Merkwürdige Dinge, die mir auf meiner Asienreise begegnet sind (I)

…, die es aber in keinen eigenen Artikel geschafft haben. So lang sollte die Überschrift eigentlich werden. Gut dass ich mich wenigstens in dieser Hinsicht beschränken konnte. „Merkwürdig“, liebe etymologisch bewanderten Freund/innen (zu denen ich selbst leider nicht gehöre), „merkwürdig“ hatte doch in früheren Zeiten noch nicht diese abwertende Konnotation in Richtung „kurios“, „irrwitzig“, „bescheuert“ oder gar „primitiv“, sondern wurde synonym zu „bemerkenswert“ verstanden. Oder etwa nicht (mit der Bitte um Unterstützung auf Utecht blickend)?! Des Merkens würdig respektive wert, so klingt das doch schon viel besser.

Genau in diesen Kontext des Bemerkenswerten möchte ich das folgende Sammelsurium aus Dingen, die mir auf meiner asiatischen Rundreise aufgefallen sind, auch eingeordnet wissen. Also nicht etwa mit dem abschätzigen Lächeln der Kolonialherren oder (Achtung, Seitenhieb) ihrer Nachfolger im Geiste, und seien sie in humanitärer Mission unterwegs. Ein paar der Highlights hatte ich ja schon in den einzelnen Artikeln zu der Bangkoker Mittagspause, den Stippvisiten von Jakarta und Kuala Lumpur, dem Fischmarkt von Colombo, dem zufällig gefundenen Bangkoker Markt von Charoen Rat oder auch dem selbst gebackenen Hai beschrieben, ganz zu schweigen von der Auflistung der interessantesten Softdrinks. Hier folgt nun also „the best of the rest“, wild gesprungen zwischen Auffindeorten und Kategorien – allerdings streng alphabetisch geordnet.

Und noch etwas: Lasst Euch nicht schocken von der vermeintlichen Länge des Beitrags. Es ist kein besonderer Anspruch damit verbunden, und Ihr könnt auch im Büro während der Telefonkonferenz einfach so durchswitchen. Leichte Kost sozusagen.

Zugegeben, es gibt Sachen, die ich mir ausschließlich deswegen gekauft hatte, weil mir die Kombination so verwegen vorkam. Ein Bananen-Snack mit Pizzageschmack beispielsweise. Die Vorstellung der wüstest möglichen Geschmacksverirrungen zweier Welten wurde mir auch durch die schöne Verpackung schmackhaft gemacht, die keinen Blick auf das Innere zuließ. Zusätzlich der Name der Firma: OTOP = „One Tambon One Product“. Nein, den Spruch hat kein Franke entwickelt. „Tambon“ heißt in etwa „Gemeinde“ im Thailändischen und soll wohl die lokale Verwurzelung anzeigen. Enttäuschung dann nur beim Probieren: schmeckt eigentlich gut. Die Kochbanane (Plantain) ist lediglich Stärkelieferant, also kein ausgesprochener Bananengeschmack, die versprochene Pizza eine anständige Barbeque-Würzung.

Im „Großen Buch Otto“, über das ich peinlicherweise immer noch lachen kann, gab es einst den Bilderwitz zu dem leicht abgeänderten Sprichwort „was man nicht am Kopf hat, das muss man an den Beinen haben“ (abgebildet: eine Nase am Knie). So ähnlich auch hier: Was der Baum nicht in der Erde hat an Wurzeln, das hat er halt oberirdisch. Unangenehm, dass ich das mampfende Liebespaar dabei abgelichtet habe. Aber es war ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit, im Botanischen Garten von Peradeniya in Sri Lanka ein Foto ohne knutschendes oder mampfendes Liebespaar zu machen.

Eine wesentlich seltsamere Nachspeise als Black Jelly habe ich in der letzten Zeit nicht zu mir genommen. Ich dachte in meiner Naivität, es handele sich um süß-fruchtigen Wackelpudding, aber nur letzteres stimmte. Der Ursprung für diesen schwarzen Glibber ist ein grasähnliches Gewächs aus der Minzfamilie. Mischt man ausgewrungene Blätter und oxidierte Stiele des Krauts mit Pottasche und Stärke, enthält man einen fast schneidfähigen Pudding, der nach grünen, holzigen und blätterigen Elementen schmeckt sowie leicht knirscht beim harten Zubeißen.

Der Kanonenkugelbaum, im lokalen Dialekt auch als „Cannonball Tree“ bezeichnet, stammt aus dem südamerikanischen Guyana, gedeiht allerdings auch ganz ausgezeichnet im srilankischen Peradeniya – Ihr kennt es schon. Direkt am Stamm des beachtlichen Baums wachsen kokosnussgroße Früchte, die ähnlich passend aussehen wie die Eier bei der Gemeinen Geburtshelferkröte. Nebenbei: Habe gerade in meinem Fischbuch den „Glotzäugigen Schleimfisch“ entdeckt. Langsam treiben wir es ein bisschen zu bunt mit den Bezeichnungen, finde ich. Als Gl. Sch. würde ich wegen Beleidigung Strafantrag stellen. Das aber wirklich nur nebenbei. Die Früchte des Cannonball Trees dünsten zwar Unwirtliches aus, besitzen aber nützliche antibakterielle und vielleicht gar malariaheilende Wirkungen. Wird häufig in buddhistischen Tempelbereichen angepflanzt.

