Biertour Bamberg (Teil 1)

Eigentlich hat Bamberg, die wunderschöne Stadt an der BAM, gar nicht so viele Alleinstellungsmerkmale, wie man gemeinhin annimmt. Der Dom steht auch in Kölle, Heinrichs gibt’s wie Sand am Meer, Orchester touren mittlerweile durch Fußgängerzonen, und Touristen, die einem bei jedem Foto im Weg stehen… Ihr seht schon, nichts Besonderes. Solltet Ihr allerdings die internationale Bierliteratur konsultieren, würdet Ihr sehr schnell auf Lobhudeleien treffen, die sich kaum mehr steigern lassen. Und ja, es ist vermutlich wahr: Bamberg ist die Welthauptstadt des Bieres. 9,5 Brauereien gibt es hier derzeit, darunter acht sehr gute, eine miese und eine, äh, halbe. Was es damit auf sich hat, welches die miese und welches die halbe Brauerei ist, und wo man in Bamberg zum Biertrinken einkehren kann, darüber soll Euch dieser Artikel informieren.

Beginnen wir bei unserem Rundgang dort, wo normalerweise keine Stadtführungen starten: in der Wunderburg. Dieser jenseits des Kanals gelegene Stadtteil mit seiner Mischung aus Gärtnerhäusern und Kleingewerbe vermittelt ein Bild von Bamberg, das sehr untouristisch, fast gewöhnlich wirkt. Von den 78 gewerblichen Brauereien, die es in den letzten 200 Jahren in Bamberg gab, befanden sich nur zwei in der Wunderburg. Anders aber als viele ehemalige Innenstadt-Brauereien gibt es die beiden Wunderburgler immer noch (die Ex-Brauerei Maisel jenseits der Bahnlinie zählt selbstverständlich nicht mit). Sie heißen Mahr und Keesmann, bilden mit der von ihnen quasi umrahmten Kirche eine Art Stadtteil-Zentrum und sind beide sehr besuchenswert. Bei einer gewöhnlichen Stadtführung werdet Ihr nicht hierher gelangen, Ihr müsst es schon selbst wollen. Und sucht nicht nach der Burg, es gibt nämlich keine.

Die Brauerei Keesmann galt lange Jahre als die jüngste Bamberger Brauerei, der Nachzügler sozusagen. Heute ist es nur noch die zweitjüngste, aber das Gründungjahr 1867 liegt für Bamberger Verhältnisse weiterhin kaum länger zurück als der vorletzte Montag. Die Brauerei Keesmann ist eher eine Bamberger denn eine internationale Institution. Wer woanders nach dem berühmtesten Bamberger Bier fragt, wird wohl nur selten den Namen Keesmann zuerst genannt bekommen. Vielleicht ist das aber auch ein Grund dafür, weshalb es bei Keesmann besonders urtümlich zugeht. Für mich hat die Brauerei auf jeden Fall den Titel „Stehgammlerplatz Nr. 1“ verdient. Wie bitte, „Stehgammler“? Ja, Ihr habt richtig gelesen. Die Stehgammler sind Stammgäste, die ihren Platz nicht etwa in der Gaststube, sondern draußen im Durchgang gefunden haben. Nachbarn oder Arbeiter von der Schicht kamen schon immer gern auf ein bis zwei schnelle Biere vorbei. Manchmal werden auch noch mehr daraus, aber da der Ausschank draußen genauso funktioniert, verspüren die Stehgammler keine Neigung, ins Warme zu kommen. Stehgammler sind eine Institution – und die Keesmann’schen einfach die besten.

Interessanterweise versprühen die Biere von Keesmann so gar nicht diesen gemächlich-gemütlichen Charme, denn sie sind vor allem eins: deutlich gehopft. Kein Wunder, dass hier ein Pilsener, namentlich das „Herren-Pils“, die Hauptrolle spielt.

