Seeigel aus der Dose

SeeigelWas Ihr bislang nicht wisst, mir aber jeden Tag wieder schmerzlich bewusst wird: Ich bin schrecklich immobil zur Zeit. Ich habe mir nämlich dummerweise eine Sportverletzung der übleren Art zugezogen. Während also alle anderen an den See fahren, in den Biergarten gehen oder gar den Urlaub am Meer verbringen, ist mein Klumpfuß bis zum Knie in einen üppig gefütterten Stiefel mit Schiene gehüllt. Wenn aber ich schon nicht ans Meer komme, wie kann ich dann das Meer möglichst nah an mich heranholen? Ganz einfach: mit Seeigel aus der Dose.

Jene Dose hatte ich mir vor einiger Zeit in einem französischen Hypermarché gekauft, wo sie ein erstaunlich unbeachtetes Dasein eher am unteren Rand des Regals mit Fischkonserven fristete. Preislich bewegen wir uns mit gut 4 € für das kleine Döschen wahrscheinlich auch auf eine Grenze zu, ab der Konserven (sofern sie nicht „Kaviar“ heißen) eher Schwierigkeiten bekommen, die Kundschaft von sich zu überzeugen.

SeeigelgeruchAls ich die Dose öffne, in der sich in der Tat als einzige Zutat „sea urchin“ befindet, ist es innerhalb von Sekundenbruchteilen so, als würde ich mitten auf dem oberen Foto stehen. Es gibt wahrscheinlich kein anderes Lebensmittel, das derartig stark den Geruch des Meeres transportiert – das Salz, die Gischt, die Algen. Fantastisch. Da braucht man dann nur noch ein Baguette und eine Zitrone zum Draufträufeln.

SeeigelstelleMeine sonstigen Erfahrungen mit Seeigeln sind übrigens zwiespältig. Auf dem oberen Foto habe ich genau die Stelle in Kroatien aufgenommen, an der ich letztes Jahr im Mai aus Versehen in einen Seeigel gestiegen war. Dank konsequenter Essigbäder hatte ich zum Glück nur einen Monat etwas davon; in Marseille hörte ich von jemandem, der mit seiner Pinzette nach zwölf Jahren den letzten Stachelrest aus seinem Fuß gezogen hat.

In Paris allerdings war mein Seeigel-Erlebnis deutlich angenehmer: Ich hatte mir beim Fischhändler aus Neugierde ein paar Exemplare gekauft und sah mich nun mit der Aufgabe konfrontiert, mit Hilfe einer Tapezierschere die Dinger öffnen zu müssen. Das ist übrigens einer meiner beliebtesten Posts geworden; wer es also noch einmal nachlesen möchte, bitte hier klicken.

Bleibt noch der Hinweis, dass – wie ich gerade auf der Packung lesen konnte – mein heutiger Seeigel aus der Dose nicht etwa von der französischen Küste stammt, sondern aus Chile. Ökologisch korrekt geht wohl anders, aber heute war mein Seelenheil primär auf Meerestrost ausgerichtet, da lassen wir es vom Aufwand-Effekt-Verhältnis mal gelten.

Nur um mich neidisch zu machen: Wart Ihr diesen Sommer schon am Meer? Und habt Ihr auch schon einmal Seeigel gegessen?

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10 Antworten zu Seeigel aus der Dose

  1. Die Küchenschabe schreibt:

    ich hab uns mal aus Bilbao eine Dose mitgebracht, konnte mich aber dann nicht dazu überwinden, zu kosten. Hat der Mitkoch ganz allein verputzt, und der hat gesagt „muss ich nicht unbedingt haben“, obwohl er Meeresgetier sehr gerne isst – jetzt weiß ich nicht, war die Dose nicht besonders gut, oder lag’s am Seeigel selbst. Frischen Seeigel haben wir nämlich noch nie gegessen.
    Wir waren diesen Frühling schon am Meer, an der Ostsee auf Rügen. Und im September geht’s nach Mykonos.
    Baldige Besserung wünsche ich Dir!

