Tokyo Food Diary #1: In der Kantine

TitelTokio, das ist für mich zumindest jetzt zu Anfang die ganz große, ganz andere Welt. Nur bei Ticketautomaten und ähnlichen Dingen mit globaler Menüführung habe ich das Gefühl, einigermaßen zu wissen, was dann passieren wird. Ansonsten spüre ich zwar, dass diese Gesellschaft ungemein gut geregelt ist, dass alle Leute ganz bestimmte Dinge tun, aber ich weiß nicht im Voraus, was sie machen werden, warum sie das tun und was sie mir damit sagen wollen. Noch nicht einmal lesen kann ich irgendetwas hier. Ich finde das nicht schlimm, sondern sogar irgendwie faszinierend. Aber wer Euch allen Ernstes weismachen will, dass man in Tokio mit Englisch gut zurecht kommt (also über Dinge hinaus wie eine Dose Fanta und eine Packung Sesamkräcker im Supermarkt kaufen und sich dann wieder aufs Zimmer verziehen), glaubt ihm kein Wort.

Heute habe ich also zum ersten Mal ein Restaurant besucht, und das kam so: Ihr wisst ja von meinem geographisch geprägten Wunsch, jede neue Stadt, die ich besuche, erst einmal von oben anschauen zu wollen. Einfach um ein Gefühl zu bekommen für Gebäudestrukturen, Himmelsrichtungen, Ausdehnungen. Ich bin also dem Rat gefolgt, das Rathaus aufzusuchen, das sich hier in Shinjuku befindet (Vorteil No. 1). Ich konnte es also zu Fuß ohne große Irrungen erreichen. Vorteil No. 2 besteht darin, dass man mit dem Aufzug bis auf 202 Meter Höhe fahren kann, ohne dafür einen müden Yen berappen zu müssen. Und der Ausblick (das ist Vorteil No. 3, vor allem verglichen mit dem Skytree) führt in Richtung Osten direkt auf die Stadtviertel, die ich ohnehin vorhabe zu besuchen. Auf dem Weg zum Fahrstuhl kam ich an einer Marke vorbei, die anzeigt, wenn die Schlange bis hierhin reicht, dauert die Wartezeit etwa 30 Minuten. Bei mir dauerte die Wartezeit 20 Sekunden. Werktags um 11:30 Uhr im Oktober, das scheint eine gute Kombination zu sein.

1 Tokio OstDas ist er also, der Blick in Richtung Osten. Wenn Ihr auf das Foto klickt, könnt Ihr Euch das Ganze ein wenig vergrößert anschauen. Das Hochhaus links mit dem komischen Gitternetz ist der „Mode Gakuen Cocoon Tower“ (204 m hoch), in dem sich verschiedene Ausbildungsstätten befinden, unter anderem die Modeschule. Die Studenten sitzen dort in einem eiförmigen Hörsaal, der bis zu 1.000 Menschen Platz bietet. In der Mitte am Horizont könnt Ihr den „Skytree“ (634 m) erkennen, ein grotesk-gigantisches Gebilde, nur halt eher peripher gelegen. Die Hochhausansammlung rechts am Horizont befindet sich in der Nähe der Bahnstation Tokyo, und die Grünanlage am rechten Bildrand ist der „Shinjuku Gyoen Park“, den ich morgen gern aufsuchen möchte.

2 Tokio WestGeht man auf die andere Seite und blickt in Richtung Westen, sieht man den ganz normalen Wahnsinn eines 35-Millionen-Einwohner-Großraums: Es geht einfach immer weiter. Am Horizont könnt Ihr unter keinen Umständen den Fujiyama erkennen, hierzulande als Fuji-san bekannt. Dafür war es einfach zu diesig, aber ich hoffe, an einem klaren Tag noch einmal wiederkommen zu können.

3 Tokio HochhäuserFür eine derartig große Stadt gibt es in Tokio gar nicht so viele Hochhäuser. Und das, obwohl Bauland hier so wahnsinnig wertvoll ist. Es heißt, die Grünanlagen um den Kaiserpalast besäßen einen höheren Grundstückswert als sämtliche Grundstücke in Kalifornien. Warum also kein zweites Hongkong vom Stadtbild her? Na klar, wegen der Erdbeben. Nur an einigen Stellen mit einem festeren Felssockel – wie eben hier in Shinjuku – dürfen derartig hohe und schwere Gebäude errichtet werden. Beim großen Tohoku-Erdbeben im März 2011 (genau, das „Fukushima-Beben“), das mit einer Stärke von 7,9 in Tokio ankam, ist im gesamten Großraum auch wegen der Einhaltung der strengen Bauvorschriften kein einziges Gebäude eingestürzt. Wie derartige Giganten dann dennoch schwanken, könnt Ihr in diesem Video sehen. Unangenehm.

4 KantinenviertelAber wieder zurück zum Alltag in Shinjuku, denn von den 400 Erdbeben, die es hier jedes Jahr gibt, lässt man sich nur selten den Appetit verderben. Die Hochhäuser, die Ihr auf dem vorigen Bild gesehen habt, sind werktags mit Tausenden von Menschen gefüllt. Zur Mittagszeit wollen alle gleichzeitig etwas essen, und fast kommt es mir so vor, als hätte man extra deswegen das „Kantinenviertel“ zwischen dem Hochhausbereich und dem Bahnhof Shinjuku eingerichtet. Zur Mittagszeit, also zwischen 11:30 Uhr und 13:30 Uhr, werden hier alle Straßen gesperrt, und das Ganze wandelt sich innerhalb von Minuten in eine der größten Essgegenden der Welt. Statt einer einzigen riesigen Kantine gibt es allerdings Hunderte von kleinen Läden, im Erdgeschoss, in den Stockwerken darüber, aber auch in den Kellern. Ich bin zu ebener Erde in das Etablissement vom Titelbild gegangen, wurde aber wegen Überfüllung gleich mal in den Keller geschickt.