Das Herren-Pils besitzt einen getreidig-börpsigen Geruch, wenn Ihr wisst, was ich mit diesem Fachbegriff aus der Lautmalerei meine. Im Mund ist das Bier zunächst recht cremig, fast schaumig, bevor dann ein sehr deutlicher Hopfen herübergeweht kommt. Ohne dass Ihr es wisst (denn Ihr kennt den Rest ja noch nicht), habt Ihr hier das herbste Bamberger Bier getrunken. Ein Pils, das man fast für norddeutsch halten könnte, wenn es dort nicht… Aber gut, wollen wir nicht wieder in die alte „früher, als ein Jever noch wie ein Jever schmeckte“-Litanei verfallen. Das „Herren-Pils“ ist ein frisches, gänzlich unwuchtiges Bier (nur 4,6 vol%). Dazu eine Herren-Schokolade.

Beim Sternla begeistert gleich zu Beginn die Farbe. Lasst Euch dieses Bier nicht in den Steinhumpen (= „Seidla“) füllen, dieses leuchtende Hellkastanienfarbeninskupferabgleitende muss man gesehen haben. Was dann jedoch am Gaumen folgt, verstört den Malzfreund, der sich bei der Farbe noch richtig verstanden fühlte: Sehr herb ist das Bier, grün, hopfig, ein wenig Caramelmalz, zugegeben, aber in erster Linie viel Hopfen bei weniger Körper. Null Barock, so etwas macht sonst niemand in Bamberg. Ein bescheidener Wunsch meinerseits: Liebe Keesmänner, wenn Ihr Euren Bieren schon so einen feinen und kräftigen Hopfen angedeihen lasst, probiert doch mal die obergärige Variante aus. Das Sternla als „Best Bitter“ oder IPA, ich habe so ein vages Gefühl, dass das geschmacklich hervorragend zusammenpassen könnte.

Die Brauerei Mahr, auch als „Mahrs-Bräu“ bekannt, wurde vor einigen Jahren in dieser Zeitschrift als „World’s Best Brewery“ bezeichnet. Nun, man kann viel behaupten, wenn der Tag lang ist, und selbstverständlich ist solch ein Titel ein pauschaler Unfug. Jedenfalls dann, wenn man nicht gleichzeitig die 13.621 anderen Brauereien getestet hat, die es laut dieser Quelle weltweit geben soll. Dennoch: Fragt eine beliebige Zahl in- und ausländischer Bierfreaks nach dem besten Bamberger Bier, und Ihr werdet je nach persönlichem Geschmack vornehmlich zwei Antworten bekommen, nämlich „Schlenkerla“ oder „Mahr’s U“. Wenn eine Brauerei schon derart gut angesehen ist, sollte man dann auch durchaus mehr probieren als eine einzige Sorte. Gesagt, getan.

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Das Mahr’s Hell ist für mich der perfekte süddeutsche Allrounder. Nicht so hell wie der Name suggeriert, eine schöne Malznote, ausgewogen mild. Was will man mehr zum Sonntags-Frühschoppen? Das Mahr’s Pils erfreut mich nicht minder, zeigt aber auch, wohin die Reise hier geht: Ausgewogenheit ist Trumpf. Keine Ecken und Kanten, feinherb (hier trifft der Wischiwaschi-Werbebegriff mal zu), fast der Bier-Prototyp schlechthin. Das E.T.A. Hoffmann ist ein dunkles Bier, das im Jahr 2008 ursprünglich wegen der Feierlichkeiten zum 200. Jahrestag der Ankunft des Schriftstellers in Bamberg gebraut wurde, aber auf so großen Zuspruch stieß, dass es regulär ins Portfolio aufgenommen wurde. In der Nase erschnuppere ich extrem viel Röstmalz und zerstoßene Kaffeebohnen. Am Gaumen ist das Bier dann nicht gar so röstig, aber immer noch viel eher ein Stout oder ein Schwarzbier als ein Dunkles aus der Fränkischen Schweiz: wenig Malzsüße, recht ordentlicher Hopfen. Und schließlich das Mahr’s Kellerbier Ungespundet Hefetrüb, bei allen Bambergern und denjenigen, die sich insiderhaft gerieren wollen, nur als „U“ bekannt. Trüb, orangefarben, kaum Schaum, dann aber aus der Flasche gar nicht so kohlensäurefrei wie erwartet. Zwar hat das Bier ohne den Verschlussstopfen im Lagerfass den Gärprozess durchlaufen, aber ein wenig Kohlensäure bleibt halt immer gebunden. Ich weiß auch nicht, was der fränkische Kunde zu einem Bier sagen würde, das komplett „flat“ wäre. Wahrscheinlich „bäh“. Dieses Bier hier jedenfalls wirkt am Gaumen mild, minimal laktisch, mit leichtem Aprikosentouch und irgendwie fast obergärig. Das schmeckt nicht nur den Franken, sondern auch den Angelsachsen.

