September-Schnipsel

Ich weiß nicht genau, wie treu Ihr seid. Also ich meine, wie treu Ihr beim Lesen meines Blogs seid, wie oft Ihr hier vorbeischaut. Sollte das öfter passieren, ist Euch sicher auch schon aufgefallen, dass ich nicht mehr so häufig poste wie noch vor einigen Monaten. Und ich hoffe, Ihr bedauert das genauso wie ich. Aber es gibt nun einmal Phasen im Leben, in denen man mehr Zeit für das Eine und weniger für das Andere hat. Ich schreibe zwar immer noch viel, muss das im Moment aber woanders tun und nicht auf meinem Blog. Weil ich mich aber immer noch genauso für alle Dinge des Essens, Trinkens und Drumherums interessiere, habe ich mich entschlossen, Euch hier ein paar Schnipsel der vergangenen Wochen zu präsentieren. Ein Thema, ein Foto, ein paar Zeilen – und weiter zum nächsten Thema. Los geht’s.

Die „Via Mala“ in Graubünden soll eine der spektakulärsten Alpenschluchten sein. Weshalb der Kanton Graubünden heißt, weiß ich jetzt, aber so plakativ miserabel hätte das Wetter dann doch nicht sein müssen. Der Regen hat sogar so gepflätschert, dass ich auf ein Foto der Weinberge von Fläsch, Maienfeld und Malans verzichten musste. Immerhin konnte ich zwei der nur sehr selten exportierten Bündner Blauburgunder erstehen. Für dieses reichlich unspektakuläre Foto habe ich übrigens die komplette Durchnässung meiner ansonsten doch immer so schicken Frisur in Kauf genommen.

Wie teuer kann Olivenöl sein? Genau weiß ich das nicht, aber meine persönliche Wahrnehmungs-Obergrenze habe ich im Mailänder Kaufhaus „La Rinascente“ erreicht. 119 € kostete da die teuerste Flasche mit 0,75 Liter italienischen Olivenöls. Dass bei derartigen Preisen die Verpackung wichtiger ist als der Inhalt, erscheint irgendwie verständlich. Porzellan, handbemalt, Blattgold, was es nicht alles gibt…

Den besten Bierladen Italiens wird niemand zufällig aufsuchen, denn er liegt ein Stück östlich des Zentrums und metrotechnisch jenseits von Gut und Böse. Aber bei „Roybeer“ geht jedem Bierfreak das Herz auf. Hopfen und Malz zum Selberbrauen kann man hier kaufen, aber vor allem Bier aus einem Sortiment, das vom Niveau her einer Weltklasse-Weinhandlung entspricht. Soll heißen: die Spitzen der italienischen Mikros, dazu die Kult- und Starprodukte aus Norwegen, Dänemark, Großbritannien, den Niederlanden, Deutschland, den USA, Frankreich… Mehr dazu an geeigneter Stelle.

In Italien hatte ich mich entschlossen, nicht etwa großartige Weine zum Einkellern zu kaufen, sondern ganz ähnlich wie in Kroatien junge, frische und günstige Produkte aus autochthonen Rebsorten. Und es gibt Erstaunliches hier. So ganz langsam kommt ja auch die Erkenntnis nördlich der Alpen an, dass Lambrusco gar nicht so fürchterlich sein muss (auf dem Foto ein billiges Supermarkt-Exemplar, das dennoch viel Spaß gemacht hat). Ich behaupte mal, dass „unsere“ traditionelle Küche ähnlich herzhaft ist wie diejenige Norditaliens, und so hätte ich am liebsten kistenweise die leicht perlenden Roten aus Bonarda, Freisa oder den Lambrusco-Varietäten mitgenommen. Große Harmonie zwischen Teller und Glas, große Freude an großen Schlucken.

In Saint-Tropez gibt es doch tatsächlich noch ein bis zwei Buchten am Ortsende, die frühmorgens genauso aussehen, wie dies in den 60er Jahren gewesen sein muss. Das Seegras wird absichtlich nicht weggeräumt, es gibt sogar noch ein paar Fischer, und vom Felsen blickt man aufs Meer. Woanders im Ort fühlte ich mich dann eher an eine Promi-Reality-Soap erinnert – samt Studiopublikum. Immerhin haben sich ein paar kulinarische Refugien erhalten: Die Pâtisserie „Marcel & Cavazza“ bäckt ungeheuer reichhaltige Pinien-Hörnchen, die sie groteskerweise als Croissants bezeichnen, obwohl sie für meine Begriffe orientalischer Herkunft sein müssten. Am Mittelmeer hat sich schon immer so einiges zum Guten vermischt.