    • Matze schreibt:

      Dankeschön! Okay, ich muss zugeben, ich war ja Anfang Juni schon auf Kreta, also ganz so schlecht hab ich’s dann doch nicht😉.

      Ja, Seeigel ist wirklich Geschmackssache, Geruchssache, aber auch Textursache. Alles ist ziemlich stark ausgeprägt, auch bei frischem Seeigel, da sind die Unterschiede gar nicht so groß. Aber man isst ja auch nicht viel davon. Also mehr als einen Seeigel pro Person würde ich allein aus diesen Intensitätsgründen nicht empfehlen.

  2. Jay schreibt:

    Wie hat er denn nun geschmeckt, der Igel aus der Dose?🙂

    PS: Gute Besserung!

    • Matze schreibt:

      Gut – von den Stacheln vielleicht mal abgesehen😉. Nein, waren natürlich keine dran. Seeigel schmeckt irgendwie wie eine Mischung aus ganz stark „duftenden“ Algen und weichem Makrelenfilet, gemischt mit Safran. Von der Textur her ist es auch wieder eine Mischung aus Rührei und Kaviar. Ziemlich einmalig jedenfalls, und wenn ich mich nicht täusche, hatte ich das mal vor längerer Zeit unwissentlich aus einer Sushi-Box gegessen.

  3. Jay schreibt:

    Deine Berichte habe ich damals sehr gern gelesen und ich freu mich auch, wieder dorthin zu fahren. Habe mir in St. Malo ein kleines Appartment genommen.
    Seespinne werde ich vielleicht mal versuchen. So einen großen Taschenkrebs hatte ich dort auch schonmal gekauft, das Fleisch hat mich nicht überzeugt, fand es irgendwie nichtssagend. Aber seitdem ich dort Austern hatte, direkt vom Erzeugerstand in La Houle, schmecken sie mir hier in Deutschland nicht mehr…

  4. Jens schreibt:

    Hallo Matze!

    Wie Du bereits weißt, in Cassis unter Wasser mit einer Gabel vom Felsen geprockelt, mit einer handelsüblichen Plastiktüte (ich glaube Carrefour) beim in die Tiefe trudeln aufgefangen, auf einem Felsen mit Blick auf die Route des Cretes mittels Schere aufgeschnitten und ausgelöffelt. Dazu gab es Baguette. Superb.

    War dieses Jahr in Blankenberge / Belgien. Man was abgerockt die belgische Nordseeküste. Muss ich nicht mehr hin. Außerdem Moules Frites für 25 EURO in bescheidener Qualität. Dislike!!!!

    • Matze schreibt:

      Ja, hinten die Hochhausfront, dazwischen Rummelplatz und vorn der platte Strand. Aber die Wolken über dem Kanal sind ganz schön😉. Wir waren mal am 2. Januar in Ostende, mit dem Zug. Das war wirklich ganz nett, vor allem wenn man das Meer davor schon lange nicht gesehen hatte.

      Direkt aus dem Meer geholt habe ich noch keinen Seeigel,da hätte ich noch etwas stärker reintreten müssen, dass der sich vom Felsen gleich mit löst😉.

  5. Keita schreibt:

    Die Dinger kionnte man im September in Seté aus dem Hafenbecken picken. Waren leider noch viel zu klein, erst ab Dezember sind die wohl genießbar. Aus der Dose habe ich sie mal probiert, in Italien, sind aber überhaupt nicht mit Frischen zu vergleichen. Die Textur ist körniger, der feine Duft von Meer nicht so präsent, keine Süße. Als Kind in Japan habe ich die Viecher im Sushi gehasst, aber jetzt mit dem Alter hat sich das Blatt gewendet, sehr zum Leidwesen der Seeigel…

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