf Jahre entfernt.

Mâcon 2010, rot, Maison Leroy, 4200 Yen = 32,81 €

Interessanterweise ähnelt dieser Mâcon dem Beaujolais, was im Prinzip auch nicht sehr verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass im roten Mâcon sowohl Pinot Noir als auch Gamay als Trauben zugelassen sind. Während zu früheren Zeiten das Mâconnais primär Rotweinland war, hat sich dies mittlerweile radikal geändert. Die Parallele zum vorher probierten Beaujolais liegt vor allem in der Strenge, der Purheit, dem blauschwarzen Ausdruck. Von der Aromatik her scheint hier die Johannisbeere etwas vor der Blaubeere zu liegen, Holz ist praktisch gar nicht spürbar, die Tannine sind zwar da, aber nicht vorstechend. Wahrscheinlich würde ich des Preisunterschiedes wegen den Beaujolais Villages aber vorziehen.

Montagny 1er Cru 2001, weiß, Maison Leroy, 7350 Yen = 57,42 €

100% Chardonnay, soviel steht fest. Und hier ist auch die „klassische Burgunderart“ spürbar, also ein gewisser Holzeinfluss und ein stärkeres „Fett“. Die Säure bleibt aber weiterhin recht kompromisslos und der Wein wirkt, als würde ihm etwas mehr Luft auch noch gut tun. Dennoch ein ganz anderer Stil als die beiden Weine zuvor, und das liegt nicht daran, dass dies ein Weißwein ist.

Côte de Beaune Villages 1997, rot, Maison Leroy, 7350 Yen = 57,42 €

Natürlich merkt man sofort, dass dies kein 2011er ist, aber irgendwie wirkt der Wein trotz seines nicht unbeträchtlichen Alters von 16 Jahren recht jung. Das mag zum einen an den gerade so abgeschliffenen Tanninen liegen, die eher andeuten, dass man mit dem Öffnen auch noch ein paar Jahre hätte warten können. Und dann gibt es noch diese offenbar typische dunkle Waldfrucht. Hier haben wir es ja nun eindeutig mit einem reinsortigen Pinot Noir zu tun, aber dennoch gehen die Noten eher in Richtung Wald und Unterholz, also keinesfalls in eine Erdbeer-Himbeer-Mischung. Der Abgang überzeugt mich bei diesem Maison-Wein jedoch weniger; für mich kein unbedingtes Kaufprodukt. Ohnehin muss ich zugeben, dass mich die jungen Maison-Weine stärker eingenommen haben als die älteren. Letztere sind halt doch „nur“ gute Burgunder, wenn auch mit gewissen Kanten.

Coteaux Bourguignons 2011, weiß, Domaine Leroy, 5250 Yen = 41,01 €

Jetzt aber endlich zum ersten echten Domainenwein von den eigenen Rebflächen. In vielen Weinpublikationen habe ich bislang immer gelesen, dass die Domaine Leroy nur Pinot Noir und Chardonnay besitzt (so auch im deutschen Wikipedia-Eintrag), und dass es sich um Grand- und Premier-Cru-Lagen handeln würde. Auf der (endlich fertiggestellten) Website der Domaine lese ich allerdings, dass es auch einfachere Lagen gibt: zweieinhalb Hektar Bourgogne Aligoté, 1/3 Hektar Bourgogne blanc, 3/4 Hektar Bourgogne rouge, 1/4 Hektar Coteaux Bourguignons rouge und einen halben Hektar Coteaux Bourguignons blanc. Natürlich sind das geringe Flächen, die zu geringen Flaschenmengen führen, aber es gibt sie. Für mich ist das vor allem deshalb interessant, weil auf allen Flächen von derselben Mannschaft dieselben aufwändigen Methoden im Weinberg angewandt werden.

Der weiße Coteaux Bourguignons (die AOC ist ganz neu und hat die AOC Bourgogne Grand Ordinaire ersetzt) wirkt wie ein Chablis: stahlig, strikt, säurebetont, null Holz, null Gefälligkeit. Ohne es zu wissen, hätte ich rein vom Gefühl her auf einen sehr hohen Aligotéanteil getippt, aber die Aromatik könnte eben auch für einen sehr präzisen Chardonnay stehen. Wer diesen Wein kauft, sollte wissen, was er tut. Und die Tatsache, dass es diesen Wein zu diesem Preis gibt und er vermutlich sofort ausverkauft ist, ist für mich irgendwie ein Zeichen, dass man auch mit einem sehr persönlichen Ansatz und ohne viele Zugeständnisse Erfolg haben kann.

