Bergwein: Les Crêtes Fumin 2007 aus dem Aostatal

Titel (2)Dies ist ein kleiner Wartepost. Ich warte nämlich auf die restlichen Infos, die ich brauche, um einen Artikel über die Weinprobe mit den wurzelechten Gemischten Sätzen schreiben zu können. Derweil vertreibe ich mir und Euch ein wenig die Zeit mit einem Wein, der irgendwie fast zum anderen Thema passen würde. Wie bei den wurzelechten Gemischten Sätzen handelt es sich hier nämlich um eine seltene, alte, autochthone Rebsorte, die es nur noch auf 17 ha Rebfläche im italienischen Aostatal gibt. Wie Ihr vielleicht wisst, habe ich ein gewisses Faible für das Seltene, Individuelle, halb Vergessene – kurz: für die wunderbare Vielfalt unserer Welt, deren Erhalt wir uns doch bitteschön auf die Fahnen schreiben sollten.

In der Bergregion der westlichen Zentralalpen findet man in allen drei beteiligten Ländern noch Rebsorten, die es geschafft haben, alle Zeiten zu überdauern, ohne von der großen Weinwelt irgendwie „entdeckt“ worden zu sein. Im Schweizer Wallis existieren so interessante wie ungewohnt benamte Rebsorten wie Lafnetscha, Himbertscha, Amigne oder Resi. Auf der französischen Seite, in Savoyen, gibt es dafür Gewächse aus Gringet, Molette oder Persan (sagt nicht, Ihr hättet davon schon je etwas gehört), im italienischen Aostatal dafür Roussin de Morgex, Vuillermin, Vien de Nus oder eben Fumin.

Wer schon einmal in Aosta war, wird sicher auf die Überreste der römischen Bewohner gestoßen sein, für die dies eine wichtige Station vor den großen Alpenpässen war. Die Römer sollen auch den Weinbau in diesen Landstrich gebracht haben – und dann gingen sie irgendwann wieder. In den nächsten Jahrhunderten winzerten die Winzer offenbar relativ ungestört von der Außenwelt vor sich hin, und erst die Rebkrankheiten des 19. Jahrhunderts führten dazu, dass sich die Sortenvielfalt ein wenig verringerte.

Weine aus dem Aostatal findet man hierzulande in praktisch keinem italienischen Restaurant. Auch in Weinhandlungen in Deutschland: fast immer Fehlanzeige (die rühmlichen Ausnahmen folgen am Ende des Artikels). Und so habe ich natürlich gleich zugegriffen, als ich in Milano in einer Weinhandlung dieses Prachtstück gefunden hatte. Pierre Galet übrigens schreibt in seinem“Dictionnaire Encyclopédique des Cépages“ über die Rebsorte Fumin, sie sei schwer zu trinken, weil gerade im ersten Jahr Säure und Tannine übermäßig stark in die Zunge beißen sollen. Man möge besser einige Jahre warten.

Les CrêtesDas Weingut „Les Crêtes“ deutet schon in seinem Namen an, dass wir uns hier an der italienisch-französischen Sprachgrenze befinden. Costantino Charrère und seine Familie bewirtschaften hier insgesamt 25 ha Rebfläche, was gleichbedeutend ist mit dem größten privaten Weingut des ganzen Tals. Der Fumin stammt dabei aus der Parzelle „La Tour“, wo er auf 2,5 ha mit einer Stockdichte von 7.500 Reben pro Hektar steht. Geerntet im Oktober, gären die Trauben im Stahltank für 10-12 Tage, und der Wein wird anschließend für ein Jahr in kleinere französische Holzfässer gesteckt. Danach bleibt er ein weiteres Jahr im Keller der Charrères, bevor die Scheichs und die Hongkonger Investmentbanker mit ihren Helikopters angeflogen kommen und Costantino die gesamte Ernte förmlich aus den Händen reißen. Oder so ähnlich.

Etikett RückseiteIch öffne die Flasche mit dem goldblitzenden Schriftzug voller Freude, und der Wein gluckert in dunklem, lebendigem Rot ins Glas. Insgeheim hatte ich mir genau jene Qualitäten erhofft, von denen Galet berichtete, nämlich einen mittlerweile leicht abgemilderten Tropfen, der dennoch über ein gerüttelt Maß an Säure und Gerbstoffen verfügt. Nicht dieses abgesoftete Zeug, das heutzutage die Verbraucher angeblich haben wollen. Andererseits hatte ich in diesem hervorragenden Artikel gelesen, dass viele Aosta-Weine irgendwie konzessionelle Anwandlungen bekommen hätten und jetzt genauso mollig schmecken würden wie ein gemeiner Australier. Zum Glück kommt es dann nicht so: Sauerkirsche, frisch, pikant, dazu leicht gerbige Kräuter, ein assoziativer Oregano. Weder süß noch breit ist der Wein, zwar mit einer leichten Holznote, aber immer frisch und fordernd. Spontan fühle ich mich an die portugiesischen Weine von Luis Pato erinnert, der aus der Baga-Traube ähnlich lebendige und dennoch elegante Weine bereitet. Sehr sehr schön.

