Meine schönsten Weinetiketten

Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Wenn ich Euch hier also meine angeblich schönsten Weinetiketten präsentiere, dann könnt Ihr das im Einzelfall sicher anders sehen. Ganz anders. Allerdings möchte ich auf eine Tatsache hinweisen, die mir eigentlich eine Weisung fürs gesamte Leben hätte sein können: Als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe (Ihr merkt, es ist schon länger her), las meine Mutter immer die Zeitschrift „Tina“. In jeder Ausgabe der „Tina“ gab es einen so genannten Psychotest, bei dem man sich zu einer bestimmten Frage auf die Probe stellen lassen konnte. Und obwohl ich wirklich alle Psychotests mitgemacht habe, gelang es mir nur zweimal, auf die volle Punktzahl zu kommen. Das erste Mal bei der Frage „Besitzen Sie den kriminalistischen Spürsinn?“, und das zweite Mal bei folgender Frage: „Besitzen Sie den absoluten Sinn für Schönheit?“ Wenn das nicht der unwiderlegbare Beweis schlechthin ist…

Auf das Thema bin ich übrigens gekommen, weil auf thematisch anders gelagerten Blogs manchmal Foto-Posts erscheinen mit der Überschrift, „meine schönsten x“, „meine liebsten y“. Und als ich jetzt nach langer Zeit mal wieder in dem alten Gewölbekeller war, in dem ich meine Weine lagere, habe ich mir gedacht, vielleicht suche ich mir einfach ein paar besondere Weinetiketten heraus. Das sind übrigens nicht immer die ästhetisch ansprechendsten, aber solche, die einen gewissen individuellen Zug tragen. Hier folgen also „meine zehn schönsten Weinetiketten“ – und ein elftes Zusatzetikett. Die Reihenfolge ist übrigens beliebig.

Klaus Zimmerling ist Winzer, und Małgorzata Chodakowska ist Bildhauerin. Dass die beiden miteinander verheiratet sind und gemeinsam in Dresden leben, bringt auf gewissermaßen unvermeidliche Art ihre jeweiligen künstlerischen Werke in einen Zusammenhang. Für jeden Jahrgang der Zimmerling’schen Weine gibt es eine neue, auf allen Etiketten des Weinguts abgebildete Skulptur. Soweit ich mich erinnern kann, waren es bislang immer hölzerne Frauenfiguren, die ein Element zusätzlich einte: der weltabwesende, gelegentlich leicht blasierte Blick. Absolute Schönheit? Aber sicher.

Auch das Weingut Georg Breuer schmückt die Flaschen seines größten Weins, des Rieslings Rüdesheimer Berg Schlossberg, in jedem Jahrgang mit einem neuen Künstleretikett. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach schlägt der Inhalt der Flasche die Aufmachung regelmäßig um Längen. Nicht so bei den klassischen Etiketten, denn hier ist weniger tatsächlich mehr. Der Orleans bekam allerdings nicht nur das schön schlichte Weingutsetikett mit auf den Weg. Die Unterlage besteht nämlich aus handgeschöpftem Büttenpapier.

Ähnlich geschmackvoll zeigen sich die Brüder Foucault von der Loire. Ihre Weine bereiten sie seit der Übernahme des väterlichen Weinguts im Jahr 1969 in völlig unveränderter Form nach traditionellsten Methoden. Das ist große, alte Natur- und Handwerkskunst. Die Etiketten für ihre vier Rot- und ein bis zwei Weißweine haben sich im Laufe der Zeit auch nur sehr moderat gewandelt. Hier der trockene Weiße aus dem Jahrgang 2000.

Wesentlich gegenständlicher kommen meine nächsten beiden Flaschen daher. Das Flaschenetikett auf der linken Seite kennt eigentlich jeder, der sich nur einigermaßen intensiv mit Wein beschäftigt. Es handelt sich um das Wachauer Weingut Emmerich Knoll, respektive um den heiligen Urban, der auf dem Etikett abgebildet ist. Wer jetzt aufgrund der Aufmachung denkt, es mit einem echt barocken Bildnis zu tun zu haben, sei hiermit enttäuscht: Das Etikett existiert „erst“ seit 1960, und Vorbild war ein damals zeitgenössisches Gemälde des Künstlers Siegfried Stoitzner.