Bourgogne Grand Ordinaire 2011, rot, Domaine Leroy, 5250 Yen = 41,01 €

Leroy Grand OrdinaireJetzt kommen wir zu den Weinen, die ich auch gekauft habe, denn ein Probeschluck im Kaufhaus ist das Eine, ein ganzes Fläschchen zum Testen und Genießen jedoch etwas ganz anderes. Wäre ich nicht in Tokio und wüsste um die Gepäckprobleme beim Rückflug, ich hätte diesen Wein nicht so früh aufgemacht. Nun ist es aber passiert. Nach dem Öffnen: Schwefeldampf. Sehr verschlossen, sehr reduktiv, erst nach einer Weile mit dunkelfruchtiger Nase und ein wenig dichtem Zedernholz. Am Gaumen ist der Wein konsistent, also strikt, puristisch, wieder Blaubeer, schwarzer Stein, Kaffee und leicht vegetabil. Die Säure macht den Wein frisch und knackig, während das Tannin in diesem Stadium überraschend sanft wirkt, aber nachhaltig. Ich habe den Wein vermutlich noch in einer irgendwie gearteten Fruchtphase geöffnet, aber natürlich dennoch deutlich zu früh.

Bourgogne Aligoté 2008, weiß, Domaine Leroy, 4200 Yen = 32,81 €

Aligoté FlascheDiesen Wein habe ich nicht bei Takashimaya gekauft, sondern bei Tokyu in Shibuya. Die Preise erschienen mir sehr interessant, denn beispielsweise der 2010er Aligoté hätte bei Takashimaya das Doppelte gekostet. Warum das so ist, erschließt sich mir nicht, denn beide Male schienen mir die Weine in Klimakammern gleichermaßen aufwändig gelagert zu werden. Diese Flasche hätte ich allerdings überhaupt nicht aufmachen wollen. Aber leider ist sie beim Transport aufs Köpfchen gefallen, was ein paar große Risse im Glas zur Folge hatte. Also musste der Kork sofort raus, und der Wein wurde erst einmal zwölf Stunden dekantiert. Ja, keine Minute weniger, denn der reduktive Dampf nach dem Öffnen sagte mir ganz klar, dass der Wein in diesem Zustand noch nicht getrunken werden möchte.

Als sich der Schwefeldampf verzogen hat, kommen Apfelnoten zum Vorschein, Lindenblüten, zunächst eine dezente Weinigkeit, später auch ein wenig Lösungsmittel. Im Mund wirkt der Wein so, als besäße er noch Gerbstoffe. Und diese können kaum aus dem Fassholz stammen, denn das ist praktisch nicht spürbar. Allerdings habe ich gelesen, dass auf der Domaine Leroy mit Ganztraubenmaischung gearbeitet wird, die Trauben also nicht entrappt werden. Insofern können diese gerbigen Noten im Weißwein auch von den Stielen und Stängeln stammen. Von der Aromatik her kann ich mich nur wiederholen: zitronensauer, Cassiszweig, strikt, puristisch, und ein mineralisches Feuer, das mich an eine Mischung aus clam juice und trockenem Tokajer erinnert.

Aligoté EtikettMein Fazit besteht aus lauter Fragezeichen und Ausrufezeichen. Ist das, was ich hier probiert habe, der Stil von Leroy? Falls ja, war er schon immer so? Kann man das bei den hundsteuren Grands Crus ebenso spüren, oder wird dort mit Sanftheit gearbeitet und mit Purismus nur im Einstiegssegment? Falls die Domaine Leroy in ihrem gesamten Segment diesen konsequenten Stil besitzt, warum habe ich das bei den Verkostungsnotizen anderer Leute kaum je so gelesen? Da wird im Allgemeinen gepriesen (oder etwa nachgeplappert?), aber viel zu wenig beschrieben. Diese Weine sind jedenfalls der Knaller an Strenge, an Geradlinigkeit, an Konsequenz! Das Zielpublikum für solche Weine ist für mich dasselbe, das auch Yohji Yamamoto trägt oder Comme des Garçons: Da geht es nicht um sanfte Schönheit, sondern um einen puren Ausdruck, black in black, um das Ringen mit der Materie, um die intellektuelle Auseinandersetzung. Wer nachvollziehen kann, weshalb man für einen schwarzen Sack 3000 Euro bezahlt, kann auch verstehen, was Lalou Bize-Leroy hier macht.

Wer von Euch zu starkem Hedonismus neigt, zum Rokoko im Geist, zu dem Gefühl, sich einen besonderen Wein gönnen zu wollen, weil man es sich verdient habe – lasst die Finger von den Leroy-Weinen. Hier gibt es nicht „viel Wein fürs Geld“.

