Tokyo Food Diary #6: Automatenrestaurant und kleines Erdbeben

TitelHeute Nacht habe ich mein erstes Erdbeben erlebt. Eine interessante Angelegenheit, mehr dazu weiter hinten. Während sich bei mir im Zimmer dabei jedoch noch nicht mal die wackeligen Muschelschalen auf dem Tisch bewegt haben, musste ich bei der ersten Konsultation von Spiegel Online feststellen, dass die Welt untergegangen ist. Zunächst aber zu etwas Erfreulicherem aus dem „Tag vor dem Erdbeben“, dem Automatenrestaurant.

1 StadtviertelUnter einem „Automatenrestaurant“ kann man ein Etablissement verstehen, bei dem die Belegschaft in der Küche werkelt und von hinten Fächer in Glasvitrinen mit Essen füllt. Die Kunden holen sich dann vorn per Geldeinwurf das jeweilige Essen direkt aus dem Automaten und verzehren es entweder an Ort und Stelle oder nehmen es mit nach Hause. Diese „Restaurants“ meine ich jedoch nicht, denn in ihnen wird ja quasi in den Automaten hinein vorproduziert und nicht etwa ein Kundenwunsch entgegengenommen.

2 RestaurantIch meine mit „Automatenrestaurant“ ein solches, bei dem ein Automat am Eingang steht und bei dem man sich per Tastendruck ein Gericht aussucht, das daraufhin frisch zubereitet wird. Es ist in Tokio übrigens gar nicht so leicht, ein solches Restaurant ausfindig zu machen, da der Automat auch im Raum selbst stehen kann, man ihn von außen also nicht sieht. Auf dem Foto oben war der Automat unten links in einer Nische versteckt, aber ich konnte beobachten, wie ein junger Mann die Stufen hinabschritt und Geld einzuwerfen begann. Das habe ich ihm dann gleich nachgemacht.

3 AutomatWie funktioniert das Ganze nun? Um es wirklich bequem zu haben, müsst Ihr Euch einen Automaten mit Bildern aussuchen. Es gibt auch solche, auf denen die Tasten lediglich mit Schriftzeichen bedruckt sind. Macht zwar Spaß zu raten, was man auf diese Weise bestellt hat, aber die gezielte Variante hilft zu vermeiden etwas zu erhalten, auf das man gerade keinen Appetit hatte. Also: Ihr gebt einen Geldschein in den rechts dafür vorgesehenen Schlitz. Dann drückt Ihr auf eine Taste mit dem Gericht oben. Besitzen Tasten unterschiedliche Beträge für offenbar das gleiche Essen, handelt es sich, erraten, um kleine und große Portionen. Unten kommt das Wechselgeld wieder raus, und aus dem linken unteren Fach entnehmt Ihr einen Zettel, auf den das gewählte Gericht gedruckt ist. Nun betretet Ihr den Gastraum, übergebt der Bedienung den Zettel, setzt Euch auf einen Platz – und wenig später wird das Essen serviert. Für Euch hat das den Vorteil, dass Ihr auch bei vollkommen ungenügenden Sprachkenntnissen ohne Stress zu einer warmen Mahlzeit kommt und nach dem Essen das Lokal einfach wieder verlassen könnt. Für die Bedienung liegt der Vorteil darin, dass sie den Gast niemals falsch verstehen kann und sich außerdem mit Geld nicht die Finger schmutzig macht.

4 Essen IVollkommen von der Problemlosigkeit meines Vorgehens überzeugt, war ich dann doch ein wenig entsetzt, als mir anstatt eines Tellergerichts eine Pfanne und vier Schüsselchen gereicht wurden. Dazu eine Eieruhr. Ich war in ein Selbstbratrestaurant geraten. In der Pfanne befand sich unten Fleisch, darüber Reis mit Würzsoße und drum herum ein paar grüne Blätter. Die Bedienung stellte die Platte rechts an, und jetzt musste ich warten, bis die Eieruhr abgelaufen war. Dann war das Fleisch nämlich im Prinzip fertig, und ich konnte das rohe Ei aus dem Schüsselchen links in die Pfanne geben. Platte aus, ein bisschen herumrühren, fertig. In beiden Schälchen auf der rechten Seite befinden sich übrigens Salat (oben) und eine Misosuppe zum Trinken (unten). A propos trinken: Solltet Ihr mit einem stillen Wasser als Getränk zufrieden sein, müsst Ihr in japanischen Restaurants nie etwas zu trinken bestellen, denn das kommt entweder ungefragt und kostenlos an den Tisch oder steht bereits da.

