Oberpfalz, Störtebeker, Westvleteren – Bunter Biertest mit den Profis

Auch ein professioneller Bierautor muss sich mitunter sein Brot hart verdienen. Wenn sich andere Kollegen der schreibenden Zunft längst in den Feierabend verabschiedet haben, setzt sich der Bierautor in seinem karg eingerichteten Büro an den Schreibtisch, um aus Reagenzgläsern zweifelhafte Proben deutscher Bierbrau“kunst“ zu besehen, zu beschnuppern und schließlich zu schlucken. Alles geht streng nach Protokoll ab, jeder Beschreibungsbegriff ist gemäß DIN abgesichert, kein Wort wird zwischen den Beteiligten gewechselt. Nach dem Testen fühlt sich der Bierautor jedesmal kaputter als nach einem Marathonlauf, und das auch noch mit dem schlechten Gefühl, absolut nichts für den Körper getan zu haben. Jeder, der sich ernsthaft mit dem Gedanken trägt, seinen Job an den Nagel zu hängen, um „endlich das beruflich tun zu können, wofür man woanders bezahlen muss“, sollte einen solch verdrießlichen Testabend einmal mitgemacht haben. So wie ich.

19:02 Uhr, ich bin zu spät. Dafür muss ich am Ende die Gläser spülen. Heute steht – wen wundert’s – zunächst die Pflicht auf dem Programm. Oberpfalz, zwei Kleinbrauereien. Einer davon haben die beiden Bierautoren in der alten Ausgabe ihres Buches „versehentlich übertrieben positive Bewertungen“ gegönnt. Das gilt es nun zu revidieren. Das neue Buch wird übrigens den gesamten Osten Bayerns abdecken und deshalb, nun ja, „Bierführer Ostbayern“ heißen. Aber wer sind diese miesepetrigen Leute eigentlich, mit denen ich mich hier treffe? Das behaltet bitte für Euch, selbst wenn ich es jetzt verrate. Mit einem Lob, und sei es nur klammheimlich, können die beiden nämlich gar nichts anfangen.

Es handelt sich hier um Harald Sch. und Ralph F., die für die (pardon) besten Bierführerbücher Deutschlands verantwortlich sind. Aktuell haben sie drei Titel auf den Markt geworfen, „Schwaben/Allgäu“, „Oberbayern“ und „Mittelfranken“, alle erschienen im Verlag Hans Carl zu Nürnberg. Harald kann man auf Twitter auch als „Bierführer“ folgen. Die Wortkombination von „Führer“ und „folgen“ sollte ich übrigens patentieren lassen; ich glaube, auf diese Idee ist noch niemand vor mir gekommen. Weshalb die Bücher der beiden übrigens die (pardon) besten sind, die ich kenne: Die Autoren besuchen jede Brauerei persönlich, sprechen mit jedem Brauer, testen und beschreiben sämtliche Biere. Selbst wenn sich dieser Testvorgang atmosphärisch zwischen Abscheu und Langeweile bewegt – andere Bierautoren schreiben halt nur PR-Texte ab, da ist man froh um jeden selbst formulierten Strohhalm.

Die Pflicht des heutigen Abends besteht aus den Erzeugnissen der Brauereien Schuller zu Berching und Bender zu Mühlhausen. Zwei Kleinstbrauereien am Rande des großen Kanals zwischen Main und Donau, eine Gegend, die ich noch von einer Hochzeit kenne, bei der uns Gästen nach 23 Uhr die Füße einfroren. Um Euch nicht die Vorfreude auf das künftig erscheinende Buch „Bierführer Ostbayern“ zu nehmen, möchte ich von beiden Brauereien nur je ein Bier vorstellen.

Das „Schuller Export“ besitzt einen exportmäßigen Alkoholgehalt von 5,2 vol% und duftet nach Bittermandel. Haselnuss, eine cremige Schaumigkeit und ein etwas gerbiger Hopfen, das sind die beschreibenden Merkmale am Gaumen. Für mich ist das nicht nur farblich, sondern auch vom Typus her eine Art Kupfer-Oktoberfestbier, also ein mittelbraunes, alkoholkräftiges Bier. Eine Mittesterin (vor dem Event spontan auf der Straße akquiriert, dann aber stets mit dem härtesten Urteil) meint, das Bier würde schon an sich eine Fahne besitzen. Da bräuchte man gar nicht zu pusten, um den Führerschein zu verlieren. Unverschämt? Jawohl, das Bier ist absolut trinkbar.