Das Vorbild für das Etikett auf der rechten Seite ist dagegen ein wenig älter. Auf seinem süßen Jurançon hatte Didier Dagueneau noch eines der Fabelwesen des, nun ja, babylonischen Ischtar-Tors verwendet. Sein Sohn Louis-Benjamin, der das Weingut nach Didiers plötzlichem Tod übernommen hat, wählte für die trockene Version zwar auch einen irgendwie babylonischen Löwen aus, aber diejenigen des Ischtar-Tors sehen anders aus. Und Quellen gibt es bei einem Wein, dessen Etikett noch nicht allzu viele Menschen zu Gesicht bekommen haben, leider nicht.

Die beiden nächsten Etiketten spielen ein bisschen mit dem, was die Rebe an Einflüssen aus der Umgebung zieht. Der Riesling Mannwerk ist dabei das Werk von fünf Männern (darunter der geschätzte Bloggerkollege Marqueee), die beruflich anderweitig unterwegs sind, sich aber aus Leidenschaft dazu entschlossen haben, einen mit wurzelechten Rieslingreben bestockten Weinberg an der Mosel zu hegen und zu pflegen. Vinifiziert wird bei Uli Stein in Alf. Was mir bei dem Etikett gefällt, ist seine zu Anfang irgendwie unproportional wirkende Zeichnung eines Rebstocks. Natürlich weiß man darum, wie bedeutend das Wurzelwerk eines Weinstocks ist, aber dass es sich in Wirklichkeit fast so verhält wie bei einem Pilz, dessen unterirdisches Geflecht sein eigentliches Leben ist, macht das Etikett mehr als deutlich.

Der Pošip von Miljenko Grgić, ein Weißwein von der kroatischen Insel Korčula sieht etikettmäßig dagegen nach Urlaub in Jugoslawien aus. Ganz recht, Jugoslawien, denn aus jener Ära scheint das bunte und definitiv kitschige Etikett zu stammen. Wer schon einmal dort war, wird allerdings zustimmen müssen, dass es tatsächlich so aussieht. Die Reben stehen praktisch direkt am blauen Meer mit seinen Segelbooten.

Auch bei diesem Pärchen fragt man sich zumindest beim linken Etikett: Hat das jetzt etwas mit Wein zu tun? Heckenrosen und Dahlien, oder was auch immer auf dem Etikett abgebildet ist? Nein, das hat es nicht. Wenn man sich allerdings die (zwar ultramoderne, aber inhaltlich nicht sehr aussagekräftige) Website von Coca und Fitó anschaut oder – noch besser – bei den Etikettgestaltern von Malet & Co, dann werden zwei Dinge klar: 1. Dies ist Barcelona und 2. Oriol Malet scheint komplett plemplem zu sein mit seinen Verkleidungen (jetzt müsst Ihr doch auf die Seite klicken), aber auch ziemlich genial.

Ganz anders, aber stilistisch mit Sicherheit genauso professionell angegangen ist das Etikett von Van Volxem. Als Roman Niewodniczanski das Weingut an der Saar vor mittlerweile 13 Jahren übernahm, war eigentlich klar: Hier wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Am schnellsten und vielleicht sogar am nachhaltigsten konnt man das beim Etikett sehen: Eine immer wiedererkennbares Element, eine klare Formensprache, daran läuft man am Regal nicht so schnell vorbei. Für mich ein Beispiel für richtig gutes gestalterisches Marketing, und die abgebildete stilisierte Windrose hat sogar in gewissem Sinne etwas mit Wein zu tun.

Was mir jetzt noch fehlt zu meinem Glück, sind Etiketten, die ein bisschen wegkommen vom eleganten, coolen, geschmackvollen Design. Wein hat nämlich auch irgendwie etwas mit Lebensfreude zu tun, mit Unbeschwertheit – bis hin zum politisch Inkorrekten, zum Wüsten, zum Unziemlichen. Die Lebensfreude und den Spaß beim Zusammensein hat das Etikett von Thierry Michons Domaine Saint-Nicolas herrlich eingefangen. Der Wein stammt von der französischen Atlantikküste, besteht aus 100% Gamay und heißt deshalb auch „Gammes en May“. Statt auf einem Akkordeon spielt der Musiker dabei auf einer Anzahl von Weinflaschen. So stellt man sich doch fröhliche Sommerfeste auf dem Land vor.