5 Essen ISo sah die Pfanne dann aus, als das Essen fertig war. Nichts Spektakuläres, aber ich hatte ja auch nur ein 600 Yen-Gericht vom Automaten gewollt.

6 Essen IIFür 750 Yen (keine 6 €) nahm ich beim zweiten Mal (nicht etwa am selben Tag) eine leicht veränderte Version, bei der man zunächst das (gut gemaserte) Fleisch anbrät, dann Sojasprossen und Blattgemüse hinzufügt, und das Ganze schließlich zum bereits in einer eigenen Schüssel befindlichen Reis isst. Die drei kleinen leeren Schüsselchen sind übrigens für Soßen gedacht, in die man das Fleisch dann vor dem Verzehr dippen kann.

7 WürzeEine solche Batterie an Soßen und Würzmöglichkeiten wird Euch in einem Automatenrestaurant an jedem Platz erwarten. Immer dazu gehören eingelegte Ingwerstückchen und Sojasoße, dazu meist etwas Scharfes, etwas Essighaftes, vielleicht auch etwas Süßes, Salziges, Saures, Bitteres, das müsst Ihr halt ausprobieren.

8 AtmosphäreDie Atmosphäre in einem solchen Automatenrestaurant ist übrigens geschäftig und auf Sättigung ausgelegt. Die niedrigen Preise und die Effizienz der Bedienungsform verdeutlichen auch dem Unsensibelsten, dass dies kein Ort ist, an den man seine frische Liebe ausführt. Es sei denn, er oder sie verspürt derart großen Hunger, dass die Zweckgerichtetkeit zunächst im Vordergrund steht. Romantik geht dann ja immer noch.

Ich persönlich muss zugeben, dass ich in Tokio mittlerweile ein großes Faible für praktische Lösungen entwickelt habe. Ob man mit der U-Bahn fährt, einen Park besucht oder auch ein Restaurant, immer wieder überraschen mich die Japaner mit solchen Formen der Prozessoptimierung. Und gerade an solchen Orten kann ich auf das nachlässig Knödelige eines sich südländisch gerierenden Kellners oder auf die mangelnden Kopfrechenkünste einer studentischen Aushilfskraft gern verzichten. Ansonsten mag ich das menschliche Element im Leben aber schon. Nur falls meine nerdigen Anwandlungen einen gewissen Zweifel daran haben aufkommen lassen.

9 ErdbebenZum Schluss aber noch einmal zum Erdbeben. Da wir hier ja unter uns sind, kann ich Euch etwas gestehen. Insgeheim hatte ich gehofft, hier in Japan bei einem Erdbeben dabeisein zu können. Also nicht bei einem „richtigen“, sondern eher bei einem klitzekleines Bebchen, bei dem die Erde schon ein bisschen wackelt, ansonsten aber nichts weiter passiert. Nur um mal zu wissen, wie sich so etwas anfühlt.

Und jetzt ist es tatsächlich passiert. Vielleicht hätte ich es überhaupt nicht gemerkt, wenn ich nicht kurz davor ganz zufällig aufgewacht wäre. Ich wollte mich gerade wieder auf die andere Seite drehen, als die Balkon-Schiebetür zu wackeln anfing. Das tut sie bei jedem Windstoß, aber diesmal gab es draußen nicht den leisesten Luftzug. Dann fing auch das Gebäude an zu wackeln und mit ihm das Zimmer, das Bett und auch ich. Man darf sich das nicht wie ein langsames Schwanken vorstellen, sondern es ruckelte hin und her, als würde ich das Geschenk in einem Karton sein, den Klein-Jason zu Weihnachten ein bisschen horizontal schüttelt. Obwohl es also wirklich ganz deutlich wackelte, konnte man vom Erdbeben selbst kein Geräusch hören, und auch auf dem Tisch blieb alles genauso liegen wie vorher. Nur die Schiebetür klapperte. Nach etwa 30 Sekunden war alles wieder vorbei. Mein Blick vom Balkon brachte folgende Erkenntnis: nass und trüb, alle Lichter weiter an, alle Autos fahren weiter.