Weil Stephan Michel, „Mr. Mahr“ sozusagen, ein experimentierfreudiger Mensch ist, der sich nicht nur auf alten Bierlorbeeren ausruht, gibt es in diesem Jahr wieder ein Jubiläumsbier, das für Bamberg ganz und gar ungewöhnlich erscheint. Es handelt sich um das Jubelfestbier, naturtrüb und obergärig, das zur 1000-Jahr-Feier des Bamberger Doms gebraut wurde. Ob auch dieses Bier ein fester Bestandteil der Mahr’schen Bierpalette werden wird? Nun, ich habe es in der Brauerei selbst frisch aus dem Fass probiert. Mich hat es ein wenig an das Märzen aus der verblichenen Nankendorfer Brauerei Polster erinnert: trüb, recht süßliche Note, wenig Hopfigkeit, dafür munter und unstoppbar emporsteigende Bläschen, die eine gewaltige Schaumkrone bilden. Ähnlich explosiv zeigte sich in letzter Zeit Braufactums „Oscur“, und schon da dachte ich mir, vielleicht hätte es etwas weniger Hefe auch getan.

In sämtlichen Bamberger Braugaststätten kann man übrigens sehr gut herzhafte fränkische Speisen zu sich nehmen. Bekanntlich sind mehr als drei warme Mahlzeiten am Tag dem körperlichen Wohlbefinden nicht zuträglich, aber nachdem ich schon im Keesmann nichts gegessen hatte, steht im Mahrs das typischste aller fränkischen Fleischgerichte auf dem Plan: Schäuferla, südlich von Bamberg auch als Schäufele bekannt. Es handelt sich hierbei um das schaufelförmige Schulterblatt des Schweins, komplett mit Knochen, Fleisch (das sich von demselben löst) und knuspriger Schwarte. Aber kein Wort weiter, das ist nämlich einen eigenen Artikel wert.

So, jetzt seid Ihr gut gestärkt und könnt Euch auf einen weiten Spazierweg machen. Über den Kanal, quer durch die Innenstadt oder auch alternativ durch Haingebiet, dann weiter über die Regnitz, und Ihr findet mit Hilfe Eures Smartphones (das ich immer noch nicht besitze) in versteckter, aber touristenfreundlicher Lage das Klosterbräu. „Älteste Braustätte Bambergs“, so lautet der Werbespruch, und in der Tat ist das Jahr 1533 schon eine ganze Weile her. Wann jedoch das erste Bier in Bamberg gebraut wurde, wird vernünftigerweise kein Mensch sagen können. Etwas weniger ur-bambergerisch als im Keesmann, etwas weniger alternativ-rockig als im Mahrs, bedient das Klosterbräu eine sehr gemischte Klientel.

Die Klosterbräu-Biere packen den Neuankömmling nicht wirklich beim ersten Schluck. Es sei denn, er (oder sie) ist sehr durstig, aber das ist bei der dritten Station unserer Biertour ja nicht mehr das Thema. Das Bamberger Gold, ein helles Bier Pilsener Brauart, wurde mir vor Jahren von irgendwelchen Sportfreunden als das beliebteste Bier der Bamberger empfohlen. Ich trank es damals artig, war aber in solchen wie auch mancherlei anderen Dingen noch nicht so versiert.

