Zum Ferienanfang: der Weinjahrgang 2011 in Frankreich

Die großen Ferien stehen vor der Tür. Während Nordländer und Franzosen schon längst auf ihren Strandtüchern hocken, dürfte das für den Großteil meiner geschätzten Leserinnen und Leser noch nicht gelten. Sollten wir uns ein bisschen ähnlich sein, dann vermeidet Ihr wenn möglich den Juli und startet lieber Ende August in Richtung Süden. In Frankreich wird man Euch an vielen Orten mit neuen Weinen aus dem Jahrgang 2011 empfangen. Ein Grund also für mich, in der RVF-Sonderausgabe mal nachzuschauen, wie die Ergebnisse des Jahrgangs von den Profis dort gesehen werden. Nebst ein paar (preiswerteren) Tipps aus den einzelnen Regionen, versteht sich.

Alsace

Eine riesige Ernte, und die Winzer hatten es nach den Verlusten des Vorjahres auch darauf angelegt. Ende August gab es dann zwar viele Trauben, aber die phenolische Reife hatte sich noch nicht eingestellt. Ein mittelguter Jahrgang letztlich, teilweise aber sehr inhomogen, besonders beim Riesling. Zum Einlagern ist hier wenig gedacht.

  • Domaine J.-P. et F. Becker – Riesling Grand Cru Froehn (12,25 €)
  • Domaine Léon Boesch – Gewürztraminer Grand Cru Zinnkoepfle (19,40 €)

Bordeaux

Nach den zwei unglaublichen Jahrgängen haben die Bordelaiser diesmal einen sehr glaublichen Jahrgang eingebracht. Die Roten präsentieren sich oft grob mit viel Säure und heftigen Tanninen, aber wenig Körper. Zwar gibt es ein paar elegant-zarte Exemplare, bei denen alles ausgewogen ist, aber die (trockenen) Weißen haben es besser getroffen. Kein Jahrgang für Primeurkäufer, needless to say.

  • Blaye Côtes de Bordeaux – Château Montfollet « Grand Vin » (11 €)
  • Saint-Emilion Grand Cru – Château Lassègue (20 €)
  • Lalande-de-Pomerol – Château Les Cruzelles (16 €)
  • Bordeaux Francs blanc – Château Les Charmes Godard (22 €)
  • Graves blanc – Clos Floridène (20 €)

Bourgogne

Wie sagt man so schön, ein « Winzerjahr ». Ein frühreifes Jahr, dem es ein wenig an Tiefe mangelt. Wer nicht die schönen Herbsttage auszunutzen wusste, hat manchmal kräftig chaptalisiert, besonders an der Côte de Beaune (so wird berichtet). Die Roten sind an der Côte de Nuits am besten geworden, bleiben aber relativ zart. Über die Weißen lässt sich bislang wenig meckern, solide und ausgewogen.

  • Irancy – Domaine Jean-Hughes et Guilhem Goisot « Les Mazelots » (12 €)
  • Côte de Bouilly – Domaine des Terres Dorées (10 €)
  • Chénas – Croix Barraud (7,90 €)
  • Chablis Premier Cru Les Fourneaux – Domaine Charly Nicolle (13,95 €)
  • Auxey-Duresses blanc – Domaine Anne-Marie et Jean-Marc Vincent (17 €)
  • Mercurey blanc – Château Génot-Boulanger « Les Bacs » (16 €)

Champagne

Frühreif, sehr hohe Erträge, die spät reifenden Grand Cru-Chardonnays retten den Jahrgang. Sollte in der Regel dennoch nicht geeignet sein für Jahrgangs-Champagner. Aber das bestimmt eher der Markt.

Corse

Nicht alles eitel Sonnenschein auf der Mittelmeerinsel. Die Weißen sind gelegentlich aggressiv sauer geworden, die Roten zwar gefällig, aber oft ohne den rechten Körper. Für den schnellen Wein auf der Terrasse macht das nichts. Wer allerdings einlagern möchte, sollte vorher probieren. Die üblichen Namen sind vorn.