Das Erdbeben der Stärke 7,1 (sagte mir nachher meine tägliche Wetter- und Katastrophenseite) ist mit 2 oder 3 hier in Tokio angekommen. Für die Japaner wahrscheinlich keine Meldung wert. Auch der Spiegel hat inzwischen differenziert. Was lese ich also gerade dort als Headline? „Nach Erdbeben nahe Fukushima: Japan rüstet sich gegen Taifun ‚Francisco'“. Man müsste sie hauen dafür. „Francisco“ hat mittlerweile keine Taifunstärke mehr und zieht gerade 200 Kilometer vor der Küste vorbei. Der japanische Seewetterdienst warnt derzeit die Fischer nur noch mit der zweitniedrigsten Stufe.

Damit wir uns nicht missverstehen: Die Erdbebenseite im Web registriert praktisch jeden Tag ein leichtes Beben in Japan, fast immer in der Provinz Fukushima, die offenbar das mit Abstand größte lokale Risiko zu tragen hat. Hier hätte niemals eine gefährliche Einrichtung gebaut werden dürfen, welcher Art auch immer. An einer der am stärksten von Naturkatastrophen heimgesuchten Stelle der Erde! Das hätte doch jedem sofort ersichtlich sein müssen.

Aber da sehe ich irgendwie eine leichte Parallele zum Automatenrestaurant, zur Prozessoptimierung, zur Handhabbarmachung „nützlicher“ Technik. Vielleicht sind die Ingenieure, Politiker und Betreiber nach den Jahrzehnten der fantastischen technischen Fortentwicklung in Japan einem Berufsblindheits-Fantasma aufgesessen: und zwar demjenigen, dass alles irgendwie berechenbar ist und die Technik in aller Regel funktioniert. Wenn man nämlich das Risiko des Nichtfunktionierens statistisch gesehen als klein einschätzt, dann lohnt es sich nach dieser Logik auch nicht, die Schwere der Auswirkung eines Nichtfunktionierens überhaupt in die Überlegungen mit einzubeziehen.

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3 Antworten zu Tokyo Food Diary #6: Automatenrestaurant und kleines Erdbeben

  1. Karl Brunk schreibt:

    Hallo Matze,

    auch wenn ich jetzt mal nichts zu den kulinarischen Dingen deines Berichtes sage, so kann ich mich doch nicht zurück halten und deinem emotionalen Kommentar über Fukushima und die Logik der Risikobereitschaft zwecks Profit nur zustimmen. Klar ist das absolut absurd, über solche Projekte auch nur im mindesten an zu fangen über deren Realisierung nach zu denken. Das sie trotzdem realisiert werden ist eine einzige Katastrophe. Allerdings ist die nur (auch wenn hier nur über den Umweg Katastrophe) scheinbar schlimm. Sie wird doch sofort relativiert, wenn man sich nur einmal in dem Gebiet umschaut, über das Du so engagiert berichtest. Ernährung und Genuss. Welche Katastrophen spielen sich dort ab? Unbemerkt und merh oder wissentlich übersehen. Ein Gang durch einen ganz normalen Supermarkt und recherchiert über per Zufallstreffer herausgefischte Produkte in den komplexen Zusammenhängen, zeigt doch wohl in welcher Welt wir uns bewegen und uns auch noch damit voll stopfen. Ob gesundheitliche Aspekte des Verzehrs der Produkte oder gar ethisch-moralisch-arbeitsrechtliche Aspekte der Produktion oder des Vertriebs dieser Produkte und der sie produzierenden weltweit agierenden Großkonzerne – da können doch nur noch sehr blauäugige Leute ruhig schlafen und den Kopf schütteln über leise erhobene Zweifel.
    Zum Glück gibt es ja noch die Anderen, die ja auch immer wieder in deinen Berichten vorkommen, und einen anderen Blick auf Natur, Gesundheit und Produktion haben.
    Ein Tip noch für Tokio : ich weiß nicht ob jeder rein kommt, aber der weltweit größte Fischgroßmarkt sollte einen Besuch wert sein. Einmal einen Thunfisch sehen, der mehrere 100000 Euro kostet, und eventuell mal was davon probieren, wäre vielleicht interessant.
    beste Grüße und einen tollen weiteren Aufenthalt dort
    Karl

    • Matze schreibt:

      Vielleicht erst doch noch schnell mal was zum Essen: Was ich hier in Tokio schätze, ist die frische Zubereitung von auch einfacheren Mahlzeiten. Selbst die Automatenrestaurants haben eine meist direkt einsehbare Küche, und alles, was dort angeboten wird, wird immer on the spot zubereitet. In der Tempelgasse hat mich das ja schon überrascht, dass selbst Kräcker frisch hergestellt werden. Auch in den „Depachikas“, also den Food-Abteilungen der Kaufhäuser, brutzelt und dampft es überall. Dass beim Streetfood in Bangkok alles frisch gebraten wird, war mir klar, aber in Japan hatte ich einen stärkeren Hang zum Convenience Food erwartet, zum Fertigessen, irgendwo vor Monaten in einer Fabrik hergestellt und hernach eingeschweißt. Aber nichts da.