Kann man das vom Bender „Landl-Ator“ auch behaupten? Nun, zunächst mal ist dies ein Doppelbock mit 7 vol%, und wenn ein solcher keine Fahne hat, dann ist beim Brauprozess irgendetwas schief gelaufen. An letzteres denkt man aber auch unwillkürlich bei einem kräftigen Nasen-Atemzug. Das ist doch Parmesan, oder?! In der Tat, auch am Gaumen bleibt zunächst neben einer süßen Frucht eine Menge Parmesan hängen. Dann aber verschwindet der eingewobene Käse und macht Platz für einen recht flüssigen Trunk, eine zarte Hopfung und einen wesentlich stimmigeren Maroni-Ton am Ende. Kultbier oder Flaschenvariation?

Auch irgendwie Pflicht (weil Niederbayern), dann aber doch außer der Reihe (weil als Biomarkt-Mitbringsel auf den Tisch gekommen) ist das „Ur-Weizen“ der Riedenburger Brauerei.  Neben den üblicherweise verdächtigen Zutaten weist dieses 5,2 vol% starke Gebräu auch Emmermalz auf. Schon anhand der Farbe merkt man, dass dies hier definitiv der bananige und nicht der zitronige Weizentyp ist. Daneben kommen jedoch noch andere obergärige Fruchtnoten wie Aprikose zum Tragen, dann ein wenig Karamell, aber keineswegs Hopfen. Mir scheint das genau derselbe Sud zu sein wie beim „Viva Bavaria“- Festbier derselben Brauerei, nur spritziger und insgesamt ordentlich.

Brutal wie es nur echte Bierprofis sein können, wird jetzt vom tiefen Süden auf den hohen Norden umgeschwenkt. Ralph hat ein paar Biere der „Störtebeker Braumanufaktur“ mitgebracht, was nichts anderes ist als der neue Name der Brauerei Stralsund (auf ihrer Website geben sie das ganz unumwunden zu). Nun würde ich den Begriff „Manufaktur“ ab einer gewissen Hektoliterzahl nicht mehr in den Mund nehmen wollen, aber gut, König Leopold hielt den Kongo damals wahrscheinlich auch für ziemlich klein. Was man den Störtebekern lassen muss: Sie scheuen keinen Wettbewerb (und reisen oft mit Pokalen wieder zurück an die Ostsee), und sie statten ihre Flaschen auch mit einem Rücketikett aus, das der gewöhnliche Bierautor nur abpinseln müsste für sein karges Zeilenhonorar. Ganz ganz eng an „Braufaktum“ angelehnt – to say the least…

Das erste Störtebeker-Bier ist das „Bernstein-Weizen„, was passenderweise auf das Riedenburger Bernstein-Weizen folgt. 5,3 vol% und – ergänzt das Etikett – Weizen-, Caramel- und dunkles Braumalz sowie die klassische Hallertau-Hopfensorte „Perle“. Okay, von 1978, aber was heißt schon „klassisch“ in der Pflanzenzucht? Beim Schnuppern und Schlucken fällt uns das mit dem Einordnen noch schwerer. Dies ist ein leicht getreidiges, sehr weiches, durchaus ein wenig weiniges, obergäriges, mittelfarbiges Bier. Aber kein Weizen, so wie man es kennt. Muss natürlich auch nicht sein, nur mir fehlt ein bisschen der Pep.