Ehrlich gesagt war mir Unwissendem Kollagen, auf Englisch Collagen, bislang nur als Inhaltsstoff feuchtigkeitsspendender Cremes für die alternde Haut bekannt, deren Träger/in sich mental bereits beginnt, mit dem Liften auseinanderzusetzen. Zu Schönheits- und Jugendwahn allerdings nichts weiter an dieser Stelle, mein eigenes Erscheinungsbild ist ohne Zweifel als Einverständniserklärung mit dem Prozess des Werdens und Vergehens zu verstehen. Collagen also ist allerdings auch in anderer Form genießbar und offensichtlich in gepresstem und getrocknetem Fischbrei (mit BBQ-Geschmack) in attraktivem Maße vorhanden. Die Ostasiaten im Allgemeinen verzehren ja eine ungewöhnliche Vielfalt an Fischprodukten, meist mit großem Gewinn. Die Collagenstreifen werden mir jedoch vor allem wegen ihrer Zähigkeit im Gedächtnis bleiben.

Hatte ich schon erwähnt, dass ich in Sri Lanka den Botanischen Garten in Peradeniya besucht habe? Falls nicht, hier möchte ich Euch ein besonders eigensinniges Exemplar der Hundsgemeinen Picknickpinie vorstellen, unter Botanikern auch als „Cook Pine“ bekannt, beheimatet in Neukaledonien. Falls es im srilankischen Zentrum überhaupt einen streng wehenden Monsun im Jahresverlauf gibt, er müsste von der anderen Seite kommen. Was dieses Araucariengewächs dazu bewogen hat, derartig schief und nur einen einzigen Picknickplatz beschattend zu wachsen, wird wohl ewig ihr persönliches Geheimnis bleiben.

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben„, so sang Jürgen Marcus vor 40 Jahren, und wenn wir ihn nett bitten, dann singt er das auch noch heute. Einer Liebe jedenfalls, die das Leben vielleicht für immer verändert, habe ich in Asien widerstanden. Ich spreche von der Liebe zur Durianfrucht, jenem komplex stinkenden Wundermonstrum im Stachelkleid. Ich habe frische Durian probiert, Durianeis, getrocknete Durian, alles habe ich versucht. Allein, der Funke ist nicht wirklich übergesprungen. Dennoch kann ich die Faszination der Südostasiaten verstehen – oder vielmehr, da mir die Frucht selbst ja nicht so stark zusagt – mich fasziniert die Leidenschaft, mit der die Durian verehrt wird.

Da wir schon bei den verqueren Reminiszenzen sind: „Ein verrücktes Paar“ stellten Grit Boettcher und Harald Juhnke dar, und genau an diese Konstellation musste ich wieder denken, als ich den weißen Reiher und den dunklen Taucher gemeinsam in einem See fischen sah. Das Besondere erschließt sich allerdings erst mit der Bewegung. Die beiden Vögel haben nämlich über vielleicht hundert Meter gemeinsam und immer parallel die Uferlinie abgefischt. Der Reiher von oben und der Taucher von unten.

Weiter mit Kurzmeldungen. Eis am Stiel auf die thailändische Art konnte ich auf dem Chatuchak Market in Bangkok beobachten. Der Kessel ist mit flüssigem Stickstoff gefüllt, die Geschmacksrichtung Ammoniumsulfat mit einem Spritzer heiße Himbeere.

Neben den collagenhaltigen Streifen gab es noch einen anderen fischigen Snack, der meine Aufmerksamkeit geweckt hatte: frittierte Fischhaut. Was mit schweinischen Speckschwarten funktioniert, ist selbstverständlich auch mit Fischhäuten möglich. Wichtige Voraussetzung für das Gelingen sind allerdings etwas dickere und fetthaltigere Häute, beispielsweise diejenige vom Karpfen. Auch hier schmeckt das Ergebnis keineswegs sonderlich skurril, sondern eher mildfischig-neutral, so dass die Würzung erst den richtigen Pepp mitgibt. Vom rein Visuellen her wahrscheinlich eine der beeindruckendsten Knabbereien.

Flughunde kannte ich bislang nur aus dem Lexikon. Deshalb war ich in Sri Lanka zunächst nicht darauf gefasst und hatte sie im Augenwinkel für größere Greifvögel gehalten. Als ich dann an den – dunggleich duftenden – Baum kam, in dessen Geäst die Kolonie hing, war ich allerdings so fasziniert, dass ich nicht nur eine halbe Stunde lang dem ungewöhnlichen Geflatter zugeschaut, sondern auch eine Menge komplett misslungener Fotos geschossen habe. Ein Vogel mit echtem Hundsgesicht fasziniert halt nicht nur die ganz Kleinen.