  • Ajaccio rouge – Domaine Comte Abbatucci « Faustine » (13 €)
  • Vin de France blanc – Domaine Comte Abbatucci « BR » (20 €)
  • IGP Corse blanc – Yves Leccia « Cuvée YL » (18 €)

Jura

Der Frühling war im Jura trockener als 1976, man sah schon den Brüter-Jahrgang auf sich zukommen. Ausgerechnet während der Erntezeit im September schüttete es jedoch ausgiebig, und die Roten vertrugen es am schlechtesten. Weniger vorsichtig im Einkauf muss man bei den Weißen sein, die oft schon eingebracht waren. Sie sollen in diesem Jahr mit den Spitzen von der Côte de Beaune konkurrieren können. Die Spezialitäten der Gegend, Vin de Paille oder Vin Jaune, kündigen sich groß an – aber die sind natürlich noch nicht auf dem Markt.

  • Côtes du Jura Chardonnay – Domaine Grand (8,20 €)
  • Côtes du Jura Chardonnay – Domaine Benoît Badoz « Arrogance » (11,90 €)

Languedoc

Ein kompliziertes Jahr, bei den Roten ganz und gar nicht gelungen. Frühreif, zart bis dünn, die Gefahr des frühzeitigen Alterns immer im Hintergrund. Also wieder nichts für den Keller, sondern für die Tafel vor Ort. Die üblichen Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Den Weißen erging es etwas besser, auch wenn sie ebenfalls nicht für die lange Lagerung gedacht sind. Limoux hat es am besten erwischt.

  • Corbières – Château La Baronne « Alaric » (17 €)
  • Fitou – Château Champ des Soeurs « La Tina » (14,50 €)
  • Terrasses du Larzac – Mas Cal Demoura « L’Infidèle » (14,50 €)
  • Limoux blanc – Domaine des Hautes Terres (12 €)
  • IGP Hérault blanc – Clos Maïa (16 €)
  • Languedoc blanc – Clos Marie « Manon » (17 €)

Vallée de la Loire

Warum sollten es die Loirewinzer leichter haben als ihre Kollegen anderswo? Auch hier gab es den heißen und trockenen Frühling, die Pitschpatsche und Kälte in Juli und August, und schließlich noch einmal viel Wärme bis hinein in den Oktober. Die Ernte allerdings war meist sehr früh, zu früh für Top-Qualitäten. Außer bei den Süßweinen, die vom schönen Herbst profitieren konnten. Wie übrigens auch die spät reifenden roten Sorten Côt und Pineau d’Aunis. An der Loire lohnen die besseren Weine des Jahrgangs ein Einkellern durchaus.

  • Bourgueil – Domaine de la Chevalerie « Grandmont » (24 €)
  • Chinon – Domaine Wilfrid Rousse « Le Bois de Beaumont » (7 €)
  • Saumur-Champigny – Château de Villeneuve « Clos de la Bienboire » (10 €)
  • Jasnières blanc – Domaine de Bellivière « Caligramme » (36 €)
  • Saumur blanc – Domaine des Roches Neuves « L’Insolite » (17 €)
  • Quart-de-Chaume blanc liquoreux – Château Pierre-Bise (22,50 €)

Provence

Die Provence besitzt eine Menge unterschiedlicher Klimata, und das hat sich im Jahrgang 2011 besonders stark gezeigt. An der Nordseite der Alpilles gab es viele Reifeprobleme, und Trévallon brachte den Weißwein erst nach zehn (!) Erntedurchgängen ein. In Bandol hingegen konnte ein wirklich großer Jahrgang gefeiert werden – mit dem Nachteil, es hier mit besonders tanninig-strukturierten Weinen zu tun zu haben, die eine lange Reifezeit im Keller erfordern.