Wer hingegen mit Avantgarde in sämtlichen Ausdrucksformen etwas anfangen kann, wer der Strenge des Steingartens etwas abgewinnt, die gerade Linie der Rüsche vorzieht, im Museum nicht zuerst zu der Vitrine mit dem Goldschatz rennt, der sollte den Kauf eines der von mir probierten Leroy-Weine mal in Erwägung ziehen.

Wo Ihr diese Weine bekommen könnt? Nun, Tokio ist immer eine Reise wert, und im Takashimaya gibt es bei entsprechendem Budget alles von Leroy, vom Grand Ordinaire bis zum Musigny. Den Bourgogne Aligoté habe ich für einen Preis von 83,30 € auch hier gefunden. Eine Nachfrage bei WeinArt könnte ebenfalls erfolgversprechend sein. Ansonsten sind die „kleinen“ Leroy-Weine einfach ebenso rar, wie sie bei dieser Erscheinung offenbar auch sein müssen.

Habt Ihr schon einmal einen Wein der Domaine Leroy getrunken? Falls ja, könnt Ihr eines meiner Fragezeichen auflösen? Falls nein, spricht Euch ein solcher Stil bei sehr wertvollen Weinen an, oder sollte man da am entsprechenden Bumms schon gleich merken können, dass sie etwas „wert“ sind?

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19 Antworten zu Burgund in Tokio: Leroy-Weinprobe im Takashimaya

  1. Keita schreibt:

    Komplizierte Geschichte, das. Aber auf jedenfall super recherchiert.
    Habe Leroy noch nicht probiert, aber eine Leiche im Keller. 1970er Meursault Blanc von MAISON Leroy. Zieht leichte Schlieren und ist auch schon recht dunkel in der Flasche. Mal sehen, besser wird er wohl nicht mehr werden, vielleicht mache ich den dann doch mal demnächst auf… Ohne Erwartungen wird man auch nicht enttäuscht.

    • Matze schreibt:

      Was ich schon gelesen hatte und hiermit aus eigener Erfahrung bestätigen möchte: Die Korken von Leroy sind echt problematisch. Und zwar nicht vom Korkgeschmack her, sondern weil sie so dick und weich sind. Dafür kommen sie halt ohne Gleitstoffe aus. Im Alter kann das bestimmt gut bröseln, viel Spaß beim Öffnen also😉. Aber ansonsten ist so ein alter Meursault sicher nicht zu verachten – erst recht ohne Erwartungshaltung😉.

  2. charlie schreibt:

    Grundsätzlich glaube ich, dass ein solcher Bauhaus-Stil durchaus zu teuren Weinen passt.

    • Matze schreibt:

      Das glaube ich auch, aber das „optimale“ Publikum ist halt doch recht begrenzt. Und (aber das ist nur so eine Vermutung) durch das Renommee und den Preis von Leroy-Weinen werden diese sicherlich auch von Leuten getrunken, die einen solchen Stil eigentlich gar nicht bevorzugen. Japan als Markt kann ich mir hingegen gut vorstellen, eher als Dubai oder Deutschland jedenfalls.