5 Kantine innenHier ist die Sache ganz einfach – dachte ich. Es gibt eine Plastikkarte mit Fotos, man deutet auf ein Bild, bekommt das Essen und bezahlt oben am Tresen. Aber was passierte? Nichts. Niemand kam an meinen Tisch. Falls Ihr mal in einer ähnlichen Situation sein solltet und Euch schon fragt, ob die Kellnerinnen wegen fehlender Sprachkenntnisse den seltsamen Gast vielleicht absichtlich ignorieren, oder aber deshalb, weil sie fürchten, dass der Gast mäkelig ist bei Zutaten, die er nicht kennt – dann mögt Ihr manchmal vielleicht richtig liegen. Aber vielleicht liegt es auch ganz explizit an Euch, weil Ihr nicht wisst, wie Dinge hier funktionieren. So war es nämlich bei mir. Schaut doch mal auf den Pfosten oben im Bild. In der Mitte befindet sich so etwas wie ein Lichtschalter, der aber keiner ist. Auf diesen Schalter drückt man. Postwendend ertönt ein elektronischer Kuckucksruf im Kellnerbereich, und es leuchtet dort auf einem Bildschirm die Nummer des Tisches auf, an dem sich der gedrückte Schalter befindet. Innerhalb von fünf Sekunden ist jemand bei Euch am Tisch, nimmt die Bestellung auf, und alles wird gut. Das nenne ich Effizienz.

6 SuppeWas das Essen selbst anbelangt, da habe ich mich für eine rötliche Suppe entschieden. Leider konnte mir nach dem Aufruf auf meiner Facebook-Seite ja niemand die Kanjis entschlüsseln, um mir zu sagen, wie das Gericht denn heißen mag. Im Prinzip tippe ich auf eine Art Ramen-Nudeln in einer Art Hack-Kohlsuppe mit viel Feuer. Ich hätte jetzt vom Eindruck her gesagt, so halb koreanisch, aber das kann natürlich auch völliger Unfug sein. Jedenfalls weiß ich (falls ich das zwischenzeitlich vergessen hatte), dass rot aussehende Gerichte außerhalb Italiens in aller Regel chillihaltig sind. Meine Bemühungen, es meinem Sitznachbarn in punkto genussvollem Schlürfen gleich zu tun, hatten dann zur Folge, dass ich mir ein Schippchen Suppe versehentlich in die Luftröhre saugte. Nachfolgend: heldenhafter Kampf, um das Gesicht zu wahren.

580 Yen inklusive Wasser „all you can drink“ kostete die wirklich nahrhafte Suppe übrigens. Das sind genau 4,37 € und einer der Beweise dafür, dass Tokio die teuerste Stadt der Welt ist – wenn man in die falschen Läden geht.

7 SonnenuntergangWährend ich noch ein wenig durch die Shopping Malls geschlendert bin, um einen schön geformten Löffel und ein paar Essstäbchen zu erstehen, ging überraschend früh die Sonne langsam hinter den Hochhäusern unter.

8 BüroUnd jetzt um fast 22 Uhr Ortszeit, da ich dies schreibe, sitzt direkt bei mir über die Straße doch immer noch einer der Büroangestellten, mit denen ich vor vielen Stunden das Kantinenviertel aufgesucht habe.

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8 Antworten zu Tokyo Food Diary #1: In der Kantine

  1. Keita schreibt:

    Tantan-Men, eine scharfe Nudelsuppe aus Szechuan mit Sesam, Hack und Chili… Die gibt es jetzt auch bei meinem Lieblings-Nudelsuppen-Restaurant in Düsseldorf.
    Ich krieg gleich Hunger und verabschiede mich in die Küche…

  2. Anne schreibt:

    Ist ja irre. Ich dachte ja, dass ich nie nie nach Tokio will, aber Deine Schilderungen und Fotos machen mir gerade richtig Lust darauf. So grau in grau alles von oben aussieht: auf dem Boden und im Teller hat man vor Farbe offensichtlich keine Angst. Und das Kellner-Rufsystem finde ich genial…

    • Matze schreibt:

      Vor Farbe hat man hier in der Tat keine Angst😉. Die Drugstores sind so knallebunt und wimmelig, das ist quasi der diametrale Gegensatz zum Steingarten. Einen habe ich schon fotografiert, aber das Foto gehört in den Artikel über Shibuya, den ich noch nicht schreiben kann, weil ich nur mal kurz durchgeschlendert bin. Kommt aber noch.

  3. Jens schreibt:

    Hallo Keita!

    Welches ist denn Dein Lieblingsnudelsuppenrestaurant in Düsseldorf? Oststraße?

    Grüße Jens

    • Keita schreibt:

      Hallo Jens,
      vor zwei Jahren hätte ich ohne Zögern gesagt: Immermannstrasse. Da hat die Qualität leider etwas nachgelassen. Ist immer noch gut, aber bei einem geschätzen Wareneinsatz von 1.50€ bin ich nicht mehr so oft gewillt, 10€ für eine nur noch gute Suppe auszugeben. In der neuen Dependance auf der Oststrasse war ich einmal, war etwas besser als im Stammhaus. Ost,-Ecke Klosterstrasse fand ich als Kind schon nicht so toll, war deshalb bestimmt 10 Jahre nicht mehr drin. Vielleicht sollte ich denen mal wieder eine Chance geben…

      Grüße,

      Keita

  4. Pingback: Im Osten viel Neues: mein persönlicher Jahresrückblick 2013 | Chez Matze

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