Weinrallye # 64: Welch seltsamer Sprudel – „Boisson Rouge“ von Emile Hérédia

WeinDie Verwirrung fängt schon bei dem Namen an: „Boisson Rouge“, „rotes Getränk“, was mag das wohl sein? Das Etikett gibt sich zwar optisch blubbernd, inhaltlich aber zugeknöpft: ein „Vin de France“, bei dem weder Jahrgang noch genauere Herkunftsbezeichnung irgendwo vorhanden sind. Immerhin scheint es ja ein Wein zu sein, denn bei dem Kronkorken wäre man spontan nicht unbedingt darauf gekommen. Was bei den Angaben auf dem Etikett auch noch fehlt, ist die (liebe Leute, wie grotesk!) einzig verpflichtende Zusatzstoff-Angabe, nämlich die nach zugesetztem SO2. Aus der Kombination alljener doch eher ungewöhnlicher Hinweise folgere ich messerscharf, dass es sich hier um einen „vin naturel“ handeln muss. „And somehow fizzy“, meint der Verkäufer im Whole Foods zu Kensington noch dazu, denn persönlich kennt er den Wein nicht.

Um ehrlich zu sein: Wir probieren das rote Getränk ebenso, ohne auch nur einen Fitzel darüber zu wissen. Als höflicher Servicedienstleister möchte ich Euch jedoch nicht so im Regen stehen lassen. Was ist das also für ein Zeug?

Emile Hérédia hört sich ziemlich Spanisch an, sieht aber mit seinen Löckchen und den langen Koteletten nicht wirklich wie ein Spanier aus. Sein Weingut, die Domaine de Montrieux, liegt, wahrscheinlich um noch weitere Verwirrung zu stiften, zwar im Anbaugebiet Loire, aber eben nicht an der Loire selbst, sondern an dem Loir. Diese Region war schon mal populärer als heutzutage – im Mittelalter zum Beispiel. Viele Flächen sind hier oben inzwischen gerodet worden, und vor ein paar Jahren hätte man noch von der nördlichen Weinbaugrenze gesprochen. Das war aber vor dem Weinbau-Craze in England und Dänemark.

Das Weingut ist seit 1999 biologisch zertifiziert, im Weinberg wird mit dem Pferd gearbeitet, in die Flasche kommt vergorener Traubensaft. Das „Boisson Rouge“ ist in der Tat ein Sprudler, der jenen Sprudel allein aus der Gärkohlensäure holt. 100% alte Gamay-Reben, vergoren, bis der Most nicht weiter mochte, rein in die Flasche, nach drei Monaten degorgiert, kein Schwefel, kein Zucker, kein gar nichts dazu – fertig.

MousseUnd was für ein seltsames Getränk das ist! Ich habe mir sagen lassen, dass der 2011er ganz anders geworden sein soll, furztrocken und straff, aber so ist das halt mit dem spannenden Ausgang bei dieser Art der Weinbereitung. Dass es sich bei unserem Wein um den 2010er handelt, kann man übrigens an der Zahl des Lots erkennen.

Einen mächtigen, rosafarbenen Schaum entwickelt der Wein, als er aus der Flasche entweicht. Trüb ist er und riecht nach süßer Brombeere. Gleich der erste Schluck zaubert en même temps ein Fragezeichen und ein Ausrufezeichen auf mein Gesicht. Der ist ja fruchtsüß! Ein fruchtsüßer roter Sprudler von dieser Qualität, das ist ja noch viel mutiger, als ich je gedacht hätte. Brombeeren und Blaubeeren schmecke ich, und natürlich passt er nicht zum bereitgelegten Wurstbrot, und zu warm ist er auch. Dies ist ein astreines Eiskalt-Sommerterrassen-Gesöff, da braucht man kein Dessert, da braucht man auch keinen anderen Apéritif, da braucht man noch nicht mal ein Hauptgericht, rein ins Glas, ein paar frische Erdbeeren in ein Schälchen und alles zusammen in den Mund.

Die Schwefelfreiheit schmeckt man dem Wein übrigens nicht an, oder sagen wir besser, die gelegentlichen nichtintendierten Nebeneffekte der Schwefelfreiheit wie übermäßige Oxidation oder Essigstich. Hier gibt es nur Frucht, Spaß und keine Reue.

Ich habe den Wein wie gesagt in London gekauft, glaube aber kaum, dass Ihr jetzt extra deswegen dahinjetten werdet. Eine Verkaufsstelle in Deutschland habe ich spontan nicht gefunden, aber falls es sie gibt, könnt Ihr sie gern in den Kommentaren nennen.

Undweinrallye64 was war das hier noch mal? Na, ein Artikel im Rahmen der 64. Weinrallye, diesmal organisiert von T’s Weinblog. Und weil gleichzeitig das Vinocamp in Geisenheim stattfindet, ist diesmal nicht (wie sonst) der Freitag jener Tag, an dem alle Beiträge erscheinen, sondern Montag, der 1. Juli. Es sieht fast danach aus, als wäre ich dieses Jahr schon wieder nicht beim Vinocamp, deshalb erscheint 1. mein Artikel schon heute und 2. von hier aus schon mal ein herzliches Prost mit dem roten Sprudel und „gute Geschäfte“ – oder was man sich da so wünscht…

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3 Antworten zu Weinrallye # 64: Welch seltsamer Sprudel – „Boisson Rouge“ von Emile Hérédia

  1. conne schreibt:

    Lieber Matze
    Ich habe den Wein schon mehrfach in Troyes, http://www.auxcrieursdevin.com/vins.html, auf dem Weg in unseren jährlichen Bretagneurlaub mitgnommen. anscheinend habe ich aber stets trockene Jahrgänge erwischt. Der Wein hat schön so zwischendurch zur Pâté de Campagne/Sala/tSenfvinaigrette,…gepasst. Den Rest dann beim Kochen, nach einem salzgetränkten Strandtag- ohne daß es Dir gleich die Füße wegzieht, ich habe ihn in netter Erinnerung. Die oben erwähnte Kneippe ist jedenfalls allein schon eine Reise wert.
    Schönen Gruß
    Cornelius

    • Matze schreibt:

      Ah, interessant. Wahrscheinlich wirst Du Dich nicht genau erinnern können, wie viel Alkohol der Wein jeweils hatte. Dieser hier hatte immerhin 12 vol%, was für die Nicht-ganz-Durchgärung ja relativ viel ist. Die Trauben müssen ziemlich reif gewesen sein.

      • conne schreibt:

        In meinem bischen Hirn ist ja jede Menge Platz für derartige informationen okkupiert, aber das weiß ich leider nicht mehr. Aber eher auf der leichten Seite, so ähnlich(nicht nur die Etiketten) wie die Gamays von Olivier Lemasson, http://www.lesvinscontes.com/les-cuvees/loplop/ – irgendwie Rotwein für Weißweintrinker, mir schmeckts sowas ja…

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