  3. Karl Brunk schreibt:

    Hallo Matze,
    Du weißt ja inzwischen, daß wir auf der selben Seite kämpfen und deshalb sieh den Kommentar auch keinesfalls als Kritik. Der erste Kommentar sagte es ja schon „Kompliziert“. Und das ist auch einiges, wenn es um Erklärungen über Machart, Preispolitik, Qualität (was soll das sein?) beim Wein geht. Eine Sache die Du ansprichst muss ich einfach aufgreifen, weil da von der gesamten Bloggerseite aus noch mehr und besonders deutlichere Aufklärung geleistet werden müsste. Schlagwort – Biodynamisch. Und alles was damit zusammenhängen kann, wie z.B. die angesprochenen Stinker in Richtung Reduktion aller Couleur.
    Du schreibst in deinem Bericht z.B. nicht ob Leroy Demeter zertifiziert ist. Ich hege da aus den Erfahrungen der sich auf dem Vin naturel-Markt inzwischen herumtreibenden Winzer erhebliche Zweifel an dem, was dort oft als biodynamische Arbeit gebetsmühlenartig angeführt wird. Und wenn es dann un Gebiete geht, in denen kleinste Parzellen verschiedener Winzer sich direkt aneinanderreihen und oft wie bei manchen Steillagen in deutschen Landen mit dem Helikopter gespritzt wird, klingeln bei mir die Alarmglocken. Jeder der einmal entlang der D973/974 von Norden nach Süden gefahren ist, sieht zuerst einmal nur Wein,Wein und nochmals Wein. Wie sich in dem Gebiet biodynamisches Arbeiten darstellen soll, entzieht sich meiner Vorstellungswelt. Das mag bei Seitenlagen wie es sie z.B. in der Lage Volnay gibt, wo es etwas zerfledderter wird und sich Parzellen auch isoliert von anderen finden lassen noch angehen, aber Meursault ist ein dicker Brocken. Wie grenzen sich dort Winzer gegen die Spritzungen der angrenzenden Winzer ab. Da sind keine 5 m Zwischenraum. Wer dort versucht trotzdem biodynamisch zu arbeiten, muss sich nicht über Stinker in schwierigen Jahren wundern, weil die Hefen das nicht gebacken kriegen wenn es dann auch noch während der Fermentation zu Kälteperioden kommt.
    Ich bin noch nicht einmal sicher, ob Demeter dort ansässige Domainen zertifizieren würde.(Eine Anfrage habe ich an den Verband gestellt und maile deren Antwort später). Dann müsste man sich deren geografische Lage ansehen.
    Worauf es mir ankommt, ist eine präzisere Aufklärung um Begrifflichkeiten und Realitäten. Biodynamisch ist nicht unbedingt Demeter. Aber wer kontrolliert dann und welche präzisen Regeln werden eingehalten und wie streng und genau? Die gerade wegen dieses Mankos an verbindlichen Regeln immer noch nicht zuende gekommenen und oft gescheuten Diskussionen um Vin naturel zeigen wieviel Aufklärungsbedarf da noch besteht.
    Die auf den Leroy-Seiten beschriebenen vollzogenen biodynamischen Maßnahmen sind zwar sehr nett und wahrscheinlich auch eingehalten, aber eben anscheinend von niemandem kontrolliert und somit zuerst einmal nicht mehr wert, als jede Erzählung auf der Prowein von Schluffiwinzern, denen jegliches Umweltbewusstsein abgeht, die aber biodynamische Weine herstellen.
    Kleine Anmerkung zum Meursault, die vielleicht etwas erklärt. Auf der Leroy-Seite sind ebenso alle Lagen aufgezeichnet. Dort findet man keinen Meursault. Vielleicht eben wegen der erwähnten Schwierigkeiten, dort biodynamisch arbeiten zu können. Einzig deren Stammsitz scheint dort im Gebiet zu liegen.
    noch einen angenehmen Aufenthalt

    • Matze schreibt:

      Du sprichst da sehr interessante Sachen an, die ich jetzt nur spontan beantworten möchte.

      Die Domaine Leroy hat noch nie Meursault gehabt, das war immer „nur“ ein Maison-Wein. Ob und wie der zertifiziert ist, weiß ich nicht. Natürlich gibt es „echte“ Demeter-Winzer im Burgund wie Didier Montchovet. Der sitzt zwar quasi in Meusault, macht aber keinen Demeter-Meursault (dafür Volnay, Beaune, Pommard). Ob er dort keine Reben hat oder Demeter Meursault als nicht zertifizierbar einschätzt, weiß ich nicht. Bei Biodyvin sind z.B. Liger-Belair, Arlaud, Leflaive, Morey und Trapet, nicht die unbedeutendsten Güter. Also es gibt schon einige zertifizierte Biodynamiker.

      Die Leroy-Weine, die ich habe, besitzen kein Demeter-Siegel. Allerdings wäre ich bei der Interpretation immer ein bisschen vorsichtig. Ich weiß aus einem Interview, dass beispielsweise Aubert de Villaine ein strenger Verfechter nicht nur der Biodynamik ist, sondern auch der entsprechenden Kontrollen. Er meinte, dass er vor allem deshalb jedes Jahr kontrollieren ließe, weil er den intensiven Blick eines Außenstehenden sehr schätzen würde, um nicht selbstgefällig zu werden. Trotzdem ist nie ein Demeter- oder anderes Biodynamie-Siegel auf den Romanée Conti-Weinen. Leider kenne ich niemanden bei Romanée-Conti oder Leroy persönlich, um das zu klären😉.

      Du hast also natürlich recht, dass da immer gewisse Fragen und Grauzonen bleiben. Andererseits ist auch „Demeter“ keine Garantie für eine bestimmte Weinqualität. Ich kenne beispielsweise ein paar zertifizierte Demeter-Weine aus Deutschland, die technisch derartig hingetrimmt sind, dass ich mich frage, wie diese Mitglieder denn die Demeter-Idee interpretieren. Aber das nur mal so am Rande…

      • Karl Brunk schreibt:

        Zuerst zu deinem letzten Absatz. Demeter # Weinqualität. Da stimme ich auch komplett zu, verweise allerdings wieder auf den von mir angesprochenen Erklärungsbearf. Du weißt ja wie sehr „normale“ weinliebhabende Kunden, aber ebenso wir, nach Kriterien suchen, die einen ersten Pflock einschlagen an dem man sich orientieren kann. Inwieweit man sich auch drauf verlassen kann, müsste wieder genau angeschaut werden.
        Im Leroy-Fall kann ich zuerst mal eine zusätzliche Info geben, da der Demeterverband gerade geantwortet hat. Offiziell gibt es also zur Zeit (und da falle ich als Insider selbst aus allen Wolken) 27 volle Mitglieder und 6 Aspiranten. Dazu zählen allerdings auch Gebiete die nicht auf der direkten Nord-Süd-Achse von Beaune liegen, sondern auch z.B. Chablis umfassen. (Die Liste leite ich auch gerne weiter. Interessenten einfach melden)
        Und Du hast recht mit der Aussage, daß einige Winzer das auch nicht an die große Glocke hängen. So findet sich in der Liste auch zwei Mal Madame BIZE-LEROY Lalou
        mit zwei getrennten Gütern.
        Wegen des noch sehr jungen (1995) Biodyvin-Verbandes bin ich mir noch im Unklaren und muss mich mehr damit beschäftigen. Kann ich also kein Urteil abgeben.
        Nicht nur in Anbetracht der Masse an Winzern wirft sich natürlich die Frage auf, wie die geografische Nähe der einzelnen Weinstöcke von Demeter und konventionellen Anbauern eine Zertifizierung zuläßt. Das Leroy zertifiziert ist und deren Wein nicht nur aus einem Feld besteht, sondern aus 31 einzelnen Lagen, von denen nur zwei knapp über 1ha haben, macht die Sache ja nicht einfacher. Das alle Lagen einen genügenden Abstand haben zu Pestizid und Herbizid-Einsatz scheint da zuerst mal fragwürdig.
        Daher wird jetzt die nächste Anfrage an den Demeterverband sein, wie sie mit dem Umstand umgehen und sicherstellen wollen und besonders können, dass der Wein keine Belastungen hat. Nächste Frage wird sein, ob dort wirklich mit indigenen Hefen gearbeitet wird (oder werden kann) und wie der Verband dazu steht. Sobald ich Zeit finde, werde ich mich daraufhin auch noch einmal mit der ehemaligen Präsidentin des Nature&Progres-Verbandes unterhalten und eruieren, wie die mit dem Fall von geografischer Nähe umgehen. Ich werde berichten.

      • Matze schreibt:

        Danke für die vielen konkreten Infos! Also: Leroy und Auvenay sind zertifiziert Demeter, das ist schon mal eine klare Aussage. Bei Biodyvin sind z.B. auch die Domaine de Bellivière (die Nicolas‘), Zind-Humbrecht, Albert Mann, Kreydenweiss, Tissot und ein paar Prominente, aber insgesamt natürlich eine gemischte Truppe, Bürklin-Wolf als einziges nicht-französisches Gut. Sagt die Website.

        Was Du mit der Spritznähe zu konventionellen Winzern sagst, ist in der Tat ein allgemeines Problem, das sicher viele Biodyn- und Bio-Winzer betrifft, vor allem auch in Hubschraubereinsatzgebieten mit Seitenwind… (habe das mal an der Ahr beobachtet). Die Sache mit den indigenen Hefen ist natürlich auch ein bisschen ein Grauzone, also vom brutal-konsequenten Nichtstun bis zum Angären lassen und den „selektionierten eigenen Hefen“.

        Aber ich bin mir bei all dem nicht so sicher, ob es nicht (wie so oft) vornehmlich auf die Grundeinstellung des Winzers ankommt. Ein tieferes Verständnis für die Vorgänge der Natur und die Eingebundenheit des Menschen, verbunden mit echt handwerklichem Können, das sind doch letztlich viel stärkere Kriterien als die meisten Labels, von denen wir ja auch wissen, dass manche sie primär für Marketingzwecke führen wollen. Ich denke weiterhin, an Vertrauen und Grundverständnis führt kein Weg vorbei.

  4. Pingback: 1970 Maison Leroy, Meursault Blanc | Rebenblut - Wein Blog

  5. Keita schreibt:

    Habe gestern den 1970er Meursault blanc probiert. Korken war extrem brüchig wie von dir vorhergesagt.
    Ansonsten starker Karamell mit Butter, leichter Rauch, Rosinen mit dunklem Krustenbrot. Etwas gekochter Apfel und zwischendurch ein Hauch von gebackenem Knoblauch, fast Richtung weisser Trüffel.
    Lang anhaltende, lebendige Säure, leicht kreidig, etwas Apfel und Karamell im Mund.
    In der Nase interessanter als im Mund aber definitiv ein Erlebnis. Heute hat er etwas abgebaut und wirkt oxidativ, müde.