Die besten Kartoffelchips hingegen kommen aus England, und seitdem man da gewaltig auf die Distributionstube gedrückt hat, gibt es auch bei uns immer häufiger Produkte von Kettle oder Tyrrells zu kaufen. Nun wollen die Franzosen offenbar nachziehen und haben mit der Dreier-Serie von „Vico“ dicke Kartoffelscheiben mit Schale auf den Markt geworfen. Da ich seit meinem achten Lebensjahr semiprofessionell Chips vertilge, muss ich so urteilen: netter Versuch, aber da braucht es noch einige Nachhilfestunden. Weshalb man übrigens in Deutschland trotz des Kartoffelreichtums keine entsprechenden Chips herstellt, frage ich mich schon seit längerem.

Die provençalische Küste zwischen Marseille und Menton ist verkehrstechnisch überlastet, teuer und mit teils hässlicher Bebauung verunstaltet. Das Meer an sich gefällt mir zwar gut, aber der Rahmen nicht wirklich. Allerdings muss ich zugeben, dass der wichtigste Grund, weshalb ich hierhin und nicht etwa gleich ins Rhônetal wollte, der Erdbeerbaumfalter war. Jener ist der größte und spektakulärste europäische Tagfalter, und es war ein besonders aufregendes Erlebnis für mich, auf den Höhen über Cavalaire-sur-Mer im Reich dieser wirklich tropisch anmutenden Schmetterlinge unterwegs zu sein.

Gleich noch einmal ein tierisches Erlebnis, wenngleich ein solches der dritten Art. Bei einem Spaziergang auf dem Damm des Flusses Aigues (inzwischen waren wir doch wieder in die nördliche Provence geflüchtet) lag mitten auf dem Weg eine etwa 1,50 m lange – Schlangenhaut. Die Schlange hatte sich offensichtlich hier oben gehäutet, bevor sie sich in den Fluss gleiten ließ. Irgendwie wirkte es so wie im Schwimmbad. Ein Glück, dass das Schlängchen während meiner Anwesenheit nicht aus dem Wasser zurückkam, um sich wieder anzuziehen.

L’Isle-sur-la-Sorgue ist ein zweifellos touristischer Ort. Trotzdem sind wir immerhin in Frankreich, was bedeutet, dass es eigentlich fast überall irgendwelche kulinarischen Entdeckungen zu machen gibt. Die Bäckerei in der Rue de la République 28 heißt „Au Delice de Benjamin“, und Benjamin bäckt in seiner winzigen Backstube noch ausschließlich im uralten, mit Holz befeuerten Ofen. Das schmeckt man nicht nur seinen Baguettes und Croissants an, sondern auch seinen kleinen Häppchen. Die Pissaladière und das Tomatenbrot, das wir dort mitnahmen, kamen nämlich selbst zum Aufwärmen in den Steinofen und nicht in die Mikrowelle. So etwas besitzt Benjamin nämlich gar nicht.

Nördliche Provence, das bedeutet allerdings auch, dass der Mistral gar nicht selten über das Land fegt. Was besonders die vielen biologisch und biodynamisch arbeitenden Winzer hier freut (denn der trockene Wind hält Krankheiten und Ungeziefer fern), stört beim Zelten ziemlich. Das gilt vor allem fürs Kochen, denn anders als Priorat-Torsten habe ich nur eine Gaskartusche mit Pfanne und keinen Trangia-Sturmkocher. Ausgerechnet am schlimmsten Mistraltag hatte ich „Jols“ (= Kleine Ährenfische, Atherina boyeri) erstanden, die ich in heißem Öl frittieren wollte. Kein Mehl, dafür Sturm – das Ergebnis könnte man als „saftigen Fischmantsch“ bezeichnen.

In Annecy oder auch in Genf (wo ich morgen wieder sein werde) habe ich ein bisschen das Gefühl gehabt, als wären die allerbesten, allerangesagtesten Zeiten schon seit einer ganzen Weile vorbei. Das hat alles so ein gutbetuchtes Cabrio-Bungalow-Feeling, inklusive Kaffee, Torte und Likörchen am Nachmittag. Eine Kombination aus diesen drei Dingen sind die „Roseaux du Lac“, die gar nichts mit Rosen zu tun haben, sondern nach den gleichnamigen Schilfkolben benannt sind. Außen Milchschokolade mit ein wenig Zartbitterflocken, innen ein starker Kaffee, der von einer Kristallzuckerschicht umschlossen wird. Nur auf diese Art (ohne Likörchen) und in dieser Qualität bei Christophe Arechavala zu haben.