Störtebeker #2, ein in Amerika hochdekoriertes Bier, das „Keller-Bier 1402„. Warum 1402? Vermutlich, weil der gute Piratenkapitän Klaus St. in diesem Jahr einen Kopf kürzer gemacht wurde. Vielleicht war es auch 1401, wie Wikipedia meint, eine Weile her auf jeden Fall. Wir hatten als Kinder übrigens eine Hörspielkassette mit Klaus Störtebeker, wenn ich mich nicht irre. Darauf hat er meistens schäbig gelacht. Nun aber zum Bier, kalt vergoren, helle Malze, sehr hopfig. Ich begreife sofort, warum die Amerikaner hierfür einen Preis vergeben haben (Gold Award im World Beer Cup 2010 übrigens). Das ist nämlich ein 1a amerikanisches microbrew product: In der Nase sehr hopfig, sehr grasig, sehr blütig, ein total internationaler Stil, Neuwelt galore. Am Gaumen gibt es zwar weiterhin viel Hopfen, aber der ist dann nicht amerikanisch fruchtig-aggressiv, sondern auf Mittelstufe verlegt und hinten ausklingend. Vielleicht liegt es an den verwendeten Sorten (Select, Tradition und Opal). Ich gebe sehr gern zu, dass dies ein recht gutes Bier ist. Allerdings würde ich einen fränkischen Kellerwirt mit Schimpf und Schande überziehen, reichte er mir jenes zum Schäuferla. Dafür besitzt es nun einmal zu wenig Würze, zu wenig Malz und einfach einen zu wenig appetitlichen Körper. Ein modernes Zwickel ist das hier.

Zum Schluss gibt es noch drei sehr freie Biere. Den Anfang macht das Welt-Kultprodukt schlechthin. Was in Westvleteren geschieht, darüber sind bereits Bücher geschrieben worden. Die kleinste, strengste und abgeschottetste Klosterbrauerei Belgiens, nein, der Welt. Ich war selbst dort, habe schöne Holzkästen gesehen und aus der Luke in der Wand einen Zettel gereicht bekommen. In zwei Wochen sollte ich noch einmal anrufen, dann stünde gegebenenfalls ein Kasten Bier für mich bereit. In Brüssel konnte ich schließlich eine Flasche je Sorte erstehen (es gibt drei Sorten insgesamt). Drei Jahre über dem Mindesthaltbarkeitsdatum befindet sich das „kleine“ Westvleteren mit 5,8 vol% nunmehr, und die Runde ist definitiv kenntnisreich genug, um dieses komplett unetikettierte Fläschchen entsprechend zu würdigen. Trockenfrüchte in der Nase, sehr fruchtig und ziemlich komplex, dazu Trubstoffe, wie sie noch nicht mal der Rhein in seinen schwärzesten Zeiten zu transportieren in der Lage war.

Geschmacklich ist das Bier auch eine Herausforderung. Hagebutte zu Anfang, viel bitterer Hopfen in der Mitte, der durchaus mit einem amerikanischen Neo-IPA mithalten könnte. Dann kommt ein bisschen Möbelpolitur, viel Gerbstoff, eine Strenge, die nicht von dieser Welt ist, aber von Adern obergäriger Frucht durchzogen. Ich bin ja kein allzu großer Freund von „bigger, stronger, better“, den amerikanischen Rating-Königen à la Bier-Parker, die zehnprozentige Melasse-Hopfenquadrat-Produkte für das Allergrößte halten. Deshalb mein bescheidener Einwurf: Anspruchsvolle Bierfreunde, trinkt dieses Fläschchen hier, viel komplexer, engmaschiger und dennoch nicht überkandidelt wird Bier nimmermehr. Ich hatte schon einmal eine frisch abgefüllte, getreidig-appetitanregende Ausgabe getrunken, aber fünf Jahre Lagerzeit haben dem Bräu erst richtig auf die Beine geholfen.

Um uns wieder in den gewohnt miesepetrigen Zustand versetzen zu können, müssen wir am Ende noch mal richtig viel Pech haben. Zum Glück läuft es auch so. Ich hatte das „Six Hop“ der englischen Brauerei Dark Star mitgebracht, unter dortigen Bierfreunden als das nächste ganz große Ding angesehen. Leider – vielleicht war es auch zu schwer nach dem Westvleteren – sind die sechs Hopfensorten einfach nur bitter. Zunächst beginnt es ganz vielversprechend mit interessanten Noten: Amarettini, Jaffa Cake, trockene Buchenblätter. Dann allerdings folgt ein Hopfen, der nicht amerikanisch fruchtig-spitz ist, sondern einfach massig, sich träge im gesamten Mundraum ausbreitend. Für fünf Personen langt die kleine Flasche vollends. Ein Bier zum Testen, nicht zum Trinken.