    • philipp schreibt:

      Hoi matze,

      Ich möchte dir einfach für den Beitrag danken. Bin schon länger an Leroy am rumstudieren…

      Ich denke ein Probierfläschchen muss nach deinem tollen Bericht mal her!

      Lg

      • Matze schreibt:

        Viel Spaß beim Suchen😉. Ich würd’s aber keinesfalls online bestellen, manche Händler haben sowas im Keller (und selten auf der Liste). Aber klar, nur „Domaine“ und nicht „Maison“, wenn schon, denn schon.

  6. Karl Brunk schreibt:

    Hallo Matze,
    erste kleine Ergänzung zu unserem Thema „biologischer Anbau in nächster Nähe zu konventionellem Anbau“.
    Heute auf dem Salon du Vins bio in Gaillac hatte ich endlich die Gelegenheit, etwas ausführlicher mich mit Brigitte Laurent zu unterhalten. Sie war jahrelang Präsidentin des Nature&Progres-Verbandes im Tarn. Da ich noch keine definitive Antwort des Demeterverbandes auf meine konkretere Nachfrage erhalten habe, hier also zuerst einmal ihre Aussagen zu dem Thema, dessen Schwierigkeit ihr sehr bewußt ist. Tatsache ist, daß sowohl Demeter als auch N&P durch ihre Richtlinien dem Konsumenten keine Garatie geben, daß die Weine weder Schadstofffrei, noch Pest- oder Herbizidfrei sind. Garantiert wird nur, daß der Winzer selber derartige Mittel nicht aktiv einsetzt. Alle Regeln, die anderes vermuten lassen, wie zum Beispiel die langjährige Umstellungsphase von neuem Terrain um eventuell Restbelastungen „auszuwaschen“ und mikrobes Bodenleben wieder zu etablieren, Einhaltung von Abständen zu „normalem“ Anbau, welches natürlich in Gegenden die derart dicht belegt sind wie die Bourgogne-Appellationen unmöglich ist, stellen keinen vollkommenen Ausschluss von Kontaminationen dar. So darf es einen bei einer analytischen Stichprobe von Bioweinen aus solchen Monokulturgegenden nicht verwundern, daß auch solche Weine stärker belastet sind.
    Das konnte man sich bei ruhigem Überlegen und mit eiskalter Logik natürlich auch so denken. Allerdings ist es nicht, wie viele spöttische Stimmen gegen Bio es einen glauben machen wollen, ein Argument gegen Bio und ein schon gar kein Beweis der Unsinnigkeit von Bio.
    Auch wenn es so wenig sinnvoll erscheint, in solchen Gegenden biologischen Anbau zu betreiben, so sieht Brigitte doch ein großes und wachsendes Potential durch steigenden Druck die konventionellen Nachbarn von der nachhaltigen Wirksamkeit der Bewegung zu überzeugen. Ein wenig sieht man diese Wirkung auch bei der Petition für das Conservatorium bei Montpellier die Christoph in seinem Blog publiziert hatte. Je nahmhafter die Bioanbauer und deren Unterstützer sind und je eindeutiger und medialer sich deren Unterstützer, und da gehört auch ihr Blogger dazu, sich äußern und die Güte der Bioprodukte beschreiben und nicht nur verteidigen sondern auch propagieren, desto schwerer wird es, sich der Bewegung und deren Zielen zu versperren und auf Stur zu schalten. Wir sind ja schon lange darüber hinaus, Bioprodukten nur einen eventuell besseren Geschmack zu unterstellen. Das ist doch längstens Tatsache. Es geht darum, die immer noch weit verbreiteten Zweifler und Nachplapperer in den Reihen der Konsumenten, sowie (Schande über sie) Produzenten und Offiziellen, dazu zu bewegen, sich dem Thema einmal ernsthaft und offen zu stellen.
    In einem Satz hast Du auf jeden Fall recht und Brigitte würde Dir da zu 110% zustimmen, dass das Wichtigste die Einstellung und Verinnerlichung dessen, was diese Sichtweise ausmacht, ist.
    Falls sich Demeter (ich werde noch einmla nachhaken) doch noch äußert, werde ich das weiterleiten.