  • Palette – Château Simone (32 €)
  • Bandol – Domaine Ray-Jane (15 €)
  • Bandol – Château Pradeaux (25 €)
  • Bandol blanc – Domaine de Terrebrune (15,50 €)
  • VdP des Bouches du Rhône blanc – Château Revelette (20 €)

Vallée du Rhône

Letztes Jahr noch so schön, dieses Jahr richtig schwierig. Verwässert, fehlende phenolische Reife, und das bei zum Teil mächtigen Alkoholwerten. Ob im Norden oder im Süden, das Wetter spielte nirgends so richtig mit, und so sind die guten Weine wieder einmal Produkte aufmerksamer Winzer. Ohne Arbeit im Weinberg und ein glückliches Händchen bei der Ernte lief diesmal nichts. Dass der « L’Ermite » sehr gut geworden ist – tröstlich, aber ich suche hier ja nach den erschwinglicheren Produkten…

  • Crozes-Hermitage – Domaine des Bruyères « Entre Ciel et Terre » (32 €)
  • Saint-Joseph – Domaine du Monteillet « Cuvée du Papy » (20 €)
  • Ventoux – Solence (16 €)

Roussillon

Ob ich wohl noch auf eine Region treffe, die über den Jahrgang 2011 jubeln kann? Vorerst nicht, aber im Roussillon haben es die Winzer zumindest besser getroffen als an der Rhône. Nachdem Juni und Juli schon sehr regenreich waren, hatte man es dem stürmischen Tramontane im September zu verdanken, dass die Trauben gut trocken blieben bis zur Ernte. In Collioure gab es überraschend simple Weine zu verkosten, insgesamt scheinen die Roten aber aromatisch und gut gelungen zu sein. Richtig spitze bewertet wurden allerdings nur die ganz großen Weine…

  • IGP Côtes Catalanes – Domaine Gauby « Muntada » (72 €)
  • Côtes du Roussillon Villages – Domaine Le Roc des Anges « Las Trabasseres » (50 €)
  • IGP Côtes Catalanes blanc – Domaine Gauby « Coume Gineste » (72 €)

Savoie

Auch in Savoyen trieben die Rebstöcke sehr früh aus. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Regionen blieb es hier weitgehend schön. Im Juli ein bisschen Regen, rechtzeitig im August wieder trocken – so konnte besonders bei den Roten ein prächtiger Jahrgang eingefahren werden. Schade, dass man die Weine bei uns so schwer bekommt, aber gut, da könnt Ihr diesmal die Urlaubszeit doppelt ausnutzen.

  • Mondeuse Arbin – Louis et Joseph Trosset « Harmonie » (12 €)
  • Mondeuse Arbin – Louis et Joseph Trosset « Prestige des Arpents » (12 €)
  • Persan Savoie – Domaine Saint-Germain (11,20 €)
  • Roussette de Savoie blanc – Edmond Jacquin et Fils « Marestel » (9,30 €)
  • Roussette de Savoie blanc – Denis et Didier Berthollier « Baron Decouz » (7,50 €)
  • Chignin-Bergeron – Domaine Perrier Père et Fils « Fleur de Roussanne » (7,20 €)

Sud-Ouest

Wenn es im Bordelais schon nicht so schön war, sollte man dasselbe für die südöstliche Nachbarregion annehmen. Und tatsächlich, auch hier kämpften die Winzer mit denselben Problemen: Frühling trocken und heiß, Trockenstress gar, dann ab der Mittsommernacht feucht und kalt bis zum 15. August. 260 mm Niederschlag fielen während dieser Periode gar in Jurançon, das ist schon ein bisschen zu viel. Das Ergebnis waren oft zu viel Alkohol, zu wenig Säure und zu wenig Frische. Wahrscheinlich sollte man diesmal nicht auf die großen Brummer setzen.