Auf der rechten Seite zum Schluss noch mein elftes Etikett, als einziges nicht direkt von der Flasche abfotografiert, weil ich im dunklen Keller nur ein unscharfes Foto zustande brachte. Ein Dank also meinem damaligen Mitverkoster fürs Zuschicken seines Bildes. Auf jenem ist eine Szenerie zu sehen, die man beim besten Willen nicht als „schön“ bezeichnen kann. Im Vordergrund ein abgefressenes Gerippe und ein Krug mit Wein. Die zentrale Figur in der Mitte ist ein sich ungemein profitlich gerierender Fuchs, selbstzufrieden, überheblich gar. Mit seinem kecken Jagdhut, das Messer noch am Revers, lagert er auf einem Widderfell und ist offensichtlich mit sich selbst und der Situation drumherum höchst zufrieden. Im Hintergrund hat er bereits ein wenig Geflügel aufgehängt, falls er zwischendrin noch einmal Hunger bekommen sollte. Es handelt sich bei dem Bild um eine Zeichnung aus dem Jahr 1846 von Wilhelm von Kaulbach zu Goethes Version von „Reineke Fuchs“. Und der Wein, dessen Etikett er ziert, passt natürlich genau. Es ist der „Buisson Renard“, das Fuchsgebüsch, der große Sauvignon blanc von Didier Dagueneau.

Zum Abschluss habe ich Euch noch drei Etiketten mitgebracht, die auch versuchen, anzüglich, arty oder wenigstens bunt zu sein. Letzteres schaffen sie immerhin.

Bei der Hex vom Dasenstein, respektive der beachtlich geschmackvollen Sonderausgabe „Von Pan verführt“ hätte ich hinsichtlich der Weinqualität selbst dann kein Vertrauen, wenn mir der anerkannteste Weinkenner der Welt ins Gewissen reden würde. Beim 80er Jahre Zickzack-Design der Kooperative der Azoreninsel Pico muss ich sofort an enge längstgestreifte Hosen denken, und beim „Vall Pompo“ von Bruno Duchêne aus dem Roussillon weiß ich auch nicht, was ich sagen soll. Das ist ein wertvoller Wein, aber ich habe schon Händler kennen gelernt, die ihn allein wegen des Etiketts nicht einlisten wollten.

Was meint Ihr, welches meiner Lieblingsetiketten ist das „schönste“ für Euch. Und welches hättet Ihr nie im Leben in eine solche Liste aufgenommen? Habt Ihr selbst ein Lieblingsetikett? Und was macht Ihr damit, wenn die Flasche leer ist?

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14 Antworten zu Meine schönsten Weinetiketten

  1. Die Küchenschabe schreibt:

    Das schönste von deinen Lieblingsetiketten ist für mich das erste, eindeutig (chodakowska). Dann kommt gleich der Riesling Mannwerk. Nicht aufgenommen hätte ich den Knoll. Mein derzeitiges Lieblingsetikett ist das da: http://vinoskupel.blogspot.co.at/2010/02/matsu-el-picaro-2008.html. Ich habe keine Ahnung, wie der Wein schmeckt, ich hab ihn vor einem Monat in Barcelona nur deswegen gekauft, weil mir das Etikett so gefallen hat. Die leere Flasche werde ich sicher aufheben.

    • chezmatze schreibt:

      Nicht schlecht, Dein spanischer Wein. Dazu fällt mir die südfranzösische Genossenschaft von Embres-et-Castelmaure ein, die haben (hatten zumindest) auch eine Serie, bei der jedes Jahr ein anderes Foto von früheren Weinernten auf dem Etikett war. So ein ähnlich aussehender Mann war glaube ich auch mal dabei.

      Und Knoll, ja, den muss man nicht mögen. Aber schon irgendwie bewundern.

  2. eline schreibt:

    Ich habe keine Lieblingsetiketten. Je nuechterner und moeglichst ohne Symbolik durch Bilder beladen, desto lieber. Dafuer mag ich Etiketten mit viel sachlicher Information.

    • chezmatze schreibt:

      Naja Eline, das liegt sicher daran, dass Du in einer Gegend lebst, in der barocke Symbolik quasi gar nicht in der näheren Umgebung vorhanden ist😉.

      • Eline schreibt:

        Doch, doch: barocke Symbolik gibt es genug rundherum. Nur ich bin so gestrickt😉.
        vom Marketing-Standpunkt sind ja Knoll-Etiketten genial. Man kennt es inzwischen einfach. Darum haben die Knolls das Design rund um den Hausheiligen ja nur geringfügig verändert.