Preislich bewegen wir uns in derselben Liga wie Großmeister Pato: 21 € habe ich bei Peck für den Fumin gezahlt. Übrigens musste ich feststellen, dass sich der Wein (bei mir zumindest) nach längerem Öffnen nicht positiv entwickelt und eher leicht oxidativ-bräunliche Töne annimmt. Gleichfalls würde ich dazu raten, die Trinktemperatur nicht zu hoch anzusetzen. Dies ist ein Weintyp, der die Frische in jeglicher Form liebt, also sollten wir ihm und uns den Gefallen tun. Ich gebe nach längerer Pause mal wieder Punkte und komme nicht umhin, Eleganz und Charakter mit je 6 Punkten zu bewerten, was 16 MP insgesamt macht. Wer großzügig ist, mag allerdings auch mehr geben. 92 Punkte lieferte dabei Robert Parker (respektive sein Adjutant), das zur Einordnung.

Leider gibt es diesen so schmackhaften Wein offenbar nur in Italien. Immerhin habe ich aber zwei Weinhändler in Deutschland aufgetan, die Aosta-Weine in ihrem Angebot führen. Das ist zum einen Superiore (nicht ganz überraschend) mit nicht weniger als 13 Aostatalern, wobei ich spontan gar nicht wüsste, welchen ich jetzt nehmen würde. Vielleicht den „Vin de la Sabla“ von Les Crêtes. Der zweite Laden steht (außer virtuell im Internet) in Regensburg und heißt Enoteca Italiana. Das Angebot ist mir schon öfter wegen seiner schönen Bandbreite aufgefallen, die die Nische in den Mittelpunkt stellt. Acht Weine aus dem Aostatal gibt es dort, und wenn ich nur einen wählen dürfte, würde es wahrscheinlich der „Torrette“ von Grosjean sein. Aber schaut Euch nur um, die anderen klingen auch nicht gerade so, als würde es sich um langweilige Weltweine handeln.

Zum Abschluss fällt mir noch eine Frage ein, bei der ich mir Eure Hilfe erhoffe. Ich muss zugeben, dass ich derzeit von einem Rotweintyp eingenommen bin, der sich durch kräftige Säure, ein gewisses Tannin und vor allem keine Breite und Süße auszeichnet. Fast ein wenig wie die Vinhos Verdes tintos aus Portugal. Welchen deutschen Rotwein mit dieser animierend-frischen Art könntet Ihr mir empfehlen? Oder gibt es sowas hier gar nicht? (Habe gerade einen Tauberschwarz mit 4 Gramm Restzucker probiert und festgestellt, nein, das ist es nicht.)

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11 Antworten zu Bergwein: Les Crêtes Fumin 2007 aus dem Aostatal

  1. Alfredo schreibt:

    Das ist mal wieder hervorragend recherchiert und noch besser geschrieben. Da können sich alle gewürzten captains samt Gefolge viele scheiben abschneiden. Von wem war denn der Tauberschwarz? Bei Hoffmann in Röttingen habe ich ein paar Flaschen davon mitgenommen, er muss bis zur verkostung aber noch etwas warten.

    Viele Grüße
    Alfredo

    • chezmatze schreibt:

      Alfredo, der Tauberschwarz war von der Genossenschaft. Beim Blick auf die Website musste ich feststellen, dass deren trockene Rotweine mit um die 5 g Restsüße die meisten Preise abgeräumt haben. Mag sein, dass es so ist, wie in dem im Text verlinkten Merum-Artikel geschrieben: Die Verbraucher wollen keine „sauren“ und „gerbigen“ Weine. Aber, muss ich als Erzeuger als Leitbild immer die Masse hernehmen? Gerade bei „Nischensorten“? Aber gut, das muss jeder Winzer selbst entscheiden.

      Der Tauberschwarz von Hofmann würde mir auch als einziger „namhafter“ = in den einschlägigen Büchern gelisteter Wein dieser Rebsorte einfallen. (Aber „säuerlich“ ist der auch nicht, oder?) Empfohlen wurden mir jedenfalls zusätzlich die Tauberschwärze von Benz und von Udo Engelhardt. Aber das wird eher eine Frühjahrs-Expedition. Wenn die ersten Blätter rauskommen, gefällt es mir im Taubertal irgendwie besser als bei Schneematsch😉

  2. Thomas Riedl schreibt:

    Hallo Matthias,

    schön geschrieben, mit animierender Lust an den önophilen Nischen!
    Die teile ich, wie Du weißt. Tauberschwarz wird in meiner nächsten Probe zu seltenen deutschen „Traditionssorten“ im Herbst 2013 auf dem Tisch stehen – von Hofmann und Benz. Dann wird es um reinsortige Weine gehen.