Zu guter Letzt werden wir noch in die seligen 70er Jahre entführt. Genau diesem Jahrzehnt der Konjäckchen und Likörchen scheint das EKU 28 zu entspringen. 11,0 vol%, angedickt mit Hopfenextrakt, aber viel spürt man davon nicht. Zunächst bin ich erst einmal überrascht, weil es sooo alkoholisch gar nicht wirkt. Kommt aber noch, denn die Süße wabert langsam herbei. Viel Marzipankartoffel vermeine ich zu schmecken, in der Tat ein feiner Rémy Martin (ich glaube, so hieß der ewig angebrochene Cognac meines Opas) und irgendwie, tja, in seinem Gesamtauftritt vollständig von breiten Hemdkragen und großmusterigen Krawatten gezeichnet.

Wie schön, sich in dieser Runde an die Schlossführung in der Slowakei mit dem legendären Polyesterschweiß in allen Räumen erinnern zu können. Wie schön auch, die kulturlosen amerikanischen Hopfenmampfer dissen zu können. Nicht zu vergessen natürlich die Oberpfälzer, denen der Weg um den Schornstein schon wie eine Weltreise vorkommt. Oder diese mecklenburgischen Erlebnisgastronomen aus der Großbrauerei, die so tun, als würden sie jede Hopfendolde mit Namen kennen. Zufrieden, wie es nur gescheite Misanthropen sein können, ziehen wir von dannen und hoffen, dass uns der liebe Herrgott beim nächsten Mal doch bitteschön ein paar noch misslungenere Biere auf den Tisch zaubern möge.

Eine ernsthafte Frage hätte ich allerdings noch zum Schluss: War jemand von Euch schon einmal in Westvleteren? 99 von 100 bei ratebeer übrigens für das „Kleine“, 100 von 100 für das „Mittlere“ und 100 von 100 für das „Große“. Also: Jemand mit Westvleteren-Erfahrungen an Bord?

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6 Antworten zu Oberpfalz, Störtebeker, Westvleteren – Bunter Biertest mit den Profis

  1. jens schreibt:

    Hi Matze!

    War ich noch nicht. Ist aber auch so ne‘ Sache auf meiner ständigen „Abarbeitungsliste“! Aber dann kommt es immer anders und es wird dann auf das nächste mal verschoben. Vielleicht wird es aber in naher Zukunft was. Nach Sizilien wollte ich auch schon seit Jahren (oder waren es Jahrzehnte!?) und dass hat ja bekanntlich auch dieses Jahr geklappt.

    Jens

    • chezmatze schreibt:

      Na, da solltest Du erst hinfahren, wenn Du bei der dortigen „Biernummer“ angerufen hast. Es ist schon irrwitzig, und wenn es nicht alles Mönche wären, die dafür verantwortlich sind (ganz anders als z.B. bei Chimay), könnte man glauben, dass seien die besten Marketingleute der Welt. Sint Bernardus im Nachbarort braut übrigens auch sehr feine Biere, die ein klein wenig leichter erhältlich sind. Allerdings gehören die auch in den Keller, damit sie sich harmonisieren (glaubt mir in Deutschland immer keiner).

      Nach Sizilien muss ich natürlich auch mal. Ich glaube, meine Mutter hatte sich das 40 Jahre lang vorgenommen, bis sie es geschafft hat. Da habe ich noch Luft😉.

  2. Christoph schreibt:

    Ha ha, mal wieder einer der wirklich wunderbar süffisanten, ehrlichen, doch nie verletzenden Artikel. Danke!

    • chezmatze schreibt:

      Ich hatte schon befürchtet, die Süffisanzgrenze diesmal schon knapp überschritten zu haben. Sowohl bei der Bier- als auch bei der (leicht fiktiven) Situationsbeschreibung. Gerade weil ich die beiden Tester wirklich mag und es großartig finde, mit wie viel Engagement sie jedesmal ihre Recherchen angehen. Ich hoffe, das ist einigermaßen rübergekommen.

      Leider sitze ich ja nicht mehr täglich mit J am Schreibtisch, damit wir unsere Artikel wechselseitig auf Grobaussagen gegenlesen😉.

  3. Heinz Magnus schreibt:

    Klasse geschrieben. Wenn doch nur alle Blogger so gut mit unserer schönen Sprache umgehen könnten!

  4. Pingback: Unterwegs in den Welten: die Top 3 meines Jahres 2012 | Chez Matze

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