  3. Alfredo schreibt:

    Überwiegend dominiert das Grauen🙂. Natürlich führt Knoll die Liste der Geschmacklosigkeit an. Zimmerlings Repros von (nicht zu bedeutenden) Skulpturen sind ein wenig befremdlich. Kurz: der Tina-Test war nicht perfekt.🙂
    Jetzt hoffe ich, dass Du Spaß verstehst.

    Alfredo

    • chezmatze schreibt:

      Okay, die Tina gibt es (habe grad nachgeschaut) seit 1975. Damals trank man Wein auch gern aus dem bunten Römerglas. Kann schon sein, dass das die Testgestaltung ein wenig beeinflusst hat😉.

  4. Charlie schreibt:

    Wieder mal schön!
    Von den neueren gibt es wirklich viele die sehr gut gemacht sind und mir einzeln sehr gefallen. Es reicht mir schon fast. Designsättigung. Von den alten, schlichten hat mir d’Angerville immer besonders gut gefallen http://www.domainedangerville.fr/pics_bdd/navigation_en_visuel_vin/1255355089_volnay_premier_cru.png

    J. J. Christoffels Tryptychon ist zwar nicht besonders fein gezeichnet, aber ich musste lange darauf starren http://static3.wine-searcher.net/images/labels/10/77/joh-jos-christoffel-erben-erdener-treppchen-riesling-kabinett-mosel-germany-10271077.jpg

    Langweilig das hier zu erwähnen, aber einige der Moutons sind echt nicht schlecht. Genauso Grünhaus, von Buhl, Bassermann-Jordan. Kann man die unschön finden?

    • chezmatze schreibt:

      Nein, diese Klassiker kann man nicht unschön finden. Also halt, ich finde sie jedenfalls nicht unschön. Grünhaus hätte ich auch fast aufgenommen, meine letzte Buhl-Flasche habe ich neulich erst verschenkt. Wie stehst Du als Riesling-Traditionalist eigentlich zum neuen Othegraven-Etikett?

      Übrigens haben wir gerade einmal diskutiert: Mindestens 80% der im Supermarkt gekauften Weine werden wegen des Etiketts gekauft (und des Preises natürlich), denn Namen sagen den meisten nichts, und Beratung gibt es eh keine. Also die Bedeutung des Etiketts für den Verkauf nicht so berühmter Produkte kann gar nicht überschätzt werden. Glaube ich.

      • Charlie schreibt:

        Als Traditionalist hatte ich mich natürlich über das Etikett von Othegraven pflichtmäßig aufzuregen. In diesem Fall hat mir das alte Etikett schon deshalb gefallen, weil man darauf das Gutsgebäude und den Altenberg sehen konnte. Das läßt beim trinken tagträumen. Das neue Etikett ist aber doch gelungen, auch konzeptionell, denn es geht hier um eine Initiale wie sie in noch viel älteren Zeiten verwendet wurden.

  5. Marqueee schreibt:

    Oh, unser Mannwerk – und in aller Unbescheidenheit: mein Entwurf – in dieser prächtigen Reihe. Danke, wir fühlen uns geehrt.
    Zum Knoll kann ich übrigens noch beitragen, dass sich dessen Wirkung bei Vertikalen, wenn alle Flaschen nebeneinander stehen mit mehr als 10 Jahrgängen dann ist Surreale/Groteske verschiebt.

    • chezmatze schreibt:

      Ich glaube fast, noch surrealer wäre es, wenn Du die Flaschen liegend nebeneinander so anordnest, dass sich eine Urban’sche Fensterrose daraus bildet. Dafür braucht man aber bestimmt schlappe 20 Flaschen. Falls Du so viele besitzt, das Ergebnis würde mich interessieren!

  6. Walter Steffek schreibt:

    Könnte schwören, dass das Etikett der Hex vom Dasenstein von Tomi Ungerer gepinselt wurde. Ein Gott unter den Illustratoren! Ich würde diese Flasche schon aus diesem Grund kaufen.

    • chezmatze schreibt:

      Ja, Du liegst völlig richtig! (Ich habe gerade nachgeschaut) Das verändert die geschmackliche Einordnung des Etiketts doch ungemein. Lustigerweise hätte der Wein selbst eher in die Tony Marshall-Edition gepasst, die von der Genossenschaft ebenfalls produziert wird – so rein gefühlsmäßig. Mit 13,5 vol% und 5,6 g Restsüße kam er mir persönlich nämlich eher der Schlagertradition verhaftet vor😉.

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