    • Karl Brunk schreibt:

      Zweiter Tag Salon des Vins bio in Gaillac und zweites Gespräch mit Brigitte Laurent. Wie immer werfen Antworten neue Fragen auf. Diesmal hat es eine Nacht gedauert, bis mir etwas komisch vorkam an der Erklärung des ersten Tages. Wenn also die Richtlinien des Anbauverbandes nicht garantieren, daß der Wein frei von Belastungen aller Art ist, wie soll das denn dann mit den inidigenen Hefen funktionieren wenn dermaßen rundherum gespritzt wird? Die Hefen sind derart angegriffen, daß keine Spontanvergärung möglich ist. Ich war damit hier im Gaillac immer etwas verwöhnt, weil hier automatisch, Bio auch Fermentation mit indigenen Hefen bedeutet. Was auch in den Regeln der Anbauerbände vorgeschrieben ist. Wie immer gibt es natürlich Ausnahmefälle. Wenn also die Nachbarn etwas großzügig spritzen, so daß indigene Hefen nicht funktionieren, „kann“ Hefe zugesetzt werden. Für mich ist natürlich einsichtig, was sie im ersten Gespräch sagte wegen ständigem Druckaufbau den konventionellen Nachbarn gegenüber, aber im Klartext heißt es auch für uns Endkunden, dass wir das unterstützen durch Trinkn von Biowein, der weder rückstandsfrei ist, noch mit indigenen Hefen fermentiert wurde.
      Jeder sollte sich darüber im Klaren sein wenn er solche Weine aus dicht bestockten Gebieten kauft. Man unterstützt damit die Bewegung, aber sollte nicht mit dem rechnen, was man eigentlich erwartet. Das führt natürlich auch zu einer völlig anderen Argumentation, wenn Kritiker solche Winzer als Beispiel nehmen dafür, daß die Weine ja genauso belastet sind. Es geht da um etwas völlig anderes.
      Eine Sache wirft Christophs Gewinnspiel in dem Zusammenhang auch auf. Er spricht dort von einem biodynamischen Champagner in einer Flaschenmenge von 150000 Stück. Ist das möglich? Wenn ja, unter welchen Bedingungen? Für mich bedeutet Bio im Weinbau in Vebindung mit Qualität zuerst einmal, kleine Erntemengen. Da sind 25 hl/ha schon viel. Wenn man zurückrechnet 150000 Fl. bei 25 hl/ha – wäre das eine Domaine mit > 45 ha Anbaufläche. Selbst bei 40 hl/ha sind es noch 28 ha. Das wäre ungefähr eine Fläche von 700*400 m. Zu größ für mich um in der Praxis biodynamisch arbeiten zu können. Handarbeit ? Null Chance, alles zeitgerecht handhaben zu können wenn dort nicht 20 verschiedene Rebsorten stehen die unterschiedliche Erntezeiten haben, oder man 100 Leute beschäftigt. Eventuell ergibt sich aber auch in der Champagne wegen des dichten Bestandes nicht die Frage, weil auch dort Ausnahmeregelungen ständig greifen.
      Vielleicht wäre das auch ein gutes Thema : „Menge und Qualität? Wo liegen Grenzen?“
      Heute war es jedenfalls lecker und morgen muss ich den Bericht schreiben. So long.

      • Matze schreibt:

        Ja, da hast Du wie immer ein paar sehr interessante Sachen angesprochen. Ich möchte darauf mal hier in eins reagieren:

        Leider ist es mitnichten so, dass wir uns keine Gedanken über den „besseren Geschmack von Bioprodukten“ zu machen bräuchten, weil das ja sowieso klar wäre. Komm mal zurück nach Deutschland und schau Dich in einem Bio-Supermarkt um. Da wird am unteren Ende der Verordnung gearbeitet, technisch wie geschmacklich, was bedeutet, dass es in dem Segment noch einiges an Steigerungsmöglichkeiten gibt. Ich habe aus Spaß mal grob durchgezählt und bin in dem Supermarkt auf 3 von 100 angebotenen Bioweinen gekommen, die mit den eigenen Hefen vergoren wurden. 97 also nicht.

        Was Du sagst mit den Problemen in dicht mit konventionellen Reben bestockten Gegenden, das stimmt natürlich. Dennoch hat ein (streng biodynamisch wirtschaftender) Bekannter von mir aus genau so einer Region keinerlei Probleme mit der Spontangärung im Keller. Selbstverständlich gibt es solche Fälle, aber da scheinen die Einflussfaktoren vielfältig zu sein. Die Belastung mit Pestiziden von Nachbarparzellen ist aber nicht von der Hand zu weisen.

        Interessant finde ich auch die Diskussion um Biodynamik und Größe. 150.000 Flaschen (wie Champagne Dufour bei Christoph) produzieren beispielsweise auch Zind-Humbrecht oder Tissot in Frankreich (von den wirklich ernsthaften Biodynamikern), Pontet-Canet bewirtschaftet sogar 81 ha. Ich erinnere mich da an eine Diskussion mit Markus Vahlefeld von Battenfeld-Spanier. Markus meinte, dass Steiner im „Landwirtschaftlichen Kurs“ gerade die größeren Betriebe angesprochen habe, dass also das Gleichsetzen von biodynamischem Arbeiten und geringer Betriebsgröße erst nachher hineininterpretiert worden sei. Man bräuchte halt eine entsprechende Zahl an Mitarbeitern, dann wäre das mit der Handarbeit auch gewährleistet.

