Der Cashcow-Kampf: Wittmanns „100 Hügel“ gegen Kühns „Tollkühn“

„Cashcow [ˈkæʃka͜u], die (engl. cash cow = Geldkuh): ein Produkt, mit welchem hohe Gewinne erzielt werden.“ Und manchmal sogar so hohe, dass damit der Rest des Portfolios subventioniert werden kann. Letzteres ist hier hoffentlich nicht der Fall, aber dieser gold-eselige Begriff kam mir unwillkürlich in den Sinn, als ich im Regal eines Bio-Supermarkts die, nun ja, Fremdweine zweier sehr hochklassiger deutscher Weingüter entdeckte. Philipp Wittmann aus Rheinhessen gehört mit seinen trockenen Spitzenrieslingen wie Morstein oder Brunnenhäuschen ohne Zweifel zur Elite des Landes. Und Peter Jakob Kühn hat vor allem im Nuller-Jahrzehnt hochklassige und ungeheuer individuelle Weine produziert. Große Lagenweine sind St. Nikolaus und Doosberg, dazu gibt es noch den Schlehdorn, der nichts anderes ist als ein Statement.

Nun der vermeintliche thematische Bruch: Als Teenager war ich mal mit einer Jugendgruppe in der Nähe von Bordeaux und habe voller Stolz einen Mouton Cadet mitgebracht, weil ich – wie damals irgendwie sehr viele – geglaubt habe, dass es tatsächlich eine enge Verbindung zu Château Mouton-Rothschild geben würde. Eine solch angedeutete Irrassoziation ist ja durchaus marktüblich und auch nicht verboten, solange das Etikett nicht lügt. Und das tut es in unserem Fall auch nicht. Beim 100 Hügel steht zum Beispiel „Abfüller: Wittmann Wein GmbH“, beim Tollkühn: „abgefüllt durch P.J. Kühn“. Wir alle wissen natürlich, was das bedeutet: Steht nicht explizit Erzeugerabfüllung oder Gutsabfüllung auf dem Etikett, stammen die Trauben nicht von den eigenen Weinbergen. Zukaufsware sozusagen, was von Vertragsanbau durch Biowinzer desselben Anbaugebiets (so wie hier) bis hin zu Tanklastzügen aus fernen Ländern reichen kann.

Obwohl also die beiden Winzer rechtlich gesehen alles richtig machen, habe ich das Gefühl, dass man hierzulande mit derartigen Markenweinen (denn das sind sie in der Tat) noch nicht so recht umgehen kann. Die einschlägigen Weinguides listen sie nicht auf. Die Winzer bringen die Weine zu keiner Verkostung mit. Die Weine selbst haben jeweils eine eigene – knappe – Website bekommen (hier: 100 Hügel und Tollkühn). Und die Internet-Verkäufer und Supermärkte sagen einfach „frischer Riesling vom Bio-Weingut Wittmann“ zu dem 100 Hügel; entweder, weil sie es nicht besser wissen, weil sie ihre Kunden nicht verwirren wollen – oder weil es tatsächlich egal ist.

Keineswegs egal ist hingegen der Geschmack. Und da ich ja praktisch jedes Jahr das Vergnügen habe, die gesamten Kühn- und Wittmann-Kollektionen probieren zu können, dachte ich mir, jetzt müssen die (möglicherweise) geldscheißenden Underdogs aus ihren Häusern auch einmal ran. Selten waren die Bedingungen für einen echten Vergleich übrigens so gut wie diesmal: Beides Rieslinge, beide Jahrgang 2011, beide 12 vol%, beide Schraubverschluss, und beide genau gleich bepreist: 7,95 € beim ebl.

Der Tollkühn kommt in einer durchsichtigen Bordeauxflasche daher. Auf dem Etikett viele Farben, Blumen, Flieggetier, ein Sinnspruch. Ins Glas eingeschenkt bilden sich kleine Bläschen, und in der Nase kommt entsprechend der Eindruck großer Frische an, leicht hefig noch, Klarapfel, helle Birne, Holunderblüte. Am Gaumen bleibt der Wein frisch, schmackhaft, easy, bei durchaus präsenter Säure, die Aromen aus der Nase bleiben erhalten. Stahligkeit, Mineralität oder Tiefe gibt es nicht, sondern eine sehr saubere, säurefrische Frucht. Hinten raus passiert gar nichts, und selbstverständlich würde ich niemals erraten können, dass es sich hier um einen Kühn-Wein handelt. Einen kleinen Rest habe ich übrigens über fünf Tage in der zugedrehten Flasche gelassen. Das Ergebnis: Perligkeit weg, ansonsten alles auf demselben Niveau geblieben. Genau sowas können die schwachen Weine nicht.