  • Fronton – Domaine Le Roc « Cuvée Don Quichotte » (9,50 €)
  • Cahors – Château Ponzac « Patiemment » (7 €)
  • Fronton – Château Flotis « Sy Noire » (12 €)
  • Irouléguy blanc – Domaine Arretxea « Grès Elorri » (gibt es leider erst 2014)
  • Monbazillac blanc liquoreux – Domaine de l’Ancienne Cure « L’Abbaye » (kommt auch erst später)

Mit einiger Berechtigung erwartet Ihr an dieser Stelle jetzt ein Fazit. Nachdem ich mich durch die 1.000 Weine gekämpft habe, fällt mir das auch gar nicht so schwer wie erwartet: Der Jahrgang 2011 wird – anders als 2010 – nicht in die Geschichte eingehen. 2010 hatte in einigen Gegenden und bei einigen Winzern für entweder platt-säuerliche oder langlebig-brilliante Weine gesorgt. 2011 in Frankreich, das bedeutet in erster Linie Wein für den schnellen Konsum. Hört sich einerseits fürchterlich banal an. Andererseits bin ich fast erleichtert: Mein Keller wird nicht noch voller. Probiert also die frischen Weißen zur Brandade, die würzigen Rosés zu Rotbarben und die fruchtigen Roten zu einem Lammkotelett vom Grill. Es wird genug für alle da sein.

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5 Antworten zu Zum Ferienanfang: der Weinjahrgang 2011 in Frankreich

  1. Alex schreibt:

    Super Beitrag! Ich glaube ich liege mit meinem Plan, keine Bordeaux Primeurs, dafür aber Rhône 2010 und 2009 nachzukaufen gar nicht so schlecht.. Mal schauen.. Gruß

    • chezmatze schreibt:

      Rhône 2009 wäre mir wahrscheinlich zu schwer. Also nicht auf alle bezogen, aber grundsätzlich, wobei natürlich jeder eigene Vorlieben hat. Nimm doch lieber noch Bourgogne 2010 mit auf – auch von Sancerre 2010 war ich sehr beeindruckt😉

  2. Oh Dae-su schreibt:

    Hallo Matze,

    Danke für die tolle Aufstellung! Meine Frage an dich: Kennst du dich mit korsischen Weinen aus? Zum Beispiel auch den erwähnten Herstellern? Wer ist deiner Meinung nach für einen Korsika-Total-Unerfahrenen (wie mich) empfehlenswert? Ich wollte mich schon seit Längerem diesem persönlichen weissen Fleck ein wenig mehr widmen und wurde jetzt wieder daran erinnert😉

    Gruss und Danke

    Chris

    • chezmatze schreibt:

      Wir überlegen, Anfang September nach Korsika zu fahren. Das würde dann den weißen Fleck ziemlich radikal tilgen😉. Ansonsten kann ich aus eigener Erfahrung empfehlen: Yves Leccia (am besten weiß), Antoine Arena (rot und weiß), Yves Canarelli (ausschließlich weiß). Das sind aber alles richtig hochwertige Weine und zumindest außerhalb Korsikas nicht günstig. Weit verbreitet ist die Domaine Vico, von der mir besonders der Rosé gefallen hatte. Ist ja eh Rosézeit jetzt. Eigentlich.

  3. Frank schreibt:

    Die Zeitschrift „BOURGOGNE AUJOURD’HUI“ widmet in Ausgabe 106 dem Burgunder Jahrgang 2011 ein ganzes Heft mit Verkostungsnotizen von Faßproben. Und wenn ich das richtig lese, dann sind die Roten aus 2011 eher mittelmässig geworden: Mürbe Tannine, mittlerer Körper, sehr charmant, frühe Genussreife, aber eben nix zum Einkellern. Die Weißen werden mit Ausnahme der Weißweine von der Côte de Beaune sehr verhalten bewertet. „Ausgewogen“ (équilibré) ist das am häufigsten verwendete Adjektiv.

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