2012 wird ein ausgezeichnetes Rotweinjahr. Für frische Weißweine fehlt ein wenig die Säure, denn der Spätsommer war einfach zu trocken, aber den härterschaligen Roten macht das ja nichts aus. Ich bin mir deshalb so sicher, weil es gleichzeitig ein miserables Pilzjahr ist. Normalerweise gehe ich zu dieser Jahreszeit immer mit Papiertüte, Pilzmesser und Fotoapparat in den Wald. Nicht in diesem Jahr. Da man ja meist etwas findet, wenn man nichts sucht, habe ich doch tatsächlich per Zufall eine große „Krause Glucke“ gefunden. Dieses im Erscheinungsbild zwischen beiger Koralle und Großhirn anzusiedelnde Pilzmonstrum schmeckt mild und nussig, ist allerdings beim Putzen ein wenig kompliziert.

Das waren meine Schnipsel der vergangenen Wochen. Natürlich ist nichts sonderlich Tiefschürfendes dabei, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sich solche Häppchen nebenbei sehr viel angenehmer lesen lassen als die große Analyse. Wenn Ihr nichts dagegen habt, werde ich das im nächsten Monat wieder so machen.

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14 Antworten zu September-Schnipsel

  1. nata schreibt:

    Ja, echt schade, dass Du nichts erlebt hast. Du musst vielleicht mal was gegen Dein ödes Leben unternehmen. Dann kannst Du auch wieder bloggen.

    • chezmatze schreibt:

      Du hast gut reden, Du kannst ja auch kochen. Da gibt es immer etwas Neues. Wenn ich nicht rauskomme, gäbe es nur solche Posts von mir: „Dienstag: Brot mit Wurst“, „Mittwoch: Brot mit dem Wurstrest von gestern“, „Donnerstag: …“

      • nata schreibt:

        Nee, bei mir gibt es auch nur Nudeln mit Tomatensauce oder Kartoffelpüree mit Gemüse. Zu mehr reicht es bei mir zur Zeit nicht. Ich habe schon ewig nicht gebloggt.

      • chezmatze schreibt:

        Och, mach doch mal wieder. Du könntest auch ein paar mehr Klickzahlen generieren, indem Du zum Beispiel den folgenden Beitrag schreibst: „Nata testet: Kann man Hundefutter essen?“ oder „Mein Vorschlag zum Weihnachtsfest: Blättermagen an Maronenjus“. Würde mir riesigen Spaß machen, sowas zu schreiben, wenn ich doch bloß nicht so seriös wäre…

  2. Die Küchenschabe schreibt:

    Du bist wirklich sehr viel unterwegs, das hat sicher Vorteile, aber natürlich auch Nachteile – vor allem für uns Leser – ich schätze ja vor allem deine Reiseberichte. Erdbeerbaumfalter, Pinien-Hörnchen und Krause Glucke gefallen mir am besten. Ich hoffe, ich finde heuer auch noch so einen Pilz, nächste Woche muss ich in die Wälder🙂. Den Bier-Link hab ich gleich für meinen Mitkoch gespeichert!

    • chezmatze schreibt:

      Das Biergeschäft ist großartig (wenn man weiß, was man sucht). In allen Guides steht immer nur „A Tutta Birra“ als Spezialgeschäft drin, aber die sind halt sehr belgienlastig und besitzen bei weitem nicht eine so kluge Auswahl wie „Roybeer“.

  3. Christoph schreibt:

    Besser Schnipsel als janischt, sach ich ma.

  4. Christoph schreibt:

    A propos Bier. Warst du schon ml hier? http://www.beermania.be/allnewbm.php
    Wenn nicht, mach mal. Herzliche Grüße….

    • chezmatze schreibt:

      Ist das der Laden von dem Inder (?), nein, Iraner. Ja, die haben wirklich alles aus Belgien, die Superbiere und auch den Schrott, also solche Sachen wie „Delirium Tremens“ oder gar „Florisgaarden Apple“, die den üblen Ruf vom belgischen Panscher in die Welt getragen haben. Hast Du auf der Website die großen Lagerbiere gefunden? Für ein „3 Fonteinen Oude Gueuze 1998“ werden da 5.000 € als Preis vorgeschlagen. Ich glaube, er will damit sagen, „ich habe sowas, aber ich werde es nicht verkaufen…“😉 Viele Grüße zurück!

  5. wolfgangjung5235 schreibt:

    Ich liebe Häppchen, am liebsten mit einem Glas Wein. Weiter so.

  6. Eline schreibt:

    Kochen tun eh alle – Reisen und ausserhalb der Klischees berichten wenige. Daher: wenn es sein muss: selten, aber bitte weiter so!

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