      Jetzt zu den anderen Dingen: Was mich persönlich stört, ist die mangelnde Differenzierung oder gegebenenfalls sogar die Unfähigkeit zu differenzieren. Da sehe ich insbesondere bei den Medien eklatante Schwächen, von der Politik ganz zu schweigen. Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen, und wenn man schon nicht bewusst die Unwahrheit sagt, dann ist man wenigstens zu faul, vernünftig zu recherchieren und plappert halt irgendwas nach.

      Welche Dinge sind wirklich gefährlich, bringen uns um, wenn etwas schief geht, verbreiten Not und Elend unter den Menschen, die dort leben müssen? Was ist wirklich unverantwortliches Handeln mit welchem jetzt schon absehbaren Schaden? Ich habe zunehmend das Gefühl, dass bei uns, also in den Medien, in Politikkreisen und damit auch in der öffentlichen Diskussion keinerlei Differenzierung mehr vorgenommen wird. Alle paar Monate wird eine neue Skandalsau durchs Dorf getrieben, in der Regel undifferenzierte Panikmache. Das führt aber dazu, dass wir überhaupt kein Bewusstsein mehr dafür entwickeln, welche Farbe auf der Warnampel dieser neue Skandal überhaupt einnimmt. Stichwort Fukushima: Japan ist derartig weit weg von uns, und in Deutschland sind massenhaft Geigerzähler verkauft worden – und zwar wegen Fukushima! Was für ein Blödsinn, was für eine ungeordnete Panikmache. Aber auch wenn für uns dieses Event völlig unerheblich war, gibt es genau eine Aussage, die hängenbleiben sollte: Die Technik, die in Fukushima benutzt wurde, ist nicht mehr oder weniger zuverlässig als jede andere Technik auch. Aber wenn sie nicht mehr funktioniert, wenn es größere Pannen gibt, dann sind die Auswirkungen ganz andere als bei anderen Techniken. Da muss die Differenzierung rein: Prima, wenn’s funktioniert, größtmögliche Katastrophe, wenn’s schief geht. Ergo: nicht tragbar.

      Stichwort „Pferdefleischskandal“: Es ist mir tatsächlich egal, ob in meinem gemischten Hack auch Pferdefleisch drin ist. Es ist mir aber nicht egal, dass nach Aufdecken dieses Skandals nebenbei klar wurde, dass dieses rumänische Pferdefleisch (wobei die Herkunft wiederum austauschbar ist) überall in Europa, bei allen Großbetrieben und Supermarktmetzgereien aufgetaucht ist. Unter miserablen Bedingungen aufgezogene Tiere, das Fleisch mit qualmenden Lkws auf Autobahnen durch alle Länder gekarrt, in Fleischfabriken durch Werkvertrags-Tagelöhnern von Sub-Sub-Subunternehmern verarbeitet. Das muss nicht „gesundheitsschädlicher“ sein als anderes Fleisch, aber es ist von Anfang bis Ende pervers unsozial hergestellt, und deshalb nervt mich das. Natürlich ist solches Fleisch nicht in dem Sinne „gefährlich“ wie eine Panne im Atomkraftwerk. Aber durch die Allgegenwärtigkeit (also den relativ niedrigen Peak bei riesiger Breite), durch die Zerrüttetheit gesellschaftlicher Mechanismen, die damit verbunden sind, kann das Integral genauso groß sein.

      Wie Du schon selbst geschrieben hast: Die komplexen Zusammenhänge gehören untersucht, die Einflussfaktoren, die Auswirkungen, am Modell und in der Realität. Und das erwarte ich von Medien und Politikern, nicht die gleichförmige Panikmache bei jedwedem Event. Und wenn das nächste Event vor der Tür steht, wird offenbar keiner mehr dafür bezahlt, dem letzten Event noch weiter auf den Grund zu gehen. Damit verhindert man substanzielle Erkenntnisse.

      Da heute Sonntag ist, kann ich sowas schon mal so sagen, oder ;)?

  2. Pingback: Tokyo Food Diary – In der Schneckenbratbar | Chez Matze

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