    Eine in Deutschland angebaute Sorte, die im Blick auf die Säure und die Frucht vielleicht in Richtung Fumin geht, ist der Blaue Urban.
    Findest Du derzeit nur bei Weinbau Pavillon in Gundelsheim (www.weinbau-pavillon.de) und Weingut Graf Adelmann (www.graf-adelmann.com).

    Deutlich tanninhaltiger der Blaue Gänsfüßer – ja, kommt auch bei der Rebsortenprobe auf den Tisch. HIer gibt es – derzeit – nur drei Erzeuger:

    Arbeitskreis Römisches Weingut Weilberg, Dr. Fritz Schumann, Tel: 06322 / 8995
    Staatsweingut mit Johannitergut, Neustadt-Mußbach, (www.staatsweingut-johannitergut.de)
    und ganz neu

    Weingut Braun GbR. Meckenheim (www.braun-wein-sekt.de)

    Und noch nicht im Verkauf: Affenthaler – Frische rote Frucht und Säure, weniger Tannin.

    Herzliche Grüße

    Thomas

    • chezmatze schreibt:

      Vielen Dank für die Tipps!

      Und für Deine Veranstaltung im Herbst kannst Du schon mal einen Platz für mich reservieren – ich weiß ja, wie schnell die Plätze weg gehen😉.

      Kurz mal auf den Websites der Güter nachgeschaut, haben Pavillon und Adelmann den Urban ganz regulär im Verkauf. Bei den anderen Gütern muss man vermutlich nachfragen. Dass das Staatsweingut den Gansfüßer im Anbau hat, hatte ich auch schon mehrfach gelesen. Aber irgendwie hatte ich noch nirgends Verkostungsnotizen gefunden…

  3. Alas schreibt:

    Hallo Matze!

    Hier eine VK von mir (runter scrollen):

    http://www.dasweinforum.de/viewtopic.php?f=7&t=2303&start=40

    Gruß

    Alas

    • chezmatze schreibt:

      Ah ja, dankeschön! Tja, der 2004er dürfte vermutlich in der Tat nicht mehr im Angebot sein. Aber ist eh merkwürdig: Auf der Website des Staatsweinguts wird gefühlte 50mal der Name „Gänsfüßer“ erwähnt, und dann gibt es den Wein nicht zu kaufen… online zumindest. Naja, mal schauen.

      Der Gänsfüßer von Braun/Meckenheim (Pfalz, nicht das Meckenheim hinter Bonn) soll übrigens im Mai 2013 in den Verkauf kommen. Oder in die Verteilung😉

  4. Steffen schreibt:

    Genau den Wein habe ich auch schon mal getrunken, aber er ist mir leider nicht wirklich in Erinnerung geblieben. Ich glaube, ich habe ihn mal recht spontan geöffnet als Besuch kam, vielleicht war es also mangelnde Aufmerksamkeit. Im Keller liegt noch der Petite Arvine von Les Crêtes, ein Weißer aus 2009. Ich bin gespannt.
    Schönen Gruß
    Steffen

    • chezmatze schreibt:

      Den Petite Arvine (oder vielmehr drei verschiedene, wenn ich mich nicht täusche) kenne ich nur von der anderen Seite der Berge. Das ist für mich irgendwie der Top-Begleiter zu würzigem, aber keinesfalls zu scharfem Bergkäse. Aber vielleicht habe ich bei der Rebsorte auch einfach nur diese Berg-Assoziation, und ich zimmere mir das im Geist passend😉.

  5. conne schreibt:

    Den Tauberschwarz vom Hofmann kann man in Nürnberg in der Weinwirtschaft, Friedrichstraße probieren, es steht glaube ich nur der Probstberg R auf der Karte, der ist jedenfalls noch zu jung(2009 barrique). Aber der Einfache ist im Keller, einfach danach fragen.
    Aber keine Sorge, werde nicht jedes Thema kommentieren. Viele Grüße

    • Matze schreibt:

      Och, das ist ehrlich gesagt nicht meine allergrößte Sorge😉. Mein Blog ist ja zum Kommentieren gedacht, davon lebt er doch. Und ich bin immer sehr froh, wenn ich von anderen Leuten, die sich genauso für die Sache interessieren wie ich, neue Anregungen bekomme. Ich denke, der „passiven Leserschaft“ geht es da nicht anders.

  6. Pingback: Autochthone Rebsorten aus Norditalien | Chez Matze

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