Der 100 Hügel präsentiert sich in einer Schlegelflasche, das Etikett zeigt eine stilisierte Landschaft in schleierig-pastelligen Tönen. Gar nicht schleierig natürlich der Wein selbst: visuell kaum Bläschen, olfaktorisch wesentlich südlicher als der Tollkühn. Viel Würze, ganz leicht muskatig, üppigere und dunklere Noten, alles in Richtung Mango-Guave-Ananas. Am Gaumen ist der Wein trotzdem relativ frisch, aber weniger als der Tollkühn. Dafür besitzt er mehr Gehalt und vor allem eine dezent-würzige Art, die ihn deutlich stärker als Essensbegleiter prädestiniert. Die Säure ist natürlich auch hier präsent (klar, es ist ein Riesling), aber die Frucht steht weiter hinten, während würzige Töne wie Koriandersamen weniger Spitze und mehr Länge bieten. Nach den fünf Tagen in der zugedrehten Flasche macht der verbliebene Rest in der Nase wirklich noch Spaß. Am Gaumen bleibt die Power, wobei ich das Gefühl einer ganz leichten Seifigkeit habe.

Die entscheidende Frage am Schluss lautet: Würde ich diese Weine empfehlen? Tja, schwierig. Erst einmal vorweg: Wenn es in einem herkömmlichen Supermarkt (ich spreche hier von Rewe und Konsorten – oder auch von den Discountern) solche Weißweine geben würde, etwas Besseres könntet Ihr dort nicht aus den Regalen ziehen. In den Bio-Supermärkten gibt es in der Regel auch wenig Hochklassiges. Wer also dort einkauft, dem sage ich: Ja, nimm die Weine, den Tollkühn zu Wurst- oder Käsebroten, den 100 Hügel zu Forelle oder Gemüsesuppe.

Solltet Ihr hingegen in einer Weingegend wohnen oder einen richtig guten Fachhändler in der Nachbarschaft haben, dann wage ich zu behaupten, dass man für acht Euro auch interessantere Dinge erstehen kann. Ich für mein Teil würde lieber ein paar Münzen drauflegen und dann diesen Wein kaufen, einen echten Kühn aus einem charaktervollen Jahrgang – und von Wittmann vielleicht diesen hier. Mit anderen Worten: lieber seltener, dann aber richtig.

Was haltet Ihr von der Strategie unserer beiden Winzer? Würdet Ihr sie beglückwünschen, verteufeln – oder habt Ihr eine differenziertere Meinung dazu? Und was sagt Ihr zu den Weinen selbst, solltet Ihr sie schon probiert haben?

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4 Antworten zu Der Cashcow-Kampf: Wittmanns „100 Hügel“ gegen Kühns „Tollkühn“

  1. Alfredo schreibt:

    Hallo Matthias,

    die 100 Hügel (2009?) standen zu knapp 5 € als Sonderangebot im Regel unseres Bio-Supermarktes. Meine Frau hat drei Flaschen für den Gebrauch als Kochwein mitgebracht. Ging gut. Ansonsten halten wir uns lieber an den Morstein oder beim Kühn an den St. Nikolaus aus unserem Keller. Das sind eben zwei Schienen, die gefahren werden. Aus meiner Sicht: wenn der Winzer das Geld braucht und die Zeit hat…. Beurteilen wird ihn niemand im Ernst nach diesen Produkten.

    Beste Grüße
    Alfredo

    • chezmatze schreibt:

      Ja, fünf Euro sind schon ein sehr anständiger Preis. Vermutlich das, was der Wein „nackt“ wert wäre. Wie viel echte „Wittmann-Zeit“ da investiert wird, weiß ich natürlich nicht. Aber ich denke, anders als die Morstein-Trinker werden viele Leute so das erste Mal mit dem Namen konfrontiert. Wie auch immer, interessante Tendenz allemal, vielleicht ziehen ja auch noch andere Granden nach.

  2. edekaner schreibt:

    Wenn die Qualität zum Preis passt und das Produkt dem unkundigen Weintrinker einen sicheren Hafen bietet, dann unbedingt. Jeder fängt mal klein an, dann lieber so, als mit der üblichen Tetrapak Plörre oder schlimmer, mit großen französischen Namen wie Blan…. und Co.

    • chezmatze schreibt:

      Anständige Weine und sicherer Hafen, Du sagst es. Wobei ich gar nicht weiß, ob die Weine in einem normalen Supermarkt (= nicht Deinem ;)) überhaupt zu haben sind.

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