Heutzutage sage ich: Pilsgetreidig-börpsig in der Nase, wie es sich für ein gewöhnliches Pils geziehmt. Im Mund vorn frisch, in der Mitte ausgewogen und hinten hopfig. Fraglos ganz nett, aber auch eher inexplizit. Das Schwärzla will mir ebenfalls nicht recht behagen. Farblich ist es mit seinem leuchtenden Rotbraun noch sehr schön anzuschauen. Dann aber machen sich im Mund Noten breit, die ich nur mittelprächtig finde: Vorn eine gewisse Säure, in der Mitte eine Mischung aus Gemüse, Malz, einer leichten Röstigkeit und einer Art Schuhsohle, einer älteren Einlegesohle, um genau zu sein. Zum Glück denke ich das nur und schreibe es nicht auf. Denn als ich die würzigen Chips hernehme und dazu weiter am Schwärzla nippe, merke ich auf einmal, dass dies hier ein ausgezeichneter Speisenbegleiter ist. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Braunbier, das möglicherweise seit dem 16. Jahrhundert das Klosterbräu-Zepter hochhält. Malzig-festlicher hätte ich es erwartet, es kommt aber wie ein nicht stark süßliches Märzen daher. Auch zum Essen besser als solo.

Und damit haben wir die Hälfte der Biertour Bamberg geschafft. Eine der beiden Brauereien, die ich Euch nicht vorstellen werde, verrate ich jetzt schon einmal. Es handelt sich um die Brauerei Kaiserdom (vulgo „die miese“) im Stadtteil Gaustadt. Diese mit gewaltigem Abstand größte Bamberger Brauerei (260.000 hl im Jahr) bietet ihre Kapazitäten auch für Fremdbrauer an und passt von ihrem ganzen Konzept her nicht wirklich in die heile, kleine, handwerklich-wutzelige Bamberger Bierwelt.

Im zweiten Teil trinken wir dann Rauch und gehen noch weiter zurück in der Zeit. (Hier geht es zu Teil 2)

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10 Antworten zu Biertour Bamberg (Teil 1)

  1. Alex schreibt:

    Toller Artikel! Ich bin begeistert. Jetzt hab ich auch richtig Durst auf ein Bier..

    • chezmatze schreibt:

      Bei den Temperaturen wohl eher auf ein Bockbier😉. Am 22. November ist dieses Jahr Bockbieranstich im Greifenklau. Bis dahin sollte Teil 2 allerspätestens fertig sein…

  2. Harald schreibt:

    Hi,

    dann zähl doch mal eins und eins zusammen, bzw. beziehe 1 (Klosterbräu) auf 2 (Kaiserdom) und schon hast Du die Lösung für Deine etwas unbefriedigende Schuhsohlenverkostung!

    Viele Grüße,

    Harald

    • chezmatze schreibt:

      Teufel, bist Du Dir sicher? Oder besser: Habe ich Dich richtig verstanden, dass Du andeuten wolltest, dass das Schwärzla in Wirklichkeit bei Kaiserdom gebraut wird? Mich stört es ja schon, dass die Ex-Brauerei Wilde Rose mit ihrem schönen Keller immer von „unserem Wilde-Rose-Bier“ spricht, ohne dass irgendwo ein Hinweis darauf zu finden ist, wer es denn tatsächlich braut. Klosterbräu hingegen bietet ja auch Brauereiführungen an, dass heißt, irgendwas wird dort nachprüfbar gebraut…

      • Harald schreibt:

        Ja, das mit den Führungen find ich auch etwas befremdlich, aber in eingefleischten Brauerkreisen der Region war auf Nachfragen genau dies zu erfahren… Wir wollen demnächst die anstehende Bockbiersaison nützen und dort mal vorbeischauen… Weitere Infos folgen…

      • chezmatze schreibt:

        Na dann viel Glück bei der Wahrheitsfindung😉. A propos Bock, haben gerade Schroll Bock aus Nankendorf probiert, und ich gebe unumwunden zu: jedes Jahr wieder einer meiner Lieblingsböcke.

  3. Oliver schreibt:

    hm, ob man deine tour an einem wochenende nachvollziehen kann?! war schon lange nicht mehr in bamberg und damals hatte ich von bier so wenig ahnung, dass mir das rauchbier als ungeniessbar vorkam… tse! diese jugend!

    • chezmatze schreibt:

      Als ich mal Freunde aus Norddeutschland mit auf Rauchbier-Tour genommen hatte, glaubten die nachher immer ein „Reparatur-Pils“ trinken zu müssen. Leute gibt’s…😉

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