        Ich glaube in der Tat, dass sich rein prinzipiell auch in einem Großbetrieb biodynamisch wirtschaften lässt. Aber natürlich hat der Winzer da nicht den ganz engen Bezug zu jeder seiner Parzellen, zu jedem Rebstock. Das ist also keine technische, sondern eine eher persönlich-philosophische Frage. Bruno Duchêne im Roussillon meinte beispielsweise, er möchte nie mehr als einen Hektar bewirtschaften, weil er allein mehr nicht schaffen würde, und er möchte nun mal allein arbeiten. Jean-Louis Chave beschäftigt für seine 48.000 Flaschen dagegen elf feste Mitarbeiter. Ich denke, da führen viele Wege nach Rom😉.

  7. Karl Brunk schreibt:

    Danke für die Reaktion Matze.
    Der Zustand deutscher Bioläden ist mir sehr bewußt weil ich ja alle viermal im Jahr meine Tour nach Köln mache und dort immer noch Kontakt zu alten Kollegen pflege. Der Zustand, bzw. deren Auslöser, war ja auch der Grund warum ich meinen Laden 98 verkauft habe und nach F gegangen bin. Ich habe nach der Übernahme des Biolabels durch die EU und noch zwei Jahren vergeblichem Mobilisierens, der zu der Zeit noch über 30 Bioläden in Köln (und nur einem Supermarkt-Prototypen), etwas dagegenzusetzen, einfach aufgegeben. Die Entwicklung die ich damals vorgezeichnet hatte ist genau eingetreten und führte genau zu den Erfahrungen die Du heute in den sogenannten Bioläden machst. Im übrigen sah es einmal sogar noch schlimmer aus. Bei einer meiner kleinen Stichproben (Anfang 2000) hatte ich in einem der großen Bio-Supermärkte in Köln, Weine gefunden, deren Kontrollstellenummern nicht existierten!!! Ob sich das heute noch jemand traut – ich weiß es nicht. Jedenfalls hege ich große Skepsis.
    Zu deinem Bekannten und Spontanvergärer :
    Das in dicht bestückten Gegenden trotz konv. Nachbarschaft so etwas funktioniert, ist zum Glück so. Konnte er Dir das auch für jedes Jahr bestätigen? Wäre interessant sich mal mit so betroffenen Winzern zu unterhalten. Ich hatte ja geschrieben „in Jahren wo großzügig gespritzt wird“. Mich hatte es allerdings bei einem Besuch in Winningen schon ein wenig gewundert, daß dort wo auch mit Helikopter in den Steillagen gespritzt wird, nach Aussagen von mehreren Winzern, viele dort auch Spontanvergären.
    Das Rudolf Steiner das so sah, wage ich ein wenig an zu zweifeln, aber müßte in Originalen nachgeforscht werden. Eine Grundprämisse war der geschlossene Kreislauf. Alles was der Hof braucht, sollte dort auch angebaut werden, und alle Nebenprodukte auch wieder eingebracht werden. Dazu gehört auch die gesamte Einbindung mit der sonstigen Umgebung und Tierwelt. Heute würde man vielleicht sagen : ein funktionierendes Ökosystem. Auf kleinen Höfen mit Mischwirtschaft und landschaftlicher Eingebundenheit kann man das wohl eher finden, als auf Großflächen, oder kleinen Parzellen, die sich in Monokulturumgebungen befinden.
    Aber Du hast auf jeden Fall recht, daß durch die Verteilung der Arbeit auf Viele, man da auch viel machen kann. Ich wäre übrigends sehr interessiert, wieviel Leute dort (81ha) zur Erntezeit Weinlese machen. Das Zeitfenster ist ja schon klein genug und wenn dann auch miese Tage dazwischen sind, in denen nicht geerntet werden kann, kann es ja knapp werden.
    Apropos Winningen. Da ich jetzt zwei Tage hier auf dem Salon des Vins bio war und genug Gaillac getrunken habe, kommt mir eine Flasche Richter „Röttgen Riesling Spätlese Alte Reben 2011“ gerade in den Sinn. Die muss noch irgendwo im Regal sein und ist jetzt eine tolle Abwechslung. Sowas gibt es hier nicht. Also Prosit.

  8. Pingback: Im Osten viel Neues: mein persönlicher Jahresrückblick 2013 | Chez Matze

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