Eine wirkliche Entdeckung für mich waren die Ginkgo-Chips, also getrocknete und frittierte Früchte des Ginkgobaums. In der Form wie Hagebutten, in der Farbe wie Maiskörner, im Geschmack zunächst prononciert süßnussig und dann ganz erstaunlich bitter. Sehr interessant und ein echter Appetitanreger. Hat mir wirklich gefallen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass man nicht allzu viele dieser Nüsse auf einmal essen sollte.

Großzügigkeit zeigt sich häufig im Detail. Der Betreiber dieser Suppenküche in Bangkok ist offenbar gut darauf vorbereitet, dass die Mittagsgäste bei der Einlage für ihre Suppe ordentlich zulangen.

Innereien spielen in der südost- und ostasiatischen Küche eine vergleichbar große Rolle wie in der traditionellen italienischen, französischen, alpenländischen, deutschen… also irgendwie in fast allen Küchen, bei denen das fünfte Viertel zu schade für den Abfall ist. Egal ob es gekocht wird wie auf dem linken Bild oder über dem Holzkohlenfeuer gegrillt wie auf dem oberen. Ich hatte oftmals das (allerdings unbestätigte) Gefühl, dass der allzu „inwändige“ Geruch und Geschmack durch bestimmte Würz-, Marinier- oder Bratmethoden gemildert wurde.

Wer in Südostasien herumreist, besucht in der Regel die eine oder andere Tempelanlage. Ganz im Gegensatz zur religiösen Kunst, die im Buddhismus gerade nicht vom Zeitkolorit geprägt sein soll, sind die weltlichen Gebäude gelegentlich echte Dokumente ihrer Epoche. Und damit meine ich nicht unbedingt das (irgendwie auch nicht uninteressante) Streben nach dem höchsten Haus der Welt, sondern solche Preziosen wie das Kino „Scala“ in Bangkok.

Ganz zum Abschluss noch eines der für mich verblüffendsten Erlebnisse, verpackt in eine komplett gewöhnliche Hülle (aber genau dann ist die Überraschung ja am größten). Es handelt sich oberflächlich um ein japanisch inspiriertes Küchlein, meiner Vermutung nach mit süßem Bohnenmus gefüllt. Schließlich hatte ich es auch an einem Süßwarenstand gekauft. In Wirklichkeit bestand die Füllung jedoch aus einer zwar süßen, aber auch scharfen Knoblauchpaste, die einen länger durch den Tag begleitet als zwei Teller Zaziki.

Unabhängig davon, dass es in Asien natürlich ganz andere Bräuche und Traditionen gibt als bei uns, habe ich immer wieder über einen Erfindungsreichtum gestaunt, der nur aus dem reinen Spieltrieb heraus entstanden sein kann. Seien es Formen, Farben, Geschmäcker oder Kombinationen aus allem wie die Bodylotion in einer verschraubbaren Espressotasse – das ist ein Ansatz, der mir allen Ernstes (!) bei uns in der Regel viel zu kurz kommt. Und damit verabschiede ich mich bis zum zweiten Teil von Euch mit den beiden Lamas, von denen ich bis heute nicht weiß, ob ihnen eine tiefere Symbolik inne wohnt, sie für den Oligarchen gedacht sind, der eh alles schon hat oder aber einfach nur ein großer Spaß des Künstlers.

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4 Antworten zu Merkwürdige Dinge, die mir auf meiner Asienreise begegnet sind (I)

  1. eline schreibt:

    Bitte um viele Fortsetzungen, ich lese deine Reisenotzizen einfach zu gerne.
    Suesse Knoblauchpaste – das klingt verschaerft.

    • chezmatze schreibt:

      Danke Eline. Das geht runter wie Öl😉. Und diese süßen Knoblauchküchlein… Ich bin mir nicht sicher und auch nicht gerade erfahren in puncto japanischer Restaurantkultur, aber möglicherweise könnte es so etwas zumindest in Wien geben. Von der Zubereitung her (da Du ja eine Köchin auf einem ganz anderen Niveau bist als ich), außen herum hatte es diese gallertartige Masse, innen ging die Konsistenz eher in Richtung grobes Marzipan. Wenn Du so etwas hinbekommst, lade ich mich gern ein😉.

      • Eline schreibt:

        Ich kann dich nur zu süsser Knoblauchsauce einladen: in Milch gekochte Knoblauchzehen, fein püriert und aufgeschäumt. Eine Beilage zu Lavarello (Reinanken) aus der Lombardei. Servier ich dir gerne, wenn du mal in der Nähe bist!
        Shmeckt nur zart nach Knoblauch.

      • chezmatze schreibt:

        Knoblauchmilch, interessant. Da sind die odorischen Auswirkungen ja automatisch im Zaum gehalten.

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